Papst Franziskus und die Seligsprechung von Blaise Pascal

"Les Provinciales" (Provinzlerbriefe) von Blaise Pascal (1656/1657) gegen die Kasuistik der Jesuiten.
"Les Provinciales" (Provinzlerbriefe) von Blaise Pascal (1656/1657) gegen die Kasuistik der Jesuiten.

(Rom) Blai­se Pas­cal war ein from­mer Katho­lik, aber auch ein begna­de­ter Pole­mi­ker. Sei­ne Beherr­schung der Spra­che erlaub­te es ihm durch Iro­nie und Spott, vor allem aber dia­lek­ti­sche Wen­dun­gen, sein Publi­kum zu begei­stern und sei­ne Geg­ner alt aus­se­hen zu las­sen. Sei­ne Geg­ner waren die Jesui­ten sei­ner Zeit, denen er Kasu­istik vor­warf, durch den sie mora­li­schen Laxis­mus för­dern wür­den. Sei­ne Freun­de waren die stren­gen Jan­se­ni­sten.

In der Sache stand Pas­cal auf der fal­schen Sei­te, den­noch fin­det er bis zum heu­ti­gen Tag, nicht ganz unbe­grün­det, auch unter Katho­li­ken begei­ster­te Leser. Was begei­stert, ist nach wie vor und vor allem sei­ne Wort­ge­walt. Es ist sein unein­ge­schränk­ter, ver­ba­ler Tri­umph über sei­ne Gegen­spie­ler, die in den Bann zieht.

Pascals anonyme Jesuiten-Kritik
Pas­cals anony­me Jesui­ten-Kri­tik

Daß er bis heu­te in Ehren gehal­ten und viel zitiert wird, hat aber auch mit sei­nen Geg­nern zu tun. Die Jesui­ten hat­ten seit ihrer Grün­dung vie­le Fein­de, da sie auf­grund ihrer Dis­zi­plin und intel­lek­tu­el­len Prä­gung von Freund und Feind gefürch­tet sind. Nach dem Mot­to: Der Feind mei­nes Fein­des ist mein Freund, ver­schaff­te das auto­ma­tisch auch Pas­cal durch die Jahr­hun­der­te Anse­hen, denn Fein­de hat­ten die Jesui­ten immer vie­le: Pro­te­stan­ten, Auf­klä­rer, Frei­mau­rer, Libe­ra­le, Sozia­li­sten, Natio­nal­so­zia­li­sten.

Wer Pas­cals Ver­tei­di­gungs­brie­fe der Jan­se­ni­sten gegen die Jesui­ten liest (Pro­vin­cia­les, ou Lettres de Lou­is de Mon­tal­te à  un pro­vin­cial de ses amis et aux R. R. PP. Jésui­tes sur la mora­le et la poli­tique de ces pères, 1656/1657) kann sich sei­ner spit­zen und bis­si­gen Wort­akro­ba­tik kaum ent­zie­hen. Die Jesui­ten sei­ner Tage, das war nur hun­dert Jah­re nach der Ordens­grün­dung durch den hei­li­gen Igna­ti­us von Loyo­la, wirk­ten fin­ster, gei­stig win­dig und wahr­heits­feind­lich. Die Wirk­lich­keit sah etwas anders aus. Pas­cals Pro­vinz­ler-Brie­fe, anonym ver­öf­fent­licht, geben nicht wie­der, was Pas­cal vor­gibt, dar­zu­stel­len. Sie sind eine von ihm gewoll­te, gna­den­lo­se Über­zeich­nung. Eine Kari­ka­tur der Rea­li­tät. Die Wirk­lich­keit spie­geln sie nicht wie­der, ent­hal­ten aber einen wah­ren Kern.

Die Lek­tü­re sei­ner Brie­fe sei aus­drück­lich emp­foh­len. Sie bie­ten nicht nur bil­li­ge und köst­li­che Unter­hal­tung. Man kann auch viel ler­nen: Das Spek­trum reicht von der Kul­tur­ge­schich­te bis zur Dia­lek­tik.

Papst Franziskus und Pascal

Papst Fran­zis­kus ist Jesu­it. Er gehört zu jener Grup­pe, die uner­bitt­lich den Spott Pas­cals auf sich zog. Um so inter­es­san­ter ist eine Bemer­kung des Pap­stes im Vor­wort zu einem Buch, das in die­sen Tagen in den Buch­han­del kam. Der­zeit herrscht eine fast fre­ne­ti­sche Buch­pro­duk­ti­on über, mit und rund um Fran­zis­kus. Das im Ver­lag Riz­zo­li her­aus­ge­ge­be­ne Buch „Ades­so fate le vost­re doman­de“ (Stellt jetzt eure Fra­gen) ent­hält acht Inter­views des Pap­stes. Her­aus­ge­ber ist einer der eng­sten Papst-Ver­trau­ten: Anto­nio Spa­daro, eben­falls Jesu­it.

Im Vor­wort schreibt Fran­zis­kus:

„Manch­mal habe ich bei mei­nen Inter­view­ern– auch bei jenen, die sagen, dem Glau­ben fern zu ste­hen – eine gro­ße Intel­li­genz und Gelehr­sam­keit fest­ge­stellt. Und in man­chen Fäl­len sogar die Fähig­keit, sich von jenem Zug des Pas­cal berüh­ren zu las­sen. Das bewegt mich, und ich schät­ze das sehr.“

Buch mit Papst-Interviews
Buch mit Papst-Inter­views

Der Vati­ka­nist Magi­ster schreibt dazu, daß der erste Satz mehr eine Tat­sa­chen­fest­stel­lung ist, denn die „zunei­gen­de Wert­schät­zung“ für Euge­nio Scal­fa­ri ist offen­sicht­lich. Um die­sen Inter­view­er geht es näm­lich.

Scal­fa­ri ist älter als Fran­zis­kus. Er ist der Grün­der der Tages­zei­tung La Repub­bli­ca, der ein­zi­gen Zei­tung die Fran­zis­kus laut eige­ner Anga­be regel­mä­ßig liest. Er ist der Doy­en des ita­lie­ni­schen Links­jour­na­lis­mus, beken­nen­der Athe­ist und ent­stammt einer frei­mau­re­ri­schen Fami­lie. Nicht ohne stolz zeigt er in sei­nem Haus die Ahnen­ga­le­rie derer, vom Vater über den Groß­va­ter und wei­ter zurück, die Logen­mit­glie­der waren. Ob auch er einer Loge ange­hört, wur­de von ihm bis­her nicht gesagt, muß aber ange­nom­men wer­den.

Fran­zis­kus und Scal­fa­ri tref­fen sich min­de­stens ein- bis zwei­mal im Jahr in San­ta Mar­ta. Fast jedes­mal wird dar­aus ein Inter­view. Zwi­schen­durch tele­fo­nie­ren sie auch gele­gent­lich mit­ein­an­der. Dar­aus macht Scal­fa­ri Kolum­nen in sei­ner La Repub­bli­ca. Und immer ver­kün­det er der Welt neue Leh­ren von Papst Fran­zis­kus. So atem­rau­bend, unor­tho­dox, ja häre­tisch die­se „Leh­ren“ auch sein mögen: Ein wirk­li­ches Demen­ti durch den Vati­kan ist bis­her nicht erfolgt. Im Gegen­teil. Die Inter­views wur­den zum Teil vom Vati­kan­ver­lag in Buch­form her­aus­ge­ge­ben, vom Osser­va­to­re Roma­no nach­ge­druckt oder auf der offi­zi­el­len Inter­net­sei­te des Vati­kans ver­öf­fent­licht. Die Her­aus­ga­be durch Spa­daro, den Schrift­lei­ter der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cat­to­li­ca paßt in die­ses Bild.

Das revolutionäre Lehramt des Papstsprechers Scalfari

Das päpst­li­che Lehr­amt nach Scal­fa­ri ist immer revo­lu­tio­när. Dabei gab er sel­ber bereits in einem Vor­trag im Novem­ber 2013 am Sitz der römi­schen Aus­lands­pres­se zu, daß er bei den Gesprä­chen ohne Ton­band und ohne Noti­zen arbei­tet. Er rekon­stru­ie­re nach­träg­lich alles aus sei­nem Gedächt­nis, auch die Wor­te, die er dem Papst als direk­te Rede in den Mund legt. Fran­zis­kus scheint es nicht zu stö­ren.

Die jüng­ste „Ver­kün­di­gung“ des athe­isti­schen „Papst­spre­chers“ war, daß Fran­zis­kus Höl­le und Fege­feu­er abge­schafft habe. Die See­le der bösen Men­schen, die das Böse nicht bereu­en, was sie getan haben, wer­de sich nach dem Tod in Nichts auf­lö­sen. Die gan­ze kirch­li­che Leh­re vom Gericht wäre damit hin­fäl­lig, wie Scal­fa­ri zurecht anmerk­te.

Blaise Pascal (1623-1662)
Blai­se Pas­cal (1623–1662)

Inter­es­san­ter ist, wie Magi­ster bemerkt, der zwei­te Satz, den Fran­zis­kus im Vor­wort schreibt, näm­lich sei­ne Wert­schät­zung für einen beson­de­ren „Zug“ von Blai­se Pas­cal, den er in Scal­fa­ri zu erken­nen glaubt. Die Wert­schät­zung, die er für Scal­fa­ri äußert, gilt noch mehr Pas­cal. Das erstaunt.

Der Hin­weis kommt aller­dings nicht genu­in vom Papst. Fran­zis­kus greift hier ein Stich­wort auf, das ihm Scal­fa­ri selbst hin­ge­wor­fen hat­te. Im jüng­sten Gespräch der bei­den, im ver­gan­ge­nen Som­mer, war es der Repub­bli­ca-Grün­der, der Fran­zis­kus auf­ge­for­dert hat­te, den fran­zö­si­schen Mathe­ma­ti­ker und Phi­lo­so­phen Pas­cal selig­zu­spre­chen. Der Vor­schlag aus dem Mund Scal­fa­ris läßt einen kla­ren Hin­ter­ge­dan­ken ver­mu­ten. Scal­fa­ri for­der­te näm­lich gleich im Nach­satz, Fran­zis­kus sol­le die „Exkom­mu­ni­ka­ti­on“ gegen den jüdi­schen Phi­lo­so­phen Baruch Spi­no­za auf­he­ben.

Fran­zis­kus leg­te die Cau­sa Spi­no­za gleich zur Sei­te, wäh­rend er in der Cau­sa Pas­cal sein Ein­ver­ständ­nis erklär­te. So zumin­dest über­lie­fert es Scal­fa­ri, und da der Vati­kan ihn nicht demen­tier­te, müs­sen sei­ne Wor­te ernst­ge­nom­men wer­den.

Wört­lich gibt Scal­fa­ri die Reak­ti­on des Pap­stes so wie­der:

„Lie­ber Freund, in die­sem Fall haben sie voll­kom­men recht: Auch ich den­ke, daß er die Selig­spre­chung ver­dient. Ich behal­te mir vor, das nöti­ge Ver­fah­ren ein­zu­lei­ten und zusam­men mit mei­ner per­sön­li­chen und posi­ti­ven Über­zeu­gung die Mei­nung der für sol­che Fra­gen zustän­di­gen vati­ka­ni­schen Orga­ne ein­zu­ho­len.“

Pascals Anklage: Kasuisitik und moralischer Laxismus

Es ist an die­ser Stel­le nicht die gif­ti­ge Pole­mik des Pas­cal, die inter­es­sie­ren soll­te, son­dern der Kern sei­nes Vor­wur­fes, der in jedem Fall eine beden­kens­wer­te Mah­nung ist: der Vor­wurf der Kasu­istik.

Papst Fran­zis­kus erwähn­te Pas­cal, nach­dem ihm Scal­fa­ri den Namen hin­warf. Über die Kasu­istik sprach er aber schon mehr­fach und immer nega­tiv. Die­ser Vor­wurf Pas­cals scheint den Jesui­ten noch in den Kno­chen zu sit­zen. Kri­ti­ker wer­fen Fran­zis­kus im Zusam­men­hang mit der Dis­kus­si­on über die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen und ande­ren irre­gu­lä­ren Ver­bin­dun­gen aber genau eine Wie­der­be­le­bung der Kasu­istik vor, wenn auch in einer beson­de­ren Form.

Mit Amo­ris lae­ti­tia unter­gra­be er ein all­ge­mein­gül­ti­ges, aus­nahms­lo­ses Gebot Jesu Chri­sti, die bedin­gungs­lo­se Unauf­lös­lich­keit einer sakra­men­tal gül­tig geschlos­se­nen Ehe. Eine ein­zi­ge Aus­nah­me ber­ge bereits den Keim für wei­te­re Aus­nah­men. In jedem Fall hebt bereits eine Aus­nah­me das unein­ge­schränk­te Gebot auf. Die zwei­tau­send­jäh­ri­ge Pra­xis der Kir­che, die nur die latei­ni­sche Kir­che durch­hal­ten konn­te, wird mit Amo­ris lae­ti­tia — laut einer von Papst Fran­zis­kus geför­der­ten Inter­pre­ta­ti­on gan­zer Bischofs­kon­fe­ren­zen und laut sei­nem eige­nen Bis­tum Rom, also von ihm gewollt — durch eine „Von Fall zu Fall“-Prüfung ersetzt. Damit wird kein prä­zi­ser Casus geschaf­fen, wie es Pas­cal fin­di­gen Jesui­ten des 17. Jahr­hun­derts vor­warf, son­dern ein Gene­ral­ka­sus. Dem all­ge­mei­nen Gebot Chri­sti wird eine eben­so all­ge­mei­ne Aus­nah­me gegen­über­ge­stellt, ohne ins Detail zu gehen. Spitz for­mu­liert, könn­te von einer „Met­aka­su­istik“ die Rede sein.

Die Ankla­ge der stren­gen, cal­vi­ni­stisch gepräg­ten Jan­se­ni­sten gegen die Jesui­ten lau­te­te, daß sie durch eine Kasu­istik mora­li­schen Laxis­mus för­dern wür­den. Die För­de­rung des mora­li­schen Laxis­mus durch Amo­ris lae­ti­tia wird heu­te dem Papst vor­ge­wor­fen – und der ist Jesu­it. Und er scheint sogar Blai­se Pas­cal „umar­men“ zu wol­len.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/Rizzoli (Screen­shot)

4 Kommentare

  1. Wenn ein Papst sagt, dass die Bösen nach dem Tode ein­fach auf­hö­ren zu sein, gibt es kei­ne Höl­le mehr und Jesus ist ein Lüg­ner… Fran­zis­kus kann sogar die Sakra­men­te lockern, Wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne, welch ein Ver­tre­ter Chri­sti auf Erden!
    Wei­ter könn­te auch die Eucha­ri­stie ange­passt wer­den, damit auch ande­re Reli­gio­nen der Zugang genehm wird und auch Prie­ste­rin­nen wür­den in der heu­ti­gen Moder­ne gefördert…weine Chri­sten­heit, denn die Moder­ne gehört Satan, den es ja auch nicht geben soll! Lasst uns beten und den Hei­li­gen Geist bit­ten, dass Fran­zis­kus den rich­ti­gen Weg geht, damit wir als sei­ne Schäf­chen, uns nicht in Nichts auf­lö­sen, wenn wir ihm fol­gen soll­ten!

    • Die Chan­cen, daß Fran­cis­cus auf den rich­ti­gen Weg zurück­fin­det — auf dem er ja der­zeit nicht wan­delt -, ste­hen wahr­schein­lich nicht beson­ders gut. Da muß wohl ein Wun­der gesche­hen. Es ist damit zu rech­nen, daß Fran­cis­cus sehr genau weiß, was er tut und eher ein ruhe­lo­ser und getrie­be­ner Geist ist, der etwas end­gül­tig voll­enden soll, was auf dem Vati­ca­num II grund­ge­legt wur­de.

      Es ist doch so, daß die rk Kir­che als der Leib Chri­sti ver­schmutzt wird von ganz bestimm­ten Pur­pur­trä­gern von ganz oben her. Umso mehr kommt es auf jene Pur­pur­trä­ger und Lai­en an, die Jesus Chri­stus und Sei­ner Kir­che treu blei­ben. Beten wir für die Irren­den und blei­ben wir unse­rem Herrn treu, indem wir uns auch um ein inten­si­ves Gebets­le­ben bemü­hen und uns in dem wei­ter­bil­den, was unse­ren Glau­ben aus­macht. Eine inten­si­ve Freund­schaft zu Jesus Chri­stus ver­bun­den in und mit Lie­be ist grund­le­gend und wesent­lich.

  2. Immer wie­der wer­den Pas­cal und den Jan­se­nis­mus in die Nähe des Cal­vi­nis­mus bzw. des Pro­te­stan­tis­mus gebracht, wohl ihrer „Austeri­tät“ wegen. Nichts ist aber irre­füh­ren­der. Der Jan­se­nis­mus ist eine Art von fun­da­men­ta­li­sti­schen Katho­li­zis­mus mit mysti­schen Zügen, welt­ab­ge­wandt, wis­sen­schafts­feind­lich (am Ende sei­nes Lebens ver­ur­teil­te Pas­cal alles Wis­sen­schaft­li­che als Got­tes­lä­ste­rung) daher muß­te just die läs­si­ge und spitz­fin­di­ge Welt­be­ja­hung des dama­li­gen Jesui­ten­or­dens und des­sen Macht am Hofe Pas­cals Fröm­mig­keit ver­stö­ren, ist aber pro­fund maria­nisch und wur­de von der Kir­che zwar als Irr­leh­re ver­ur­teilt, aber ohne Exkom­mu­ni­ka­ti­on. Man sehe mir die gro­be Ver­ein­fa­chung bit­te nach, aber es ist à la longue wirk­lich unsäg­lich, daß man katho­li­sche Mysti­ker kur­zer­hand zu Pro­te­stan­ten macht.

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