„Magnifica humanitas“ und das zugrundeliegende metaphysische Problem

Einige Punkte verdienen eine Diskussion


Magnifica Humanitas, ie erste Enzyklika von Leo XIV: eine Kritik von Prof. Roberto de Mattei
Magnifica Humanitas, ie erste Enzyklika von Leo XIV: eine Kritik von Prof. Roberto de Mattei

Von Rober­to de Mattei*

Die erste Enzy­kli­ka von Leo XIV., Magni­fi­ca huma­ni­tas, wur­de der Welt­öf­fent­lich­keit am 25. Mai im Neu­en Syn­oden­saal vor­ge­stellt. Der Papst woll­te der Ver­an­stal­tung einen fei­er­li­chen Cha­rak­ter ver­lei­hen und nahm per­sön­lich an der Prä­sen­ta­ti­on teil, flan­kiert von drei Kar­di­nä­len, zwei Theo­lo­gin­nen (eine eng­li­sche und die ande­re kon­go­le­si­sche) sowie Chri­sto­pher Olah, dem (athe­isti­schen) Mit­be­grün­der des Unter­neh­mens für Künst­li­che Intel­li­genz Anthropic.

Magni­fi­ca huma­ni­tas erschien am 25. Mai, trägt jedoch das Datum des 15. Mai – des­sel­ben Tages, an dem Leo XIII. im Jahr 1891 die Enzy­kli­ka Rer­um Novarum ver­öf­fent­lich­te. Papst Gio­ac­chi­no Pecci wid­me­te sei­ne Sozi­al­enzy­kli­ka vor 135 Jah­ren der Indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on sei­ner Zeit. Leo XIV. woll­te die Refle­xi­on der Kir­che auf die digi­ta­le Revo­lu­ti­on unse­rer Epo­che kon­zen­trie­ren, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Künst­li­che Intel­li­genz (KI).

Die Rück­kehr der Sozi­al­leh­re der Kir­che, die in den Jah­ren nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil mit Aus­nah­me der Enzy­kli­ka Cen­te­si­mus Annus (1991) von Johan­nes Paul II. ver­nach­läs­sigt wur­de, ist sicher­lich mit Genug­tu­ung zu begrü­ßen. Es ist jedoch dar­an zu erin­nern, daß die Sozi­al­leh­re der Kir­che ein inte­gra­ler Bestand­teil der katho­li­schen Moral­leh­re ist und daß die­se wie­der­um ein meta­phy­si­sches Fun­da­ment besitzt, da die Moral in der Ord­nung des Seins ver­wur­zelt ist. Wie der hei­li­ge Tho­mas von Aquin lehrt: age­re sequi­tur esse – das Han­deln folgt dem Sein; folg­lich kann die mora­li­sche und sozia­le Ord­nung nicht unab­hän­gig von der Natur des Men­schen und sei­nem letz­ten Ziel ver­stan­den wer­den (Sum­ma Theo­lo­giae, I‑II, q. 94, a. 2). Des­halb prä­zi­siert Pater Régi­nald Gar­ri­gou-Lagran­ge, daß „die wah­ren Rech­te des Men­schen aus sei­nen Pflich­ten gegen­über Gott her­vor­ge­hen“ (Doc­tor Com­mu­nis, 2–3 (1949), S. 158) und hebt damit das meta­phy­si­sche Prin­zip der Sozi­al­leh­re der Kir­che hervor.

Rer­um Novarum von Leo XIII. wur­de durch die Enzy­kli­ka Aeter­ni Patris vom 4. August 1879 vor­be­rei­tet, mit der der Papst ein Jahr nach sei­ner Wahl die phi­lo­so­phi­sche Linie für die katho­li­schen Schu­len fest­leg­te und den hei­li­gen Tho­mas von Aquin als ein­zi­gen intel­lek­tu­el­len Leh­rer der Kir­che vor­schlug. Leo XIII. war näm­lich über­zeugt, daß die Erneue­rung des Den­kens durch die Phi­lo­so­phie des hei­li­gen Tho­mas der Erneue­rung der Gesell­schaft vor­aus­ge­hen und sie begrün­den müs­se. Bedeu­ten­de katho­li­sche Gelehr­te wie Éti­en­ne Gil­son (1885–1978) und Augu­sto Del Noce (1910–1989) schla­gen vor, alle gro­ßen Enzy­kli­ken Leos XIII. in die­sem meta­phy­si­schen Hori­zont zu lesen. In Aeter­ni Patris faßt der Papst sein kul­tu­rel­les Pro­gramm zusam­men; in den fol­gen­den Enzy­kli­ken, dar­un­ter Liber­tas prae­stan­tis­si­mum über die mensch­li­che Frei­heit (1888), Arca­num divin­ae sapi­en­tiae über die christ­li­che Ehe (1880), Huma­num genus über die Frei­mau­re­rei (1884), Immor­ta­le Dei über die christ­li­che Ver­fas­sung der Staa­ten (1885) und Sapi­en­tiae chri­stia­nae über die Pflich­ten des Chri­sten im öffent­li­chen Leben (1890), wen­det er die­se Prin­zi­pi­en auf die ver­schie­de­nen Berei­che des indi­vi­du­el­len und gesell­schaft­li­chen Lebens an.

Leo XIV. wird zwei­fel­los von edlen Absich­ten und einer auf­rich­ti­gen Lie­be zur Wahr­heit bewegt; den­noch zeigt sein Doku­ment im Gegen­satz zu denen Leos XIII. das Feh­len einer soli­den meta­phy­si­schen Grund­la­ge, was das ange­mes­se­ne Ver­ständ­nis kom­ple­xer Pro­ble­me wie jenes der Künst­li­chen Intel­li­genz erschwe­ren könnte.

Der Papst stellt zunächst zu Recht fest, daß „es not­wen­dig ist, die Ver­wechs­lung zu ver­mei­den, die­se ‚Intel­li­genz‘ (KI) mit der mensch­li­chen Intel­li­genz gleich­zu­set­zen“, und for­mu­liert dann das Pro­blem so: „Die­se Syste­me imi­tie­ren eini­ge Funk­tio­nen der mensch­li­chen Intel­li­genz (…) Und den­noch bleibt die­se Lei­stungs­fä­hig­keit aus­schließ­lich an die Ver­ar­bei­tung von Daten gebun­den: Die soge­nann­ten künst­li­chen Intel­li­gen­zen machen kei­ne Erfah­rung, besit­zen kei­nen Kör­per, durch­lau­fen nicht Freu­de und Leid, rei­fen nicht in Bezie­hun­gen, ken­nen von innen her nicht, was Lie­be, Arbeit, Freund­schaft, Ver­ant­wor­tung bedeu­tet. Sie haben auch kein mora­li­sches Gewis­sen: Sie urtei­len nicht über Gut und Böse, erfas­sen nicht den letz­ten Sinn der Situa­tio­nen, über­neh­men nicht die Last der Kon­se­quen­zen. (…) Sie bewoh­nen nicht den affek­ti­ven, rela­tio­na­len und spi­ri­tu­el­len Hori­zont, in dem das Mensch­li­che wei­se wird. (…) Es ist nicht die Erfah­rung des­sen, der sich vom Leben for­men läßt und im Lau­fe der Zeit durch Ent­schei­dun­gen, Feh­ler, Ver­ge­bung und Treue wächst; viel­mehr ist es eine sta­ti­sti­sche Anpas­sung auf der Grund­la­ge von Daten und Rück­mel­dun­gen, die sehr effek­tiv sein kann, aber kein inne­res Wachs­tum impli­ziert (Nr. 99).“

Der Papst hat recht, das Pro­blem auf­zu­wer­fen, doch sei­ne Ant­wort klärt nicht, war­um eine Gleich­set­zung zwi­schen mensch­li­cher und künst­li­cher Intel­li­genz unmög­lich ist. Für die tho­mi­sti­sche Phi­lo­so­phie liegt der Grund nicht in erster Linie dar­in, daß KI kei­ne Emo­tio­nen emp­fin­det, kei­ne Bezie­hun­gen hat oder kei­ne ver­kör­per­te Erin­ne­rung besitzt, son­dern dar­in, daß ihr eine gei­sti­ge, ver­nunft­be­gab­te See­le fehlt – das inne­re Prin­zip der intel­lek­tu­el­len Ope­ra­tio­nen. Die Enzy­kli­ka for­mu­liert die Unter­schei­dung zwi­schen Mensch und KI hin­ge­gen in rein phä­no­me­no­lo­gi­schen Begrif­fen, auf der Ebe­ne der Erfah­rung, der Affek­ti­vi­tät und der Rela­tio­na­li­tät, und ver­gisst oder igno­riert, daß die ent­schei­den­de Unter­schei­dung onto­lo­gi­scher Natur ist.

Nach dem hei­li­gen Tho­mas von Aquin ist der Mensch nicht auf eine Sum­me mate­ri­el­ler Pro­zes­se redu­zier­bar, weil das Prin­zip des mensch­li­chen Erken­nens selbst ein unkör­per­li­ches und sub­si­stie­ren­des Prin­zip ist (Sum­ma Theo­lo­giae, I, q. 75, a. 1). Der mensch­li­che Intel­lekt beschränkt sich nicht dar­auf, Infor­ma­tio­nen zu ver­ar­bei­ten oder Muster zu erken­nen, son­dern erfaßt das All­ge­mei­ne (Sum­ma Theo­lo­giae, I, q. 79, a. 6) und ist fähig, aus sinn­li­chen Bil­dern imma­te­ri­el­le Begrif­fe wie das Gute, die Gerech­tig­keit oder Gott selbst zu abstra­hie­ren. Eben­so ist der Wil­le kein Mecha­nis­mus pro­gram­mier­ter Aus­wahl, son­dern ein ver­nunft­be­gab­ter Trieb, der zur Über­le­gung und Frei­heit fähig ist (Sum­ma Theo­lo­giae, I, q. 82, a. 1; I, q. 83, a. 1).

Die künst­li­che Intel­li­genz hin­ge­gen besitzt kein inne­res Prin­zip des Erken­nens und Wol­lens, son­dern han­delt kraft der mensch­li­chen Intel­li­genz, die sie ent­wor­fen hat. Daher ist der Unter­schied zwi­schen Mensch und Maschi­ne nicht quan­ti­ta­tiv, son­dern onto­lo­gisch: Der Mensch erkennt, weil er einen gei­sti­gen Intel­lekt besitzt, und er will, weil er einen frei­en Wil­len hat; die Maschi­ne hin­ge­gen erzeugt Ergeb­nis­se, weil sie dazu gebaut wur­de. Auch die fort­ge­schrit­ten­ste künst­li­che Intel­li­genz kann daher nie­mals wirk­lich mensch­lich sein, da ihr das fehlt, was nach Tho­mas von Aquin das eigent­li­che Prin­zip des mensch­li­chen Erken­nens und Wol­lens aus­macht: die gei­sti­ge, ver­nunft­be­gab­te Seele.

Die­se Über­le­gun­gen mögen abstrakt phi­lo­so­phisch erschei­nen, haben jedoch auch wich­ti­ge Kon­se­quen­zen auf mora­li­scher und gesell­schaft­li­cher Ebe­ne. Die meta­phy­si­sche Grund­la­ge der Sozi­al­leh­re der Kir­che ver­weist näm­lich auf die christ­li­che Auf­fas­sung der Seins­ord­nung, die die Mensch­heits­ge­schich­te im Licht von Schöp­fung, Sün­den­fall und Erlö­sung ver­steht. In die­ser Per­spek­ti­ve ist der Begriff der Sün­de, der in der Enzy­kli­ka weit­ge­hend fehlt, nicht auf sozio­lo­gi­sche Unge­rech­tig­keit redu­zier­bar, son­dern stellt eine Ver­let­zung des gött­li­chen Geset­zes dar, impli­ziert Schuld, ver­dient Stra­fe und erfor­dert Reue und Umkehr. Der Papst sagt in einem schö­nen Aus­druck: „Wenn das Geheim­nis des Got­tes der Lie­be die Quel­le der Sozi­al­leh­re ist, betrach­ten wir sein kon­kre­te­stes Gesicht in Jesus Chri­stus, dem fleisch­ge­wor­de­nen Wort“ (Nr. 49). Doch Jesus Chri­stus ist nicht Mensch gewor­den, um ein huma­ni­tä­res Ide­al zu bestä­ti­gen oder eine all­ge­mei­ne uni­ver­sa­le Brü­der­lich­keit zu för­dern, son­dern um die durch die Sün­de zer­stör­te Ord­nung durch die Erlö­sung des Men­schen und sei­ne Wie­der­ein­glie­de­rung in die über­na­tür­li­che Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len (Sum­ma Theo­lo­giae, III, q. 1, a. 2). Wenn die­ser meta­phy­si­sche und über­na­tür­li­che Hori­zont ver­dun­kelt wird, neigt das Chri­sten­tum zwangs­läu­fig zur Säku­la­ri­sie­rung und redu­ziert sich auf eine rein hori­zon­ta­le und phil­an­thro­pi­sche Reli­gi­on, deren Ziel nicht mehr die Ret­tung der See­len und die Wie­der­her­stel­lung der christ­li­chen Ord­nung ist, son­dern ledig­lich die huma­ni­tä­re Ver­wal­tung der Pro­ble­me der Welt.

Magni­fi­ca huma­ni­tas ist reich an Anre­gun­gen und ist als eine auto­ri­ta­ti­ve Äuße­rung des Lehr­amts von Leo XIV. zu betrach­ten; doch eini­ge Punk­te der Phi­lo­so­phie und der Sozi­al­leh­re der Kir­che, die die Enzy­kli­ka behan­delt, ver­die­nen eine Dis­kus­si­on – mit der gebo­te­nen Lie­be und dem Respekt gegen­über der Per­son des römi­schen Pon­ti­fex und der Insti­tu­ti­on des Papsttums.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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