Verwicklung von Kardinal Siri in „Rattenlinie“ zur Fluchthilfe für Kriegsverbrecher ein Märchen

Kardinal Giuseppe Siri: Manche Anschuldigungen werden hartnäckig vorgetragen, aber deshalb nicht zutreffender.
Kardinal Giuseppe Siri: Manche Anschuldigungen werden hartnäckig vorgetragen, aber deshalb nicht zutreffender.

(Rom) Es gibt Ereig­nis­se in der Geschich­te, die gro­ßes Inter­es­se fin­den, wäh­rend ande­re, bedeu­ten­de Kapi­tel kaum bekannt sind. Zu den Gespen­stern, die in Abstän­den immer wie­der auf­tau­chen, gehört die Rol­le der Stadt Genua nach dem Zwei­ten Welt­krieg als Hafen für Men­schen, die nach Über­see woll­ten, um ein neu­es Leben zu begin­nen. Das Völk­chen, das sich zu die­sem Zweck in der Stadt auf­hielt, war bunt­ge­mischt. Das waren etli­che Juden, die Euro­pa nach den Ver­fol­gun­gen in die USA, nach Palä­sti­na oder Latein­ame­ri­ka ver­las­sen woll­ten. Da waren Natio­nal­so­zia­li­sten, die sich etwas zuschul­den kom­men hat­ten las­sen und ver­such­ten, das Wei­te zu suchen.

Da waren deut­sche Sol­da­ten, die aus Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gern geflo­hen waren und nicht mehr ein­ge­fan­gen wer­den woll­ten. Da waren ande­re deut­sche Sol­da­ten, die aus Ost­deutsch­land stamm­ten, also dem Gebiet öst­lich von Oder und Nei­ße, aus dem Sude­ten­land oder den deut­schen Sprach­in­seln im Osten und Süd­osten, die nicht mehr in ihre Hei­mat zurück­keh­ren konn­ten, weil die­se von der Roten Armee besetzt war und man regel­recht Jagd auf alle Deut­schen mach­te. Da waren Zivi­li­sten, die in dem zer­stör­ten Euro­pa kei­ne Zukunft mehr sahen. Die Rede war nun von Juden und Deut­schen, aber es fan­den sich auch Ita­lie­ner, Fran­zo­sen, Kroa­ten, Nie­der­län­der und vie­le mehr. Man­che rei­sten unter fal­schem Namen und mit fal­schen Papie­ren, was damals leich­ter war als man sich heu­te vor­stel­len kann. Die Grün­de für das eine wie für das ande­re waren viel­schich­tig.

"Hinter der Schwarzen Legende", Guidaccis Buch mit einem Vorwort von P. Gumpel.
„Hin­ter der Schwar­zen Legen­de“, Gui­dac­cis Buch mit einem Vor­wort von P. Gum­pel.

Wie die Geschich­ten die­ser unter­schied­li­chen Schick­sa­le auch gewe­sen sein mögen, es gibt kaum ein Kapi­tel der Geschich­te, aus dem nicht irgend­wer eine Ankla­ge gegen die Kir­che zim­mert. Die Namen der „Anklä­ger“ spie­len kei­ne Rol­le. Im kon­kre­ten Fall fin­den sich sol­che auf deut­scher wie auf ita­lie­ni­scher Sei­te.

Jüngst for­der­te einer von ihnen Genu­as Erz­bi­schof, Tar­ci­sio Kar­di­nal Ber­to­ne, auf, „Licht“ in die „Bezie­hun­gen zwi­schen der Kurie des Erz­bis­tums Genua und den Natio­nal­so­zia­li­sten zu brin­gen, die sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg über Genua“ abge­setzt hät­ten. Das Mär­chen von einer SS-Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on namens Odes­sa gei­stert noch heu­te in man­chen Köp­fen her­um. In die Köp­fe hin­ein­ge­bracht haben es weni­ger histo­ri­sche Fak­ten, dafür aber der Roman eines eng­li­schen Best­sel­ler-Autors. Ein ande­rer gern gebrauch­ter Begriff lau­tet „Rat­ten­li­nie“. Auch Nach­kriegs­hi­sto­ri­ker wol­len schließ­lich ihre Bücher ver­kau­fen und bla­sen gele­gent­lich die Bedeu­tung die­ses oder jenes Details etwas aus. Die „Rat­ten­li­nie“ scheint seit eini­gen Jah­ren beson­ders in Mode zu ste­hen. Bedeu­tungs­vol­ler für die Geschich­te wird sie des­halb nicht. In den 60er Jah­ren wur­de Adolf Eich­mann (Reichs­si­cher­heits­haupt­amt) von einem israe­li­schen Geheim­dienst­kom­man­do in Latein­ame­ri­ka gefan­gen und nach Isra­el gebracht. Damit wur­de signa­li­siert, daß kein Kriegs­ver­bre­cher irgend­wo sicher sei. Aller­dings blieb es bei die­ser ein­zi­gen Akti­on, was andeu­tet, daß wohl doch nicht so vie­le wirk­li­che Nazi-Grö­ßen über die „Rat­ten­li­nie“ nach Süd­ame­ri­ka ent­kom­men sind.

Und immer findet sich einer, der die Kirche anpatzt

In der genann­ten For­de­rung an Kar­di­nal Ber­to­ne schwingt die unaus­ge­spro­che­ne Ankla­ge mit, die Kir­che habe Täter, ja Kriegs­ver­bre­cher vor der gerech­ten Stra­fe beschützt. Was für eine Mischung: NS-Kriegs­ver­bre­cher und Kir­che. So jeden­falls den­ken sich man­che die Welt. Aller­dings nur ihre eige­ne. Sol­che Ankla­gen sagen daher zunächst weni­ger über histo­ri­sche Fak­ten dafür aber vor allem etwas für den Anklä­ger und des­sen Denk­wel­ten aus.

Die Tat­sa­che, daß die katho­li­sche Kir­che selbst zu den Ver­folg­ten des NS-Regimes gehör­te, schei­nen man­che Histo­ri­ker und Jour­na­li­sten vor­schnell zu „ver­ges­sen“. Es gab deut­sche Diö­ze­sen, in denen jeder drit­te Prie­ster ver­folgt wur­de. Die Zahl der Mär­ty­rer in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern wur­de von der Kir­che nach dem Krieg, im Gegen­satz zu ande­ren Opfer­grup­pen, nicht breit­ge­tre­ten, weil sie zur Ver­söh­nung bei­tra­gen und Grä­ben zuschüt­ten will. Die Kir­che denkt eben anders als man­che welt­li­che und poli­ti­sche Grup­pe. Sie ist kei­ne Straf­rechts­be­hör­de. Sie denkt in den Kate­go­rien Bekeh­rung, Umkehr und Buße.

Da es im kon­kre­ten Fall um eine Ankla­ge gegen die Erz­diö­ze­se Genua geht, kann eine Ankla­ge gegen deren her­aus­ra­gen­de Gestalt des 20. Jahr­hun­derts nicht feh­len. Kar­di­nal Giu­sep­pe Siri wird vor­ge­wor­fen, den kroa­ti­schen Prie­ster Kar­lo Dra­gutin Petra­no­vic gedeckt zu haben. Petra­no­vic war ehe­ma­li­ger Mili­tär­ka­plan der kroa­ti­schen Usta­scha und steht sei­ner­seits wie­der unter Ver­dacht, Natio­nal­so­zia­li­sten und deren „Kol­la­bo­ra­teu­re“ mit fal­schen Rei­se­päs­sen und einer neu­en Iden­ti­tät ver­sorgt zu haben.

Die „Rolle“ von Kardinal Siri und der Kurie von Genua ist gründlich untersucht

Kardinal Giuseppe Siri (1958)
Kar­di­nal Giu­sep­pe Siri (1958)

Die Ankla­ge wird im Brust­ton der Empö­rung vor­ge­bracht. Über­se­hen wird dabei, weil es offen­bar nicht recht ins Bild paßt, daß nicht erst „Licht“ in die Sache gebracht wer­den muß, weil die Sache bereits unter­sucht wur­de. Unter­sucht wur­de sie in Teil­aspek­ten sogar schon mehr­fach, jüngst vom Histo­ri­ker Pier Lui­gi Gui­dac­ci, Dozent an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät. In sei­nem Buch „Hin­ter der Schwar­zen Legen­de“ (Mur­sia 2015) wid­me­te er Genua ein gan­zes Kapi­tel (S. 172–196). Dar­in faßt er den aktu­el­len For­schungs­stand zusam­men und ergänzt die­sen durch eige­nes Quel­len­stu­di­um. Unter­sucht wur­den von ihm die Archiv­be­stän­de der  Genue­ser Kurie, von Kar­di­nal Siri und kroa­ti­scher Archi­ve, aber auch bei­spiels­wei­se die Auto­bio­gra­phie des ehe­ma­li­gen SD-Offi­ziers Erich Prieb­ke, der sich selbst nach Argen­ti­ni­en abge­setzt hat­te. Giu­dac­ci zeich­net zunächst ein Bild der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit, dem Cha­os an den Gren­zen und den Men­schen­mas­sen, die in Euro­pa hin- und her­ge­schwemmt wur­den. Die vie­len Flücht­lin­ge aller Art hat­ten in den mei­sten Fäl­len kei­ne Papie­re. Sie konn­ten ihre Iden­ti­tät gar nicht bewei­sen.

Das Hilfs­werk des Erz­bis­tums Genua lei­ste­te zahl­rei­chen Juden Hil­fe, die in die­ser Umbruch­zeit auf der Suche nach neu­en, siche­ren Ufern her­um­irr­ten. Die­se Hil­fe setz­te nicht erst im Mai 1945 ein, son­dern bereits im Sep­tem­ber 1943 als Ita­li­en zum besetz­ten Ver­bün­de­ten des Groß­deut­schen Rei­ches wur­de. „Vie­le ligu­ri­sche Pfar­rer gehör­ten zu den ersten, die sie auf­nah­men“. Don Rai­mondo Via­le, der 2000 als „Gerech­ter unter den Völ­kern“ geehrt wur­de, ist nur einer von ihnen. Don Via­le arbei­te­te eng mit Kar­di­nal Pie­tro Boet­to zusam­men, der von 1938–1946 Erz­bi­schof von Genua war. Der Kar­di­nal wur­de post­hum vom Staat Isra­el geehrt. Er hat­te den Vor­sit­zen­den der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de, Lelio Vit­to­rio Valo­bra, ver­steckt und etli­che ande­re Juden in den ver­schie­de­nen Klö­stern unter­ge­bracht. Die Kurie arbei­te­te mit dem Hilfs­werk für jüdi­sche Aus­wan­de­rer DELASEM zusam­men. Der Sekre­tär von Kar­di­nal Boet­to, Don Fran­ces­co Repet­to, besorg­te für die Juden Rei­se­pa­pie­re. Mit ande­ren Prie­stern, zum Bei­spiel Don Bru­no Ven­tu­rel­li, war allein ein Dut­zend Genue­ser Prie­ster Teil einer „Soli­da­ri­täts­ket­te“, um den Ver­folg­ten wäh­rend des Krie­ges und den Hil­fe­su­chen­den Juden nach dem Krieg bei­zu­ste­hen.

Die Hilfswerke der Genueser Kirche

Nicht zu ver­ges­sen ist die gro­ße Hil­fe die den Genue­sern gelei­stet wur­de, die ver­stärkt seit Herbst 1943 Opfer alli­ier­ter Luft­an­grif­fe wur­den. Msgr. Giu­sep­pe Siri such­te im Früh­jahr 1945 per­sön­lich Par­ti­sa­nen­ver­tre­ter auf, um die Lebens­mit­tel­lie­fe­run­gen für die vom Hun­ger bedroh­te Stadt sicher­zu­stel­len. Die Par­ti­sa­nen ver­such­ten die­se abzu­fan­gen, weil die Stadt noch von deut­schen Trup­pen und ita­lie­ni­schen Faschi­sten kon­trol­liert wur­de. Der spä­te­re Erz­bi­schof konn­te sie jedoch davon über­zeu­gen, daß der Haupt­leit­tra­gen­de die Zivil­be­völ­ke­rung ist.

Msgr. Mario Grone
Msgr. Mario Gro­ne

Siri wur­de 1946 zum Nach­fol­ger Boet­tos. Er grün­de­te, kaum im Amt, das Hilfs­werk Auxi­li­um für die not­lei­den­den Genue­ser und ver­stärk­te die Hil­fe „für die vom Nazi­fa­schis­mus ver­folg­ten Juden“. Gleich­zei­tig for­der­te er ordent­li­che Gerichts­ver­fah­ren gegen tat­säch­li­che oder ver­meint­li­che Täter und erhob sei­ne Stim­me gegen Lynch­ju­stiz, Rache­ak­te und Erschie­ßun­gen ohne Pro­zeß wie sie auch von Par­ti­sa­nen durch­ge­führt wur­den. Die Lage war natür­lich hei­kel. Man war sich bewußt, so Gui­dac­ci, nahm es jeden­falls an, daß sich auch wirk­li­che Kriegs­ver­bre­cher unter die gro­ße Schar der Flücht­lin­ge, Hil­fe­su­chen­den und Aus­wan­de­rungs­wil­li­gen gemischt haben könn­ten.

Aller­dings zeig­ten weder die ita­lie­ni­schen Behör­den noch das Rote Kreuz noch die argen­ti­ni­sche Ver­tre­tung (Argen­ti­ni­en war das Haupt­zi­el­land der Aus­wan­de­rer) und auch nicht die Alli­ier­ten ein gestei­ger­tes Inter­es­se an stren­gen Paß­kon­trol­len. Es gab schlicht­weg Wich­ti­ge­res zu tun. Es war daher nicht schwer auf ein Schiff zu gelan­gen. In dem Cha­os und gene­rell gerin­ger, behörd­li­cher Kon­trol­le der Bevöl­ke­rungs­be­we­gun­gen blüh­te der Schwarz­markt für Rei­se­pa­pie­re. In dem all­ge­mei­nen Durch­ein­an­der war es nicht schwer sei­ne Spu­ren zu ver­wi­schen.

In den mei­sten Fäl­len ging es nicht ein­mal um gefälsch­te Päs­se, son­dern dar­um, vom Roten Kreuz regu­lä­re, neue Papie­re zu erhal­ten. Das klingt atem­rau­bend, war es damals aber kei­nes­wegs. Eine Unzahl von Men­schen besaß aus den unter­schied­lich­sten Grün­de kei­ne gül­ti­gen Papie­re. Man ging zum Roten Kreuz, mach­te dort Anga­ben zur eige­nen Iden­ti­tät, die man von ande­ren Per­so­nen bezeu­gen ließ. Die gegen­über dem Roten Kreuz gemach­ten Anga­ben, waren meist rich­tig, aber nicht immer. Euro­pa erleb­te es 2015 mit der Flücht­lings­wel­le nicht anders. Die mei­sten kamen ohne Papie­re.

Anschuldigungen gegen Kardinal Siri

In die­sem Kon­text wur­de Kar­di­nal Siri beschul­digt, aller­dings erst viel spä­ter, Kriegs­ver­bre­cher gedeckt zu haben. Kon­kret wird auf den kroa­ti­schen Prie­ster Petra­no­vic ver­wie­sen. Es wur­de bereits auf­ge­zeigt, daß nie­mand „gedeckt“ wer­den muß­te. Regu­lä­re neue Papie­re erhielt man vom Roten Kreuz und not­falls gab es einen bereit­wil­li­gen Schwarz­markt, der wie­der­um von ganz unter­schied­li­chen Per­so­nen bedient wur­de,  aber auch von der ört­li­chen Kri­mi­na­li­tät.

Kar­di­nal Siri bestritt zu sei­nen Leb­zei­ten die gegen ihn erho­be­nen Anschul­di­gun­gen, wie der Vati­ka­nist Ben­ny Lai in sei­nem Buch  „Il Papa non elet­to“ (Der nicht gewähl­te Papst, Later­za 1993) schrieb. Siris Gene­ral­vi­kar, Msgr. Gio­van­ni Cica­li, stell­te 2003 die empör­te Gegen­fra­ge: „Wie kann man nur eine sol­che Behaup­tung erhe­ben?“

Cica­li wei­ter:

„Sri war ein über­zeug­te NS-Geg­ner und wur­de des­halb von der deut­schen Besat­zungs­macht ver­folgt. Er war ein Zög­ling von Kar­di­nal Mino­ret­ti, einem ent­schie­de­nen Feind Mus­so­li­nis, der Genua nicht besuch­te, solan­ge Mino­ret­ti Erz­bi­schof war, weil er wuß­te, daß der Kar­di­nal ein Anti­fa­schist war.“

Die histo­ri­schen Unter­su­chun­gen, so Gui­dac­ci, bestä­ti­gen die Aus­sa­gen Cica­lis.

Kardinal Giuseppe Siri: Manche Anschuldigungen werden hartnäckig vorgetragen, aber deshalb nicht zutreffender.
Kar­di­nal Giu­sep­pe Siri: Man­che Anschul­di­gun­gen wer­den hart­näckig vor­ge­tra­gen, aber des­halb nicht zutref­fen­der.

Im Diö­ze­san­ar­chiv von Genua fin­det sich auch ein Doku­men­ten­be­stand zu Kar­lo Petra­no­vic. Dazu gehört des­sen Kor­re­spon­denz mit Kar­di­nal Siri. Dar­in beklagt sich der kroa­ti­sche Geist­li­che über Ein­schrän­kun­gen, die ihm vom Erz­bi­schof auf­er­legt wur­de. Aus den Brie­fen Petra­no­vic geht klar her­vor, so Gui­dac­ci, daß der Kroa­te in kei­ner Wei­se im Auf­trag des Erz­bi­schofs han­del­te. Es kön­ne kei­ne Rede davon sein, daß Petra­no­vic in irgend­ei­ner Wei­se von Siri pro­te­giert wur­de oder auch nur bei die­sem im Anse­hen gestan­den hät­te. Behaup­tun­gen, er habe „Emp­feh­lungs­schrei­ben“ des Kar­di­nals oder ande­rer Prä­la­ten der Genue­ser Kir­che beses­sen, wer­den durch die Archiv­be­stän­de und durch Petra­no­vic eige­ne Kla­gen demen­tiert. Ein glat­tes Mär­chen sei es, daß Petra­no­vic die Fahr­zeu­ge der Kurie zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten. Offen­bar genoß Petra­no­vic auch im Genue­ser Kle­rus kei­nen beson­de­ren Rück­halt oder Anse­hen. Aus sei­nen Schrei­ben geht nichts der­glei­chen her­vor, viel­mehr beklag­te er sich über „Vor­ur­tei­le“, die ihm ent­ge­gen­ge­bracht wür­den.

Auch Msgr. Mario Gro­ne, der Sekre­tär von Kar­di­nal Siri, weiß nichts von direk­ten Kon­tak­ten zu Petra­no­vic oder Hil­fe­stel­lun­gen für Kriegs­ver­bre­cher.

„Weder sind mir jemals Unter­la­gen unter­ge­kom­men, die der­glei­chen ange­deu­tet hät­ten, noch kam mir der­glei­chen zu Gehör. Ich habe nach dem Tod des Kar­di­nals sein Pri­vat­ar­chiv gesich­tet und geord­net. Ich kann ver­si­chern, auch dort nicht die gering­ste Spur irgend­ei­ner Notiz oder Kor­re­spon­denz gefun­den zu haben, die irgend­ei­nen Zusam­men­hang, ein direk­te Akti­vi­tät oder auch nur eine Kennt­nis von einer Flucht­li­nie von nazi­sti­schen Kriegs­ver­bre­chern oder gar Hil­fe für die­se ange­deu­tet hät­ten.“

Der Histo­ri­ker Gui­dac­ci bestä­tig­te 2015 mit sei­ner Arbeit die­se und ande­re Aus­sa­gen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

2 Kommentare

  1. Dan­ke für die Aus­füh­run­gen. Doch ich fürch­te, auch hier kommt es in der Öffent­lich­keit nicht auf die Tat­sa­chen an, son­dern auf die wirk­mäch­ti­gen Nar­ra­ti­ve.

  2. Hier möch­te ich etwas Grund­sätz­li­ches zu beden­ken geben:
    War es 1945 wirk­lich denk­bar, daß deut­sche Kriegs­ver­bre­cher, wirk­li­che oder ver­meint­li­che, von der Sie­ger­ju­stiz einen fai­ren Pro­zeß erwar­ten konn­ten?

    Die Sie­ger­ju­stiz war ja vom Gedan­ken der Rache geprägt und die Sie­ger hat­ten schreck­li­che Greu­el began­gen (Aus­lie­fe­rung anti­kom­mu­ni­sti­scher Kosa­ken, Kroa­ten, Ser­ben und Slo­we­nen an Tito durch die Bri­ten als bizarr­stes Bei­spiel — nach der Bom­bar­die­rung Dres­dens).

    Mit­hin war auch die juri­sti­sche und vor allem mora­li­sche Legi­ti­ma­ti­on des Nürn­ber­ger Tri­bu­nals pre­kär. Die Sowjet­uni­on war kla­rer­wei­se ein Ter­ror­staat, der nur ein gutes Jahr­zehnt zuvor meh­re­re Mil­lio­nen Ukrai­ner durch eine künst­li­che Hun­gers­not ermor­det hat­te — zuzüg­lich zu den ande­ren Greu­el der Lenin- und Sta­lin-Ära.
    Und ein deut­scher Sol­dat oder SS-Mann, den allen­falls das Gewis­sen plagt, soll sich einem sowje­tisch beschick­ten Tri­bu­nal stel­len? Um einen fai­ren Pro­zeß zu erwar­ten?

    Nein, in sol­chen Fäl­len ist die Flucht­hil­fe ggf. ein Werk der Näch­sten­lie­be. In wir­ren Zei­ten kann man auch nicht alles abwä­gen. Inso­fern kann sich ein Geist­li­cher sehr wohl den­ken: Ich rede dem betr. Offi­zier oder Sol­da­ten ins Gewis­sen, aber ich ver­pfei­fe ihn nicht an ein ille­gi­ti­mes Gericht.

    Es heißt doch im Arti­kel ganz rich­tig:
    „Die Kir­che denkt eben anders als man­che welt­li­che und poli­ti­sche Grup­pe. Sie ist kei­ne Straf­rechts­be­hör­de. Sie denkt in den Kate­go­rien Bekeh­rung, Umkehr und Buße.“

    Das muß aber dann für alle gel­ten.

    Da die Geschich­te der Sie­ger schreibt, haben wir im deut­schen Sprach­raum hier eine stark dis­pro­por­tio­na­le Wahr­neh­mung. Man muß gera­de in der im Arti­kel ver­han­del­ten Fra­ge sehr objek­tiv alle mora­lisch rele­van­ten Kri­te­ri­en abwä­gen. M. a. W., hät­te ein Bischof jeman­dem zur Flucht ver­hol­fen, so könn­te er genann­te Grün­de gel­tend machen.

    Ana­lo­ges ereig­ne­te sich ja übri­gens mit dem Bos­ni­en-Tri­bu­nal in Den Haag, das die kroa­ti­schen Gene­rä­len Goto­vina und Mar­kac zu enor­men Haft­stra­fen ver­ur­teil­te, dann aber wun­der­sa­mer­wei­se frei­ließ. Kann man sich auf so eine Justiz ver­las­sen? Bezüg­lich Bos­ni­en und Den Haag ist m. E. noch nicht das letz­te Wort gespro­chen, zu poli­tisch erscheint mir da man­ches. So wie in Nürn­berg.

    Es muß die Auf­ga­be der Kir­che sein, daß, wenn sie schon Poli­tik macht, sich hier nicht in eine bestimm­te Posi­ti­on drän­gen läßt.

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