Der Politiker Franziskus — und sein Kolumbien-Besuch, der „nichts mit dem Friedensvertrag mit den FARC zu tun hat“

Corriere della Sera über Papst-Besuch in Kolumbien: ein Besuch der mit dem "Friedensvertrag" mit den kommunistischen FARC zusammenhängt, aber "nichts damit zu tun hat".
Corriere della Sera über Papst-Besuch in Kolumbien: ein Besuch der mit dem "Friedensvertrag" mit den kommunistischen FARC zusammenhängt, aber "nichts damit zu tun hat".

(Bogo­ta) Vom 6. bis 11. Sep­tem­ber wird Papst Fran­zis­kus Kolum­bi­en besu­chen. Ein Besuch, der unter star­ken Geburts­we­hen litt und noch immer zu lei­den scheint. Seit die Rei­se vom Hei­li­gen Stuhl offi­zi­ell bestä­tigt wur­de, wird vom Vati­kan mit Nach­druck betont, daß es sich aus­schließ­lich um eine Pasto­ral­rei­se hand­le. Pasto­ra­le Grün­de spie­len bei einem Papst natür­lich immer eine Rol­le. Den wirk­li­chen Grund der Rei­se, der von offi­zi­el­ler Sei­te ver­schwie­gen wird, nann­te gestern der Cor­rie­re del­la Sera, die bedeu­tend­ste Tages­zei­tung Ita­li­ens.

Die libe­ra­le Zei­tung, die Fran­zis­kus sehr wohl­wol­lend geson­nen ist, räum­te dem Kir­chen­ober­haupt eine gan­ze Sei­te ihres Ber­li­ner For­mats ein und ver­öf­fent­lich­te das Vor­wort von Fran­zis­kus für das gestern in deut­scher Aus­ga­be erschie­ne Buch des Welsch­schwei­zers Dani­el Pit­tet „Pater, ich ver­ge­be Euch! Miss­braucht, aber nicht zer­bro­chen“. Dar­in schil­dert der Autor, wie er in sei­ner Kind­heit von einem Schwei­zer Kapu­zi­ner sexu­ell miß­braucht wur­de, wie er durch den Glau­ben die­ses Trau­ma bewäl­ti­gen und dem Täter ver­ge­ben konn­te.

Auf der­sel­ben Sei­te des Cor­rie­re del­la Sera fin­det sich ein Kasten mit dem Kon­ter­fei des Pap­stes und einer kur­zen Notiz zum Kolum­bi­en-Besuch:

„Der Papst reist nach Bogo­ta, um zum Frie­dens­ver­trag zu ermu­ti­gen.“

FARC, KPK, Uribes Sieg und Santos Strategie

Gemeint ist der in Kolum­bi­en umstrit­te­ne Ver­trag zwi­schen Staats­prä­si­dent Juan Manu­el San­tos und der mar­xi­sti­schen Gue­ril­la­or­ga­ni­sa­ti­on FARC (Revo­lu­tio­nä­re Streit­kräf­te Kolum­bi­ens). Die FARC wur­den 1964 als mili­tä­ri­scher Arm der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Kolum­bi­ens nach dem Vor­bild der kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on und mit Unter­stüt­zung Kubas und der Sowjet­uni­on gegrün­det. Auf ihr Kon­to gehen mehr als 200.000 Tote und Mil­lio­nen von Bin­nen­flücht­lin­gen. Um ihre mar­xi­stisch-leni­ni­sti­schen und „boli­va­ri­schen“ Ideen vor­an­zu­brin­gen, finan­zier­te sich die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on zuletzt aus dem Dro­gen­han­del, was ihr die wenig schmei­chel­haf­ten Bezeich­nung als Nar­ko­gue­ril­la ein­brach­te.

Die Mar­xi­sten konn­ten auch des­halb ihr Unwe­sen trei­ben, weil das Land von schwa­chen Prä­si­den­ten regiert wur­de — bis 2002 Alva­ro Uri­be Staats­prä­si­dent Kolum­bi­ens wur­de. Mit Ent­schlos­sen­heit ging er dar­an, dem blu­ti­gen Spuk der extre­men Lin­ken ein Ende zu berei­ten. Nach acht Jah­ren Amts­zeit hat­te er die FARC mili­tä­risch besiegt. Da die kolum­bia­ni­sche Ver­fas­sung kei­ne Mög­lich­keit zu einer drit­ten Amts­zeit vor­sieht, blieb es ihm jedoch ver­sagt, das Kapi­tel auch poli­tisch abzu­schlie­ßen. Zu sei­nem Nach­fol­ger wur­de der Sozi­al­li­be­ra­le San­tos gewählt, der sich auf Uri­bes Erfol­gen aus­ruh­te und es ver­säum­te, bes­ser gesagt, dar­auf ver­zich­te­te, Uri­bes Weg fort­zu­set­zen.

Die Gestaltung der „Nachkriegsordnung“

Statt­des­sen begann er 2012 „Frie­dens­ver­hand­lun­gen“, die auf Kuba unter der Schirm­herr­schaft der Castro-Brü­der statt­fan­den. Mit die­sen ver­schaff­te er der am Boden lie­gen­den Gue­ril­la­or­ga­ni­sa­ti­on Luft. Was in Kolum­bi­en viel­fach als weit schwer­wie­gen­der betrach­tet wird: Er wer­te­te sie als gleich­wer­ti­gen Ver­hand­lungs­part­ner auf. Im Moment ihrer größ­ten Nie­der­la­ge gewähr­te San­tos den „Hen­kern Kolum­bi­ens“, wie sie auch genannt wer­den, die das Land ein hal­bes Jahr­hun­dert in Angst und Schrecken ver­setzt und immer wie­der an den Rand eines Bür­ger­kriegs gedrängt haben, den größ­ten poli­ti­schen Erfolg. Die FARC sit­zen seit fünf Jah­ren auf Augen­hö­he mit dem Staats­prä­si­den­ten am Ver­hand­lungs­tisch.

Laut Beob­ach­tern ver­su­che San­tos die radi­ka­le Lin­ke zu dome­sti­zie­ren, um die Wäh­ler­ba­sis der gemä­ßig­ten Lin­ken zu erwei­tern und durch künf­ti­ge Alli­an­zen Wahl­sie­ge kon­ser­va­ti­ver und rech­ter Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten aus­zu­schlie­ßen. Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis: Uri­bes rechts­li­be­ra­le Par­tei der Zen­trums­de­mo­kra­ten gehört wie die christ­de­mo­kra­ti­sche Kon­ser­va­ti­ve Par­tei der Inter­na­tio­na­len Demo­kra­ti­schen Uni­on (IDU) an, der auch CDU, CSU und ÖVP ange­hö­ren. San­tos Sozia­le Par­tei der Natio­na­len Ein­heit gehört mit der bun­des­deut­schen und schwei­ze­ri­schen FDP der Libe­ra­len Inter­na­tio­na­le an. Sein wich­tig­ster Koali­ti­ons­part­ner, die Libe­ra­le Par­tei, gehört zur Sozia­li­sti­schen Inter­na­tio­na­le. Die FARC, die Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Kolum­bi­ens und wei­te­re Grup­pen der radi­ka­len Lin­ken kün­dig­ten bereits an, für die Par­la­ments­wah­len 2018 ein neu­es „poli­ti­sches Sub­jekt“ zu schaf­fen. Die Sym­pa­thien von Papst Fran­zis­kus für die poli­ti­sche Lin­ke, auch die radi­ka­le Lin­ke, sind bekannt.

Volk lehnt Friedensvertrag ab, Santos macht dennoch weiter

Im August 2016 hat­te sich San­tos mit den FARC auf ein Abkom­men geei­nigt, das sich der Prä­si­dent von sei­ner Regie­rungs­mehr­heit abseg­nen ließ. Am 27. Sep­tem­ber 2016 unter­zeich­ne­ten er und die FARC in Car­ta­ge­na de Indias fei­er­lich einen Frie­dens­ver­trag, der am 2. Okto­ber den Kolum­bia­nern in einer Volks­ab­stim­mung vor­ge­legt wur­de. Papst Fran­zis­kus unter­stütz­te den lin­ken Schul­ter­schluß, wäh­rend die kolum­bia­ni­schen Bischö­fe das Abkom­men ablehn­ten. Das Wahl­volk stimm­te mit 50,2 Pro­zent knapp gegen den Frie­dens­ver­trag.

Die demo­kra­ti­sche Nie­der­la­ge an den Urnen wur­de von Staats­prä­si­dent San­tos ein­fach igno­riert. Am 24. Novem­ber 2016 unter­zeich­ne­te er mit den FARC einen neu­en (alten) Frie­dens­ver­trag, den er sich am 1. Dezem­ber vom Par­la­ment bestä­ti­gen ließ, aber die­ses Mal nicht mehr dem Volk zur Abstim­mung vor­leg­te.

Beim Ver­trag geht es nicht mehr um die Been­di­gung oder Neu­auf­la­ge eines blu­ti­gen „Bür­ger­krie­ges“, son­dern um die „Nach­kriegs­ord­nung“ und dar­um, wer die­se bestim­men wird. Das wis­sen auch Kolum­bi­ens Bischö­fe.

Der Politiker Franziskus

Papst Fran­zis­kus hat­te zumin­dest drei­mal öffent­lich einen Besuch Kolum­bi­ens an die Unter­zeich­nung des Frie­dens­ver­tra­ges und des­sen „hieb und stich­fe­ste“ Absi­che­rung gekop­pelt.

  • Das erste Mal am 26. Sep­tem­ber 2016, einen Tag vor der fei­er­li­chen Unter­zeich­nung des „Frie­dens­ver­tra­ges“, als Fran­zis­kus Mit­glie­der des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses (JWC) in Pri­vat­au­di­enz emp­fing. Ver­tre­ter des JWC mach­ten im Anschluß die päpst­li­chen Aus­sa­gen zu Kolum­bi­en bekannt. Fran­zis­kus zeig­te sich mit Blick auf das bevor­ste­hen­de „Ple­bis­zit“ über­zeugt, daß das Volk dem Frie­dens­ver­trag zustim­men wer­de. Prä­si­dent San­tos habe „alles für den Frie­den ris­kiert“. Er sehe aber auch „ande­re“, die „alles ris­kie­ren, um den Krieg fort­zu­set­zen“. Er wer­de Kolum­bi­en erst besu­chen, wenn der Frie­dens­ver­trag „blin­d­ato“ (gepan­zert), also hieb und stich­fest abge­si­chert sein wird, „sowohl durch das Ple­bis­zit als auch durch die inter­na­tio­na­le Aner­ken­nung“. Dann wer­de er nach Kolum­bi­en kom­men, „um den Frie­den zu fei­ern. Und vie­len Dank an San­tos.“ Die­se For­mu­lie­rung, eines „hieb und stich­fest“ abge­si­cher­ten Frie­dens­ab­kom­mens soll­te Fran­zis­kus noch mehr­fach wie­der­ho­len. Da sich die kolum­bia­ni­schen Bischö­fe wei­ger­ten, als Sta­ti­sten eine leben­de Kulis­se für die als Fest­akt insze­nier­te Unter­zeich­nung des Abkom­mens abzu­ge­ben, schick­te Papst Fran­zis­kus Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin nach Car­ta­ge­na.

  • Das zwei­te Mal am 2. Okto­ber 2016, dem Tag, an dem die kolum­bia­ni­schen Wäh­ler das Abkom­men ablehn­ten. Auf dem Rück­flug aus Aser­bai­dschan sag­te Fran­zis­kus zu den Jour­na­li­sten über sei­ne Rei­se­plä­ne:

„Mit Sicher­heit wer­de ich nach Por­tu­gal gehen, und nur nach Fati­ma. […] Für Ame­ri­ka… Ich habe gesagt, wenn der Frie­dens­pro­zeß [in Kolum­bi­en] – falls er gelingt, möch­te ich hin­ge­hen –, wenn alles abso­lut hieb- und stich­fest ist, d. h. wenn alles – falls er durch die Volks­ab­stim­mung bestä­tigt wird – völ­lig sicher ist, sodaß kein Rück­zie­her mehr mög­lich ist, die Welt also auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne dar­in über­ein­stimmt, daß kein Ein­spruch mehr ein­ge­legt wer­den kann und die Sache rest­los abge­schlos­sen ist, dann könn­te ich dort hin­ge­hen. Doch wenn die Sache unbe­stän­dig ist… Alles hängt davon ab, was das Volk sagen wird. Das Volk ist sou­ve­rän.“

  • Das drit­te Mal am 16. Dezem­ber 2016 als Fran­zis­kus zwi­schen Staats­prä­si­dent San­tos und sei­nem Vor­gän­ger und Haupt­wi­der­sa­cher Alva­ro Uri­be zugun­sten des Frie­dens­ab­kom­mens ver­mit­teln woll­te, indem er San­tos und Uri­be gemein­sam zu einer Audi­enz lud, der bei­de Fol­ge lei­ste­ten. Rome Reports berich­te­te über das Ereig­nis. Als man sich ver­ab­schie­de­te, ergab sich fol­gen­der Dia­log:

Juan Manu­el San­tos: Ich möch­te Ihnen die­se Kar­te über­ge­ben und eine offi­zi­el­le Ein­la­dung aus­spre­chen, Kolum­bi­en zu besu­chen.

Papst Fran­zis­kus: Vie­len Dank, wenn alles hieb und stich­fest ist, kom­me ich.

Soweit die Papst-Wor­te zu einem Kolum­bi­en-Besuch, bevor die­ser offi­zi­ell bestä­tigt wur­de. Seit­her ist der Frie­dens­ver­trag mit den FARC als Grund sei­ner Rei­se aus den offi­zi­el­len Erklä­run­gen ver­schwun­den. In Wirk­lich­keit spielt er wei­ter­hin eine zen­tra­le Rol­le, wie die Notiz des Cor­rie­re del­la Sera zeigt und vor allem das Mot­to des gan­zen Besu­ches belegt: „Demos el pri­mer paso“ (Machen wir den ersten Schritt).

„Ein kla­rer Hin­weis auf das Frie­dens­ab­kom­men zwi­schen der Regie­rung und den FARC“, so der Cor­rie­re del­la Sera gestern.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­rie­re del­la Sera (Screen­shot)