Allein den Betern – Folge 8

Der Grundauftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils lautete: die bestehende Lehre unverkürzt und unverfälscht den Gläubigen zu erschließen

"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.
"Allein den Betern kann es noch gelingen." Diese Aussage von Reinhold Schneider machte Don Michael Gurtner zum Titel seines Buches über die Glaubens- und Kirchenkrise und den Ausweg daraus.

Das Buch des öster­rei­chi­schen Prie­sters Don Micha­el Gurt­ner „Allein den Betern“ wird in Fol­gen ver­öf­fent­licht. Die bereits ver­öf­fent­lich­ten Fol­gen fin­den sie hier:

Von Don Micha­el Gurtner*

1.4 Kurze Geschichte der Krisenentwicklung – Ausgangslage und ursprünglicher Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils

Als das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ein­be­ru­fen wur­de, stand die katho­li­sche Kir­che in einer rela­ti­ven Blü­te­zeit. Das kirch­li­che Leben war von einer tie­fen Fröm­mig­keit geprägt, die Mari­en­ver­eh­rung hat­te einen hohen Stel­len­wert, die Mis­si­on schritt kräf­tig vor­an, und in vie­len Staa­ten ver­such­te man, sich wie­der an den Geset­zen Got­tes aus­zu­rich­ten. Daß auch die 50er Jah­re nicht immer und über­all ein hei­li­ges und gol­de­nes Zeit­al­ter waren, sei unbe­strit­ten, doch hat es ein sol­ches wohl nie gege­ben. Jede Zeit und jede Epo­che hat­ten ihre Schwie­rig­kei­ten, mit denen sie zu kämp­fen hat­ten, und ihre je spe­zi­fi­schen Män­gel. Da war die Nach­kriegs­zeit auch kei­ne Aus­nah­me. Den­noch zähl­te jene Peri­ode sicher­lich nicht zu den schlechtesten.

Trotz die­ser rela­ti­ven Hoch­pha­se war jedoch das Gefühl auf­ge­kom­men, etwas sei noch nicht ganz so, wie es sein sol­le; man müs­se gleich­sam dar­an arbei­ten und etwas ver­bes­sern. Des­halb ent­schied man sich, ein neu­es Kon­zil ein­zu­be­ru­fen. Die Grün­de hier­für waren kei­nes­falls die­je­ni­gen, wel­che sei­tens zahl­rei­cher ein­fluß­rei­cher Theo­lo­gen im nach­hin­ein dafür ange­ge­ben wur­den: Es ging ursprüng­lich kei­nes­falls um eine grund­sätz­li­che Neu­ori­en­tie­rung und auch nicht um eine soge­nann­te Moder­ni­sie­rung und Öff­nung der Kir­che. Es war viel­mehr so, daß die Erkennt­nis gereift war, daß trotz eines regen kirch­li­chen Lebens und eines hohen Gra­des kirch­li­cher Sozia­li­sa­ti­on doch noch etwas zu wenig vor­han­den war: Die Men­schen kann­ten ihren Glau­ben, doch kann­ten sie ihn noch immer zu wenig! Genau­er gesagt: Sie kann­ten ihn wohl sei­nen Inhal­ten nach, aber kaum in sei­nem tie­fe­ren Zusam­men­hang, in sei­nem inne­ren Gefü­ge der ein­zel­nen Glau­bens­sät­ze zueinander.

Dies war auch nicht ver­wun­der­lich, wenn man bedenkt, was in den vor­an­ge­gan­ge­nen drei Gene­ra­tio­nen alles gesche­hen war: Zuerst zer­bra­chen die gro­ßen Mon­ar­chien, wodurch es zur gro­ßen Wirt­schafts­kri­se kam, gefolgt von den Schreckens­dik­ta­tu­ren des Natio­nal­so­zia­lis­mus, der den Zwei­ten Welt­krieg aus­lö­ste, und des Kom­mu­nis­mus. All die­se Umstän­de, wel­che gleich­sam wie in einer lan­gen Ket­te direkt auf­ein­an­der­folg­ten, hat­ten zumin­dest in wei­ten Tei­len Euro­pas dazu bei­getra­gen, daß die Men­schen zwar in ihrem Glau­ben fest­stan­den und von die­sem auch über­zeugt waren, aber nicht mehr hin­rei­chend um des­sen inne­re Grün­de und Begrün­dun­gen wußten.

Man kann die­se Situa­ti­on, zumin­dest in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung, als Kul­tur­ka­tho­li­zis­mus bezeich­nen. Die­ser war zwei­fels­oh­ne noch bes­ser als unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on, in der wir nicht ein­mal mehr die­sen haben. Den­noch kam man zu der völ­lig rich­ti­gen Auf­fas­sung, daß dies auf Dau­er nicht hin­rei­chend sein kön­ne, weil es sozu­sa­gen an der inne­ren Unter­füt­te­rung man­ge­le. Es war wie mit einer schö­nen Kugel, wel­che wohl­ge­formt und nahe­zu makel­los war, deren Wohl­ge­formt­heit jedoch des­halb in Gefahr gera­ten war, weil sie nicht mas­siv und daher leicht anfäl­lig für Stö­ße war. Ein leich­ter Druck von außen konn­te leicht zu einer Defor­ma­ti­on füh­ren. Die­ser Man­gel mach­te das an sich blü­hen­de Glau­bens­le­ben auf Dau­er aber doch insta­bil, und es droh­te eine Implosion.

Gewiß war dies ein sehr euro­päi­sches Pro­blem, aber es war doch Anlaß, ein öku­me­ni­sches, d. h. die gesam­te Kir­che betref­fen­des, Kon­zil ein­zu­be­ru­fen, des­sen Ziel es sein soll­te, den Glau­ben unver­kürzt und unver­fälscht so zu ver­mit­teln, daß er nicht nur von den Theo­lo­gen in sei­ner Fül­le gekannt wird, son­dern von allen Gläu­bi­gen. Man woll­te den Glau­ben neu ver­kün­den, nicht einen neu­en Glauben!

Die Öff­nung, von der man spä­ter noch so oft spre­chen wird, war also nicht als Öff­nung in Glau­bens­in­hal­ten gedacht. Viel­mehr woll­te man den bereits vor­lie­gen­den Glau­bens­in­halt für alle Gläu­bi­gen öff­nen und über­le­gen, wie man ihnen sel­bi­gen am besten zugäng­lich machen kön­ne. Nicht, daß er bis­lang ver­schlos­sen gewe­sen wäre: Prin­zi­pi­ell hat­ten ja bereits vor­her alle Zugang zur gesam­ten Leh­re der Kir­che; es gab kei­ne „Geheim­leh­ren“, die nur für Kle­ri­ker zugäng­lich gewe­sen wären. Aber es war ein­fach so, daß die mög­li­che Erschlie­ßung des katho­li­schen Glau­bens­gu­tes für die Gläu­bi­gen oft­mals eben nur eine prin­zi­pi­el­le, hypo­the­ti­sche Mög­lich­keit blieb, die nicht auch in die Tat umge­setzt wur­de. Dies ist aber unbe­dingt not­wen­dig, um den Fort­be­stand eines regen Glau­bens­le­bens auf Dau­er zu garantieren!

Dies waren jeden­falls, kurz umris­sen, die Umstän­de, unter denen und auf­grund deren das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ein­be­ru­fen wur­de. Aus die­ser Situa­ti­on ergab sich auch des­sen Grund­auf­trag: die bestehen­de Leh­re unver­kürzt und unver­fälscht einer grö­ße­ren Mas­se von Gläu­bi­gen zu erschlie­ßen, um einer dro­hen­den Implo­si­on entgegenzuwirken.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots in der Coro­na-Zeit die­sem wider­stan­den und sich dadurch gro­ße Ver­dien­ste um das See­len­heil erwor­ben hat. Er ist Autor meh­re­rer theo­lo­gi­scher Bücher. Auf Katho​li​sches​.info ver­öf­fent­lich­te er 2023/​24 die Rei­he „Zur Lage der Kir­che“, die auch in Buch­form erschie­nen ist.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Allein den Betern, Selbst­ver­lag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.


Bild: Giu­sep­pe Nar­di (SS. Tri­ni­tà dei Pel­le­g­ri­ni, Rom/​bearbeitet)

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