Das Buch des österreichischen Priesters Don Michael Gurtner „Allein den Betern“ wird in Folgen veröffentlicht. Die bereits veröffentlichten Folgen finden sie hier:
Von Don Michael Gurtner*
1.1 Morphologie der Krise
Daß dies keinesfalls selbstverständlich ist, zeigt die Tatsache eines überbordenden Aktionsdranges, den man mitunter beobachtet. Messen oder kirchliche Aktionstage werden mit einem irren Aufwand vorbereitet und organisiert, und man rühmt sich anschließend der Zahlen – nicht aber nachhaltiger Effekte in Form eines vertieften Glaubens. Disko- und Westernmessen, Grillveranstaltungen in Kirchengebäuden und szenische Darstellungen während der Liturgie, Luftballone mit guten Wünschen oder Gebeten, die während der Messe steigen gelassen werden, und Laienpredigten sind allesamt nicht die eigentlichen Krisen, sondern deren letzter Ausdruck, der seinerseits jedoch die Krise weiter vorantreibt und energisch fördert. Würde es gelingen, die eben exemplarisch genannten Krisensymptome abzustellen, so wäre ein erster und absolut unerläßlicher Schritt gelungen. Doch geheilt wäre die Pathologie damit allein noch lange nicht, weil diese selbst viel tiefer sitzt.
Das Problem des heutigen Denkens besteht darin, daß man den Schein für das Sein hält und diesem vorzieht. Man möchte immer das Gefühl haben, in der Kirche etwas gemacht und geleistet zu haben, und ist dabei der ebenso festen als auch irrigen Überzeugung, daß man ganz besonders „tiefgründig“ ist, wenn man stets im jeweiligen Jetzt etwas Neues hervorbringt. Für das Ewige und Unverbrüchliche kann es da freilich keinen Platz mehr geben, es wird suspekt und als oberflächlicher Gewohnheitskatholizismus abgetan.
Dabei ist auffallend, daß man sehr oft dasjenige, was man klassischen Frömmigkeitsformen und vorangegangenen Generationen abwertend und zu Unrecht vorwirft, gerade selbst, diesmal aber oft tatsächlich kritisierbar, tut. Viele sagen beispielsweise, die Gebetsformen und die Liturgiegestalt, wie sie vor dem letzten Konzil die üblichen waren, wären nur ein frommer Schein gewesen, und vergessen darüber hinaus, daß das, was nach außen hin in Erscheinung trat, Teil eines Seins war, von dem man innerlich zutiefst überzeugt gewesen ist, und dessen Ausdruck mit dem Wesen, welches es ausdrückte, zu einer organischen Einheit verschmolzen war. Gewisse Dinge bedürfen notwendigerweise bestimmter Ausdrucksformen. Diese Einheit von Schein und Sein, die vorhanden war, wird in der Kritik, beispielsweise an den alten liturgischen Formen, vielfach übersehen, während man sich selbst mit einem Schein zufriedengibt, hinter dem jedoch kein wirklich fundiertes Sein steckt. Viele gutgemeinte Aktionen sind letztlich eine bloße Unterhaltung ohne wirklichen Glaubensgrund, aus dem sie entwachsen. Darauf werden wir nochmals genauer zurückkommen müssen, genauso wie auf viele andere Dinge, die Morphologien einer tiefsitzenden Krise sind. Weil wir auf diese nach und nach noch stoßen werden und sie eingehender erörtern, kann es uns an dieser Stelle genügen, auf verschiedene solche Ausdrücke streiflichtartig hinzuweisen, in welchen uns die Krise in Erscheinung tritt und die im weiteren Verlauf noch in ihrer dahinterliegenden Problematik beleuchtet werden.
Karnevalsmessen, selbstformulierte Meßtexte, profan anmutende Musik während der Liturgie, fragwürdige Gestaltungen von Kirchenbauten und Sakralgeräten sowie Paramenten, anwachsende Anthropozentrik und der bereits erwähnte Hang zum darstellenden Aktionismus weisen eindeutig auf den Verlust der Sensibilität für das Sakrale hin. Das Heiligste der Kirche wird vielfach verweltlicht und profaniert.
Laienpredigt, „Gemeindeleitung“ durch Laien oder „Teams“, zwanghafte Rollenverteilung und ‑vermehrung bei der Heiligen Messe, Bestehen auf Priesterinnen, nachdem man die Ministrantinnen durchgesetzt hat, Aversionen gegen priesterliche (Amts-)Titel wie „Hochwürden“, „Exzellenz“, „Prälat“ oder „Monsignore“, feindseliges Verhalten gegen priesterliche Kleidung, prinzipielles Ablehnen des Ringkusses bei Bischöfen, Verspottung päpstlicher, bischöflicher oder generell geistlicher Insignien und Kleidungen, Pensionierungen und Emeritierungen mittlerweile aller geistlichen Ränge, Laisierungen, die beinahe wie ein Verwaltungsakt erscheinen, lassen allesamt große Sorgen darüber aufkommen, daß das Verständnis der Amtstheologie stark angeschlagen und der Unterschied von Amtspriestertum und allgemeinem Taufpriestertum kaum noch vorhanden ist. Ja, es scheint, daß dieser Unterschied bewußt eingeebnet werden soll.
Die Schieflage des Gewissensbegriffes, das Ablehnen jedweden Gedankens an die Geschöpflichkeit des Menschen und der Welt, die Ignoranz des Naturrechtes und viele weitere Fehlsichten und Häresien sind allesamt Alarmzeichen für eine vollkommen irrige Selbstsicht des Menschen. Der Mensch weiß heute vielfach nicht mehr, wer er ist und worin der an ihn gerichtete Auftrag besteht. Er hat seinen Platz in der Schöpfung verlassen und sich einen anderen Platz gesucht, der ihm nicht zusteht.
Die Versuche, eine demokratisch verfaßte Kirche zu bauen, in der man sich in Wort und Tat nach dem richtet, was die Menschen der jeweiligen Tagesmode entsprechend gerade gerne hören wollen, so wie man den Kindern am Abend ihr Lieblingsmärchen vorliest, die Sicht der Sakramente als sozialisierende Zeichen und Rituale anstatt als göttlich eingesetzte Mittel zur Heiligung, das Ungleichgewicht von Primat und Kollegialität, die Sicht der Kirche nicht als Heilsanstalt, sondern als Versorgungsbetrieb, der nach Angebot und Nachfrage sortiert wird, tun die schweren Defizite in der Ekklesiologie kund: Die Kirche wird nicht mehr als hierarchisch und sakramental verfaßte Gnadenanstalt gesehen, sondern als rein zwischenmenschlicher Zusammenschluß für den Fall religiösen Bedarfs.
Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen, aber wir haben einen Eindruck des Radius gewinnen können, in welchem sich die Krise in der Kirche fortfrißt. So gut wie alle Bereiche sind betroffen, da die verschiedenen Glaubenswahrheiten untereinander verbunden sind und nicht einfach lose nebeneinanderliegen. Anhand dieser sichtbaren Ausdrücke können wir recht deutlich erkennen, daß sich dahinter letztlich der Glaube stark ausgedünnt und auch geändert hat. Was wir in den letzten Jahrzehnten an Wandel beobachten, ist die Manifestation nach außen hin eines veränderten Glaubens, der viele der urkatholischen Glaubensüberzeugungen über Bord geworfen und teils durch selbstkonstruierte Ersatzstücke ausgetauscht hat.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen Meßverbots in der Corona-Zeit diesem widerstanden und sich dadurch große Verdienste um das Seelenheil erworben hat. Er ist Autor mehrerer theologischer Bücher. Auf Katholisches.info veröffentlichte er 2023/24 die Reihe „Zur Lage der Kirche“, die auch in Buchform erschienen ist.
Das Buch zur Reihe: Don Michael Gurtner: Allein den Betern, Selbstverlag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.
Bild: Giuseppe Nardi (SS. Trinità dei Pellegrini, Rom/bearbeitet)
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