Zum fünften Jahrestag von Traditionis custodes zieht der Vatikanist Michael Haynes eine ernüchternde Bilanz. In einer Analyse, die am 16. Juli 2026 auf dem Portal PerMariam erschien, vertritt Haynes die These, daß das von Papst Franziskus erlassene Motu proprio die liturgischen Auseinandersetzungen in der Kirche nicht beendet, sondern neu entfacht habe.
Der Titel seiner Analyse lautet: „Traditionis Custodes: Five years of unnecessary ‚persecution‘ and chaos“ („Fünf Jahre unnötiger ‚Verfolgung‘ und Chaos“). Haynes kommt darin zu dem Schluß, daß die Einschränkungen der überlieferten römischen Liturgie weder die von Rom angestrebte Einheit geschaffen noch die traditionelle Meßform zurückgedrängt hätten. Statt dessen hätten sie neue Spannungen, Verletzungen und kirchenrechtliche Fragen hervorgerufen.
Ein Dokument mit weitreichenden Folgen
Haynes erinnert daran, daß Papst Franziskus am 16. Juli 2021 – dem Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel – mit Traditionis custodes die von Benedikt XVI. mit Summorum Pontificum (2007) geschaffene Regelung weitgehend aufhob. Besonders umstritten ist die Aussage des Dokuments, wonach die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil reformierten liturgischen Bücher von Paul VI. und Johannes Paul II. „der einzige Ausdruck der lex orandi des Römischen Ritus“ seien.
Nach Haynes habe diese Formulierung bei vielen Anhängern der überlieferten Liturgie den Eindruck erweckt, ihre liturgische Praxis werde grundsätzlich in Frage gestellt. Die Folge sei eine Welle von Einschränkungen durch zahlreiche Bischöfe gewesen: Messen im überlieferten Ritus seien untersagt, verlegt oder aus dem öffentlichen Raum verdrängt worden.
Kritik von Kardinälen und Bischöfen
Der Autor führt zahlreiche Stimmen aus dem Episkopat an, die das Vorgehen Roms kritisch bewerteten. Besonders hebt er Kardinal Gerhard Müller hervor, der wenige Tage nach Veröffentlichung von Traditionis custodes schrieb, die Maßnahme treffe Gläubige, die durch die traditionelle Liturgie geistliche Nahrung suchten.
Kardinal Müller habe die Haltung mit einem scharfen Bild beschrieben: Statt „den Geruch der Schafe“ anzunehmen, schlage der Hirte seine Herde mit dem Hirtenstab. Haynes betont dabei, daß Müller selbst kein ausgesprochener Vertreter der überlieferten Liturgie sei, aber dennoch die Einschränkungen als pastoral problematisch kritisiert habe.
Auch Kardinal Raymond Burke bezeichnete das Dokument als „schwere und revolutionäre Maßnahme“ und sah den Versuch, die traditionelle Liturgie langfristig vollständig zu beseitigen. Kardinal Walter Brandmüller sprach, wie Haynes erinnert, von einem durch Traditionis custodes ausgelösten „Wirbelsturm“, Kardinal Joseph Zen von einer Verletzung der „Herzen vieler guter Menschen“.
Besonders ausführlich zitiert Haynes den kasachischen Weihbischof Athanasius Schneider. Dieser bezeichnete Traditionis custodes als ungerecht gegenüber jenen Katholiken, die an der überlieferten Liturgie festhalten. Die traditionelle Messe sei kein persönliches Eigentum eines Papstes, sondern ein jahrhundertealtes Gut der gesamten Kirche.
Die These vom Scheitern der Strategie
Eine zentrale These der Analyse lautet: Bergoglios Ziel einer Verdrängung der traditionellen Liturgie sei nicht erreicht worden.
Haynes argumentiert, daß die überlieferte Messe zwar eingeschränkt und vielerorts erschwert worden sei, aber keineswegs verschwunden ist. Im Gegenteil hätten traditionelle Ordensgemeinschaften und Priesterseminare weiterhin Zulauf erhalten. Auch die Priesterbruderschaft St. Pius X. habe von den Entwicklungen profitiert.
Die von manchen Kritikern von Traditionis custodes vorhergesagte Entwicklung zu „Katakombenmessen“ sei nach Ansicht von Haynes teilweise eingetreten: Wo öffentliche Ankündigungen überlieferter Messen untersagt werden, entstünden informelle Strukturen, die den Eindruck einer Ausgrenzung verstärkten.
Ein fragwürdiges Fundament?
Besonders kritisch bewertet Haynes die Grundlage, auf der Traditionis custodes entstanden ist. Er verweist auf spätere Berichte über die vatikanische Befragung der Bischöfe, die der Veröffentlichung vorausging. Wie sich erst nachträglich herausstellte, hatten diese Rückmeldungen keineswegs eine breite Unterstützung für Einschränkungen ergeben. Manche Bischöfe hatten sogar ausdrücklich vor negativen Folgen gewarnt.
Damit stellt Haynes die zentrale Begründung des Dokumentes in Frage: Wenn die von Franziskus behauptete Spaltung durch Anhänger der alten Liturgie nicht in der erwarteten Weise nachweisbar gewesen sei, verliere die Maßnahme ihre argumentative Grundlage.
Kirchenrechtliche Fragen bleiben offen
Neben pastoralen und theologischen Einwänden verweist Haynes auf ungelöste kanonistische Probleme. Er nennt insbesondere die Arbeiten des Kirchenrechtlers Réginald-Marie Rivoire, der in einer umfangreichen Untersuchung rechtliche Fragen zur Gültigkeit und Anwendung von Traditionis custodes aufgeworfen habe.
Auch Kardinal Burke habe gegenüber Haynes erklärt, das Dokument sei „aus der Sicht des Kirchenrechtes und auch der theologischen Wirklichkeit der heiligen Liturgie problematisch“.
Nach Ansicht des Autors seien diese Fragen bislang nicht ausreichend öffentlich diskutiert worden. Viele Bischöfe hätten die römischen Vorgaben umgesetzt, um Konflikte zu vermeiden, während grundsätzliche rechtliche Einwände kaum berücksichtigt worden seien.
Erwartung an Papst Leo XIV.
Zum Abschluß seiner Analyse richtet Haynes den Blick auf Papst Leo XIV. Viele Katholiken hätten erwartet, daß der neue Papst die Regelungen von Traditionis custodes frühzeitig überprüfe. Bislang ist dies jedoch nicht geschehen.
Haynes sieht darin eine offene Baustelle des gegenwärtigen Pontifikats. Sollte Leo XIV. tatsächlich eine stärkere Einheit in der Kirche fördern wollen, so Haynes, wäre eine Revision oder Aufhebung von Traditionis custodes ein wichtiger Schritt.
Fünf Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt Traditionis custodes damit ein Symbol für eine der tiefsten innerkirchlichen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte: die Frage nach dem Verhältnis zwischen liturgischer Reform und überlieferter Tradition. Für Michael Haynes ist die Bilanz eindeutig: Das Dokument habe die Spannungen nicht gelöst, sondern vertieft.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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