Von Roberto de Mattei*
Vor siebzig Jahren, im Jahre 1956, erlebte die Welt einen der dramatischsten Augenblicke der Nachkriegszeit. Zwei Ereignisse, die sich nur wenige Tage nacheinander zutrugen, prägten jenes Jahr tiefgreifend: der Aufstand gegen das kommunistische Regime in Ungarn am 23. Oktober und der Ausbruch des arabisch-israelischen Krieges mit der Suezkrise am 29. desselben Monats. Diese Ereignisse, insbesondere die Bilder des ungarischen antikommunistischen Widerstandes, lösten in der öffentlichen Meinung tiefe Erschütterung aus und veranlaßten Papst Pius XII., an die ganze Welt drei kurze, aber bedeutsame Enzykliken zu richten.
Mit der ersten, Luctuosissimi eventus vom 28. Oktober, ordnete der Papst öffentliche Gebete an, damit dem vom Kommunismus unterdrückten ungarischen Volk ein auf Gerechtigkeit gegründeter Friede gewährt werde. Mit der zweiten, Laetamur admodum vom 1. November, brachte der Papst auch seine Besorgnis über den anderen bewaffneten Konflikt zum Ausdruck, der inzwischen im Nahen Osten, unweit des Heiligen Landes, ausgebrochen war. In der dritten Enzyklika, Datis nuperrime vom 5. November, erklärte Pius XII. nach der tragischen Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch die Rote Armee feierlich:
„Das Blut des ungarischen Volkes schreit zum Herrn, der als gerechter Richter zwar die Sünden der einzelnen oft erst nach dem Tode bestraft, bisweilen jedoch auch die Regierenden und selbst die Nationen schon in diesem Leben wegen ihrer Ungerechtigkeiten heimsucht, wie uns die Geschichte lehrt.“
Am 10. November erhob der Papst in seiner Rundfunkansprache Für Freiheit und Frieden einen neuen eindringlichen Appell zugunsten des ungarischen Volkes. Die bedeutendste Stellungnahme aber war die Weihnachtsansprache vom 23. Dezember, in der Pius XII. enthüllte, daß er die Möglichkeit erwogen hatte, einen Kreuzzug zur Verteidigung des unterdrückten Ungarn auszurufen.
Seine Worte lauteten:
„Wir Unsererseits haben als Oberhaupt der Kirche gegenwärtig, wie schon in früheren Fällen, darauf verzichtet, die Christenheit zu einem Kreuzzug aufzurufen.“
Der Papst beansprucht somit ausdrücklich das Recht der Oberhirten der Kirche, einen Kreuzzug auszurufen; und auch wenn er sich entschlossen hat, davon abzusehen, so hat er diese Möglichkeit doch ernsthaft erwogen.
Er fügte hinzu:
„Wir dürfen jedoch volles Verständnis dafür verlangen, daß dort, wo die Religion noch ein lebendiges Erbe der Vorfahren ist, die Menschen den Kampf, der ihnen vom Feind ungerechterweise aufgezwungen wird, auch als einen Kreuzzug auffassen.“
Der Kreuzzug ist mehr als ein gerechter Krieg; er ist ein heiliger Krieg. Nach Auffassung Pius‘ XII. ist es zulässig, ihn dort zu denken, wo die Religion eines Volkes noch lebendig ist und wo eine Sache auf dem Spiele steht, die jene betrifft, die er als die „absoluten Werte des Menschen und der Gesellschaft“ bezeichnet.
„Aufgrund Unserer schweren Verantwortung können Wir nicht zulassen, daß dies im Nebel der Mißverständnisse verborgen bleibt.“
Er erläuterte weiter:
„Mit tiefem Bedauern müssen Wir in diesem Zusammenhang die Unterstützung beklagen, die einige Katholiken, Kleriker wie Laien, der Taktik der Verschleierung geleistet haben, um Wirkungen hervorzurufen, die sie selbst nicht beabsichtigten. Wie kann man noch immer nicht erkennen, daß dies das Ziel all jener unaufrichtigen Bemühungen ist, die unter den Bezeichnungen ‚Gespräche‘ und ‚Begegnungen‘ stattfinden? Welchen Sinn hat es im übrigen, miteinander zu diskutieren, wenn keine gemeinsame Sprache vorhanden ist? Oder wie soll man sich begegnen, wenn die Wege auseinandergehen, wenn nämlich von einer Seite die gemeinsamen absoluten Werte hartnäckig zurückgewiesen und geleugnet werden und dadurch jedes ‚Zusammenleben in der Wahrheit‘ unmöglich gemacht wird? Schon aus Achtung vor dem christlichen Namen muß man sich weigern, an solchen Taktiken mitzuwirken; denn, wie der Apostel mahnt, ist es unvereinbar, zugleich am Tische Gottes und am Tische seiner Feinde zu sitzen (vgl. 1 Kor 10,21).“
Der Ruf nach Gesprächen, Begegnungen und Verhandlungen wird nicht nur nutzlos, sondern schädlich angesichts eines Feindes, der sich dieser Mittel als Verzögerungstaktik bedient, um den Widerstandsgeist der Christen zu zermürben.
Pius XII. erklärte dazu:
„Wenn die traurige Wirklichkeit Uns zwingt, die Bedingungen des Kampfes in klarer Sprache zu benennen, so kann Uns niemand redlicherweise den Vorwurf machen, als förderten Wir dadurch die Verhärtung der gegnerischen Fronten oder als hätten Wir Uns in irgendeiner Weise von jener Friedensmission entfernt, die sich aus Unserem apostolischen Amt ergibt. Würden Wir schweigen, so müßten Wir vielmehr das Urteil Gottes fürchten. Wir bleiben der Sache des Friedens fest verbunden, und Gott allein weiß, wie sehr Wir danach verlangen würden, ihn mit den Engeln der Weihnacht in seiner ganzen Fülle und Freude verkünden zu können. Gerade um ihn vor den gegenwärtigen Bedrohungen zu bewahren, müssen Wir jedoch darauf hinweisen, wo die Gefahr verborgen liegt, welche Taktiken seine Feinde anwenden und woran man sie als solche erkennt.“
Denn,
„angesichts eines Feindes, der entschlossen ist, allen Völkern auf die eine oder andere Weise eine bestimmte und unerträgliche Lebensform aufzuzwingen, kann nur die einmütige und entschlossene Haltung aller Freunde der Wahrheit und des Guten den Frieden retten, und sie wird ihn retten. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu wiederholen, was sich in einer ähnlichen Lage in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ereignete, als jede der bedrohten Nationen – und nicht nur die kleineren – sich auf Kosten der anderen zu retten suchte, indem sie diese gleichsam als Schutzschild benutzte und darüber hinaus aus deren Bedrängnis höchst fragwürdige wirtschaftliche und politische Vorteile zu ziehen versuchte. Das Ende war, daß alle gemeinsam in die Feuersbrunst hineingerissen wurden.“
Pius XII. verurteilte hier mit aller Deutlichkeit den sogenannten Geist von München, also jene Haltung der westlichen Nationen, die sich 1938 angesichts des Expansionismus Hitlers der Illusion hingaben, den Krieg vermeiden zu können, indem sie den Forderungen des nationalsozialistischen Diktators nachgaben.
„Das Ende war, daß alle gemeinsam in die Feuersbrunst hineingerissen wurden.“
Der französische Schriftsteller Jean Madiran1 hob dies in einem Leitartikel hervor, der im Februar 1957 in der Zeitschrift Itinéraires erschien. In seinem Kommentar zur Rundfunkansprache Pius‘ XII. betonte er, daß der erste Grund, weshalb der Papst die Christenheit nicht zu einem Kreuzzug aufgerufen habe, nicht darin liege, man müsse mit dem Kommunismus in einen Dialog treten, sich mit ihm arrangieren oder Verständigung suchen. Der eigentliche Grund liege vielmehr darin, daß ein Weltkrieg vermieden werden könne und müsse – jedoch nicht durch Nachgiebigkeit, sondern durch einen festen und einmütigen Widerstand gegen die Initiativen, Manöver und Unterwanderungsversuche der Sowjets.
Der Kommunismus ist ein Feind der christlichen Zivilisation. Gegen ihn helfen weder Kompromisse noch trügerische Dialoge, sondern nur ein moralischer, politischer und geistiger Widerstand, der auf der religiösen Tradition des Abendlandes gründet.
Die Botschaft, die uns Pius XII. hinterläßt, ist klar: Es wäre ein großes Unglück, wenn ein Weltkrieg unvermeidlich würde. Doch es gäbe ein noch größeres Unglück: das Schweigen und die Aufgabe des Kampfes angesichts des angreifenden Feindes.
Wer nachgibt, um nichts zu verlieren, wird oft von Niederlage und Schande hinweggerissen.
Demjenigen aber, der für Wahrheit und Gerechtigkeit kämpft, wird der Sieg niemals fehlen.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung/Fußote: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
- Zu Jean Madiran siehe: Jean Madiran – Belastungszeuge gegen die eigene Zeit und auch Gegenrevolution und katholische Tradition – Zum Tod von Jean Madiran. ↩︎
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