Das Buch des österreichischen Priesters Don Michael Gurtner „Allein den Betern“ wird in Folgen veröffentlicht. Die bereits veröffentlichten Folgen finden sie hier:
Von Don Michael Gurtner*
1.4 Kurze Geschichte der Krisenentwicklung – Ausgangslage und ursprünglicher Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils
Als das Zweite Vatikanische Konzil einberufen wurde, stand die katholische Kirche in einer relativen Blütezeit. Das kirchliche Leben war von einer tiefen Frömmigkeit geprägt, die Marienverehrung hatte einen hohen Stellenwert, die Mission schritt kräftig voran, und in vielen Staaten versuchte man, sich wieder an den Gesetzen Gottes auszurichten. Daß auch die 50er Jahre nicht immer und überall ein heiliges und goldenes Zeitalter waren, sei unbestritten, doch hat es ein solches wohl nie gegeben. Jede Zeit und jede Epoche hatten ihre Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten, und ihre je spezifischen Mängel. Da war die Nachkriegszeit auch keine Ausnahme. Dennoch zählte jene Periode sicherlich nicht zu den schlechtesten.
Trotz dieser relativen Hochphase war jedoch das Gefühl aufgekommen, etwas sei noch nicht ganz so, wie es sein solle; man müsse gleichsam daran arbeiten und etwas verbessern. Deshalb entschied man sich, ein neues Konzil einzuberufen. Die Gründe hierfür waren keinesfalls diejenigen, welche seitens zahlreicher einflußreicher Theologen im nachhinein dafür angegeben wurden: Es ging ursprünglich keinesfalls um eine grundsätzliche Neuorientierung und auch nicht um eine sogenannte Modernisierung und Öffnung der Kirche. Es war vielmehr so, daß die Erkenntnis gereift war, daß trotz eines regen kirchlichen Lebens und eines hohen Grades kirchlicher Sozialisation doch noch etwas zu wenig vorhanden war: Die Menschen kannten ihren Glauben, doch kannten sie ihn noch immer zu wenig! Genauer gesagt: Sie kannten ihn wohl seinen Inhalten nach, aber kaum in seinem tieferen Zusammenhang, in seinem inneren Gefüge der einzelnen Glaubenssätze zueinander.
Dies war auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, was in den vorangegangenen drei Generationen alles geschehen war: Zuerst zerbrachen die großen Monarchien, wodurch es zur großen Wirtschaftskrise kam, gefolgt von den Schreckensdiktaturen des Nationalsozialismus, der den Zweiten Weltkrieg auslöste, und des Kommunismus. All diese Umstände, welche gleichsam wie in einer langen Kette direkt aufeinanderfolgten, hatten zumindest in weiten Teilen Europas dazu beigetragen, daß die Menschen zwar in ihrem Glauben feststanden und von diesem auch überzeugt waren, aber nicht mehr hinreichend um dessen innere Gründe und Begründungen wußten.
Man kann diese Situation, zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung, als Kulturkatholizismus bezeichnen. Dieser war zweifelsohne noch besser als unsere heutige Situation, in der wir nicht einmal mehr diesen haben. Dennoch kam man zu der völlig richtigen Auffassung, daß dies auf Dauer nicht hinreichend sein könne, weil es sozusagen an der inneren Unterfütterung mangele. Es war wie mit einer schönen Kugel, welche wohlgeformt und nahezu makellos war, deren Wohlgeformtheit jedoch deshalb in Gefahr geraten war, weil sie nicht massiv und daher leicht anfällig für Stöße war. Ein leichter Druck von außen konnte leicht zu einer Deformation führen. Dieser Mangel machte das an sich blühende Glaubensleben auf Dauer aber doch instabil, und es drohte eine Implosion.
Gewiß war dies ein sehr europäisches Problem, aber es war doch Anlaß, ein ökumenisches, d. h. die gesamte Kirche betreffendes, Konzil einzuberufen, dessen Ziel es sein sollte, den Glauben unverkürzt und unverfälscht so zu vermitteln, daß er nicht nur von den Theologen in seiner Fülle gekannt wird, sondern von allen Gläubigen. Man wollte den Glauben neu verkünden, nicht einen neuen Glauben!
Die Öffnung, von der man später noch so oft sprechen wird, war also nicht als Öffnung in Glaubensinhalten gedacht. Vielmehr wollte man den bereits vorliegenden Glaubensinhalt für alle Gläubigen öffnen und überlegen, wie man ihnen selbigen am besten zugänglich machen könne. Nicht, daß er bislang verschlossen gewesen wäre: Prinzipiell hatten ja bereits vorher alle Zugang zur gesamten Lehre der Kirche; es gab keine „Geheimlehren“, die nur für Kleriker zugänglich gewesen wären. Aber es war einfach so, daß die mögliche Erschließung des katholischen Glaubensgutes für die Gläubigen oftmals eben nur eine prinzipielle, hypothetische Möglichkeit blieb, die nicht auch in die Tat umgesetzt wurde. Dies ist aber unbedingt notwendig, um den Fortbestand eines regen Glaubenslebens auf Dauer zu garantieren!
Dies waren jedenfalls, kurz umrissen, die Umstände, unter denen und aufgrund deren das Zweite Vatikanische Konzil einberufen wurde. Aus dieser Situation ergab sich auch dessen Grundauftrag: die bestehende Lehre unverkürzt und unverfälscht einer größeren Masse von Gläubigen zu erschließen, um einer drohenden Implosion entgegenzuwirken.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen Meßverbots in der Corona-Zeit diesem widerstanden und sich dadurch große Verdienste um das Seelenheil erworben hat. Er ist Autor mehrerer theologischer Bücher. Auf Katholisches.info veröffentlichte er 2023/24 die Reihe „Zur Lage der Kirche“, die auch in Buchform erschienen ist.
Das Buch zur Reihe: Don Michael Gurtner: Allein den Betern, Selbstverlag, 2. Aufl. 2023, 370 Seiten.
Bild: Giuseppe Nardi (SS. Trinità dei Pellegrini, Rom/bearbeitet)
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