Gleich zu Beginn ist eine Einschränkung vorauszuschicken: Es handelt sich lediglich um ein Gerücht. Aber wir haben keinerlei Schwierigkeiten damit, offen zuzugeben, daß wir bisweilen auch mit dem Wunsch schreiben. Und wenn ein Gerücht mit dem übereinstimmt, was sich viele gläubige Katholiken seit Jahren wünschen, dann darf man das auch erwähnen. So werden diese Zeilen in der Hoffnung verfaßt, daß aus dem Gerücht möglichst bald Wirklichkeit wird.
„Man munkelt, dass sowohl Roche als auch Viola gehen“
Der Satz stammt nicht aus einer traditionellen katholischen Wunschliste. Andrea Gagliarducci hat ihn am 5. Oktober 2026 in seinem englischsprachigen Blog Monday Vatican veröffentlicht. In seinem Beitrag über den Beginn der personellen Veränderungen unter Papst Leo XIV. analysiert er zunächst den am vergangenen Samstag bestätigten Wechsel von Kardinal Mauro Gambetti und fragt anschließend, welche weiteren Veränderungen in der römischen Kurie folgen könnten.
In diesem Zusammenhang folgt jene Passage, bei der Freunde des überlieferten Ritus unwillkürlich genauer hinsiehen. Gagliarducci schreibt über mögliche Veränderungen im Dikasterium für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung: „Man munkelt, daß sowohl Roche als auch Viola gehen.“
Mehr steht dort zunächst nicht. Es ist kein Ernennungsdekret, keine offizielle Mitteilung und keine Entscheidung des Papstes. Es ist ein Gerücht. Aber immerhin eines aus der Feder eines Vatikanisten, der die Vorgänge im Vatikan seit Jahren aufmerksam verfolgt. Und vor allem betrifft es ausgerechnet jene beiden Männer, die unter Papst Franziskus die römische Politik in Sachen Liturgiefrage maßgeblich geprägt haben (siehe: Roche und Viola als neue Spitze der Gottesdienstkongregation).
Arthur Roche und Vittorio Viola
Kardinal Arthur Roche steht seit 2021 an der Spitze des Dikasteriums für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Zuvor war er bereits dessen Sekretär. Mit inzwischen 76 Jahren nähert er sich dem Alter, in dem die Kurienleiter ihren Rücktritt anbieten müssen. Allein aus Altersgründen wäre ein Wechsel daher weder überraschend noch ungewöhnlich. Der Papst könnte das Mandat allerdings verlängern.
Roches möglicher Abschied wäre nicht nur eine Personalfrage. Der Engländer war eine der zentralen Figuren jener liturgischen Politik, die unter Papst Franziskus auf Konfrontation mit der katholischen Tradition setzte. Spätestens durchTraditionis custodes wurde traditionsverbundenen Katholiken schmerzlich bewußt, daß die überlieferte Liturgie im bergoglianischen Rom nicht als Teil des reichen liturgischen Erbes der Kirche, sondern als ein Problem betrachtet wurde, das zurückgedrängt, eingegrenzt und abgewürgt werden müsse. Die persönliche Abneigung von Franziskus gegenüber dem überlieferten Ritus wurde von diesem selbst bei unzähligen Gelegenheit auf teils höchst derbe und verletztende Weise artikuliert.
Auf die Zeit der liturgische Befriedung unter Benedikt XVI. follten neue Einschränkungen, neue Unsicherheiten und eine Atmosphäre der Ablehnung, der Verachtung und des Mißtrauens gegenüber Katholiken, die die überlieferte liturgische Tradition der Kirche lieben.
Dei Brisanz erhöht sich noch, da Gagliarducci auch den Bugnini-Ringträger Erzbischof Vittorio Viola nennt. Msgr. Viola ist derzeit Sekretär des genannten Dikasteriums und damit die Nummer zwei des Hauses. Auch er könnte nun seinen bisherigen Posten verlassen.
Nach Gagliarducci könnte Viola sogar befördert und zum Kardinal kreiert werden und anschließend die Leitung des Dikasteriums für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse übernehmen, dessen derzeitiger Präfekt, Kardinal Marcello Semeraro, ebenfalls ein Franziskus-Vertrauter, mit 78 Jahren ebenfalls vor einem Wechsel steht.
Leo XIV. und der beginnende personelle Wandel
Interessant ist die Art und Weise, wie Papst Leo XIV. bisher vorgeht. Er scheint ganz und gar nicht daran interessiert zu sein, mit großem Getöse alles, was unter Franziskus gewachsen ist, über Nacht umzuwerfen. Vielmehr verändert er die Personalstruktur der Kurie offenbar Schritt für Schritt. Dieses langsame Tempo könnte allerdings auch eine grundsätzliche Sympathie mit dem bergoglianischen Kurs zum Ausdruck bringen, nicht in der Art und Weise, aber dem Inhalt nach. Leo ließ es bisher darin vermissen, klare Akzente zu setzen.
Der jüngste Wechsel von Kardinal Mauro Gambetti ist hierfür ein bemerkenswertes Beispiel. Gambetti wurde von seinen bisherigen Aufgaben als Generalvikar für die Vatikanstadt, Erzpriester des Petersdoms und Präsident der Dombauhütte von St. Peter entbunden und zum Erzbischof von Chieti-Vasto ernannt. Darin kann der erste wirklich bedeutende personelle Wechsel des neuen Pontifikats gesehen werden. Allerdings war Gambetti, eine Franiskus-Beförderung, in Rom selbst ziemlich umstritten.
Sollte das, wie Gagliarducci andeutet, erst der Anfang sein, darf man gespannt sein. Derzeit ist das allerdings noch eine gewagte Annahme. In Rom sind Personalentscheidungen freilich niemals nur Personalentscheidungen. Wer ein Dikasterium leitet, bestimmt mit, welche Akzente gesetzt werden und welchen Geist ein bestimmtes Arbeitsgebiet der römischen Kurie prägt. Personelle Weichenstellungen signalisieren inhaltliche Weichenstellungen. Diebezüglich ist die Personalie Gambetti relativ uninteressant. Die radikalen Umbrüche im Petersdom, die stärkere Musealisierung, die Konzelebrationspflicht im Novus Ordo und die Verbannung des überlieferten Ritus in den Untergrund wurden zwar von Gambetti fleißig exekutiert, gingen aber vom Staatssekretariat unter Kardinal Parolin aus, kurz bevor Gambetti sein römisches Amt antrat. (Siehe dazu auch „Weg mit den sakrilegischen Händen vom Petersdom“ und Ausführungen Gambettis zur Konzelebrationspflicht.
Wer kommt danach?
Selbst wenn Roche und Viola tatsächlich gehen sollten, wäre damit noch nicht unbedingt etwas gewonnen. Die entscheidende Frage lautet nämlich: Wer kommt danach?
Gagliarducci bringt verschiedene Möglichkeiten ins Spiel. Einer der genannten Namen ist Erzbischof Diego Ravelli, der gegenwärtige Päpstliche Zeremonienmeister. Allerdings scheint seine mögliche Ernennung zum Präfekten nicht gerade Begeisterungsstürme auszulösen. Wahrscheinlicher könnte eine andere Verwendung für ihn sein, etwa als Sekretär des Dikasteriums.
Damit bleibt die wichtigste Frage offen: Wer soll künftig die liturgische Ordnung der Weltkirche verantworten? Und genau an diesem Punkt bringt Secretum Meum Mihi einen Vorschlag ein, der nun wirklich kein Geheimnis ist: Warum eigentlich nicht Guido Marini?
Guido Marini – warum eigentlich nicht?
Monsignore Guido Marini ist kein Unbekannter. Von 2007 bis 2021 war er Päpstlicher Zeremonienmeister. In dieser Funktion arbeitete er zunächst eng mit Benedikt XVI. zusammen, der ihn in dieses Amt berufen hatte, um mit ihm seine liturgische Erneuerung umzusetzen, und blieb auch nach dem Pontifikatswechsel unter Franziskus im Amt. 2021 wurde er zum Bischof von Tortona ernannt. Die Entlassung aus seinem römischen Amt und die Versetzung in die ligurische Diözese erfolgten parallel zum repressiven Angriff auf den überlieferten Ritus mit dem Motu proprio Traditionis custodes.
Der erst 61 Jahre alte Marini kennt die päpstliche Liturgie aus unmittelbarer Erfahrung. Er kennt die römische Kurie, die liturgischen Bücher und die zeremoniellen Anforderungen päpstlicher Feiern. Er kennt die Tradition der römischen Liturgie nicht aus einem Lehrbuch, sondern aus jahrelanger praktischer Arbeit im unmittelbaren Umfeld des Papstes.
Vor allem aber wäre er kein Mann, bei dem Liturgie den Eindruck erweckt, lediglich ein Schauplatz kirchenpolitischer Kämpfe zu sein. Und das wäre nach den vergangenen Jahren bereits viel. Die Kirche braucht dringend liturgischen Frieden, wie ihn Benedikt XVI. anstrebte. Das bedeutet vor allem, die überlieferte Liturgie nicht wie eine Altlast zu behandeln oder gar wie den schlimmsten Feind. Der überlieferte Ritus ist nicht das Problem, sondern vielmehr die Lösung des Problems, das ohne Not, aber mit schwerwiegenden Konsequenzen durch den Modernisierungsdrang mit der Liturgiereform erzeugt wurde.
Die Liturgie gehört der Kirche. Päpste kommen und gehen, Präfekten kommen und gehen – die Kirche bleibt. Diese simple Tatsache gilt es in der Kirche wieder anzuerkennen.
Und deshalb erlauben wir uns zu hoffen
Kehren wir also zum Ausgangspunkt zurück: Es ist vorerst nur ein Gerücht, dem ein Vorschlag hinzugefügt wurde. Nun werden einschränkende Hinweise laut, daß bisher mit Blick auf die Römische Kurie kein Beispiel bekannt wäre, bei dem derselbe Kirchenamt ein zweites Mal in dasselbe Amt berufen wurde, also zurückgerufen wurde. Dem ist zu widersprechen. Man muß eine Weile suchen, doch es gibt Präzedenzfälle.
Ein besonders passendes historisches Beispiel ist Kardinal Tolomeo Gallio. Unter Pius IV. gehörte er zum engsten Kreis der päpstlichen Regierung. Als Sekretär hatte er jenes Amt inne, das heute unter der Bezeichnung Staatssekretär bekannt ist. Unter Pius V. verlor er seine herausragende Stellung, doch Gregor XIII. holte ihn 1572 wieder nach Rom zurück übertrug erneut die Leitung der päpstlichen Staatsgeschäfte.
Eine Ernennung von Msgr. Guido Marini würde in erster Linie eine Abkehr von dem traditionsfeindlichen Bergoglianismus signalisieren. Und das wäre schon sehr viel. Sie würde jedoch nicht unbedingt mehr bedeuten. Denn es gibt keine Hinweise darauf, daß Msgr. Marini als Erzbischof in der Diözese Tortona den überlieferten Ritus aktiv fördern oder einen regulären Meßort für den überlieferten Ritus ermöglichen würde. Im Gegenteil: Die offizielle diözesane Behandlung von Traditionis custodes im Jahre 2022 zeigt eine deutliche Orientierung an der von Papst Franziskus vorgegebenen Einschränkung des Missale von 1962. Der einzige in der Diözese vor 2020 belegte Meßort des alten Ritus besteht inzwischen nicht mehr.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons/MiL/Katholisches.info
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