„Man munkelt, daß sowohl Roche als auch Viola gehen“

Was ist mit Msgr. Guido Marini?

Werden Kardinalpräfekt Arthur Roche, ein erklärter Gegner des überlieferten Ritus, und sein Sekretär Erzbischof Vitorio Viola (Mitte) an der Spitze des Gottesdienstdikasteriums abgelöst? Wird Erzbischof Guido Marini als Präfekt an die Spitze des Dikasteriums berufen?
Werden Kardinalpräfekt Arthur Roche, ein erklärter Gegner des überlieferten Ritus, und sein Sekretär Erzbischof Vitorio Viola (Mitte) an der Spitze des Gottesdienstdikasteriums abgelöst? Wird Erzbischof Guido Marini als Präfekt an die Spitze des Dikasteriums berufen?

Gleich zu Beginn ist eine Ein­schrän­kung vor­aus­zu­schicken: Es han­delt sich ledig­lich um ein Gerücht. Aber wir haben kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten damit, offen zuzu­ge­ben, daß wir bis­wei­len auch mit dem Wunsch schrei­ben. Und wenn ein Gerücht mit dem über­ein­stimmt, was sich vie­le gläu­bi­ge Katho­li­ken seit Jah­ren wün­schen, dann darf man das auch erwäh­nen. So wer­den die­se Zei­len in der Hoff­nung ver­faßt, daß aus dem Gerücht mög­lichst bald Wirk­lich­keit wird.

„Man munkelt, dass sowohl Roche als auch Viola gehen“

Der Satz stammt nicht aus einer tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Wunsch­li­ste. Andrea Gagli­ar­duc­ci hat ihn am 5. Okto­ber 2026 in sei­nem eng­lisch­spra­chi­gen Blog Mon­day Vati­can ver­öf­fent­licht. In sei­nem Bei­trag über den Beginn der per­so­nel­len Ver­än­de­run­gen unter Papst Leo XIV. ana­ly­siert er zunächst den am ver­gan­ge­nen Sams­tag bestä­tig­ten Wech­sel von Kar­di­nal Mau­ro Gam­bet­ti und fragt anschlie­ßend, wel­che wei­te­ren Ver­än­de­run­gen in der römi­schen Kurie fol­gen könnten.

In die­sem Zusam­men­hang folgt jene Pas­sa­ge, bei der Freun­de des über­lie­fer­ten Ritus unwill­kür­lich genau­er hin­sie­hen. Gagli­ar­duc­ci schreibt über mög­li­che Ver­än­de­run­gen im Dik­aste­ri­um für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung: „Man mun­kelt, daß sowohl Roche als auch Vio­la gehen.“

Mehr steht dort zunächst nicht. Es ist kein Ernen­nungs­de­kret, kei­ne offi­zi­el­le Mit­tei­lung und kei­ne Ent­schei­dung des Pap­stes. Es ist ein Gerücht. Aber immer­hin eines aus der Feder eines Vati­ka­ni­sten, der die Vor­gän­ge im Vati­kan seit Jah­ren auf­merk­sam ver­folgt. Und vor allem betrifft es aus­ge­rech­net jene bei­den Män­ner, die unter Papst Fran­zis­kus die römi­sche Poli­tik in Sachen Lit­ur­gie­fra­ge maß­geb­lich geprägt haben (sie­he: Roche und Vio­la als neue Spit­ze der Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on).

Arthur Roche und Vittorio Viola

Kar­di­nal Arthur Roche steht seit 2021 an der Spit­ze des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung. Zuvor war er bereits des­sen Sekre­tär. Mit inzwi­schen 76 Jah­ren nähert er sich dem Alter, in dem die Kuri­en­lei­ter ihren Rück­tritt anbie­ten müs­sen. Allein aus Alters­grün­den wäre ein Wech­sel daher weder über­ra­schend noch unge­wöhn­lich. Der Papst könn­te das Man­dat aller­dings verlängern.

Roches mög­li­cher Abschied wäre nicht nur eine Per­so­nal­fra­ge. Der Eng­län­der war eine der zen­tra­len Figu­ren jener lit­ur­gi­schen Poli­tik, die unter Papst Fran­zis­kus auf Kon­fron­ta­ti­on mit der katho­li­schen Tra­di­ti­on setz­te. Spä­te­stens durchTra­di­tio­nis cus­to­des wur­de tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Katho­li­ken schmerz­lich bewußt, daß die über­lie­fer­te Lit­ur­gie im berg­o­glia­ni­schen Rom nicht als Teil des rei­chen lit­ur­gi­schen Erbes der Kir­che, son­dern als ein Pro­blem betrach­tet wur­de, das zurück­ge­drängt, ein­ge­grenzt und abge­würgt wer­den müs­se. Die per­sön­li­che Abnei­gung von Fran­zis­kus gegen­über dem über­lie­fer­ten Ritus wur­de von die­sem selbst bei unzäh­li­gen Gele­gen­heit auf teils höchst der­be und ver­letz­ten­de Wei­se artikuliert.

Auf die Zeit der lit­ur­gi­sche Befrie­dung unter Bene­dikt XVI. foll­ten neue Ein­schrän­kun­gen, neue Unsi­cher­hei­ten und eine Atmo­sphä­re der Ableh­nung, der Ver­ach­tung und des Miß­trau­ens gegen­über Katho­li­ken, die die über­lie­fer­te lit­ur­gi­sche Tra­di­ti­on der Kir­che lieben.

Dei Bri­sanz erhöht sich noch, da Gagli­ar­duc­ci auch den Bug­nini-Ring­trä­ger Erz­bi­schof Vitto­rio Vio­la nennt. Msgr. Vio­la ist der­zeit Sekre­tär des genann­ten Dik­aste­ri­ums und damit die Num­mer zwei des Hau­ses. Auch er könn­te nun sei­nen bis­he­ri­gen Posten verlassen. 

Nach Gagli­ar­duc­ci könn­te Vio­la sogar beför­dert und zum Kar­di­nal kre­iert wer­den und anschlie­ßend die Lei­tung des Dik­aste­ri­ums für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se über­neh­men, des­sen der­zei­ti­ger Prä­fekt, Kar­di­nal Mar­cel­lo Semer­a­ro, eben­falls ein Fran­zis­kus-Ver­trau­ter, mit 78 Jah­ren eben­falls vor einem Wech­sel steht.

Leo XIV. und der beginnende personelle Wandel

Inter­es­sant ist die Art und Wei­se, wie Papst Leo XIV. bis­her vor­geht. Er scheint ganz und gar nicht dar­an inter­es­siert zu sein, mit gro­ßem Getö­se alles, was unter Fran­zis­kus gewach­sen ist, über Nacht umzu­wer­fen. Viel­mehr ver­än­dert er die Per­so­nal­struk­tur der Kurie offen­bar Schritt für Schritt. Die­ses lang­sa­me Tem­po könn­te aller­dings auch eine grund­sätz­li­che Sym­pa­thie mit dem berg­o­glia­ni­schen Kurs zum Aus­druck brin­gen, nicht in der Art und Wei­se, aber dem Inhalt nach. Leo ließ es bis­her dar­in ver­mis­sen, kla­re Akzen­te zu setzen.

Der jüng­ste Wech­sel von Kar­di­nal Mau­ro Gam­bet­ti ist hier­für ein bemer­kens­wer­tes Bei­spiel. Gam­bet­ti wur­de von sei­nen bis­he­ri­gen Auf­ga­ben als Gene­ral­vi­kar für die Vati­kan­stadt, Erz­prie­ster des Peters­doms und Prä­si­dent der Dom­bau­hüt­te von St. Peter ent­bun­den und zum Erz­bi­schof von Chie­ti-Vas­to ernannt. Dar­in kann der erste wirk­lich bedeu­ten­de per­so­nel­le Wech­sel des neu­en Pon­ti­fi­kats gese­hen wer­den. Aller­dings war Gam­bet­ti, eine Fra­nis­kus-Beför­de­rung, in Rom selbst ziem­lich umstritten.

Soll­te das, wie Gagli­ar­duc­ci andeu­tet, erst der Anfang sein, darf man gespannt sein. Der­zeit ist das aller­dings noch eine gewag­te Annah­me. In Rom sind Per­so­nal­ent­schei­dun­gen frei­lich nie­mals nur Per­so­nal­ent­schei­dun­gen. Wer ein Dik­aste­ri­um lei­tet, bestimmt mit, wel­che Akzen­te gesetzt wer­den und wel­chen Geist ein bestimm­tes Arbeits­ge­biet der römi­schen Kurie prägt. Per­so­nel­le Wei­chen­stel­lun­gen signa­li­sie­ren inhalt­li­che Wei­chen­stel­lun­gen. Die­be­züg­lich ist die Per­so­na­lie Gam­bet­ti rela­tiv unin­ter­es­sant. Die radi­ka­len Umbrü­che im Peters­dom, die stär­ke­re Musea­li­sie­rung, die Kon­ze­le­bra­ti­ons­pflicht im Novus Ordo und die Ver­ban­nung des über­lie­fer­ten Ritus in den Unter­grund wur­den zwar von Gam­bet­ti flei­ßig exe­ku­tiert, gin­gen aber vom Staats­se­kre­ta­ri­at unter Kar­di­nal Paro­lin aus, kurz bevor Gam­bet­ti sein römi­sches Amt antrat. (Sie­he dazu auch „Weg mit den sakri­le­gi­schen Hän­den vom Peters­dom“ und Aus­füh­run­gen Gam­bettis zur Kon­ze­le­bra­ti­ons­pflicht.

Wer kommt danach?

Selbst wenn Roche und Vio­la tat­säch­lich gehen soll­ten, wäre damit noch nicht unbe­dingt etwas gewon­nen. Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet näm­lich: Wer kommt danach?

Gagli­ar­duc­ci bringt ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten ins Spiel. Einer der genann­ten Namen ist Erz­bi­schof Die­go Ravel­li, der gegen­wär­ti­ge Päpst­li­che Zere­mo­nien­mei­ster. Aller­dings scheint sei­ne mög­li­che Ernen­nung zum Prä­fek­ten nicht gera­de Begei­ste­rungs­stür­me aus­zu­lö­sen. Wahr­schein­li­cher könn­te eine ande­re Ver­wen­dung für ihn sein, etwa als Sekre­tär des Dikasteriums.

Damit bleibt die wich­tig­ste Fra­ge offen: Wer soll künf­tig die lit­ur­gi­sche Ord­nung der Welt­kir­che ver­ant­wor­ten? Und genau an die­sem Punkt bringt Secre­tum Meum Mihi einen Vor­schlag ein, der nun wirk­lich kein Geheim­nis ist: War­um eigent­lich nicht Gui­do Marini?

Guido Marini – warum eigentlich nicht?

Mon­si­gno­re Gui­do Mari­ni ist kein Unbe­kann­ter. Von 2007 bis 2021 war er Päpst­li­cher Zere­mo­nien­mei­ster. In die­ser Funk­ti­on arbei­te­te er zunächst eng mit Bene­dikt XVI. zusam­men, der ihn in die­ses Amt beru­fen hat­te, um mit ihm sei­ne lit­ur­gi­sche Erneue­rung umzu­set­zen, und blieb auch nach dem Pon­ti­fi­kats­wech­sel unter Fran­zis­kus im Amt. 2021 wur­de er zum Bischof von Tor­to­na ernannt. Die Ent­las­sung aus sei­nem römi­schen Amt und die Ver­set­zung in die ligu­ri­sche Diö­ze­se erfolg­ten par­al­lel zum repres­si­ven Angriff auf den über­lie­fer­ten Ritus mit dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des.

Der erst 61 Jah­re alte Mari­ni kennt die päpst­li­che Lit­ur­gie aus unmit­tel­ba­rer Erfah­rung. Er kennt die römi­sche Kurie, die lit­ur­gi­schen Bücher und die zere­mo­ni­el­len Anfor­de­run­gen päpst­li­cher Fei­ern. Er kennt die Tra­di­ti­on der römi­schen Lit­ur­gie nicht aus einem Lehr­buch, son­dern aus jah­re­lan­ger prak­ti­scher Arbeit im unmit­tel­ba­ren Umfeld des Papstes.

Vor allem aber wäre er kein Mann, bei dem Lit­ur­gie den Ein­druck erweckt, ledig­lich ein Schau­platz kir­chen­po­li­ti­scher Kämp­fe zu sein. Und das wäre nach den ver­gan­ge­nen Jah­ren bereits viel. Die Kir­che braucht drin­gend lit­ur­gi­schen Frie­den, wie ihn Bene­dikt XVI. anstreb­te. Das bedeu­tet vor allem, die über­lie­fer­te Lit­ur­gie nicht wie eine Alt­last zu behan­deln oder gar wie den schlimm­sten Feind. Der über­lie­fer­te Ritus ist nicht das Pro­blem, son­dern viel­mehr die Lösung des Pro­blems, das ohne Not, aber mit schwer­wie­gen­den Kon­se­quen­zen durch den Moder­ni­sie­rungs­drang mit der Lit­ur­gie­re­form erzeugt wurde.

Die Lit­ur­gie gehört der Kir­che. Päp­ste kom­men und gehen, Prä­fek­ten kom­men und gehen – die Kir­che bleibt. Die­se simp­le Tat­sa­che gilt es in der Kir­che wie­der anzuerkennen.

Und deshalb erlauben wir uns zu hoffen

Keh­ren wir also zum Aus­gangs­punkt zurück: Es ist vor­erst nur ein Gerücht, dem ein Vor­schlag hin­zu­ge­fügt wur­de. Nun wer­den ein­schrän­ken­de Hin­wei­se laut, daß bis­her mit Blick auf die Römi­sche Kurie kein Bei­spiel bekannt wäre, bei dem der­sel­be Kir­chen­amt ein zwei­tes Mal in das­sel­be Amt beru­fen wur­de, also zurück­ge­ru­fen wur­de. Dem ist zu wider­spre­chen. Man muß eine Wei­le suchen, doch es gibt Präzedenzfälle. 

Ein beson­ders pas­sen­des histo­ri­sches Bei­spiel ist Kar­di­nal Tolo­meo Gal­lio. Unter Pius IV. gehör­te er zum eng­sten Kreis der päpst­li­chen Regie­rung. Als Sekre­tär hat­te er jenes Amt inne, das heu­te unter der Bezeich­nung Staats­se­kre­tär bekannt ist. Unter Pius V. ver­lor er sei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung, doch Gre­gor XIII. hol­te ihn 1572 wie­der nach Rom zurück über­trug erneut die Lei­tung der päpst­li­chen Staatsgeschäfte.

Eine Ernen­nung von Msgr. Gui­do Mari­ni wür­de in erster Linie eine Abkehr von dem tra­di­ti­ons­feind­li­chen Berg­o­glia­nis­mus signa­li­sie­ren. Und das wäre schon sehr viel. Sie wür­de jedoch nicht unbe­dingt mehr bedeu­ten. Denn es gibt kei­ne Hin­wei­se dar­auf, daß Msgr. Mari­ni als Erz­bi­schof in der Diö­ze­se Tor­to­na den über­lie­fer­ten Ritus aktiv för­dern oder einen regu­lä­ren Meß­ort für den über­lie­fer­ten Ritus ermög­li­chen wür­de. Im Gegen­teil: Die offi­zi­el­le diö­ze­sa­ne Behand­lung von Tra­di­tio­nis cus­to­des im Jah­re 2022 zeigt eine deut­li­che Ori­en­tie­rung an der von Papst Fran­zis­kus vor­ge­ge­be­nen Ein­schrän­kung des Mis­sa­le von 1962. Der ein­zi­ge in der Diö­ze­se vor 2020 beleg­te Meß­ort des alten Ritus besteht inzwi­schen nicht mehr.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/MiL/Katholisches.info

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