Die Kernfrage bezüglich der Priesterbruderschaft St. Pius X.


Am 1. Juli weihte die Piusbruderschaft gültig, aber unerlaubt vier neue Bischöfe ohne päpstliches Mandat. Am 2. Juli wurde die Beteiligten von Rom für exkommuniziert erklärt. Bereits Anfang Juni hatte Msgr. Athanasius Schneider, Weihbischof von Astana, einen bedeutungsvollen Aufsatz zur Frage veröffentlicht.
Am 1. Juli weihte die Piusbruderschaft gültig, aber unerlaubt vier neue Bischöfe ohne päpstliches Mandat. Am 2. Juli wurde die Beteiligten von Rom für exkommuniziert erklärt. Bereits Anfang Juni hatte Msgr. Athanasius Schneider, Weihbischof von Astana, einen bedeutungsvollen Aufsatz zur Frage veröffentlicht.

Von Bischof Atha­na­si­us Schneider*

Die Fra­gen und Pro­ble­me im Zusam­men­hang mit der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) sind seit über fünf­zig Jah­ren Gegen­stand einer weit­ge­hend ergeb­nis­lo­sen Debat­te und gip­feln nun in den ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen, für die der Hei­li­ge Stuhl noch kei­ne Zustim­mung erteilt hat. Die Dis­kus­si­on ist emo­tio­nal auf­ge­la­den – oft im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes „cum ira et stu­dio“1 – und wird häu­fig von Per­so­nen geführt, denen die direk­te Kennt­nis der ein­schlä­gi­gen Doku­men­te oder per­sön­li­che Erfah­run­gen mit der Pius­bru­der­schaft feh­len. Ihr Wis­sen ist viel­fach ober­fläch­lich und von vor­ge­faß­ten Mei­nun­gen geprägt. Infol­ge­des­sen gleicht die Debat­te oft einem Dia­log unter Tau­ben, bei dem die­sel­ben Argu­men­te end­los wie­der­holt wer­den, ohne daß ein nen­nens­wer­ter Fort­schritt erzielt wird.

Dar­über hin­aus läuft die Debat­te weit­ge­hend an der zen­tra­len Fra­ge vor­bei, die von der Pius­bru­der­schaft auf­ge­wor­fen wird. Die­ses Ver­säum­nis beruht auf einem grund­le­gen­den metho­di­schen Feh­ler und einem Man­gel an sach­li­cher Begrün­dung, was die objek­ti­ven dok­tri­nel­len und lit­ur­gi­schen Unklar­hei­ten angeht, die im Mit­tel­punkt der Kon­tro­ver­se ste­hen. Im Kern dreht sich der Kon­flikt um die Fra­ge nach der Wahrheit.

1. Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil im Kon­text der ande­ren zwan­zig öku­me­ni­schen Konzilien

Der erste Feh­ler besteht dar­in, ein Pasto­ral­kon­zil – in die­sem Fall das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – so zu behan­deln, als wäre es durch­weg dog­ma­tisch, und vor­aus­zu­set­zen, daß alle sei­ne Aus­sa­gen als end­gül­tig vor­ge­legt und für alle Katho­li­ken ver­bind­lich zu betrach­ten sei­en. Wer so ver­fährt, über­sieht, daß Paul VI. selbst erklär­te: „Es gibt Stim­men, die fra­gen, wel­che Auto­ri­tät, wel­che theo­lo­gi­sche Trag­wei­te das Kon­zil sei­nen Leh­ren bei­zu­mes­sen gedach­te, da es bekannt­lich ver­mied, fei­er­li­che dog­ma­ti­sche Defi­ni­tio­nen zu erlas­sen, die die Unfehl­bar­keit des kirch­li­chen Lehr­am­tes in Anspruch neh­men. Die Ant­wort ist dem­je­ni­gen bekannt, der sich an die Kon­zils­er­klä­rung vom 6. März 1964 erin­nert, die am 16. Novem­ber 1964 wie­der­holt wur­de: Ange­sichts des pasto­ra­len Cha­rak­ters des Kon­zils ver­mied es die­ses, in außer­or­dent­li­cher Wei­se Dog­men zu ver­kün­den, die mit dem Merk­mal der Unfehl­bar­keit aus­ge­stat­tet sind.“ (Gene­ral­au­di­enz vom 12. Janu­ar 1966). Dies gilt auch für die bei­den „dog­ma­ti­schen“ Kon­sti­tu­tio­nen des Kon­zils, Dei Ver­bum und Lumen gen­ti­um, da das Adjek­tiv „dog­ma­tisch“ eine wei­te­re Bedeu­tung hat und sich nicht auf Dog­men beschränkt, die als unfehl­ba­re Leh­ren ver­stan­den werden.

Unter den [Tex­ten der]2 übri­gen zwan­zig öku­me­ni­schen Kon­zi­li­en fin­den sich zahl­rei­che pasto­ra­le oder dis­zi­pli­nä­re Aus­sa­gen und Doku­men­te, die heu­te kei­ne Gül­tig­keit mehr haben (zum Bei­spiel das Dekret des Vier­ten Late­r­an­kon­zils, das besagt: „Wenn ein welt­li­cher Herr­scher es ver­säumt, sein Gebiet von der häre­ti­schen Unrein­heit zu säu­bern, soll er mit dem Bann der Exkom­mu­ni­ka­ti­on belegt wer­den.“), sowie nicht-defi­ni­ti­ve Lehr­aus­sa­gen (etwa zur Mate­rie und Form des Wei­he­sa­kra­ments vom Kon­zil von Flo­renz), die spä­ter vom Lehr­amt der Kir­che kor­ri­giert wur­den. Man darf nicht jede kon­kre­te histo­ri­sche Form der Kir­chen­lei­tung ver­ab­so­lu­tie­ren; denn dies wür­de die not­wen­di­ge Unter­schei­dung auf­he­ben zwi­schen einer­seits den unver­än­der­li­chen und blei­ben­den Glau­bens­wahr­hei­ten (Depo­si­tum fidei) und ande­rer­seits den ver­schie­de­nen Arten der Ver­mitt­lung die­ser Wahr­hei­ten (bei­spiels­wei­se pasto­ra­le Aus­sa­ge, nicht-defi­ni­ti­ve Lehr­aus­sa­ge oder Ex-cathe­dra-Defi­ni­ti­on), die jeweils einen unter­schied­li­chen Grad an Auto­ri­tät und Ver­bind­lich­keit besitzen.

Um heu­te in vol­ler Gemein­schaft mit dem Hei­li­gen Stuhl zu ste­hen, muß man jedoch jene Aus­sa­gen und Leh­ren des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils anneh­men, die pasto­ra­ler Natur und hin­sicht­lich ihres lehr­amt­li­chen Cha­rak­ters zwei­fel­los nicht-defi­ni­tiv sind. Dies wirft eine wich­ti­ge Fra­ge auf: War­um wird die vor­be­halt­lo­se Annah­me der Tex­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zur Con­di­tio sine qua non für die vol­le Gemein­schaft mit dem Hei­li­gen Stuhl gemacht, wäh­rend eine ver­gleich­ba­re For­de­rung hin­sicht­lich der pasto­ra­len, dis­zi­pli­nä­ren oder nicht-defi­ni­ti­ven Leh­ren der vor­an­ge­gan­ge­nen zwan­zig öku­me­ni­schen Kon­zi­li­en nicht existiert?

Unter den nicht-defi­ni­ti­ven Leh­ren des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils gibt es etli­che – ins­be­son­de­re jene zu Reli­gi­ons­frei­heit, Öku­me­ne, inter­re­li­giö­sem Dia­log und Kol­le­gia­li­tät –, deren For­mu­lie­run­gen mehr­deu­tig sind und sich nur schwer mit Leh­ren in Ein­klang brin­gen las­sen, die vom Lehr­amt bestän­dig vor­ge­tra­gen wur­den, und zwar von der Zeit der Kir­chen­vä­ter bis hin zur Epo­che unmit­tel­bar vor dem Konzil.

Hin­zu kommt die Fra­ge nach den ritu­el­len und dok­tri­nel­len Män­geln des Novus Ordo Mis­sae. Sol­che Beden­ken las­sen sich nicht län­ger von der Hand wei­sen, wie etwa das Zeug­nis von Archi­man­drit Boni­face Luy­kx in sei­nem Buch A Wider View of Vati­can II: Memo­ries and Ana­ly­sis of a Coun­cil Con­sul­tor (Ange­li­co Press, Brook­lyn, NY, 2025) belegt. Die Män­gel des Novus Ordo Mis­sae blei­ben Gegen­stand ernst­haf­ter Erör­te­run­gen und kön­nen nicht ein­fach über­gan­gen wer­den. Den­noch ver­langt der Hei­li­ge Stuhl von der Pius­bru­der­schaft nicht nur die Gül­tig­keit, son­dern auch die Recht­mä­ßig­keit und Stim­mig­keit der Lit­ur­gie­re­form, wie sie im Novus Ordo Mis­sae vor­liegt, anzuerkennen.

2. Zwei moder­ne Fehl­ent­wick­lun­gen im Leben der Kir­che: Lega­lis­mus und Papazentrismus

Die Lösung der Fra­ge um die Pius­bru­der­schaft wird nicht nur durch das Zögern erschwert, sich mit intel­lek­tu­el­ler Ehr­lich­keit den zugrun­de­lie­gen­den dok­tri­nel­len Fra­gen zu stel­len und die Exi­stenz kor­rek­tur­be­dürf­ti­ger dok­tri­nel­ler Unklar­hei­ten anzu­er­ken­nen, son­dern auch durch eine unge­sun­de Men­ta­li­tät, die sich im Lau­fe der letz­ten Jahr­hun­der­te in der Kir­che her­aus­ge­bil­det hat: näm­lich den Vor­rang des Lega­lis­mus oder Rechts­po­si­ti­vis­mus, ver­bun­den mit einem über­stei­ger­ten Papa­zen­tris­mus, der an eine Qua­si­ver­gött­li­chung sowohl des Amtes als auch der Per­son des Pap­stes grenzt.

Die­se moder­nen Über­stei­ge­run­gen ver­zer­ren und been­gen das Leben der Kir­che, indem sie den Vor­rang der Rein­heit und Klar­heit von Glau­be und Lit­ur­gie den Erfor­der­nis­sen des Lega­lis­mus und Papa­zen­tris­mus unter­ord­nen – ein Phä­no­men, das den Kir­chen­vä­tern und der gro­ßen Tra­di­ti­on fremd ist. In die­ser über­stei­ger­ten Form des Papa­zen­tris­mus neigt man dazu, dem Papst und sei­nem Lehr­amt, selbst wenn es nicht um strikt dog­ma­ti­sche oder defi­ni­ti­ve Aus­sa­gen geht, einen abso­lu­ten und qua­si­gött­li­chen Cha­rak­ter zuzu­schrei­ben. Das kirch­li­che Kli­ma wur­de oft, zumin­dest impli­zit, von Annah­men geprägt, die sol­chen Hal­tun­gen nahekommen.

Die mei­sten Kom­men­ta­to­ren der aktu­el­len Kon­tro­ver­se um die Bischofs­wei­hen der Pius­bru­der­schaft blei­ben, oft unbe­wußt, von jenen Aus­wüch­sen des Lega­lis­mus und des über­stei­ger­ten Papa­zen­tris­mus beein­flußt, die wei­te Tei­le des heu­ti­gen kirch­li­chen Lebens prä­gen. Die Rechts­auf­fas­sung, wonach Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­che Geneh­mi­gung oder gegen den aus­drück­li­chen Wil­len des Pap­stes einen Akt des Schis­mas dar­stel­len, war der Ära der Kir­chen­vä­ter fremd. Tat­säch­lich trat die­se Rege­lung erst im zwei­ten Jahr­tau­send in Kraft. Kanon 1387 des Codex Iuris Cano­ni­ci von 1983, der die Bischofs­wei­he ohne päpst­li­ches Man­dat unter­sagt, ist unter den „Ver­ge­hen gegen die Sakra­men­te“ ein­ge­ord­net und nicht unter den „Ver­ge­hen gegen den Glau­ben und die Ein­heit der Kir­che“, wo das Schis­ma sank­tio­niert wird (can. 1364). Wäre eine Bischofs­wei­he ohne päpst­li­ches Man­dat ihrem Wesen nach schis­ma­tisch, so wäre sie bei den Ver­ge­hen „gegen die Ein­heit der Kir­che“ ange­sie­delt. Der ent­spre­chen­de Kanon im Codex von 1917 war eben­falls unter den „Ver­ge­hen bei der Ver­wal­tung und dem Emp­fang von Wei­hen und ande­ren Sakra­men­ten“ (Titel XVI) ein­ge­ord­net und nicht unter den „Ver­ge­hen gegen den Glau­ben und die Ein­heit der Kir­che“ (Titel XI).

3. Die außer­or­dent­li­che Kri­se, ja der Not­stand in der Kirche

Seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil herrscht in der katho­li­schen Kir­che ein Kli­ma all­ge­mei­ner Mehr­deu­tig­keit, Unschär­fe und Unge­wiß­heit hin­sicht­lich wich­ti­ger Glau­bens­leh­ren, wie etwa der Ein­zig­ar­tig­keit Chri­sti als Erlö­ser, der Ein­zig­ar­tig­keit der katho­li­schen Kir­che, der von Gott gestif­te­ten mon­ar­chi­schen Struk­tur der Kir­che (sowohl auf uni­ver­sa­ler als auch auf loka­ler Ebe­ne) und des Opfer­cha­rak­ters der Hei­li­gen Mes­se. Es ist unüber­seh­bar, daß jene, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten Ver­wal­tungs­ge­walt am Hei­li­gen Stuhl inne­hat­ten und sie auch heu­te noch aus­üben, von der Pius­bru­der­schaft als Con­di­tio sine qua non für die vol­le Gemein­schaft mit dem Hei­li­gen Stuhl die Aner­ken­nung jenes fak­ti­schen Zustands der dok­tri­nel­len und lit­ur­gi­schen Mehr­deu­tig­keit und des Rela­ti­vis­mus ver­lan­gen, der sei­nen Höhe­punkt mit dem gegen­wär­ti­gen, über­aus ver­wir­ren­den und die gesam­te Kir­che betref­fen­den syn­oda­len Pro­zeß erreicht hat. Seit dem Kon­zil ist unter Ver­wen­dung von eini­gen der genann­ten mehr­deu­ti­gen Leh­ren ein Pro­zeß im Gan­ge, um mit der Auto­ri­tät des römi­schen Pap­stes eine soge­nann­te Kir­che des zwei­ten Vati­ka­nums oder Kon­zils­kir­che zu eta­blie­ren. Die­se Ten­denz, die heut­zu­ta­ge unter der neu­en Bezeich­nung „Syn­oda­le Kir­che“ auf­tritt, zielt im Grun­de dar­auf ab, eine rela­ti­vi­sti­sche, an die Welt ange­paß­te Reli­gi­on zu sein. Ver­su­che, die­se neue Strö­mung hin zu einer mehr­deu­ti­gen, rela­ti­vi­sti­schen und welt­li­chen Gestalt der katho­li­schen Kir­che mit­tels einer „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät“ zu ver­schlei­ern, sind unehr­lich und nicht überzeugend.

4. Der Gewis­sens­kon­flikt der Piusbruderschaft

Der Hei­li­ge Stuhl ver­langt von der Pius­bru­der­schaft die Bil­li­gung mehr­deu­tig for­mu­lier­ter und nicht-defi­ni­ti­ver Leh­ren als Con­di­tio sine qua non für die vol­le Gemein­schaft mit dem Hei­li­gen Stuhl und die kano­ni­sche Aner­ken­nung. Dazu gehö­ren Leh­ren zur Reli­gi­ons­frei­heit, zur Öku­me­ne, zum inter­re­li­giö­sen Dia­log (ein­schließ­lich bei­spiels­wei­se der Aus­sa­ge in Lumen genti­um 16, daß Mus­li­me gemein­sam mit Katho­li­ken „den einen und barm­her­zi­gen Gott anbe­ten“), zur bischöf­li­chen Kol­le­gia­li­tät (in einem Ver­ständ­nis, das die von Gott gestif­te­te mon­ar­chi­sche Struk­tur der Kir­che schwächt) und zu den mit dem Novus Ordo Mis­sae zusam­men­hän­gen­den lit­ur­gi­schen Refor­men. Zudem for­dert der Hei­li­ge Stuhl von der Pius­bru­der­schaft die for­mel­le Aner­ken­nung jener Erklä­run­gen und Leh­ren der nach­kon­zi­lia­ren Päp­ste, die zum soge­nann­ten authen­ti­schen und ordent­li­chen Lehr­amt gehö­ren. Hier­zu zäh­len bei­spiels­wei­se bestimm­te Aus­sa­gen in Amo­ris laeti­tia, wel­che die gött­li­che Offen­ba­rung ernst­haft unter­gra­ben und ihr sogar wider­spre­chen, die for­mel­le Erlaub­nis von Papst Fran­zis­kus für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne, die Hei­li­ge Kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen, und die Erklä­rung Fidu­cia suppli­cans über Seg­nun­gen für gleich­ge­schlecht­li­che Paare.

Betrach­tet man mit intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit die außer­or­dent­li­che Kri­se, die die Kir­che seit dem Kon­zil heim­ge­sucht hat – samt den Mehr­deu­tig­kei­ten und dem dok­tri­nel­len, lit­ur­gi­schen und pasto­ra­len Rela­ti­vis­mus, die bei­de damit ein­her­ge­hen –, so las­sen sich Exi­stenz und Wir­ken der Pius­bru­der­schaft aus einer erwei­ter­ten Per­spek­ti­ve und im Licht der zwei­tau­send­jäh­ri­gen Kir­chen­ge­schich­te als Werk der gött­li­chen Vor­se­hung und als Hil­fe für die Kir­che in einer Kri­se von bei­spiel­lo­sem Aus­maß begreifen.

Bei der Lek­tü­re der jüng­sten Doku­men­te des Gene­ral­obe­ren der Pius­bru­der­schaft, Pater Davi­de Pagli­a­ra­ni, ins­be­son­de­re der Katho­li­sche Glau­bens­er­klä­rung und sei­ner Mit­tei­lung an die Bru­der­schaft und ihre Gläu­bi­gen, läßt sich unschwer ein durch und durch katho­li­scher Geist erken­nen, der von einem ech­ten Glau­ben an den päpst­li­chen Pri­mat und einer kind­li­chen Erge­ben­heit gegen­über der Per­son des Pap­stes geprägt ist.3

Das Pro­blem, vor dem die Pius­bru­der­schaft steht, ist nicht schwer zu ver­ste­hen. Der Hei­li­ge Stuhl ver­langt von der Pius­bru­der­schaft, daß sie bestimm­te objek­tiv mehr­deu­ti­ge und nicht-defi­ni­ti­ve Leh­ren des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, mehr­deu­ti­ge Aus­sa­gen des nach­kon­zi­lia­ren päpst­li­chen Lehr­amts sowie objek­ti­ve dok­tri­nel­le und ritu­el­le Män­gel des Novus Ordo ohne wesent­li­che Ein­wän­de akzep­tiert. Doch Gott hat nie­mals die Annah­me von Leh­ren ver­langt, die unklar oder mehr­deu­tig for­mu­liert sind, und die Kir­che hat im Lau­fe ihrer Geschich­te stets dem­entspre­chend gehandelt.

Die Pius­bru­der­schaft betrach­tet es als einen ihrer wesent­li­chen Daseins­grün­de, mit Par­r­he­sie für eine Rück­kehr zur abso­lu­ten Klar­heit und Rein­heit der Leh­re auf­zu­ru­fen, die die Kir­che über die Jahr­hun­der­te hin­weg stets zu bewah­ren bestrebt war. In der Ver­gan­gen­heit nah­men die römi­schen Päp­ste Ver­fol­gung, Mar­ty­ri­um und sogar Schis­men in Kauf, anstatt auch nur die gering­ste Mehr­deu­tig­keit in der Dar­le­gung des Glau­bens zu dul­den. Zu den bemer­kens­wer­te­sten Bei­spie­len gehö­ren die Ableh­nung des mehr­deu­ti­gen Begriffs „homo­iou­si­os“, die Ableh­nung des Heno­ti­kon, das, obwohl es nicht for­mell häre­tisch war, den­noch die Klar­heit der chri­sto­lo­gi­schen Leh­re unter­grub und die Aus­brei­tung des Mono­phy­si­tis­mus begün­stig­te, sowie die Ableh­nung der mehr­deu­ti­gen chri­sto­lo­gi­schen For­mu­lie­run­gen von Papst Hono­ri­us I. († 638). Meh­re­re Päp­ste ver­ur­teil­ten Hono­ri­us I. post­hum, nicht wegen Häre­sie, son­dern wegen dok­tri­nel­ler Mehr­deu­tig­keit und weil er zur Aus­brei­tung der Häre­sie bei­getra­gen hat­te. Ein­heit an sich ist nicht das ober­ste Kri­te­ri­um der Wahr­heit. Die Kir­chen­ge­schich­te kennt zahl­rei­che Situa­tio­nen, in denen Span­nun­gen zwi­schen der Tra­di­ti­on und der tat­säch­li­chen Aus­übung kirch­li­cher Auto­ri­tät bestanden.

Gera­de die Tat­sa­che, daß bestimm­te Leh­ren des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zusam­men mit der Lit­ur­gie­re­form zu einer Schwä­chung der dok­tri­nel­len Klar­heit geführt haben und sowohl in der Theo­rie als auch in der Pra­xis wei­ter­hin füh­ren, ver­pflich­tet den Papst dazu, dem Bei­spiel vie­ler sei­ner hel­den­haf­ten Vor­gän­ger zu fol­gen, die­se Leh­ren zu prä­zi­sie­ren und nöti­gen­falls zu berich­ti­gen. Dies soll­te mit einer der­art erneu­er­ten dok­tri­nel­len Prä­zi­si­on und Klar­heit gesche­hen, daß kein Raum für mehr­deu­ti­ge oder irri­ge Aus­le­gun­gen bleibt. In die­ser Hin­sicht ist der fol­gen­de Grund­satz, der die römi­schen Päp­ste seit lan­gem gelei­tet hat, bedeu­ten­der denn je: „Mehr­deu­tig­keit darf nie­mals auf einer Syn­ode (einem Kon­zil) gedul­det wer­den, deren vor­nehm­ster Ruhm vor allem dar­in besteht, die Wahr­heit klar zu leh­ren und jede Gefahr des Irr­tums aus­zu­schlie­ßen“ (Pius VI., Auc­torem fidei).4

Die Tra­gik der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on besteht dar­in, daß der Hei­li­ge Stuhl von der Pius­bru­der­schaft ver­langt, den bestehen­den Zustand dok­tri­nä­rer und lit­ur­gi­scher Unklar­heit als Con­di­tio sine qua non für die vol­le Gemein­schaft und die kano­ni­sche Aner­ken­nung zu akzep­tie­ren. Wäh­rend des Mono­the­le­tis­mus­streits, als Papst Hono­ri­us I. eine mehr­deu­ti­ge Hal­tung ein­nahm, sand­te der hei­li­ge Patri­arch Sophro­ni­us von Jeru­sa­lem sei­nen Suf­fra­gan Ste­phan, Bischof von Dor, nach Rom mit der Wei­sung, sich an den Apo­sto­li­schen Stuhl, den Ort, an dem die Grund­la­gen der recht­gläu­bi­gen Leh­re zu fin­den sind, zu wen­den und nicht eher mit Gebet und Bit­ten auf­zu­hö­ren, bis die zustän­di­gen Auto­ri­tä­ten den neu auf­ge­kom­me­nen Irr­tum geprüft und ver­ur­teilt hät­ten. Bischof Ste­phan blieb zehn Jah­re lang in Rom und harr­te in die­ser Mis­si­on aus, bis er auf der Late­r­an­syn­ode von 649 die Ver­ur­tei­lung der Häre­sie durch Papst Mar­tin I. mit­er­leb­te. In gewis­ser Wei­se erfüllt die Pius­bru­der­schaft heu­te eine ähn­li­che Auf­ga­be, indem sie den Hei­li­gen Stuhl unab­läs­sig dazu drängt, den Zustand dok­tri­nel­ler und lit­ur­gi­scher Unklar­heit und Unsi­cher­heit zu been­den. Wie­der­holt hat die Pius­bru­der­schaft erklärt, sie habe kei­ne ande­re Absicht, als die ihr zur pasto­ra­len Sor­ge anver­trau­ten See­len zu guten Chri­sten und wah­ren Söh­nen und Töch­tern der römi­schen Kir­che zu for­men. Im Grun­de soll­te man der Pius­bru­der­schaft für die­se Tätig­keit dank­bar sein. Künf­ti­ge Päp­ste wer­den es mit Sicher­heit sein.

5. Die pasto­ra­le Lösung des Pap­stes für das Pro­blem der Piusbruderschaft

Der Hei­li­ge Stuhl soll­te die vom Gene­ral­obe­ren der Pius­bru­der­schaft her­aus­ge­ge­be­ne Katho­li­sche Glau­bens­er­klä­rung und die Mit­tei­lung an die Gläu­bi­gen gebüh­rend berück­sich­ti­gen und die­se Doku­men­te sowie die ent­spre­chen­den Hand­lun­gen als aus­rei­chend und als Erfül­lung der Min­dest­be­din­gun­gen für die kirch­li­che Gemein­schaft aner­ken­nen. Eine Exkom­mu­ni­ka­ti­on zum jet­zi­gen Zeit­punkt wür­de dem mysti­schen Leib Chri­sti eine neue, unnö­ti­ge und ver­meid­ba­re Wun­de zufügen.

Ange­sichts die­ser Doku­men­te und Hand­lun­gen der Pius­bru­der­schaft könn­te der Papst mit väter­li­chem Her­zen eine Aus­nah­me machen und durch eine wahr­haft groß­zü­gi­ge pasto­ra­le Geste die Bischofs­wei­hen gestat­ten. Mit der Ver­hän­gung einer Exkom­mu­ni­ka­ti­on über die wei­hen­den und die geweih­ten Bischö­fe wür­de das Ober­haupt der Kir­che impli­zit auch die Gläu­bi­gen der Pius­bru­der­schaft bestra­fen – einen Teil sei­ner Her­de –, die ihn auf­rich­tig lie­ben und aner­ken­nen, aber auf­grund einer Situa­ti­on, die sie als ech­ten Gewis­sens­kon­flikt erle­ben, kei­ne ande­re Mög­lich­keit sehen, als sich wei­ter­hin pasto­ral von der Pius­bru­der­schaft betreu­en zu las­sen. Für deren Fort­be­stand ist das Bischofs­amt uner­läß­lich, ins­be­son­de­re für die Spen­dung der Sakra­men­te der Prie­ster­wei­he und Firmung.

Daher bit­tet die Pius­bru­der­schaft ein­zig zum Wohl der See­len und zum Wohl der Kir­che dar­um, daß das Ober­haupt der Kir­che unter den gegen­wär­ti­gen Umstän­den Ver­ständ­nis für ihren Bedarf an Bischö­fen auf­bringt und die Bischofs­wei­hen gestat­tet. Bedau­er­li­cher­wei­se wird die Pius­bru­der­schaft unge­ach­tet des­sen, was für sie einen objek­ti­ven Gewis­sens­kon­flikt bedeu­tet, größ­ten­teils als schis­ma­tisch und hoch­mü­tig charakterisiert.

Im Gei­ste des Groß­muts könn­te das Ober­haupt der Kir­che als wah­rer Vater eine Brücke zur Pius­bru­der­schaft, die­sem Teil sei­ner Her­de, schla­gen und die Bischofs­wei­hen aus­nahms­wei­se gestat­ten, um ein Kli­ma zu för­dern, in dem durch grö­ße­res gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en gedul­dig und schritt­wei­se eine Lösung für die dok­tri­nel­len Fra­gen und die ent­spre­chen­den kir­chen­recht­li­chen Rege­lun­gen gefun­den wer­den kann. Die syn­oda­le Kir­che unse­rer Zeit soll­te zu einer sol­chen pasto­ra­len Wei­te und Groß­her­zig­keit fähig sein. Ange­sichts der vie­len groß­her­zi­gen öku­me­ni­schen Erklä­run­gen und Initia­ti­ven der letz­ten Jahr­zehn­te soll­te sie glei­cher­ma­ßen ihre Fähig­keit unter Beweis stel­len, ein ern­stes kirch­li­ches Pro­blem inner­halb der katho­li­schen Kir­che durch Dia­log, Geduld und Ver­ständ­nis anzugehen.

Kürz­lich bekräf­tig­te Kar­di­nal Pie­tro Paro­lin, der Staats­se­kre­tär des Vati­kans, ange­sichts der Abwei­chun­gen der deut­schen Bischö­fe, der Hei­li­ge Stuhl wün­sche nicht, daß sich Span­nun­gen zu Straf­maß­nah­men aus­wei­ten. Er beton­te, daß Pro­ble­me inner­halb der Kir­che, wenn irgend mög­lich, fried­lich gelöst wer­den soll­ten. War­um soll­te die­ser Ansatz nicht auch auf die Pius­bru­der­schaft ange­wandt wer­den, die kein Dog­ma, leug­net, den Pri­mat des Pap­stes aner­kennt, für ihn betet und sich zu einer kind­li­chen Erge­ben­heit ihm gegen­über bekennt, wäh­rend sie ledig­lich das bewahrt, was die Kir­che bis zum Kon­zil all­ge­mein glaub­te und fei­er­te? Unter­des­sen hat der deut­sche „Syn­oda­le Weg“ deut­li­che dok­tri­nel­le Abwei­chun­gen her­vor­ge­bracht, die de fac­to Häre­si­en und sogar blas­phe­mi­sche Posi­tio­nen för­dern. War­um also soll­te man im einen Fall auf Ver­söh­nung und gedul­di­gen Dia­log set­zen, im ande­ren jedoch nicht?

Soll­te der Papst in die­sem Jahr die Exkom­mu­ni­ka­ti­on, also ein neu­es Ana­them, über die wei­hen­den und die geweih­ten Bischö­fe ver­hän­gen, so wür­de dies als ein Feh­ler über­mä­ßi­ger pasto­ra­ler Här­te in die Kir­chen­ge­schich­te ein­ge­hen. Künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen und künf­ti­ge Päp­ste wür­den es bereu­en. War­um soll­te der Papst heu­te etwas tun, das künf­ti­ge Gene­ra­tio­nen mor­gen bekla­gen könn­ten? Soll­ten wir nicht aus der Geschich­te ler­nen? Ist der Papst als Ober­haupt der Kir­che nicht vor allem dazu beru­fen, Brücken zu bauen?

*Fol­gen­der Auf­satz von Msgr. Atha­na­si­us Schnei­der, Weih­bi­schof von Ast­a­na, wur­de von Dia­ne Mon­tagna bereits Anfang Juni auf Sub­stack ver­öf­fent­licht. Auf­grund sei­ner Bedeu­tung mit Blick auf die jüng­sten Ereig­nis­se der Bischofs­wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. und der römi­schen Reak­ti­on dar­auf, doku­men­tie­ren wir ihn.

Anmer­kung

Über­set­zung aus dem Eng­li­schen unter Ver­wen­dung von Goog­le Trans­la­tor und Deepl sowie Bear­bei­tung des End­no­ten­ap­pa­rats: Gott­fried Paschke.

Bild: Titel­sei­te des Pro­gramm­hefts zu den Bischofsweihen/FSSPX.de (Screen­shot)

  1. „Mit Zorn und Eifer“ (Anmer­kung G.P.). ↩︎
  2. Ergän­zung durch den Über­set­zer (G.P.). ↩︎
  3. Inter­view mit dem Gene­ral­obe­ren der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., 2. Febru­ar 2026.
    https://​fsspx​.news/​e​n​/​n​e​w​s​/​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​s​u​p​e​r​i​o​r​-​g​e​n​e​r​a​l​-​p​r​i​e​s​t​l​y​-​s​o​c​i​e​t​y​-​s​a​i​n​t​-​p​i​u​s​-​x​-​5​7​064
    https://​fsspx​.news/​d​e​/​n​e​w​s​/​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​m​i​t​-​d​e​m​-​g​e​n​e​r​a​l​o​b​e​r​e​n​-​d​e​r​-​p​r​i​e​s​t​e​r​b​r​u​d​e​r​s​c​h​a​f​t​-​s​t​-​p​i​u​s​-​x​-​5​7​064
    Auf­ge­ru­fen am 4.7.2026.
    „Mit­tei­lung an die Gläu­bi­gen und Freun­de der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X.“, 7. März 2026.
    https://​fsspx​.org/​e​n​/​n​e​w​s​/​e​p​i​s​c​o​p​a​l​-​c​o​n​s​e​c​r​a​t​i​o​n​s​-​w​h​a​t​-​f​r​-​p​a​g​l​i​a​r​a​n​i​-​t​o​l​d​-​m​e​m​b​e​r​s​-​s​o​c​i​e​t​y​-​s​a​i​n​t​-​p​i​u​s​-​x​-​5​9​250
    https://fsspx.org/de/news/bischofsweihen-pater-pagliarani-den-mitgliedern-der-priesterbruderschaft-st-pius-x-gesagt‑0
    Auf­ge­ru­fen am 4.7.2026.
    „Katho­li­sche Glau­bens­er­klä­rung, gerich­tet an Sei­ne Hei­lig­keit Papst Leo XIV. von Pater Davi­de Pagli­a­ra­ni, Gene­ral­obe­rer der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X.“, 14. Mai 2026.
    https://sspx.org/sites/default/files/documents/2026–05-14_declaration_of_catholic_faith_en.pdf
    https://​fsspx​.news/​d​e​/​n​e​w​s​/​k​a​t​h​o​l​i​s​c​h​e​-​g​l​a​u​b​e​n​s​e​r​k​l​a​e​r​u​n​g​-​g​e​r​i​c​h​t​e​t​-​p​a​p​s​t​-​l​e​o​-​x​i​v​-​5​9​110
    Auf­ge­ru­fen am 4.7.2026.
    Hin­weis zur Ver­lin­kung: Unter dem Link aus dem eng­li­schen Ori­gi­nal ist zusätz­lich der Link zur deut­schen Fas­sung des jewei­li­gen Tex­tes ange­ge­ben (G.P.). ↩︎
  4. https://​www​.vati​can​.va/​c​o​n​t​e​n​t​/​p​i​u​s​-​v​i​/​i​t​/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​b​o​l​l​a​-​a​u​c​t​o​r​e​m​-​f​i​d​e​i​-​2​8​-​a​g​o​s​t​o​-​1​7​9​4​.​h​tml
    Auf­ge­ru­fen am 4.7.2026. ↩︎

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