Von Johannes Jakob*
Junge traditionelle Katholiken reisten aus der ganzen Welt nach Ecône in der Schweiz. Sie wussten bereits, dass der Vatikan vor der Exkommunikation gewarnt hatte. Sie sind trotzdem gekommen. Sie hielten in der fast fünfstündigen Liturgie bis zum Schluss unter freiem Himmel aus, obwohl zunächst die Sonne brannte und die Feier dann kurz vor der Austeilung der heiligen Kommunion von einem starken Gewitter heimgesucht wurde.
Die Gläubigen – es sollen über fünfzehntausend gewesen sein – sangen während des sintflutartigen Regensturms den Rosenkranz und empfingen danach auf regendurchnässten Wiesen kniend die heilige Kommunion.
Die traditionellen Katholiken waren als Zeugen dabei, als vier neue Bischöfe geweiht wurden, obwohl der Papst dazu keine Erlaubnis erteilt hatte.
Das Glaubensfest der Priesterbruderschaft St. Pius X. war für viele ein Moment der Gnade, ein Zeichen dafür, dass die Tradition nicht tot ist und dass die Gläubigen nicht weggespült werden.
Auch jetzt, nach den unmittelbar nach den Bischofsweihen verkündeten Exkommunikationsdekreten – die womöglich streng rechtlich nur für die Bischöfe gelten, weil die Exkommunikation der Geistlichen nur in einer erklärenden Note zu finden ist, die eigentlich keine Rechtskraft hat – hoffen die vielen bei dieser Liturgiefeier anwesenden Gläubigen auf Einigkeit mit Rom. Sie beten für den Papst. Aber sie werden den Glauben, den sie empfangen haben und der durch die lebendige Tradition der Kirche bezeugt ist, nicht aufgeben. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass diese Menschen wegen der Exkommunikation keine Angst haben. Ihre einzige Sorge besteht darin, zu verlieren, was sie verteidigen wollen – den Glauben.
Diese Menschen wissen, warum sie die Weihe für notwendig halten: wegen der schlimmen Zustände in der Kirche, ihrer Führungskrise, der Unterdrückung der alten tridentinischen Messe und vor allem wegen dem Niedergang und dem Verlust der katholischen Lehre.
Die Bischofsweihen von Ecône am 1. Juli 2026 einfach nur als einen „schismatischen Akt“ zu bezeichnen impliziert bereits eine bestimmte Auffassung und Deutung päpstlicher Autorität. Doch das in Anwendung dieser Autorität angeblich eingetretene Ergebnis – die automatische Exkommunikation – muss keineswegs als unanfechtbar gelten.
Bis heute sehen wir, wie sich Päpste mit allen möglichen ketzerischen, darunter auch sich christlich bezeichnenden Führern der Welt, mit Förderern der Unmoral und mit sich selbst darstellenden sogenannten Weltstars jedweder Couleur und sogar mit offen gegen die katholische Kirche agierenden Menschen treffen.
Mit dem Oberhaupt einer blühenden, wachsenden Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche trifft sich Papst Leo XIV. nicht. Als Grund wird seitens des Vatikans angegeben, diese Gemeinschaft, die Priesterbruderschaft St. Pius X., akzeptiere nicht das Zweite Vatikanische Konzil. Dieses angeblich schwere Vergehen sei eine Sünde. Bis heute hat der Vatikan nicht präzise definiert und öffentlich erklärt, welche Sätze des nicht dogmatischen 2. Vatikanischen Konzils als unfehlbar anzunehmen seien.
Wäre der Vatikan doch nur in den vergangenen Jahren genauso mutig gewesen, Katholiken zu disziplinieren, die die Verurteilung der Geburtenkontrolle durch das Zweite Vatikanische Konzil (Gaudium et Spes 51) oder die Verteidigung der Heilsnotwendigkeit der Kirche (Lumen Gentium 14) ablehnten.
Angesichts der mehr und mehr um sich greifenden Ketzereien, Unmoral und respektloser Liturgien, aber auch der oberflächlichen, ja energielosen und kaum vorhandenen Durchsetzung – oder auch nur Erwähnung – der katholischen Lehre durch die Hierarchie, kann man zu der Einsicht gelangen, dass nicht die Priesterbruderschaft St. Pius X. das eigentliche Problem für die Römische Kirche ist.
Papst Leo XIV. hätte die unrechtmäßigen Bischofsweihen als Akt der Barmherzigkeit und Versöhnung genehmigen sollen. Es wäre so einfach gewesen: Die Bruderschaft bittet um vier Bischöfe, der Papst antwortet, er erhält eine Liste mit einem Dutzend Namen um vier auszuwählen. Problem gelöst.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. erkennt – seit sie besteht – den Papst als Kirchenoberhaupt an und nennt ihn im Kanon der heiligen Messen jedes einzelnen Priesters innerhalb der Priestervereinigung. Sie erkennt Leo XIV. als höchste Autorität der katholischen Kirche an und erhebt nicht den Anspruch, eine Parallelkirche zu gründen bzw. sein zu wollen.
Das alles bedeutet sicherlich nicht, dass die Bruderschaft über Kritik erhaben ist, noch dass jede ihrer Entscheidungen klug oder korrekt ist. Es bedeutet auch nicht notwendigerweise, dass die Exkommunikationen ungültig sind.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) hat den Konflikt mit dem Vatikan zu Recht als Glaubensfrage dargestellt. Ihr ging es nie alleine nur um die Ästhetik der tridentinischen Messe. Dies wäre eine Verkürzung der Beweggründe von Erzbischof Lefebvre und der heutigen Führung der Bruderschaft. Ihrer Ansicht nach haben es die Kirchenoberen versäumt, den katholischen Glauben so weiterzugeben, wie er von früheren Generationen von Katholiken überliefert worden ist. Und dem ist kaum zu widersprechen.
Unabhängig ob man zustimmt oder nicht: Die Piusbruderschaft vertritt die Position, dass ein Zustand der Notwendigkeit – ein Notstand – besteht, das Glaubensgut bewahren zu müssen. Selbst wenn man dem zustimmt, ist diese These angreifbar. Aber man kann sie nicht einfach abtun; sie muss auf einer theologischen und faktischen Ebene diskutiert werden – nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche.
Die Gemeinschaft mit dem Papst gilt seit jeher als wesentlicher Bestandteil des katholischen Glaubens und ist ein Kernpunkt der katholischen Lehre. Nur durch ihn wird die sichtbare Einheit der Kirche gewährt und darum ist dies grundlegend. Da die Bischofsweihen ohne päpstliche Genehmigung stattgefunden haben, besteht für die Piusbruderschaft ein offensichtliches Problem.
Obwohl einerseits eine übermäßig papistische Auffassung des Petrusamtes verbreitet ist, scheren sich andererseits innerhalb der Kirche viele kaum um das, was der Papst sagt (man denke aktuell an das Verbot für Laien, bei der Messe zu predigen).
Bei gewissen Punkten jedoch wird fast jedes Wort und jede pastorale Entscheidung des Papstes automatisch als unfehlbare lehramtliche Entscheidung begründet. Doch das Erste Vatikanische Konzil hat dies nie gelehrt. Unfehlbarkeit ist streng begrenzt und fällt nicht mit jedem Wort und mit jeder Handlung des Papstes zusammen.
Unausweichlich stellt sich die Frage: Wenn in der Geschichte ein Widerspruch zwischen den Aussagen oder Ausrichtungen verschiedener Päpste zu bestehen scheint, welchem [?] Kriterium sollte ein Katholik folgen? Etwa bei sich in bestimmten Aussagen von Päpsten auf den einen oder anderen setzen, also sich wie ein Fähnchen im Wind drehen? Dem aktuellen Papst folgen, einfach weil er jetzt das Sagen hat? Oder der Tradition folgen: dem, was die Kirche immer geglaubt, gelehrt und bewahrt hat?
Das jeweilige Lehramt, der Papst, steht nicht über der Tradition, vielmehr ist er ihr Hüter und Diener. Gerade die Tradition gewährleistet die Kontinuität des katholischen Glaubens über die Jahrhunderte hinweg.
38 Jahre hatte Rom Zeit, sich in Gesprächen mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. ernsthaft zu befassen und eine Einigung zu erzielen. Zwar gab es zwischendurch Lehrgespräche mit der Glaubenskongregation. Die Gründe des Scheiterns wurden nicht veröffentlicht. Warum? Auch die behandelten Themen wurden nicht bekannt gegeben. Gab es damals vielleicht bereits Übereinstimmungen? Was ist ungeklärt geblieben?
Womöglich würde Transparenz allen zugutekommen. Sie würde vielleicht sogar helfen zu verstehen, dass es nicht nur um ideologische Gegensätze zwischen „Progressiven“ und „Traditionalisten“ geht, sondern um eine respektvolle ekklesiologische und doktrinäre Auseinandersetzung. Kirchenmänner müssen reale Probleme angehen, die sich nicht mit Parolen oder Vereinfachungen lösen lassen. Auch nicht durch eine fatale finale Entscheidung des Papstes.
Die Kirche hat durch die Wahrheit nichts zu verlieren. Im Gegenteil: Gerade die aufrichtige Suche nach Wahrheit, in Treue zur Tradition und in kirchlicher Gemeinschaft, kann den Weg für eine echte Versöhnung ebnen.
*Johannes Jakob ist Laie und in keiner Form Mitglied der FSSPX
Bild: Youtube/Piusfilm (Screenshot)
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