„Die Haltung Leos XIV. zur überlieferten Liturgie ist inzwischen allgemein bekannt“

Der Zug rollt

Steht Leo XIV. in der Liturgiefrage hinter der Linie von Kardinal Arthur Roche?
Steht Leo XIV. in der Liturgiefrage hinter der Linie von Kardinal Arthur Roche?

Die deut­li­che Stel­lung­nah­me von Kar­di­nal Arthur Roche gegen den über­lie­fer­ten römi­schen Ritus, die in der bri­ti­schen Wochen­zei­tung The Tablet ver­öf­fent­licht wur­de, sorgt inter­na­tio­nal für Auf­se­hen. Dar­in erklär­te der eng­li­sche Pur­pur­trä­ger, Leo XIV. wer­de in der Lit­ur­gie­fra­ge Tra­di­tio­nis cus­to­des nicht kor­ri­gie­ren und schon gar nicht zu Sum­morum Pon­ti­fi­cum zurück­keh­ren. Die bür­ger­li­che spa­ni­sche Main­stream-Tages­zei­tung La Razón zieht erwart­ba­re Schlüs­se daraus.

Zunächts gilt es vor­aus­zu­schicken: Im Vor­feld des zwei­ten Kon­si­sto­ri­ums sei­nes Pon­ti­fi­kats, das Papst Leo XIV. für Juni ein­be­ru­fen hat­te, war dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, daß die Lit­ur­gie­fra­ge bes­ser erneut nicht auf die Tages­ord­nung gesetzt wer­de. Andern­falls hät­te die erheb­li­che Gefahr bestan­den, daß jenes von Kar­di­nal Roche für das erste Kon­si­sto­ri­um im Janu­ar aus­ge­ar­bei­te­te Papier zur maß­geb­li­chen Arbeits­grund­la­ge gewor­den wäre.

Die jüng­sten Äuße­run­gen des eng­li­schen Kar­di­nals las­sen jedoch eine bemer­kens­wer­te Selbst­ge­wiß­heit erken­nen. Sie erwecken den Ein­druck, daß sich der von Papst Fran­zis­kus ernann­te Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung in der Lit­ur­gie­fra­ge der Rücken­deckung des regie­ren­den Pap­stes sicher weiß. 

Damit kom­men wir zu einem in der gest­ri­gen Sonn­tags­aus­ga­be von der Madri­der Zei­tung La Razón ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel mit der Über­schrift „Leo XIV. stellt sich gegen die latei­ni­sche Mes­se und gegen die Zele­bra­ti­on ad ori­en­tem“, der wie ein apo­lo­ge­ti­scher Bei­trag zugun­sten von Kar­di­nal Roche wirkt. 

Die­ser Arti­kel behaup­tet unter Beru­fung auf eine anony­me vati­ka­ni­sche Quel­le, die Hal­tung Leos XIV. zur über­lie­fer­ten Lit­ur­gie sei inzwi­schen all­ge­mein bekannt und kom­me bereits in jenem Doku­ment zur Lit­ur­gie zum Aus­druck, des­sen Ver­fas­ser eben jener Kar­di­nal Arthur Roche, Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung, ist.

Von der Exi­stenz die­ses Doku­ments war zunächst ledig­lich bekannt gewor­den, daß es an die Kar­di­nä­le ver­teilt wor­den war, die am außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­um im Janu­ar 2026 teil­ge­nom­men hat­ten. Weni­ge Tage spä­ter wur­de sein voll­stän­di­ger Wort­laut jedoch unab­hän­gig von­ein­an­der von zwei ver­schie­de­nen Medi­en veröffentlicht.

Bereits Ende 2025 war mit­ge­teilt wor­den, daß die Lit­ur­gie eines der The­men des Kon­si­sto­ri­ums sein soll­te. Die­ses Vor­ha­ben wur­de jedoch auf­ge­ge­ben, so daß der The­men­kom­plex schließ­lich von der Tages­ord­nung gestri­chen wurde.

Der Arti­kel in La Razón greift die jüng­ste Bekräf­ti­gung Kar­di­nal Roches in dem ein­gangs ange­führ­ten Inter­view mit The Tablet auf, wonach Papst Leo hin­sicht­lich der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie die bereits von Fran­zis­kus vor­ge­ge­be­ne Linie nicht ändern werde. 

Beob­ach­ter wen­den aller­dings ein, daß sich die­se Dar­stel­lung kaum mit jenem Schrei­ben ver­ein­ba­ren läßt, das Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin im ver­gan­ge­nen März im Namen Leos XIV. an die fran­zö­si­schen Bischö­fe rich­te­te. Dar­in wer­den die­se auf­ge­for­dert, „kon­kre­te Lösun­gen vor­zu­schla­gen, die eine groß­her­zi­ge Ein­be­zie­hung von Per­so­nen ermög­li­chen, die sich auf­rich­tig dem Vetus Ordo ver­bun­den wis­sen“. Auf den ersten Blick könn­te dies als Hin­weis auf einen künf­tig für die Gesamt­kir­che maß­geb­li­chen Lösungs­an­satz ver­stan­den werden.

Eine sol­che Les­art erscheint jedoch frag­lich, sofern zutrifft, was römi­sche Quel­len wie­der­holt ange­deu­tet haben: daß die von Leo XIV. ange­spro­che­nen „Lösun­gen“ gera­de kei­ne Zuge­ständ­nis­se zugun­sten des über­lie­fer­ten Ritus bedeu­ten sol­len. Gemeint wäre viel­mehr die Über­nah­me ein­zel­ner tra­di­tio­nel­ler Ele­men­te in den Novus Ordo, um den Vetus Ordo aus der Sicht der gegen­wär­ti­gen Kir­chen­lei­tung als ent­behr­lich erschei­nen zu las­sen und ihn auf die­sem Wege letzt­lich ver­drän­gen zu können.

Soll­te sich die­se Deu­tung bewahr­hei­ten, wür­de sie den Ein­druck bestä­ti­gen, daß Leo XIV. in der Lit­ur­gie­fra­ge eben­so wenig Ver­ständ­nis für Wesen und Eigen­recht des über­lie­fer­ten Ritus erken­nen läßt wie sein Vor­gän­ger Fran­zis­kus. Wäh­rend Fran­zis­kus mit Tra­di­tio­nis cus­to­des den Weg zu des­sen schritt­wei­ser Zurück­drän­gung eröff­ne­te, wür­de Leo XIV. die­sen Kurs kon­se­quent fort­set­zen. Damit wür­de er die von Bene­dikt XVI. in Sum­morum Pon­ti­fi­cum for­mu­lier­te Visi­on einer gegen­sei­ti­gen Berei­che­rung bei­der Aus­drucks­for­men des Römi­schen Ritus in ihr Gegen­teil ver­keh­ren: Nicht die Wie­der­her­stel­lung des ange­stamm­ten Plat­zes und der vol­len Wür­de des über­lie­fer­ten Ritus wäre das Ziel, son­dern sei­ne schritt­wei­se Ent­behr­lich­ma­chung und letzt­lich sein Verschwinden.

Im fol­gen­den zitie­ren wir den Abschnitt, in dem La Razón die anony­me vati­ka­ni­sche Quel­le wie­der­gibt, die nicht näher qua­li­fi­ziert wird.

Daher rührt offen­bar auch die Ent­schlos­sen­heit, mit der sich Kar­di­nal Roche heu­te zu die­sem The­ma äußert. Wie LA RAZÓN erfah­ren hat, hat sich der mathe­ma­tisch aus­ge­bil­de­te Papst aller­dings bereits seit Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats mit die­ser Fra­ge beschäf­tigt. Aus­schlag­ge­bend sei dabei das erste außer­or­dent­li­che Kar­di­nals­kon­si­sto­ri­um gewe­sen, das zu Beginn des Jah­res statt­fand. Am ersten Sit­zungs­tag des Forums der Pur­pur­trä­ger, am Mitt­woch, dem 7. Janu­ar, ließ Leo XIV. die ver­sam­mel­ten Kar­di­nä­le aus vier vor­ge­schla­ge­nen The­men die­je­ni­gen zwei aus­wäh­len, die sie für die wich­tig­sten hiel­ten: Syn­oda­li­tät, Evan­ge­li­sie­rung, Kuri­en­re­form und Lit­ur­gie. Mit deut­li­cher Mehr­heit stri­chen die rund 170 Kar­di­nä­le sowohl die Lit­ur­gie als auch die zen­tra­le Lei­tung der Kir­che von der Tages­ord­nung. Ange­sichts des man­geln­den Inter­es­ses der Teil­neh­mer ver­teil­te Kar­di­nal Roche an alle Anwe­sen­den ein ein­ein­halb Sei­ten umfas­sen­des, von ihm unter­zeich­ne­tes Doku­ment über die Lit­ur­gie, in dem die Posi­ti­on von Papst Fran­zis­kus und sei­nes Motu pro­prio bekräf­tigt wird. Dar­in ist von einer „dyna­mi­schen Sicht­wei­se“ der Tra­di­ti­on sowie von der Dring­lich­keit einer ent­spre­chen­den lit­ur­gi­schen Aus­bil­dung die Rede. Zugleich wird auf Bene­dikt XVI. ver­wie­sen, der die Tra­di­ti­on – mit gro­ßem Anfangs­buch­sta­ben – nicht als „Über­lie­fe­rung von Din­gen oder Wor­ten, als Samm­lung toter Din­ge“, son­dern als einen „leben­di­gen Strom“ bezeich­net. Das Doku­ment gelangt zu dem Schluß, daß die vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil „gewoll­te“ Reform „nicht nur voll­kom­men mit dem eigent­li­chen Sinn der Tra­di­ti­on über­ein­stimmt, son­dern eine her­vor­ra­gen­de Wei­se dar­stellt, der Tra­di­ti­on zu die­nen, damit die­se die Kir­che wie ein mäch­ti­ger Strom in den Hafen der Ewig­keit geleite“.

Nach­dem das Doku­ment an die Kar­di­nä­le ver­teilt wor­den war, dau­er­te es nicht lan­ge, bis es nach außen gelang­te und in kon­ser­va­tiv gepräg­ten Inter­net­fo­ren ver­brei­tet wur­de. Dort wur­de es rasch als pole­misch, ein­sei­tig und ten­den­zi­ös bezeich­net – als ob sei­ne Ver­tei­lung unter den Mit­brü­dern im Kon­si­sto­ri­um auf eine per­sön­li­che Initia­ti­ve Roches oder gar auf einen Zufall zurück­ge­gan­gen wäre. Die­se Zei­tung konn­te jedoch bestä­tigt bekom­men, daß der Kar­di­nal das Schrift­stück auf Wunsch Leos XIV. ver­teilt hat und daß des­sen Inhalt somit die aus­drück­li­che Bil­li­gung des Pap­stes besitzt. Offen­bar wur­de das Doku­ment von Kar­di­nal Roche und den Mit­ar­bei­tern sei­nes Dik­aste­ri­ums auf Bit­te des Pap­stes ver­faßt und anschlie­ßend von die­sem per­sön­lich über­prüft. „Er hat nicht ein­mal ein Kom­ma geän­dert“, ver­si­chern vati­ka­ni­sche Quel­len. Zugleich beto­nen sie: „Die Ver­tei­lung des Doku­ments an die Kar­di­nä­le soll­te die Hal­tung des neu­en Pap­stes in die­ser Fra­ge sicht­bar machen und war kei­ne Pro­vo­ka­ti­on Roches, wie man­che mein­ten, indem sie ihn von sei­nem Vor­ge­setz­ten zu tren­nen versuchten.“

„Das zwei­te Kon­si­sto­ri­um, das für die­sen Juni ein­be­ru­fen wur­de, hat jedoch erneut bestä­tigt, daß die­ses The­ma die über­wie­gen­de Mehr­heit der Kir­che nicht beschäf­tigt, denn es wur­de in den Bera­tun­gen nicht ein­mal von sich aus ange­spro­chen. Es han­delt sich um eine Fra­ge, die ledig­lich von einer laut­star­ken Min­der­heit hoch­ge­spielt wird“, erklärt die­sel­be Quelle.

Tat­säch­lich haben in den ver­gan­ge­nen Mona­ten die For­de­run­gen an Leo XIV. zuge­nom­men, Tra­di­tio­nis cus­to­des auf­zu­he­ben und sogar Kar­di­nal Roche sei­nes Amtes zu ent­he­ben. Weder das eine noch das ande­re ist gesche­hen. Viel­mehr tritt der Kar­di­nal aus­ge­spro­chen selbst­be­wußt an die Öffent­lich­keit, was in die­ser Form ohne höch­ste Absi­che­rung kaum denk­bar wäre. 

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: La Razón (Screen­shot)

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