Archäologen: „Haben Grab des heiligen Nikolaus von Myra gefunden“

Nikolaus-Basilika in Bari, wo sich seit 1087 das Grab des Heiligen befindet.
Nikolaus-Basilika in Bari, wo sich seit 1087 das Grab des Heiligen befindet.

(Anka­ra) Tür­ki­sche Archäo­lo­gen mei­nen, viel­leicht das ursprüng­li­che oder sogar das wirk­li­che Grab eines der bekann­te­sten Hei­li­gen der Chri­sten­heit gefun­den zu haben. Wie der bri­ti­sche Guar­di­an unter Beru­fung auf die tür­ki­sche Zei­tung Hür­ri­y­et gestern berich­te­te, glau­ben die Archäo­lo­gen, daß es sich bei einem Prie­ster­grab in der Niko­laus-Basi­li­ka von Dem­re im tür­ki­schen Anta­lya, um die letz­te Ruhe­stät­te des hei­li­gen Niko­laus han­deln könn­te. Sie den­ken sogar, dar­in noch die sterb­li­chen Über­re­ste des hei­li­gen Bischofs der Stadt vor­zu­fin­den. Das dürf­te aller­dings schwer­lich der Fall sein.

„Wir haben sehr gute Ergeb­nis­se erzielt, aber die eigent­li­che Arbeit beginnt erst jetzt“, wird Cemil Kara­bayrm, der Direk­tor des Denk­mal­am­tes der Pro­vinz Anta­lya zitiert. Kara­bayrm ist sogar zuver­sicht­lich, die Gebei­ne des Hei­li­gen zu fin­den. Die wage­mu­ti­ge Ankün­di­gung sicher­te ihm und sei­nem Amt jeden­falls inter­na­tio­na­le Aufmerksamkeit.

Nikolaus-Basilika in Myra, dem heutigen Demre
Niko­laus-Basi­li­ka in Myra, dem heu­ti­gen Demre

Der hei­li­ge Niko­laus wur­de um 280 gebo­ren und ist um 350 gestor­ben. Er gehört über alle Kon­fes­si­ons­gren­zen hin­weg zu den bekann­te­sten und belieb­te­sten Hei­li­gen, da er als Gaben­brin­ger in der Advents­zeit den Kin­dern ver­traut ist. Über Skan­di­na­vi­en und die USA wur­de er zu San­ta Claus und schließ­lich säku­la­ri­siert zum Weih­nachts­mann. Gesi­chert ist, daß er 325 als Bischof von Myra am Ersten Kon­zil von Nicäa teil­nahm und die aria­ni­sche Irr­leh­re bekämpf­te. Rund 750 Jah­re befand sich sein Grab in der ihm geweih­ten Niko­laus-Basi­li­ka sei­ner Bischofs­stadt. Dann wur­de die Stadt von den mus­li­mi­schen Tür­ken erobert. Sein auf­ge­bro­che­ner Sar­ko­phag in der Basi­li­ka wird noch heu­te von vie­len ost­kirch­li­chen Gläu­bi­gen verehrt.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­de die Niko­laus-Basi­li­ka von Dem­re, nahe dem Geburts­ort des Hei­li­gen, restau­riert und zieht zahl­rei­che Besu­cher an. Die Tou­ris­mus­in­du­strie freut sich alle­mal über Kara­bayrms sen­sa­tio­nel­le Ankün­di­gung, „mög­li­cher­wei­se“ das Grab des Hei­li­gen gefun­den zu haben.

Das heu­te tür­ki­sche Dem­re ent­spricht dem anti­ken Myra, der Stadt, deren Bischof der Hei­li­ge war. Bei den Arbei­ten stie­ßen die Restau­ra­to­ren auf ein unver­sehr­tes Grab, das sie als Prie­ster­grab iden­ti­fi­zier­ten. Wei­te­re Unter­su­chun­gen sol­len Klar­heit ver­schaf­fen, um wes­sen Grab es sich dabei han­delt. Das des hei­li­gen Niko­laus dürf­te es aber kaum sein.

Bekannt ist, daß bereits im Über­gang von der Spät­an­ti­ke zum Früh­mit­tel­al­ter eini­ge Reli­qui­en des Hei­li­gen nach Kon­stan­ti­no­pel gebracht wur­den. Als der spä­te­re Kai­ser Otto II. 972 die byzan­ti­ni­sche Prin­zes­sin Theo­pha­nu, Nich­te von Kai­ser Johan­nes I., hei­ra­te­te, brach­te sie einen Teil davon ins deut­sche Reich mit. Sie befin­den sich seit 1058 im Kai­ser­dom zu Worms. Mit die­ser Hoch­zeit erkann­te Kon­stan­ti­no­pel die west­li­che Kai­ser­wür­de an. Reli­qui­en kam im Mit­tel­al­ter bei Rechts­ak­ten die Rol­le eines über­na­tür­li­chen Garan­ten zu. Die Aner­ken­nung der Kai­ser­wür­de war sogar von emi­nen­ter Bedeutung.

Das 1087 aufgebrochene Grab in Myra
Das 1087 auf­ge­bro­che­ne Grab in Myra

Als die tür­ki­schen Sel­dschu­ken Tei­le des Byzan­ti­ni­schen Rei­ches erober­ten und auch die Stadt Myra besetzt hat­ten, bra­chen See­leu­te aus Bari – wo eine star­ke Ver­eh­rung des Hei­li­gen bereits im Jahr­hun­dert davor belegt ist – am 9. Mai 1087 in einem Hand­streich den Sar­ko­phag in der Niko­laus-Basi­li­ka auf und brach­ten die Reli­qui­en des Hei­li­gen in ihre Hei­mat­stadt in Sicher­heit. Als sie zu Han­dels­zwecken nach Myra kamen, befan­den sich zu vie­le tür­ki­sche Krie­ger in der Stadt, wes­halb sie zunächst ihre Geschäf­te in Antio­chi­en abwickel­ten. Auf dem Rück­weg schrit­ten sie zur Tat. An der Akti­on waren drei Schif­fe und 62 Mann betei­ligt, dar­un­ter ein Prie­ster namens Gri­mo­ald. Ob es sich dabei um einen Lan­go­bar­den, viel­leicht der süd­ita­lie­ni­schen Lan­go­bar­dia Minor, oder bereits um einen Nor­man­nen han­del­te, ist nicht bekannt. Die Akti­on und die Über­füh­rung der Reli­qui­en aus dem Osten sind durch drei zeit­ge­nös­si­sche Quel­len gut bezeugt.

Die apu­li­sche Stadt Bari gehör­te bis 1071 wie Myra zum Byzan­ti­ni­schen Reich. Der Ein­fluß des Grie­chi­schen und die ost­kirch­li­che Prä­gung waren sehr stark. 1071 wur­de Bari von den Nor­man­nen ein­ge­nom­men. Im sel­ben Jahr began­nen die Tür­ken unter sel­dschu­ki­scher Füh­rung mit der Erobe­rung und der Land­nah­me im christ­li­chen Ana­to­li­en. Immer im sel­ben Jahr unter­war­fen sie sich auch Syri­en und Jeru­sa­lem. Die Pil­ger­fahr­ten ins Hei­li­ge Land, die bereits unter den Fatim­iden gelit­ten hat­ten, kamen nun fast ganz zum Erliegen.

Translation der Reliquien des heiligen Nikolaus
Trans­la­ti­on der Reli­qui­en des hl. Nikolaus

Reli­qui­en des Hei­li­gen befin­den sich nicht nur in Bari. Der Groß­teil aber schon und nir­gends ist eine Stadt eine sol­che Sym­bio­se ein­ge­gan­gen wie Bari seit der Translation.

Mit der Ankunft der Reli­qui­en wur­de für sie mit dem Bau einer gro­ßen Basi­li­ka begon­nen. 1098 war es Papst Urban II. per­sön­lich, der ihre Über­füh­rung in die fer­tig­ge­stell­te Kryp­ta lei­te­te. Die Anwe­sen­heit der sterb­li­chen Über­re­ste des hoch­ver­ehr­ten Hei­li­gen war von sol­cher Bedeu­tung, daß Urban in der Stadt ein Kon­zil ein­be­rief mit dem Ziel, den 1054 erfolg­ten Bruch zwi­schen West- und Ost­kir­che zu über­win­den. Die Basi­li­ka selbst wur­de 1197 von Kon­rad von Quer­furt, dem Bischof von Hil­des­heim und Kanz­ler von Kai­ser Hein­rich VI., geweiht.

Die Bedeutung der Translation kommt in der Sakralkunst zum Ausdruck
Die Bedeu­tung der Trans­la­ti­on kommt in der Sakral­kunst zum Ausdruck

In der ortho­do­xen Kir­che, beson­ders in Ruß­land, zählt der hei­li­ge Niko­laus zu den her­aus­ra­gen­den Hei­li­gen. Die rus­sisch-ortho­do­xe Kir­che begeht am 9. Mai (22. Mai nach dem Julia­ni­schen Kalen­der) das „Fest der Trans­la­ti­on des hei­li­gen Niko­laus von Myra nach Bari“. Als sich erst­mals in der Geschich­te ein römi­scher Papst und ein Mos­kau­er Patri­arch begeg­ne­ten, was im Febru­ar 2016 auf Kuba geschah, ver­stän­dig­ten sich Fran­zis­kus und Kyrill I. auf eine wei­te­re Pre­mie­re. Vom 12. Mai bis 28. Juli besuch­ten Reli­qui­en des hei­li­gen Niko­laus erst­mals in der Geschich­te Ruß­land. Nach fast 950 Jah­ren ver­lie­ßen eini­ge Reli­qui­en erst­mals Ita­li­en. Mil­lio­nen Rus­sen bil­de­ten jeden Tag kilo­me­ter­lan­ge Schlan­gen vor der Chri­stus-Erlö­ser-Kathe­dra­le in Mos­kau und dem Alex­an­der-New­ski-Klo­ster in Sankt Peters­burg, um zumin­dest für weni­ge Sekun­den den sterb­li­chen Über­re­ste des Hei­li­gen die Ehr­er­bie­tung zu bekunden.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Wikicommons