Allein den Betern – Folge 6

Gebet und Theologie

"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.
"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.

Das Buch des öster­rei­chi­schen Prie­sters Don Micha­el Gurt­ner „Allein den Betern“ wird in Fol­gen ver­öf­fent­licht. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Fol­gen fin­den sie hier:

Von Don Micha­el Gurtner*

1.3 Der Ansatz zur Überwindung – Gebet und Erneuerung der Glaubenslehre

Die Fra­ge, die uns nun umtrei­ben muß, ist, wie wir die­ser Situa­ti­on am besten begeg­nen kön­nen. Unse­re Ant­wort dar­auf kann nur sein: Wir müs­sen an der Wur­zel selbst anset­zen, also beim Glau­ben, weil es nicht genügt, sich den Sym­pto­men zu wid­men und deren Aus­lö­ser unbe­rück­sich­tigt zu las­sen. Es ist letzt­lich unnütz, aus­ge­klü­gel­te Master­plä­ne und neu struk­tu­rier­te Seel­sor­ge­pro­gram­me vor­zu­le­gen, weil dies im Wesent­li­chen ledig­lich struk­tu­rel­le Maß­nah­men sind, wel­che das eigent­li­che Pro­blem weit­ge­hend außer Acht las­sen und viel­mehr dar­auf abzie­len, den Betrieb so lan­ge wie mög­lich noch auf­recht­zu­er­hal­ten und den tota­len Kol­laps so weit wie irgend mög­lich hin­aus­zu­zö­gern. Mit­un­ter gewinnt man sogar den Ein­druck, es gin­ge man­chen dar­um, die Kir­che auf eine prie­ster­lo­se Zeit ein­zu­rich­ten und das Sakra­ment zugun­sten des „Wor­tes“ weit nach hin­ten in die zwei­te oder drit­te Rei­he abzu­drän­gen. Ein sol­ches Den­ken wird die Ent­wick­lung nach unten jedoch nur verstärken.

Damit ist aber erst mit Nega­tiv­aus­sa­gen grob abge­steckt, was nicht zu tun ist und was unnütz, ja gar brand­be­schleu­ni­gend wirkt. Doch wen­den wir es auch posi­tiv: Was ist kon­kret zu tun? Wo fin­den wir einen Anker­punkt, von dem aus wir uns mit einer gewis­sen Berech­ti­gung einen Erfolg der Neu­be­le­bung des katho­li­schen Glau­bens in Kir­che und Gesell­schaft erhof­fen dürfen?

Eine erste Ant­wort, die auch wirk­lich ernst zu neh­men ist und nicht in einer blo­ßen Zusa­ge stecken­blei­ben darf, als wür­de es sich um eine from­me Flos­kel han­deln, fin­det sich im Sonett von Rein­hold Schneider:

Allein den Betern kann es noch gelin­gen,
das Schwert ob unsern Häup­tern aufzuhalten …

Die­ses Sonett scheint gera­de­zu maß­ge­schnei­dert auf unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on zu pas­sen. Wel­che Maß­nah­men auch immer zu tref­fen sein wer­den, sie wer­den nur Erfolg haben kön­nen, wenn sie von Him­mels­stür­men beglei­tet sind. All unser Tun muß sei­nen Aus­gang von einer inne­ren Chri­stus­be­zie­hung, spe­zi­ell von der hei­li­gen Anbe­tung des Altar­sa­kra­men­tes, neh­men. Ohne dies kein Erfolg. Dies hat zwar auch gene­rel­le Gel­tung, aber ganz beson­ders gilt es für unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on. Nicht so sehr, weil sie beson­ders ver­fah­ren scheint, son­dern viel­mehr noch, weil gera­de hier ein ursäch­li­cher Man­gel zu suchen ist, wel­cher zu der eben umris­se­nen Kri­se geführt hat.

Wir sag­ten, es sei eine Glau­bens­kri­se. Doch ist Glau­be nie­mals nur etwas Ratio­na­les, son­dern for­dert immer auch einen dem­entspre­chen­den Glau­bens­voll­zug, in dem der Glau­be sich aktua­li­siert. Ohne das vor­be­rei­ten­de und beglei­ten­de Gebet wür­den all unse­re Ver­su­che den Ver­su­chen eines Fir­men­auf­sichts­ra­tes glei­chen, der sich dar­an­macht, einen Groß­kon­zern vor dem Unter­gang zu ret­ten. Wenn wir sag­ten, daß die Kri­se in ihrem Kern eine Glau­bens­kri­se ist, dann ist das in sei­ner gesam­ten Dimen­si­on zu ver­ste­hen: Die Glau­bens­über­zeu­gung ist glei­cher­ma­ßen betrof­fen wie der Glaubensakt.

Bei unse­ren Gegen­maß­nah­men müs­sen wir aber dort anset­zen, wo der Urgrund der Kri­se gele­gen ist, also am Glau­ben, und die­ser ist in einer dop­pel­ten Hin­sicht zu ver­ste­hen: in sei­ner ratio­nal-intel­lek­tu­el­len Dimen­si­on und, noch zuvor, in sei­ner fromm-reli­giö­sen Dimen­si­on. Des­halb muß auch der Ansatz ein dop­pel­ter sein und an bei­den Punk­ten gleich­zei­tig ansetzen.

Wür­de man ver­su­chen, zuerst die Glau­bens­pra­xis wie­der­zu­be­le­ben, so wür­de dies nicht gelin­gen, wenn es nicht von der Erneue­rung des Glau­bens­wis­sens beglei­tet wäre. Umge­kehrt wäre auch eine rei­ne Bil­dungs­kam­pa­gne aus­sichts­los, wenn sie nicht unmit­tel­ba­re Kon­se­quen­zen hät­te, d. h., wenn wir nicht zugleich sozu­sa­gen „ernst machen“ wür­den. Wel­che Über­zeu­gungs­kraft könn­te unser Reden haben, wenn wir es nicht zugleich auch umsetzten?

Ver­ba movent, exem­pla trahunt, sagt ein Sprich­wort. Wor­te bewe­gen, Bei­spie­le zie­hen. Bei­des braucht es, um hier etwas zu verändern.

So not­wen­dig und uner­läß­lich das vor­be­rei­ten­de und beglei­ten­de Gebet auch ist, so gilt umge­kehrt auch das „ansel­mi­sche Gna­den­axi­om“, wel­ches beson­ders in from­men Krei­sen lei­der viel zu sehr ver­nach­läs­sigt wird: Faci­en­ti, quod est in se, Deus non dene­gat gra­ti­am suam. Den­je­ni­gen, die das tun, was in ihrem Ver­mö­gen liegt, wird der Herr­gott die nöti­gen Gna­den nicht vor­ent­hal­ten. Und ein alter, wei­ser geist­li­cher Rat­schlag, den sich auch Kar­di­nal Spell­man von New York, ein frü­he­rer ratio­na­ler Öko­nom, zu eigen gemacht hat, lau­tet: Bete so, als ob alles von Gott abhin­ge, aber arbei­te so, als ob alles von Dir abhinge.

Bei­des also muß zugleich gege­ben sein: ora­tio et ins­truc­tio, Gebet und Lehre.

Was die ora­tio betrifft, also das Gebet, so ist die­ses noch­mals zu unter­tei­len. Ein Ansatz ist das per­sön­li­che Gebet. Hier sind alle in die Pflicht genom­men: die­je­ni­gen, wel­che in direk­ter und akti­ver Wei­se an der Kri­sen­be­wäl­ti­gung betei­ligt sind, und in viel­leicht noch inten­si­ve­rer Wei­se die­je­ni­gen, wel­che nicht unmit­tel­bar aktiv dar­an betei­ligt sind, spe­zi­ell auch die kon­tem­pla­ti­ven Klö­ster, wel­che gera­de so ihren wert­vol­len und unver­zicht­ba­ren Bei­trag zu dem lei­sten, was heu­te unter dem Namen „Neue­van­ge­li­sie­rung“ bekannt ist.

Der zwei­te Ansatz neben dem per­sön­li­chen Gebet ist der­je­ni­ge des öffent­li­chen lit­ur­gi­schen Gebe­tes der Kir­che. Auf die­ses The­ma wer­den wir noch aus­führ­li­cher ein­ge­hen müs­sen. Als eine der ersten Maß­nah­men muß aber auch das offi­zi­el­le Beten der Kir­che dort wie­der zu Form und Ord­nung geru­fen wer­den, wo es außer Kon­trol­le gera­ten ist. Die hohe Bedeu­tung der Lit­ur­gie wur­de ange­sichts der Neue­run­gen der letz­ten Jahr­zehn­te wohl lei­der oft weit unter­schätzt, was sich schon sehr bald bit­ter gerächt hat.

Zeit­gleich mit dem Gebet in sei­nen bei­den Aspek­ten, dem per­sön­li­chen und dem lit­ur­gi­schen, muß an der Glau­bens­leh­re ange­setzt wer­den. Dies meint nicht nur eine inten­si­vier­te Glau­bens­ver­mitt­lung, son­dern auf­grund zahl­rei­cher Schief­la­gen muß es auch zu einer erneu­ten Über­prü­fung, Ergän­zung und Kor­rek­tur in vie­len Berei­chen kom­men. Die Glau­bens­leh­re, so wie sie heu­te de fac­to auf sämt­li­chen Ebe­nen – Pfar­rei, Schu­le, Pre­digt, Kate­che­se, Uni­ver­si­tät – ver­mit­telt wird, ist teil­wei­se schwer man­gel­haft. Lücken, Über- und Unter­be­wer­tun­gen sowie teil­wei­se gänz­lich fal­sche Kon­zep­te haben den Glau­ben in sei­ner intel­lek­tu­el­len Dimen­si­on bei vie­len Gläu­bi­gen ver­flacht und ausgehöhlt.

Es ist aber nun ein­mal der Ver­stand und die Ver­nunft, die unse­ren Glau­ben und unser dar­auf­fol­gen­des Han­deln aus dem Glau­ben antrei­ben. Des­halb ist jede erneu­er­te Pasto­ral unnütz, wenn ihr nicht die erneu­te Ver­mitt­lung des voll­stän­di­gen katho­li­schen Glau­bens vorausgeht.

Gera­de in einer Zeit, in wel­cher die Wis­sen­schaft­lich­keit und die mathe­ma­ti­sche Beschreib­bar­keit der Wirk­lich­keit eine bedeu­ten­de Stel­lung ein­neh­men und vie­le Men­schen – wenn­gleich auch dies eine Ver­kür­zung dar­stellt – allein auf natur­wis­sen­schaft­li­che Metho­den ver­trau­en, wäh­rend die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten vie­len heu­te suspekt sind, da zahl­rei­che Men­schen ver­kehr­ten phi­lo­so­phi­schen Grund­ein­stel­lun­gen fol­gen, ist eine ver­nunft­ge­mä­ße Dar­le­gung des Glau­bens bei­na­he überlebenswichtig.

Wie oft wir­ken die Reden moder­ner Theo­lo­gen zusam­men­hang­los und je nach Bedarf künst­lich zurecht­ge­zim­mert! All­zu offen­sicht­lich schmie­gen sie sich an den vor­herr­schen­den Zeit­geist an, so daß sie nicht ein­mal mehr zum Nach­den­ken anre­gen, weil es offen­sicht­lich ist, daß sie es sich nicht zum Ziel gesetzt haben, der Wahr­heit zu ent­spre­chen, son­dern viel­mehr der von den Mas­sen­me­di­en kol­por­tier­ten Allgemeinstimmung.

Ja, der Abschied von der Wahr­heit in vie­len theo­lo­gi­schen Ansät­zen scheint gera­de­zu des­halb voll­zo­gen wor­den zu sein, weil der Begriff der Wahr­heit selbst, auch im pro­fa­nen Bereich, von einer gro­ßen Mehr­heit als abso­lu­ti­stisch, into­le­rant, hoch­mü­tig oder schlicht als nicht erkenn­bar abge­lehnt wird. Und vie­le Theo­lo­gen zogen nach.

Eine Theo­lo­gie, wel­che sich um die Wahr­heit her­um­win­det und her­um­drückt, löst sich aber letzt­lich selbst auf. Zurück bleibt nichts als eine eige­ne und eigen­ar­ti­ge lite­ra­ri­sche Gat­tung: ein Rin­gen um das unan­stö­ßig­ste Wort, das gut klin­gen und den Anschein von Weis­heit erwecken soll, aber wie eine Sei­fen­bla­se zer­platzt, wenn man es auch nur leicht berührt oder gar nur ein klein wenig betrachtet.

Die Theo­lo­gie muß sich nicht nur selbst in ihren Feh­lern der letz­ten Jahr­zehn­te kor­ri­gie­ren, wel­che in ihren Grund­an­sät­zen bereits vor­theo­lo­gi­sche und phi­lo­so­phi­sche Irr­tü­mer sind, die sich dann theo­lo­gisch fort­setz­ten, son­dern sie muß auch selbst wie­der ernst zu neh­men begin­nen. Nach­dem sie sich nun jahr­zehn­te­lang vor­nehm­lich pasto­ral aus­ge­drückt hat und dabei oft unklar wur­de, was sie denn nun eigent­lich meint und war­um, muß sie erneut zu einer deut­li­chen und prä­zi­sen Spra­che zurück­fin­den, wel­che einen kla­ren Inhalt ver­mit­telt und logisch strin­gent ist.

Sie muß wie­der kennt­lich machen, wo ihr Quell­grund gele­gen ist: in Chri­stus, dem ewi­gen, gezeug­ten Wort des Vaters. Ihr eige­nes Wort muß die­sem ewi­gen Wort des Vaters unter­ste­hen, wel­ches es formt und durch wel­ches es spricht. Das Wort der Kir­che muß aus dem ewi­gen Wort des Vaters ent­nom­men sein, wel­ches allein die Wahr­heit ist. Wo dies nicht der Fall ist, muß kor­ri­gie­rend ein­ge­grif­fen werden.

Die­se Arbeit kann nicht erst am Ende ste­hen, son­dern muß den Anfang bil­den, weil dem Glau­bens­akt für gewöhn­lich die Ver­nunf­t­ein­sicht vor­aus­geht und der Intel­lekt den Geist antreibt.

Wir haben bis­lang also zwei gro­ße Berei­che gese­hen, wel­che zugleich die Ansatz­punk­te für die Bewäl­ti­gung der der­zei­ti­gen Glau­bens­kri­se bil­den: Als ersten Punkt benann­ten wir das Gebet, wel­ches in sei­ner per­sön­li­chen Form alle ein­be­zieht, sowie das lit­ur­gi­sche Gebet – ein Appell, der beson­ders an den Kle­rus gerich­tet ist.

Als zwei­ten Punkt nann­ten wir die Theo­lo­gie als Glau­bens­wis­sen­schaft, weil sich hier ent­schei­det, wel­cher Glau­be wie ver­mit­telt wird. Dies rich­tet sich in erster Linie an den Kle­rus und die Theo­lo­gen, aber auch an alle, wel­che in irgend­ei­ner Wei­se an der Glau­bens­ver­mitt­lung Anteil haben: Leh­rer, Eltern, Kate­che­ten usw.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Allein den Betern, Selbst­ver­lag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.


Bild: Giu­sep­pe Nar­di (SS. Tri­ni­tà dei Pel­le­g­ri­ni, Rom/​bearbeitet)

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