Andrea Grillo gegen Cordileone und die Ideologie, die die Wirklichkeit nicht erträgt

Die Ideologie fürchtet den Hirten, der seine Herde kennt

Schlagabtausch zur Liturgiefrage mit progressivem Diktat
Schlagabtausch zur Liturgiefrage mit progressivem Diktat

Von Don Mario Proietti*

Als Lieb­ha­ber korea­ni­scher Dra­ma­se­ri­en (K‑Dramen) muss ich geste­hen, dass die Kon­tro­ver­se um die Lit­ur­gie inzwi­schen den Rhyth­mus einer Fort­set­zungs­se­rie ange­nom­men hat. Zunächst kün­dig­te Kar­di­nal Arthur Roche in einem Inter­view an, was Leo XIV. nicht tun wer­de, und stell­te die zukünf­ti­ge lit­ur­gi­sche Dis­zi­plin so dar, als sei sie bereits end­gül­tig festgelegt.

Unmit­tel­bar danach mel­de­te sich der Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Andrea Gril­lo zu Wort, um die­se Les­art zu bekräf­ti­gen. Er for­der­te die Gläu­bi­gen auf, den „Trau­er­pro­zess“ um Sum­morum Pon­ti­fi­cum zu durch­lau­fen, und beschrieb den Gebrauch des alten Mess­buchs als Trä­ger einer schis­ma­ti­schen Dynamik.

An die­sem Punkt betritt Erz­bi­schof Sal­va­to­re Cor­di­leo­ne die Büh­ne. Er bean­sprucht nicht, die Gedan­ken des Pap­stes bes­ser zu ken­nen als des­sen Prä­fekt, mahnt jedoch zur Vor­sicht und weist auf die pasto­ra­len Fol­gen der Ein­schrän­kun­gen hin. Er fragt, ob eine all­zu stren­ge Dis­zi­plin nicht eini­ge Gläu­bi­ge von der vol­len Gemein­schaft mit Rom ent­fer­nen könnte.

Dar­auf folgt der Auf­tritt von Kar­di­nal Cupich, der dazu auf­ruft, lit­ur­gi­sche Kon­tro­ver­sen nicht zu öffent­lich und nicht zu spal­tend aus­zu­tra­gen – fast so, als bestün­de das eigent­li­che Pro­blem dar­in, über sie zu spre­chen, und nicht in der Wun­de, die die Debat­te selbst geschla­gen hat.

Nun tritt Andrea Gril­lo erneut auf den Plan. Er beschränkt sich nicht dar­auf, die Posi­ti­on Roches zu ver­tei­di­gen. Viel­mehr nimmt er Cor­di­leo­ne direkt ins Visier, wirft ihm schwer­wie­gen­de theo­lo­gi­sche Irr­tü­mer vor, stellt sei­ne fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on in Fra­ge und bringt sei­ne Posi­ti­on schließ­lich sogar mit der Ver­su­chung eines Schis­mas in Verbindung.

Die Serie wur­de offen­bar um eine wei­te­re Staf­fel verlängert.

Der neue Arti­kel des Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­lers trägt bereits einen auf­schluss­rei­chen Titel: „Ein Cor­di­leo­ne allein genügt nicht, um die Tra­di­ti­on zu bewahren“.

Der Autor begnügt sich nicht damit, die Über­le­gun­gen des Erz­bi­schofs zu dis­ku­tie­ren. Er bezeich­net sie als eine Ansamm­lung von Gemein­plät­zen, schreibt Cor­di­leo­ne gra­vie­ren­de Feh­ler zu, behaup­tet, die­ser habe „nicht genü­gend Theo­lo­gie stu­diert“, und geht sogar so weit zu erklä­ren, sei­ne Posi­ti­on unter­gra­be die bischöf­li­che Auto­ri­tät und set­ze ihn der Ver­su­chung eines Schis­mas aus.

Der Erz­bi­schof hin­ge­gen hat­te sich wesent­lich zurück­hal­ten­der geäu­ßert. Ange­sichts der Gewiss­heit, mit der Roche den künf­ti­gen Ent­schei­dun­gen des Pap­stes vor­ge­grif­fen hat­te, bemerk­te er ledig­lich, er wis­se nicht, wie genau der Prä­fekt die Gedan­ken Leos XIV. tat­säch­lich kenne.

Er bean­spruch­te kein unein­ge­schränk­tes Recht auf die Fei­er nach dem frü­he­ren Mess­buch. Viel­mehr stell­te er eine pasto­ra­le Fra­ge: Kön­nen anhal­ten­de Ein­schrän­kun­gen man­che Gläu­bi­ge dazu bewe­gen, sich Gemein­schaf­ten anzu­schlie­ßen, die nicht in vol­ler Ein­heit mit Rom stehen?

Zugleich erklär­te er, ein groß­zü­gi­ger Zugang zur über­lie­fer­ten Lit­ur­gie müs­se mit einer unein­ge­schränk­ten Zustim­mung zur Leh­re der Kir­che und zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil einhergehen.

Die­se Posi­ti­on ist nicht schis­ma­tisch. Sie ent­spricht viel­mehr genau der Hal­tung eines Hir­ten, der die Fol­gen kirch­li­cher Ent­schei­dun­gen im Blick hat. Eine Norm mag eine bestimm­te Absicht ver­fol­gen; ein Bischof muss jedoch eben­so fra­gen, wel­che Früch­te sie bei den Men­schen her­vor­bringt, die sei­ner Sor­ge anver­traut sind.

Gril­lo ver­fährt genau umge­kehrt. Die pasto­ra­le Fra­ge wird in einen dok­tri­nä­ren Irr­tum umge­deu­tet. Die Sor­ge um die Gläu­bi­gen wird zur Kom­pli­zen­schaft mit dem Tra­di­tio­na­lis­mus erklärt. Das Risi­ko, dass sich man­che von Rom ent­fer­nen könn­ten, wird als Beweis für eine bereits in ihrer lit­ur­gi­schen Bin­dung ange­leg­te schis­ma­ti­sche Ten­denz interpretiert.

Das Gedan­ken­ge­bäu­de ist so kon­stru­iert, dass es sich nicht wider­le­gen lässt. Schwei­gen die Gläu­bi­gen, dann hat die Dis­zi­plin funk­tio­niert. Lei­den sie, dann sind sie zu sehr der Ver­gan­gen­heit ver­haf­tet. Ver­las­sen sie die diö­ze­sa­nen Gemein­den, dann bewei­sen sie ihre Nei­gung zum Schisma.

Jede mög­li­che Reak­ti­on bestä­tigt die ursprüng­li­che Dia­gno­se. Wenn eine Theo­rie immer recht behält, dann hat sie gewöhn­lich auf­ge­hört, die Wirk­lich­keit wahrzunehmen.

Der schwäch­ste Punkt des Arti­kels betrifft das Ver­hält­nis zwi­schen dem Mess­buch von 1962 und dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Konzil.

Gril­lo behaup­tet, es sei unmög­lich, das Kon­zil anzu­neh­men und zugleich jene lit­ur­gi­sche Form zu wün­schen, da Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um die Reform des römi­schen Ritus ver­langt habe. Dar­aus lei­tet er einen abso­lu­ten Gegen­satz ab: ent­we­der das Kon­zil oder das frü­he­re Messbuch.

Gera­de Tra­di­tio­nis cus­to­des zeigt jedoch, dass die­se Gleich­set­zung nicht trägt. Das Doku­ment über­trägt dem Bischof die Befug­nis, den Gebrauch des Mess­buchs von 1962 zu geneh­mi­gen, und ver­langt von ihm zugleich sicher­zu­stel­len, dass die betref­fen­den Grup­pen weder die Gül­tig­keit der Lit­ur­gie­re­form noch die Leh­re des Kon­zils oder das päpst­li­che Lehr­amt in Fra­ge stellen.

Die gegen­wär­ti­ge kirch­li­che Ord­nung unter­schei­det somit aus­drück­lich zwi­schen dem erlaub­ten Gebrauch des frü­he­ren Mess­buchs und einer Ableh­nung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils. Gril­lo erklärt für unmög­lich, was das Kir­chen­recht wei­ter­hin aus­drück­lich vorsieht.

Das­sel­be zeigt sich, wenn er den über­lie­fer­ten Ritus als kle­ri­kal, ohne täti­ge Teil­nah­me und als geeig­net beschreibt, die Gläu­bi­gen in „Muse­ums­stücke“ zu verwandeln.

Die lit­ur­gi­sche Teil­nah­me lässt sich jedoch nicht auf die Anzahl der gespro­che­nen Wor­te oder der äuße­ren Hand­lun­gen redu­zie­ren. Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um beschreibt sie als bewusst, tätig und frucht­bar und ver­bin­det sie mit der Bil­dung und der inne­ren Hal­tung der Gläu­bi­gen. Zugleich bestimmt das Kon­zil, dass der Gebrauch der latei­ni­schen Spra­che in den latei­ni­schen Riten erhal­ten blei­ben soll, und for­dert, dass die Gläu­bi­gen die ihnen zukom­men­den Tei­le des Ordi­na­ri­ums auf Latein sin­gen oder spre­chen können.

Das eigent­li­che Pro­blem besteht nicht dar­in, dass Gril­lo das Recht hät­te, einen Bischof zu kri­ti­sie­ren. Ein Theo­lo­ge darf dies selbst­ver­ständ­lich tun.

Pro­ble­ma­tisch ist viel­mehr der dis­zi­pli­nie­ren­de Cha­rak­ter sei­ner Kri­tik. Erz­bi­schof Cor­di­leo­ne wird nicht als Hir­te behan­delt, der eine Fra­ge der pasto­ra­len Klug­heit auf­wirft. Er wird viel­mehr als theo­lo­gisch unzu­rei­chend aus­ge­bil­det, pasto­ral ver­ant­wor­tungs­los und gefähr­lich nahe am Schis­ma dargestellt.

Die dar­aus resul­tie­ren­de Bot­schaft ist schwer zu über­se­hen. Wer es wagt, die pasto­ra­le Wirk­sam­keit von Tra­di­tio­nis cus­to­des in Fra­ge zu stel­len, läuft Gefahr, außer­halb des Bereichs eines „rich­ti­gen“ Ver­ständ­nis­ses des Kon­zils ein­ge­ord­net zu werden.

Auf die gestell­te Fra­ge wird nicht geant­wor­tet; statt­des­sen wird der­je­ni­ge dis­kre­di­tiert, der sie gestellt hat.

Der Schluss­satz Gril­los offen­bart die­se Denk­wei­se mit beson­de­rer Deutlichkeit:

„Wer die Tra­di­ti­on liebt, hat kei­ne Wahl.“

Für eine kirch­li­che Kul­tur, die unab­läs­sig von Zuhö­ren und Unter­schei­dung spricht, ist das eine bemer­kens­wer­te Formulierung.

Die Ideo­lo­gie beglei­tet die Wirk­lich­keit nicht; sie teilt ihr viel­mehr mit, dass sie kei­ne Alter­na­ti­ve habe. Sie hört nicht dar­auf, wonach jun­ge Men­schen suchen, son­dern legt fest, wonach sie suchen soll­ten. Sie prüft nicht, ob eine bestimm­te Dis­zi­plin die kirch­li­che Gemein­schaft tat­säch­lich bewahrt, son­dern setzt Gemein­schaft ein­fach mit ihrer eige­nen Lösung gleich.

Cor­di­leo­ne hat etwas sehr viel Ein­fa­che­res und zugleich sehr viel Bischöf­li­che­res getan. Er hat auf die Gläu­bi­gen geschaut, auf die Gefahr, sie zu ver­lie­ren, und auf die geist­li­che Sehn­sucht, die sich in den jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen zeigt.

Gril­lo hin­ge­gen hat auf sein Para­dig­ma geschaut und den Bischof geta­delt, weil sich die Tat­sa­chen die­sem nicht bereit­wil­lig fügen wollten.

Die­se Aus­ein­an­der­set­zung beweist nicht, dass es eine zen­tral gesteu­er­te Regie gibt. Sie offen­bart viel­mehr etwas Tie­fe­res: ein kul­tu­rel­les Milieu, in dem ver­schie­den­e­Per­so­nen die­sel­be Spra­che ver­wen­den, die­sel­be Denk­struk­tur ver­tei­di­gen und sofort reagie­ren, sobald eine bischöf­li­che Stim­me die Dis­kus­si­on wie­der auf ihre kon­kre­ten pasto­ra­len Fol­gen zurückführt.

Die Ideo­lo­gie fürch­tet nicht in erster Linie den Wider­spruch. Sie fürch­tet den Hir­ten, der sei­ne Her­de kennt.

Denn wirk­li­che Men­schen – mit ihrem Glau­ben und ihren Ver­wun­dun­gen – haben die uner­quick­lich­ste Eigen­schaft, sich nicht so zu ver­hal­ten, wie die Kate­go­rien es vor­se­hen, die man für sie ent­wor­fen hat.

*Don Mario Proi­et­ti ist ein Prie­ster der Kon­gre­ga­ti­on der Mis­sio­na­re vom Kost­ba­ren Blut (CPPS). Er wur­de am 22. Okto­ber 1965 gebo­ren und am 26. Mai 1991 zum Prie­ster geweiht. Er ist Rek­tor an der Abtei San Feli­ce in Gia­no del­l’Um­bria, wo er seel­sorg­lich tätig ist..Seit 2025 ver­öf­fent­licht er regel­mä­ßig Bei­trä­ge auf der katho­li­schen Platt­form UCCR und sei­nem Blog „Tra cuo­re e sapi­en­za“ („Zwi­schen Herz und Weis­heit“)“. Sei­ne Arti­kel behan­deln vor allem kirch­li­che und theo­lo­gi­sche The­men, dar­un­ter Lit­ur­gie, Prie­ster­tum, kirch­li­che Refor­men, das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil sowie Fra­gen der Seel­sor­ge und des kirch­li­chen Lebens.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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