Die sowjetische Diktatur in den argentinischen Priesterseminaren

Möge Gott dafür sorgen, daß junge Männer mit einer Berufung zum Priestertum eine Ausbildungsstätte finden

"Wir überwachen euch"
"Wir überwachen euch"

Von Cami­nan­te Wanderer*

Bis vor eini­gen Jahr­zehn­ten waren die Bischö­fe in den Ent­schei­dun­gen, die sie in ihren Diö­ze­sen tra­fen, auto­nom. Doch als die kon­zi­lia­re Mün­dig­keit ein­setz­te und vor allem die Kir­che durch die Syn­oda­li­tät erleuch­tet wur­de, unter­war­fen sich die Bischö­fe den Vor­ga­ben der Bischofs­kon­fe­ren­zen: Ein Bischof, der sich nicht dem Dik­tat der kol­le­gia­len Gre­mi­en anpaßt, wird unter Druck gesetzt, ange­zeigt und schließ­lich – wie wäh­rend des barm­her­zi­gen Pon­ti­fi­kats von Fran­zis­kus – aus sei­nem Amt ver­trie­ben. Die­se Auto­no­mie haben sie inzwi­schen sogar im Bereich der Prie­ster­se­mi­na­re ver­lo­ren. Die Bischö­fe – zumin­dest in Argen­ti­ni­en – las­sen sich der­art in die Hand neh­men, daß sie Richt­li­ni­en umset­zen müs­sen, die von obsku­ren und gefähr­li­chen Gestal­ten für die Aus­bil­dung ihrer Semi­na­ri­sten fest­ge­legt werden.

Genau die­se Funk­ti­on hat die OSAR, die Orga­ni­sa­ti­on der Prie­ster­se­mi­na­re Argen­ti­ni­ens, die vor Jah­ren von den Bischö­fen erdach­te Komi­t­ern, die dazu bestimmt ist, eine Dik­ta­tur sowje­ti­schen Stils zu errich­ten, mit Ele­men­ten der Kon­trol­le, des Drucks und der Bestra­fung, um eine Ver­ein­heit­li­chung des argen­ti­ni­schen Kle­rus zu errei­chen und unan­ge­neh­me Situa­tio­nen zu ver­hin­dern, die sich ihrem Unter­wer­fungs­wil­len ent­zo­gen – wie es sei­ner­zeit bei den Prie­ster­se­mi­na­ren von Paraná, San Rafa­el und San Luis der Fall war.

Vor eini­gen Tagen ver­öf­fent­lich­te die­se OSAR, deren Finan­zie­rung jähr­lich meh­re­re Mil­lio­nen Pesos ver­schlingt, die wir Gläu­bi­gen mit unse­ren nai­ven Almo­sen bezah­len, einen Leit­fa­den, der für die Aus­bil­der in den Prie­ster­se­mi­na­ren bestimmt ist, die mit den immer zahl­rei­cher wer­den­den „star­ren Semi­na­ri­sten“ umge­hen müs­sen. Es han­delt sich um einen beson­ders per­ver­sen und, ich möch­te fast sagen, sata­ni­schen Text. Es ist eine Anlei­tung für die Aus­bil­der der argen­ti­ni­schen Prie­ster­se­mi­na­re, in der die Metho­den der Fol­ter und geist­li­chen Mani­pu­la­ti­on beschrie­ben wer­den, denen jeder jun­ge Mann unter­wor­fen wer­den soll, der bereits im ersten Jahr des Semi­nars Anzei­chen einer kon­ser­va­tiv gepräg­ten „Starr­heit“ zeigt. Bei­spiels­wei­se, wenn er es vor­zieht, die Kom­mu­ni­on in den Mund und nicht in die Hand zu emp­fan­gen, wenn er an ver­däch­ti­gen Fröm­mig­keits­übun­gen wie dem Rosen­kranz­ge­bet oder dem Stun­den­ge­bet fest­hält, wenn er die eucha­ri­sti­sche Nüch­tern­heit ein­hält, den hei­li­gen Tho­mas von Aquin liest, ger­ne das Kle­ri­ker­ge­wand trägt usw. Doch damit nicht genug: Es wer­den auch ent­spre­chen­de Anwei­sun­gen gege­ben, damit der Aus­bil­der, der die „Fol­ter“ oder den Aus­schluß des „Star­ren“ durch­füh­ren muß, kei­ne psy­chi­schen Fol­ge­schä­den davon­trägt, etwa Schuld­ge­füh­le, oder – schlim­mer noch – von dem „Delin­quen­ten“ über­zeugt wird. Auf­fäl­lig ist, daß der­ar­ti­ge Richt­li­ni­en bis vor eini­ger Zeit geheim gehal­ten wur­den; nicht ein­mal schrift­lich wur­den sie fest­ge­hal­ten, son­dern den Betrof­fe­nen münd­lich mit­ge­teilt. Nun ver­öf­fent­licht man sie im Inter­net. Ich weiß nicht, ob man dies der Drei­stig­keit, der Straf­lo­sig­keit oder der Dumm­heit der Ver­ant­wort­li­chen die­ser Orga­ni­sa­ti­on zuschrei­ben soll.

Autor ist P. Lucas E. Smi­ri­glia, ein Prie­ster der Gesell­schaft der Diö­ze­san­ar­bei­ter (Ope­ra­ri­os Dio­ces­a­nos), mit einem von den Jesui­ten der Gre­go­ria­na ver­lie­he­nen Abschluß in Psy­cho­lo­gie. Obwohl es in sei­nem Lebens­lauf nicht erwähnt wird, ver­mu­te ich, daß er ein Auf­bau­stu­di­um an der Lub­jan­ka, der KGB-Uni­ver­si­tät, absol­viert hat, das von Law­ren­ti Beri­ja unter­zeich­net wur­de. Es lohnt sich daher, die Emp­feh­lun­gen (oder Befeh­le?) zu kom­men­tie­ren, die aus die­sem Doku­ment her­vor­ge­hen, damit die argen­ti­ni­schen Prie­ster wis­sen, wohin sie die jun­gen Män­ner schicken, die eine prie­ster­li­che Beru­fung ver­spü­ren, und damit die­se jun­gen Män­ner selbst gewarnt sind, wor­auf sie sich einlassen.

1. Eine Diagnose, die nicht widerlegt werden kann

Der Arti­kel defi­niert den „star­ren“ Semi­na­ri­sten anhand sei­ner Reak­ti­on auf Kor­rek­tur. Wenn er die Kor­rek­tur als Ver­fol­gung, als Lax­heit oder als man­geln­den Respekt vor sei­ner Fröm­mig­keit erlebt, han­delt es sich um defen­si­ve Starr­heit. Der Text fügt hin­zu, daß ein sol­cher Semi­na­rist es schafft, die Beweis­last umzu­keh­ren und die Aus­bil­der dazu zu brin­gen, sich zu fra­gen, ob nicht sie selbst die Starr­sin­ni­gen sei­en. Hin­ter der kli­ni­schen Fas­sa­de ver­birgt sich ein logi­sches Pro­blem: Das Argu­ment läßt kei­nen Gegen­be­weis zu. Wider­spricht der Semi­na­rist, bestä­tigt er die Dia­gno­se. Schweigt er und paßt sich an, beweist er sei­ne Füg­sam­keit. Der ein­zi­ge Aus­weg ist Unter­wer­fung, und eine Hypo­the­se, die durch kei­ne Tat­sa­che wider­legt wer­den kann, ist kein Instru­ment der Unter­schei­dung, son­dern eine peti­tio prin­ci­pii, vor­ge­tra­gen in einer bom­ba­sti­schen Spra­che aus dem Sprech­zim­mer, die einer gewis­sen Geist­lich­keit gewöhn­lich gro­ße Freu­de bereitet.

Stel­len wir uns einen Semi­na­ri­sten vor, der in einem Begleit­ge­spräch respekt­voll sagt, daß er nicht ver­steht, war­um man ihn dafür kor­ri­giert, daß er in sei­ner Frei­zeit das Stun­den­ge­bet auf Latein betet.

a. Ant­wor­tet er bestimmt, sieht der Aus­bil­der dar­in ein Gefühl der Ver­fol­gung, also das Zei­chen einer defen­si­ven Starrheit.

b. Ant­wor­tet er ruhig und höf­lich, erkennt der Aus­bil­der dar­in eine Auf­spal­tung: Fröm­mig­keit nach innen, schein­ba­rer Gehor­sam nach außen. Der Arti­kel beschreibt auf die­se Wei­se den Semi­na­ri­sten als „äußer­lich respektvoll“.

c. Schweigt er aus Klug­heit, han­delt es sich um from­me Opfer­hal­tung, ein wei­te­res Merk­mal, das der Arti­kel aufzählt.

d. Wider­ruft er sei­ne Äuße­rung und bit­tet um Ver­ge­bung, beweist er sei­ne Füg­sam­keit und der Fall ist abgeschlossen.

Es gibt drei Aus­gän­ge, die die Dia­gno­se bestä­ti­gen, und nur einen, der den Fall been­det – und das ist die Unterwerfung.

2. Der Mächtige, der sich angegriffen fühlt

Der Arti­kel beschreibt den Aus­bil­der als jeman­den, der einen Angriff erlei­det: Sein Ver­trau­en wird unter­gra­ben, sein Urteils­ver­mö­gen gerät durch­ein­an­der, er wird in Zwei­fel und in eine defen­si­ve Hal­tung getrie­ben. Der Semi­na­rist hin­ge­gen erscheint als der­je­ni­ge, der mani­pu­liert. Doch die Aus­bil­der ent­schei­den über Auf­nah­me, Ver­bleib, Berich­te und den Weg zur Prie­ster­wei­he, wäh­rend der Semi­na­rist über nichts davon ent­schei­det. Die Reak­ti­on des Schwä­che­ren auf den Stär­ke­ren als Bedro­hung dar­zu­stel­len, ver­tauscht die Rollen.

Es ist fol­ge­rich­tig, daß der Text spä­ter dar­auf besteht, der „siche­re“ Aus­bil­der dür­fe nicht an sei­ner Auto­ri­tät zwei­feln und sich wegen der Vor­wür­fe, die gegen ihn erho­ben wer­den, nicht schul­dig fühlen. 

Eine Aus­bil­dung, die den Aus­bil­der von vorn­her­ein gegen jede Selbst­kri­tik immu­ni­siert, ver­liert jedoch die Fähig­keit, sich selbst zu korrigieren.

Stel­len wir uns vor, ein Semi­na­rist schickt den Aus­bil­dern einen respekt­vol­len Brief und bit­tet dar­um, ihm mit­zu­tei­len, auf wel­cher Norm eine bestimm­te Pra­xis des Semi­nars beruht. Das Team ver­steht den Brief als ver­schlei­er­te Anschul­di­gung. Bei der näch­sten Sit­zung geht es dar­um, wie die Aus­bil­der sich ange­sichts des Brie­fes füh­len – nicht dar­um, was der Brief fragt.

Die Asym­me­trie läßt sich dar­an zei­gen, wer im kon­kre­ten Fall was tut:

a. Wer den Bericht ver­faßt: das Ausbildungsteam.

b. Wer ihn unter­zeich­net und an den Bischof schickt: der Regens.

c. Wer ent­schei­det, ob der Semi­na­rist wei­ter im Semi­nar bleibt: der Bischof, auf Grund­la­ge die­ses Berichts.

d. Wer den Bericht zu sehen bekommt und ihn wider­le­gen kann: nie­mand – oder der Betrof­fe­ne nur teilweise.

e. Wer das Recht hat, mit ent­spre­chen­den Garan­tien Ein­spruch ein­zu­le­gen: Das bleibt unklar.

Ange­sichts die­ser Situa­ti­on for­dert der Arti­kel dazu auf, Mit­leid mit dem Aus­bil­der zu haben, des­sen Ver­trau­en durch die Hal­tung des Semi­na­ri­sten erschüt­tert wird. Der­je­ni­ge, der alles ver­lie­ren kann, wird zum Angrei­fer, und der­je­ni­ge, der dar­über ent­schei­det, zum Opfer.

3. Von Theologie keine Spur

Die Metho­de ver­langt vom Aus­bil­der, daß er, sobald der Semi­na­rist wie­der auf eine theo­lo­gi­sche oder lit­ur­gi­sche Dis­kus­si­on zurück­kommt, den Schwer­punkt ruhig und ent­schie­den ver­la­gert. Der vor­ge­schla­ge­ne Satz lau­tet: „Wir sind nicht hier, um über die Nor­men zu diskutieren.“

Die grund­le­gen­de Fra­ge – ob das, was der Semi­na­rist ver­langt, wahr, erlaubt oder geschul­det ist – wird damit von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. Theo­lo­gie taucht nur noch als instru­men­tel­les Kri­te­ri­um auf: Anhand der Früch­te von Demut, Gehor­sam und Gemein­schaft soll zwi­schen ech­ter und schein­ba­rer Fröm­mig­keit unter­schie­den wer­den. Doch nie­mals wird über Wahr­heit oder Falsch­heit der kon­kre­ten Behaup­tung entschieden.

Man wech­selt vom Was zum Wer, von der Norm zur Per­son, und damit wird eine dok­tri­nel­le oder dis­zi­pli­nä­re Mei­nungs­ver­schie­den­heit zu einem Cha­rak­t­er­pro­blem des­je­ni­gen, der wider­spricht; sie wird patho­lo­gi­siert. Man wech­selt genau dort das Ter­rain, wo die Aus­ein­an­der­set­zung unan­ge­nehm wer­den könnte.

Stel­len wir uns fol­gen­den Dia­log vor:

Star­rer Semi­na­rist: Pad­re, auf wel­cher lit­ur­gi­schen Norm beruht die Ver­pflich­tung, in die­sem Semi­nar die Hand­kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen? Ich fra­ge, weil Redemp­tio­nis Sacra­men­tum das Recht des Gläu­bi­gen aner­kennt, die Mund­kom­mu­ni­on zu empfangen.

Syn­oda­ler Aus­bil­der: Die­se Fra­ge ist bereits geklärt. Mich inter­es­siert viel­mehr, wel­che Gefüh­le in dir auf­kom­men, wenn du siehst, daß dei­ne Mit­brü­der die Kom­mu­ni­on auf ande­re Wei­se empfangen.

Es ist offen­sicht­lich, daß die Fra­ge des Semi­na­ri­sten eine kon­kre­te Ange­le­gen­heit betrifft, auf die es in einem Text eine Ant­wort gibt und die sich inner­halb einer Minu­te klä­ren läßt: Ent­we­der gibt es eine Norm, die dies stützt, oder es gibt sie nicht. Die Ant­wort des Aus­bil­ders beant­wor­tet die Fra­ge nicht, son­dern ersetzt sie durch eine Fra­ge nach Gefüh­len. Es han­delt sich um die Ver­schie­bung vom Was zum Wer.

4. Das Beispiel, das sich gegen den Autor richtet

Das ein­zi­ge kon­kre­te Bei­spiel des Arti­kels ist der Kom­mu­nion­emp­fang in den Mund. Gera­de hier gerät das Argu­ment ins Wan­ken, denn die uni­ver­sa­le kirch­li­che Ord­nung erkennt dem Gläu­bi­gen – ich neh­me an, daß sie Semi­na­ri­sten für Gläu­bi­ge und nicht für Knech­te hal­ten – das Recht zu, die Mund­kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen (Redemp­tio­nis Sacra­men­tum, Nr. 90–92), und can. 843 § 1 ver­bie­tet es, jeman­dem, der zur rech­ten Zeit dar­um bit­tet und ent­spre­chend dis­po­niert ist, die Sakra­men­te zu verweigern.

Der Text glei­tet unbe­merkt von der „Ver­pflich­tung“ zu einer „legi­ti­men Pra­xis“ über. Wenn ein Semi­nar die Hand­kom­mu­ni­on vor­schreibt, han­delt es sich beim Ein­wand des Semi­na­ri­sten um eine rea­le kano­ni­sche und lit­ur­gi­sche Fra­ge und nicht um ein Symptom.

Dar­über hin­aus bedeu­tet die For­de­rung, er müs­se bereits im ersten Jahr als Beweis sei­ner Füg­sam­keit auf eine äuße­re Geste ver­zich­ten, eine Tri­via­li­sie­rung des­sen, was für ihn den Glau­ben an die Real­prä­senz Chri­sti berührt. Die von ihm ver­lang­te Füg­sam­keit besteht in die­sem Fall dar­in, auf ein Recht zu ver­zich­ten, das die Kir­che selbst ihm zuge­steht – ver­bun­den mit der ein­deu­ti­gen Dro­hung, daß er, wenn er nicht nach­gibt, aus dem Semi­nar aus­ge­schlos­sen wird, weil er damit „eine aus­ge­präg­te Unfä­hig­keit zeigt, die mög­li­cher­wei­se sei­ne prie­ster­li­che Füg­sam­keit beeinträchtigt“.

5. Inneres und äußeres Forum und das Recht auf Privatsphäre

Die Metho­de schlägt dem Aus­bil­der vor, die unbe­wuß­te und defen­si­ve Bedeu­tung der Hal­tun­gen des Semi­na­ri­sten zu erfor­schen. Sie emp­fiehlt ihm Fra­gen zu den Gefüh­len, die der Semi­na­rist emp­fin­det, zu sei­nem Bedürf­nis nach Kon­trol­le in ande­ren Lebens­be­rei­chen und dazu, wer oder was ihm in sei­ner Bio­gra­phie bei­gebracht habe, die Ein­hal­tung von Nor­men mit sei­nem per­sön­li­chen Wert zu verbinden.

Das kol­li­diert in drei­fa­cher Hin­sicht mit den kirch­li­chen Normen:

  • Can. 220 schützt das Recht jedes Men­schen, sei­ne Pri­vat­sphä­re zu wahren.
  • Can. 240 § 2 ver­bie­tet es, die Mei­nung des Spi­ri­tu­als und der Beicht­vä­ter für die Ent­schei­dung über die Zulas­sung zu den Wei­hen oder den Aus­schluß aus dem Semi­nar ein­zu­ho­len; damit wird das inne­re Forum sorg­fäl­tig vom äuße­ren Forum getrennt.
  • Die Ori­en­tie­run­gen für den Ein­satz psy­cho­lo­gi­scher Kom­pe­ten­zen bei der Auf­nah­me und Aus­bil­dung von Kan­di­da­ten für das Prie­ster­tum (Kon­gre­ga­ti­on für das Katho­li­sche Bil­dungs­we­sen, 2008) ver­lan­gen die freie Zustim­mung des Kan­di­da­ten und unter­schei­den die Rol­len des Aus­bil­ders und des Psychologen.

Hin­zu kommt ein prak­ti­sches Risi­ko: Can. 1051 sieht vor, daß das Zeug­nis des Regens auch die psy­chi­sche Gesund­heit des Kan­di­da­ten betrifft. Eti­ket­ten wie „defen­si­ve Starr­heit“ oder „regres­si­ve Sym­bo­li­sie­rung“ kön­nen schließ­lich in einem Bericht lan­den, der über die Zukunft eines Men­schen entscheidet.

6. Die Theorie im Hintergrund, die der Artikel nicht nennt: Rulla

Das Voka­bu­lar des Tex­tes – regres­si­ve und pro­gres­si­ve Sym­bo­li­sie­rung, theo­zen­tri­sche Selbst­tran­szen­denz, schein­ba­res und rea­les Gut, Erfor­schung des Unbe­wuß­ten – gehört zur psy­cho­lo­gi­schen Schu­le der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na. Ihr Begrün­der war der Jesu­it und Psych­ia­ter Lui­gi M. Rul­la (1922–2002), und sei­ne Mit­ar­bei­ter ent­wickel­ten sie wei­ter, unter ihnen Fran­co Imoda.

Der Arti­kel wen­det die­se Theo­rie an, ohne sie zu benen­nen oder zu begrün­den. Aller­dings ist die­se Theo­rie, die die Bischö­fe unkri­tisch über­neh­men, hin­sicht­lich ihrer empi­ri­schen Ergeb­nis­se, ihrer Instru­men­te und des Risi­kos, das Spi­ri­tu­el­le auf das Psy­cho­dy­na­mi­sche zu redu­zie­ren, umstritten.

Doch selbst wenn man sie akzep­tiert, ver­wen­det der Arti­kel sie aus vier Grün­den falsch:

  • Das Rul­la-Modell setzt selbst ent­spre­chend aus­ge­bil­de­te Psy­cho­lo­gen, Instru­men­te und Zustim­mung vor­aus. Der Arti­kel macht dar­aus eine Gesprächs­tech­nik für Aus­bil­der – ohne Super­vi­si­on und mit einem bereits fest­ste­hen­den Ergebnis.
  • Wenn die Theo­rie Gül­tig­keit besitzt, muß sie für alle gel­ten. Nach Rul­la betref­fen Inkon­si­sten­zen die gro­ße Mehr­heit der Kan­di­da­ten, unab­hän­gig davon, ob sie tra­di­tio­nell oder pro­gres­siv sind. Sie nur auf den „star­ren“ Semi­na­ri­sten anzu­wen­den, der die Kom­mu­ni­on kniend emp­fan­gen möch­te, ist eine will­kür­li­che Auswahl.
  • Eine bestimm­te, umstrit­te­ne und nicht näher benann­te Theo­rie erscheint als Kri­te­ri­um für die Beru­fungs­un­ter­schei­dung. Weder der Semi­na­rist noch der Leser wis­sen, daß es sich dar­um handelt.
  • Im äuße­ren Forum wird etwas ein­ge­setzt, das sei­nem Wesen nach zum inne­ren Forum oder in den pro­fes­sio­nel­len Bereich gehört.

7. Ohne Daten und mit einem Strohmann

Der Arti­kel nennt kei­nen ein­zi­gen Fall, kei­ne Stu­die und kei­ne Quel­le. Das „trü­ge­ri­sche Argu­ment“ wird einem hypo­the­ti­schen Semi­na­ri­sten in den Mund gelegt und ist leich­ter zu wider­le­gen als jeder rea­le Einwand.

Mecha­nis­men wie „Pro­jek­ti­on“, „Auf­spal­tung“ und „spi­ri­tu­el­les Gas­light­ing“ wer­den mit der Sicher­heit beschrie­ben, mit der jemand über das Unbe­wuß­te eines ande­ren zu ver­fü­gen scheint. Es ist eine nütz­li­che Kari­ka­tur, ad usum cler­i­corum, bei der die­je­ni­gen, für die sie bestimmt ist, ohne­hin wis­sen, wen sie dar­in wie­der­erken­nen sollen.

8. Was der Text vorschreibt

Der Arti­kel ver­schweigt nicht, wohin sei­ne Metho­de führt. Wenn der Semi­na­rist beharrt, wird ihm man­geln­de Füg­sam­keit atte­stiert, was eine erheb­li­che Bela­stung für sei­ne Auf­nah­me in die Aus­bil­dung dar­stellt. Mit ande­ren Wor­ten: Er wird zu einem Kan­di­da­ten für das Prie­ster­tum zu einem Kan­di­da­ten für den Ausschluß.

Wäh­rend­des­sen wird er Fra­gen zu sei­ner Gefühls­welt und sei­ner Lebens­ge­schich­te unter­zo­gen, jede Mög­lich­keit einer sach­li­chen Dis­kus­si­on wird ihm genom­men und der Aus­bil­der wird dazu ange­lei­tet, nie­mals an sich selbst zu zweifeln.

Mit einer sol­chen Metho­de kann ein Mann das Semi­nar ver­las­sen oder psy­chisch ver­letzt wer­den, ohne daß jemals jemand auf sein eigent­li­ches Argu­ment geant­wor­tet hätte.

9. Was der Text voraussetzt

Das Schrei­ben des Prie­sters und Psy­cho­lo­gen setzt vor­aus, daß die Aus­bil­der ziem­lich schwach und ein­fäl­tig sind, da sie angeb­lich leicht der psy­cho­lo­gi­schen Mani­pu­la­ti­on durch den „star­ren“ Semi­na­ri­sten zum Opfer fal­len würden.

Zu kei­nem Zeit­punkt wird die Mög­lich­keit erwo­gen, daß die­ser Semi­na­rist dem Aus­bil­der im Sin­ne der Syn­oda­li­tät eine Dimen­si­on der Spi­ri­tua­li­tät sicht­bar machen könn­te, die die­ser bis­lang über­se­hen hat.

Das heißt: Das Dog­ma, dem man sich durch rei­ne Wil­lens­an­stren­gung anschlie­ßen muß, wobei sogar die Unter­schei­dung hint­an­ge­stellt wird, ist das von der OSAR ver­kün­de­te. Der Aus­bil­der muß wach­sam sein, damit er nicht an die­sem von den argen­ti­ni­schen Bischö­fen eta­blier­ten dog­ma­ti­schen Lehr­ge­bäu­de zweifelt.

An den ande­ren Dog­men, die im Cre­do gebe­tet wer­den, darf er dage­gen pro­blem­los zwei­feln, denn eine sol­che Hal­tung ist ein ein­deu­ti­ger und gesun­der Aus­druck dafür, daß es ihm an Starr­heit fehlt.

Es ist schwer, dar­in kei­ne ein­deu­ti­ge Mani­pu­la­ti­ons­tech­nik zu erken­nen. Ich fra­ge mich, ob die Aus­bil­der wirk­lich so wenig Durch­blick haben, daß sie die Mani­pu­la­ti­on, der sie aus­ge­setzt wer­den, nicht bemerken.

Eine abschlie­ßen­de Über­le­gung: Ich fra­ge mich auch, wie es mög­lich ist, daß die Bischö­fe sich die­ser Dik­ta­tur so bereit­wil­lig unter­wer­fen. Ich fin­de kei­ne Erklä­rung dafür, daß sie es vor­zie­hen, Semi­na­ri­sten mit kon­ser­va­ti­ven Hal­tun­gen aus ihren Semi­na­ren zu ver­trei­ben und damit den Gläu­bi­gen ihrer Diö­ze­sen jene Prie­ster vor­zu­ent­hal­ten, die sie so drin­gend benötigen.

War­um tun sie das? Was fürch­ten sie?

Das Doku­ment sagt es ganz klar: Wenn sie wäh­rend des Semi­nars nicht gehor­chen, wer­den sie auch als Prie­ster nicht gehor­chen; und eine der aus­ge­präg­te­sten Begier­den der Bischö­fe – obwohl sie natür­lich noch ande­re haben – ist die unver­fälsch­te und har­te Aus­übung von Macht über ihre Prie­ster. Was sie sich sichern wol­len, sind Knech­te, die jede Knie­beu­ge machen, die sie von ihnen verlangen.

Das erin­nert mich an die Dro­hun­gen, die ein argen­ti­ni­scher Erz­bi­schof, der sich heu­te im Vati­kan befin­det, aus­sprach. Semi­na­ri­sten, bei denen er kon­ser­va­ti­ve Nei­gun­gen ver­mu­te­te, die sie sicher­heits­hal­ber geschickt ver­bar­gen, sag­te er unter vier Augen:

„Ich wei­he Juan Pérez zum Prie­ster, der die­se und jene Eigen­schaf­ten besitzt. Wenn sich Juan Pérez aber nach sei­ner Wei­he als kon­ser­va­tiv erweist, dann ist er nicht mehr der­sel­be Juan Pérez, den ich geweiht habe; folg­lich wird die Wei­he ungültig.“

Und aus­ge­rech­net das sag­te jemand, von dem man heu­te annimmt, daß er über das Glau­bens­gut wacht.

Argen­ti­ni­en ist ein Land, in dem es sehr, sehr vie­le her­vor­ra­gen­de jun­ge Män­ner gibt – Katho­li­ken, gut aus­ge­bil­det, groß­zü­gig und mit dem Wunsch, Prie­ster zu wer­den. Aber sie haben kei­nen Ort, an den sie gehen kön­nen, weil sie wis­sen, was sie dort erwartet.

Und was sie erwar­tet, ist nicht die Ein­bil­dung eini­ger weni­ger Gestör­ter; es ist in Arti­keln wie dem hier bespro­che­nen dokumentiert.

Möge Gott dafür sor­gen, daß auf irgend­ei­ne Wei­se und an irgend­ei­nem Ort eine Mög­lich­keit ent­steht, ein Ort, an dem sie aus­ge­bil­det wer­den kön­nen und an dem wir sicher­stel­len kön­nen, daß die Gläu­bi­gen die Sakra­men­te erhalten.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blog­ger.

Bild: Cami­nan­te Wanderer

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