Von P. Joachim Heimerl von Heimthal*
Vielleicht geht es Ihnen wie mir? Ich gehöre nicht zur Priesterbruderschaft St. Pius X., verfolge aber aufmerksam ihr Wirken und bin dankbar dafür. Ohne die Bruderschaft würde die überlieferte Messe heute vergessen sein und ich selbst hätte sie nie kennengelernt. – Sicher: Es gibt viele traditionelle Gemeinschaften, die die „alte“ Messe pflegen, aber keine von ihnen wäre ohne die Piusbruderschaft entstanden; sie ist die erste Gemeinschaft, die den überlieferten Glauben der Kirche bewahrt hat und die einzige, die ihn kompromisslos verteidigt; dies übrigens auch dann, wenn andere traditionelle Gemeinschaften schweigen.
Regelmäßig erhalte ich eine Aussendung der Piusbruderschaft und lese sie mit persönlichem Gewinn. Noch nie habe ich darin etwas gefunden, was dem katholischen Glauben widerspricht oder ihn verfinstert, während dies in den offiziellen Texten der Kirche und des Papstes permanent geschieht. An der Katholizität der Bruderschaft besteht kein Zweifel; erst kürzlich hat sie ein beeindruckendes „Glaubensbekenntnis“ vorgelegt, das jene Grundpositionen zusammenfasst, die die Kirche immer gelehrt hat, die sie heute aber kaum mehr teilt. Dieses „Glaubensbekenntnis“ macht wie ein Ausrufezeichen deutlich, wie groß der Glaubensabfall geworden ist, der gegenwärtig die Kirche erfasst. Zwei Beispiele verdeutlichen dies:
Dass der Herr mit seinem Blut einen neuen und ewigen Bund gestiftet hat, bezeugen die Evangelien und bekräftigen die Wandlungsworte, die der Priester in der Heiligen Messe betet. Dass mit diesem Bund der Bund Gottes mit dem Volk Israel aufgehoben wurde, hat die Kirche nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift immer bekräftigt. Heute empfindet sie dies als anstößig und monopolistisch, und wirft bösartig jenen „Antisemitismus“ vor, die auf ihre bisherige Lehre bestehen.
Leider gilt dies auch für die geoffenbarte Wahrheit, dass es außerhalb des neuen Bundes kein Heil gibt, und dass es nur die katholische Kirche ist, die dieses Heil in den Sakramenten spendet. Insbesondere geschieht dies in der Heiligen Messe, von der die Piusbruderschaft bekennt: „Die heilige Messe ist die Fortführung des Kreuzesopfers in der Zeit, dargebracht für viele und erneuert auf dem Altar. Obwohl auf unblutige Weise dargebracht, ist das heilige Messopfer seinem Wesen nach sühnend und versöhnend. Kein anderer Kult bewirkt die vollkommene Anbetung. Kein anderer Kult, der nicht mit ihm in Verbindung steht, ist Gott wohlgefällig. Kein anderes Mittel ist hinreichend für die Heiligung der Seelen. Folglich kann das heilige Messopfer in keiner Weise auf ein bloßes Gedächtnis, auf ein geistiges Mahl oder auf eine vom Volk gefeierte heilige Versammlung reduziert werden; ebenso wenig auf eine Feier des Ostergeheimnisses ohne Opfer, ohne Genugtuung gegenüber der göttlichen Gerechtigkeit, ohne Sühne für die Sünden, ohne Versöhnung und ohne Kreuz.“
Klarer kann man die Lehre der Kirche nicht auf den Punkt bringen, und ich erinnere mich nicht, jemals Vergleichbares gehört zu haben, weder von den allermeisten Bischöfen noch von den Päpsten unserer Zeit. Im Gegenteil: Ich bin nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geboren und habe meine katholische Sozialisation – pardon – mit einer ungeheuren Lüge erfahren, die ich wie viele lange nicht als Lüge erkannte und die mich heute umso mehr entsetzt. Ich meine die Lüge von der angeblichen Kontinuität, die Lüge, die besagt, die Kirche sei nach DEM Konzil dieselbe geblieben und habe Lehre und Liturgie nicht wesentlich verändert. Wer das „Glaubensbekenntnis“ der Piusbruderschaft liest, erkennt wie in einem Spiegel, dass dem nicht so ist, und gerade die „neue“ Messe unterstreicht mit ihrer nicht-katholischen Grundausrichtung eben dies. Fast scheint es, die Kirche gleiche heute einer Trümmerlandschaft und ihr Glaube wirke wie eine Ruine.
Dass die Piusbruderschaft in dieser Situation beschlossen hat, eigene Bischöfe zu weihen, ist verständlich, und ich bin froh, dass sie das tut. Wenn dies ohne päpstliches Mandat geschieht, illustriert dies lediglich die desolate Situation der Kirche. Dazu gehört auch, dass dies die „Exkommunikation“ zur Folge haben wird.
Auf die „Exkommunikation“ kommt es allerdings nicht (mehr) an. Stattdessen wäre zu fragen, ob man diejenigen überhaupt wirksam exkommunizieren kann, die als Einzige den katholischen Glauben bekennen, während Päpste Häresien verkünden und ihre Knie vor falschen Götzen beugen. Ich denke, vor Gott dürfte eine solche „Exkommunikation“ keinen Bestand haben, und schon deshalb ist niemand gezwungen, sie sich zu eigen zu machen. Dies übrigens umso weniger, als heute im Allgemeinen niemand mehr exkommuniziert wird, auch nicht wegen Häresie und Apostasie, nicht einmal die Bischöfe in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Mit der voraussichtlichen „Exkommunikation“ der Piusbruderschaft stürzt allerdings ein weiteres Lügengebilde zusammen: Die Kirche, die sich „synodal“ und „ökumenisch“ als „everybody’s darling“ gibt, erweist sich als mit sich selbst zerfallen und als erbitterte Feindin ihrer eigenen Tradition. Letztlich hat sie sich damit von der Offenbarung Gottes abgewandt und stellt dies täglich unter Beweis.
Aus diesem Grund ist die Frage nach den Bischofsweihen der Piusbruderschaft eine Anfrage an uns selber: Auf welcher Seite stehen wir? Auf der Seite des neuen, pseudo-katholischen Glaubens der nachkonziliaren Kirche und damit auf derjenigen der „neuen“ Messe? Oder auf der Seite des überlieferten Glaubens, der sich nur in der traditionellen Messe ausdrückt und nirgendwo sonst? Einen bequemen Mittelweg gibt es nicht, und auch die traditionellen Gemeinschaften, die pro forma das Zweite Vatikanische Konzil anerkennen, scheiden bei der Beantwortung dieser Frage letztlich aus; es geht um alles oder nichts.
Schon deshalb darf es keine Rolle spielen, ob wir uns mit unserer Unterstützung der Piusbruderschaft selber die „Exkommunikation“ zuziehen. Vielmehr ist es ein Gebot der Solidarität und der Aufrichtigkeit, hier eine klare Haltung einzunehmen. Dazu gehört für alle, die sich zur Tradition bekennen, dass sie sich von den Irrtümern distanzieren, die in der Kirche um sich greifen, und auch, dass sie diese – etwa über die Kirchensteuer – nicht mehr finanzieren. Darüber hinaus ist es wichtig, ein persönliches Zeugnis für den katholischen Glauben abzulegen, das heute nur lauten kann: „Je suis Pie X.!“
Danken wir Gott, dass es die Piusbruderschaft gibt, denn ohne sie wäre die Tradition verloren. – Gewiss: Auch die Piusbruderschaft ist keine „societas perfecta“ (welche Gemeinschaft ist das schon?), aber ich bin davon überzeugt, dass sie den Glauben der Kirche nicht nur bewahrt, sondern dass sich die Kirche durch sie erneuert. Es ist unübersehbar: Überall wo die überlieferte Messe gefeiert wird, blüht die Kirche auf, und ohne die Priesterbruderschaft St. Pius X. wäre dies niemals geschehen.
*Joachim Heimerl von Heimthal, Priester der Erzdiözese Wien, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Theologie. Er ist promovierter Germanist und war Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neben literaturwissenschaftlichen Arbeiten ist er Autor zahlreicher Aufsätze und Kommentare zu kirchlichen Themen in in- und ausländischen Medien.
Bild: FSSPX (Screenshot)
Danke für diese wahren Worte! Ich schließe mich dem an. Der Autor hat auch recht, daß die Piusbruderschaft als ganze und in ihren Mitgliedern nicht schlechthin perfekt ist (ich erinnere an die Stellungnahme zur Impfung), aber meiner Erfahrung nach macht sie eine sehr gute Arbeit. Ihre Existenz ist providentiell. Sie ermöglicht die Existenz der Ecclesia-Dei-Gemeinschaften und die Zelebration der Überlieferten Messe in anderen Kontexten. Deo gratias.
Weil Hw. Heimerl Priester der Erzdiözese Wien ist, eine ergänzende Information:
Kardinal Schönborn hat dieser Tage in Kremsmünster gewohnt opportunistisch gegen die Piusbruderschaft ausgeteilt. In einem Artikel auf kath.net heißt es (https://kath.net/news/90463) u. a.:
‚Ausführlich sprach Schönborn über die traditionalistische Piusbruderschaft, die gegenwärtig erneut mit unerlaubten Bischofsweihen droht. […] Menschlich gesehen, sei das Bemühen um Einheit „ziemlich ausweglos“, so Schönborn. Folgen der seit Jahrzehnten andauernden Trennung seien auch in Wien sichtbar, wo die Minoritenkirche als eine der bedeutendsten gotischen Kirchen Österreichs heute von der von Rom getrennten Piusbruderschaft genutzt werde – und zugleich die Kirchenspaltung im Stadtbild sichtbar mache: „Wir müssen ohnmächtig zuschauen, dass eine bedeutende katholische Kirche von Wien sehr legal, aber so hintenrum ihr Besitz geworden ist.„ ‚
Das ist wieder typisch Schönbornsche Sophistik. Die Piusbruderschaft ist erstens nicht „von Rom getrennt“ und zweitens vergaß Eminenz die Vorgeschichte der Übernahme der Minoritenkirche zu thematisieren. Seitens der Erzdiözese wurde die Congregazione Italiana sehr schlecht behandelt. Dem Vernehmen nach hätte die Minoritenkirche eine „Jugendkirche“ o. dgl. werden sollen – nach Vertreibung der Italiener. Das wurde durch die Schenkung an Pius Gott sei Dank verhindert.
Unter dem Artikel auf kath.net schreibt der Poster Cosmas sehr kenntnisreich (korr.):
‚Schöne Worte, die nichts für die Praxis bedeuten
Wie immer spricht Schönborn in der Wortwahl perfekt ans Auditorium angepaßt. Solche Worte hätte man sich von ihm unter Franziskus gewünscht, als er noch im Amt war als EB von Wien. Da wären sie ihm aber niemals über die Lippen gekommen.
Dass er jetzt Krokodilstränen über den „Verlust“ der Minoritenkirche an die Piusbruderschaft vergießt, ist lächerlich. Denn die ED Wien hat jahrelang versucht die italienische Bruderschaft aus der Minoritenkirche hinauszuekeln, zuvorderst dadurch, dass ihr kein Priester oder gar Kirchenrektor ernannt wurde für die (Novus Ordo !!!!!) Gottesdienste. Trotz vielfacher Bitten blieb die Diözese hart und herablassend. Die „Congregazione“ hatte von Kaiser Joseph II. die Minoritenkirche erhalten und mußte nun ernsthaft befürchten, von Schönborn vertrieben zu werden. Wie groß die Not war, zeigt die Schenkung an die Piusbruderschaft! Die Italiener taten dies aus Verzweiflung vor der Vertreibung und nicht aus Zuneigung zur Alten Messe, die sie aber inzwischen lieben.‘
Kardinal Schönborn hört einfach nicht auf, weiteren Schaden anzurichten. Er sollte sich dringend besinnen.
Das zweite vatikanische Konzil hat die immer gültigen Wahrheiten in der Sprache des und vor dem geschichtlichen Hintergrund des 20. Jahrhunderts ausgesprochen. Die Piusbruderschaft hingegen wiederholt die Wahrheit in der Sprache der Zeit davor, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.
Mit Verlaub, das ist falsch.
Die Texte des II. Vaticanums enthalten gefährliche Zweideutigkeiten, Unklarheiten und Neuerungen (v. a. die ungerechtfertigte positive Bewertung der falschen Religionen).
Wenn Katholiken in Staaten leben, die mehr als eine Religion zulassen (keine Staatsreligion), dann sind die Folgerungen des 2. Vaticanums essentiell und strikt logisch um eigene Religionsfreiheit leben zu können. Die Wahrheit des Katholizismus ist davon unanhetastet.
Das ist leider falsch. Papst Johannes Paul 2 selbst hat gesagt das das Konzil neue Lehren gebracht hat. Lehren die sich mit der Tradition unmöglich Vereinen lassen.
Papst Paul 6 hat den NOM gebracht um genau wie Luther oder Thomas Cranmore den Opfercharakter der Messe abzuschaffen und durch den Mahlcharakter zu ersetzen.
Das Konzil war eine Veranstaltung die den Kommunismus begünstigte und Feinde der Kirche einlud.
Hier ist keinerlei Kontinuität sondern nur bruch und Zerstörung zu beobachten.
Wer das nicht sehen will dem ist nicht zu helfen.
Eine sehr gute Darlegung, die ich gerne unterstütze. Ich bin in keiner Weise mit der Piusbruderschaft verbunden, bin ihr aber dankbar, denn ohne sie gäbe es keine Tradition mehr.
Ihre Lage ist natürlich nicht ideal, keine Frage, aber das ist m. E. nicht als Vorwurf an die Piusbruderschaft zu richten, sondern in erster Linie an Rom.
Jene, die derzeit mit Vorwürfen an die Piusbruderschaft nicht geizen, werden in meinen Augen erst glaubwürdig, wenn sie noch weit mehr und deutlichere Vorwürfe ebenso laut an Rom richten. Wird das geschehen?
Ich kenne bisher nur einen, der das tatsächlich tut, und das ist Bischof Marian Eleganti, was ihn in meinen Augen besonders ehrenhaft und seine Stimme hörenswert macht, auch wenn ich mit ihm in der Einschätzung der Bischofsweihen bisher nicht einer Meinung bin.
Dank daher an H. H. Heimerl von Heimthal und Bischof Eleganti, denn hier geht es um eine Gewissensfrage, und jeder der ehrlich ringt, hat meine volle Achtung.
Sehr geehrter Herr P. Joachim Heimerl von Heimthal
besser kann man die Situation der katholischen Kirche nach Vatikanum II nicht beschreiben.
Großartig.
Am Ende wird Mein Unbeflecktes Herz siegen.
Lieber Dr. Heimerl von Heimthal,
Vielen Dank!
Als Freund der kath. Tradition, der regelmäßig sowohl bei der FSSP, als auch bei der Piusbruderschaft das Hl. Messopfer besucht, freut es mich eine so deutliche, zustimmende Stellungnahme „pro“-Bischofsweihen aus dem diözesanen Klerus zu lesen. Ich schließe mich den Ausführungen an, obgleich ich noch weiterhin Kirchensteuer an das progressive Bistum Münster bezahle. Konnte mich noch nicht zum Austritt aus den Kirchensteuer-Strukturen durchringen, obgleich ich schon seit einigen Jahren dort nicht mehr zur Messe gehe.
Verehrter Stephan mir geht es genauso, ich bin auch noch„drin“, weil ich keinen Anlass geben will, den Feinden der Kirche zu sagen : „Seht her, wieder einer“
Die differenzieren nicht nach Tradition oder Modernismus.
Denken wir mal so herum, mit dem Geld unterstützt man auch zb. katholische Krankenhäuser.
Die Hierarchie der kath. Kirche – allen voran der Papst – hat die hochheilige Pflicht, das ihnen von Gott dem Schöpfer anvertraute Glaubensgut der kath. Kirche, das Depositum fidei, getreu und fruchtbar zu verwalten. Von daher ist die Einhaltung dieser Pflicht die erste und wichtigste Einheit, die von der Hierarchie geleistet werden muss. Ebenso ist der Papst in der Gemeinschaft der Bischöfe verpflichtet, die geoffenbarte und kodifizierte Wahrheit seiner Vorgänger zu achten und weiterzuführen, d.h. die Einheit mit sich selbst zu wahren. Was nun, wenn Päpste und Bischöfe kommen, welche etwas anderes verkünden als die überlieferte kath. Lehre, welche von den Vorgängern im Papstamt und von den Kirchenlehrern und ‑vätern gelehrt worden ist? Kann denn ein Reich, das in sich und mit sich selbst uneins ist, auf die Dauer bestehen (vgl. Matthäus 12,25 und Markus 3,24)? Oder geschieht nun das, was in solchen Fällen stets einsetzt: Es entstehen zentrifugale Kräfte, welche mit den illegitimen Veränderungen in der Lehre nicht einverstanden sind, und die sich in Folge nolens volens absondern, damit sie ihre Eigenständigkeit bewahren können und von diesem „Sog“ oder „Lawine“ nicht einverleibt werden.
In der ganzen Thematik wird meines Erachtens der Verlust der Ehrfurcht vor dem Heiligen und den heiligen Dingen noch zu wenig angesprochen. Interessant sind stets die Parallelen in der Entwicklung im kirchlichen und im weltlichen Leben: So wie die Regierungen und Politiker die ‚Ehrfurcht‘ vor dem Volk als Souverän verloren haben und über deren Köpfen hinweg Entscheidungen zum Schaden von Volk und Land treffen, so hat ein furchtbarer Niedergang punkto Ehrfurcht vor dem Schöpfer und dem Sakralen in unseren Kirchen eingesetzt. Folge davon: Eine unglaubliche spirituelle (spirituell im christlich-katholischen Sinne) Entropie hat stattgefunden, überall gibt es geistliche Erosionen und Verwerfungen.
Ganz herzlichen Dank für Ihren Beitrag, H.H. Dr. Heimerl von Heimthal.
Die Piusbruderschaft ist Teil eines Problems, nicht deren Lösung.
Mag sein. Etwa wie ein Auto, dass von einer kurvigen Bergstraße abkommt und mit der vorderen Hälfte über den Abgrund fortgeraten ist – und im Kofferraum hinten liegt die ganze gewichtige Tradition, weshalb es nicht vollends abstürzt …