Fünfzig Jahre nach dem „Fall Seveso“


Nach dem Austritt einer Dioxinwolke aus einem Chemiewerk in Seveso wurde gezielt Panik erzeugt, um die Legalisierung der Abtreibung zu erreichen.
Nach dem Austritt einer Dioxinwolke aus einem Chemiewerk in Seveso wurde gezielt Panik erzeugt, um die Legalisierung der Abtreibung zu erreichen.

Von Fabio Fuiano*

Am ver­gan­ge­nen 10. Juli begab sich der Staats­prä­si­dent der Ita­lie­ni­schen Repu­blik, Ser­gio Mat­tar­el­la1, nach Seve­so, um des fünf­zig­sten Jah­res­ta­ges der Kata­stro­phe im ICMESA-Werk zu geden­ken, die sich im Jah­re 1976 ereig­net hat­te. Meh­re­re Zei­tun­gen erin­ner­ten dar­an, daß der Stör­fall im che­mi­schen Reak­tor des Unter­neh­mens und die dabei aus­tre­ten­de gif­ti­ge Dioxin­wol­ke ein Ereig­nis gewe­sen sei­en, das „die Umwelt­ge­schich­te Ita­li­ens geprägt“ habe.

In sei­ner Rede erin­ner­te die Bür­ger­mei­ste­rin von Seve­so Ales­sia Bar­ro­ni (Lega) unter ande­rem an „die Ver­zweif­lung und die Scham der Frau­en, die zu einer Ent­schei­dung für die Abtrei­bung gedrängt wur­den“. Der Prä­si­dent der Regi­on Lom­bar­dei, Atti­lio Fon­ta­na (Lega), rich­te­te sei­nen Bei­trag vor allem auf die Anlie­gen der Umwelt­be­we­gun­gen, wäh­rend Staats­prä­si­dent Mat­tar­el­la erneut die Unan­nehm­bar­keit des­sen her­vor­hob, was damals gesche­hen war, sowie den histo­ri­schen Cha­rak­ter der nach­fol­gen­den, auf kon­ti­nen­ta­ler Ebe­ne aus­ge­ar­bei­te­ten Vor­schrif­ten, „weil sie auf dem Schutz des Lebens der Men­schen und der Umwelt beruhten“.

Sei­ne Gedan­ken gal­ten „all jenen, die die mensch­lich schwer­sten Fol­gen ertra­gen muß­ten; jenen, die infol­ge von Krank­hei­ten, die durch das Dioxin ver­ur­sacht oder ver­schlim­mert wur­den, ihr Leben ver­lo­ren; ihren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen; den nahe­zu 200 Kin­dern, die damals von einer schwe­ren Haut­krank­heit betrof­fen waren; den Frau­en, die sich plötz­lich mit einer Schwan­ger­schaft kon­fron­tiert sahen, bei der das Risi­ko von Miß­bil­dun­gen bestand […]“.

Mat­tar­el­la hob außer­dem „die wert­vol­le Arbeit des Kran­ken­hau­ses von Desio“ her­vor und schloß sei­ne Rede mit einer Bot­schaft an die Anwe­sen­den: „Das Leben und die Zukunft sind wie­der in eure Hän­de zurück­ge­kehrt. Es war ein lan­ger Weg vol­ler Opfer. Aber Hoff­nung und Leben haben gesiegt: Ich ent­bie­te Wün­sche für eine gute Zukunft.“

Es ist auf das Buch Abor­to & 194 („Abtrei­bung und 194. Phä­no­me­no­lo­gie eines unge­rech­ten Geset­zes“) von Mario Pal­ma­ro2 zurück­zu­kom­men. Es gehört zu den Arbei­ten im Bereich der Lebens­rechts­be­we­gung, die einen wirk­li­chen Dienst an der Wahr­heit gelei­stet haben, indem sie die eigent­li­che Natur des Staats­ge­set­zes 194 von 1978 auf­deck­ten und sei­ne Ent­ste­hungs­ge­schich­te schil­der­ten (S. 34–39).

Die Kata­stro­phe von Seve­so im Jah­re 1976 war nach dem Sieg des Schei­dungs­re­fe­ren­dums von 1974 und dem Urteil des Ver­fas­sungs­ge­rich­tes von 1975 eines der ent­schei­den­den Ereig­nis­se, die zur Annah­me des Geset­zes 194 führten.

Pal­ma­ro wies dar­auf hin, daß Seve­so ein „Lehr­buch­bei­spiel der Des­in­for­ma­ti­on“ war, das zei­ge, wie man eine Nach­richt ver­fäl­schen kann, um den Lauf der Geschich­te zu verändern.

Nach dem Aus­tritt von Dioxin ergrif­fen die Behör­den zu Recht dra­sti­sche Maß­nah­men, und inner­halb weni­ger Tage ging die Nach­richt um die gan­ze Welt. Seve­so wur­de dadurch zum Sinn­bild einer der schwer­sten Umwelt­ka­ta­stro­phen der Geschich­te. Die gewal­ti­ge Medi­en­ma­schi­ne­rie setz­te sich „uner­bitt­lich in Bewe­gung und schuf einen Fall, der gegen­über den tat­säch­li­chen Ereig­nis­sen völ­lig unver­hält­nis­mä­ßig war“, wodurch „eine Atmo­sphä­re voll­kom­men irra­tio­na­ler Angst“ entstand.

Noch heu­te, so erin­ner­te Pal­ma­ro, „ruft das Wort Seve­so schreck­li­che Bil­der her­vor, ähn­lich jenen aus The Day After, dem berühm­ten Film über die nuklea­re Bedro­hung: Man glaubt, daß in Seve­so hun­der­te, viel­leicht tau­sen­de Men­schen gestor­ben sei­en. Und daß die Natur für immer ent­stellt wor­den sei.“

Ins­be­son­de­re wur­de – wie auch wäh­rend der Gedenk­fei­er – der Schwer­punkt auf die schreck­li­chen Miß­bil­dun­gen unge­bo­re­ner Kin­der gelegt. Betrach­tet man jedoch die tat­säch­li­chen Zah­len, so zeigt sich, daß die Schä­den für den Men­schen äußerst gering waren:

„Nur 193 Fäl­le von Chlor­ak­ne wur­den bestä­tigt; die epi­de­mio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen der Bevöl­ke­rung vor Ort, die in die­sen Jahr­zehn­ten durch­ge­führt wur­den, haben bis heu­te kei­ne besorg­nis­er­re­gen­den Hin­wei­se erge­ben. Vor allem aber gab es zum Zeit­punkt des Unfalls in Seve­so nicht ein ein­zi­ges Todes­op­fer. Nie­mand starb durch das Dioxin. Zumin­dest nie­mand unter den bereits Geborenen.“

War­um ent­schied man sich also dafür, das Aus­maß von Seve­so auf eine der­art künst­li­che Wei­se zu ver­grö­ßern? Es gibt wenig­stens zwei Beweg­grün­de, die die­ses „Medi­en­ver­bre­chen“ erklä­ren: Der eine ist sicher­lich jener der Umwelt­be­we­gung, die Seve­so nut­zen woll­te, um sich gegen den indu­stri­el­len Fort­schritt zu stellen.

Der Rechts­phi­lo­soph weist jedoch dar­auf hin, daß es „ein zwei­tes Motiv gab, das weit­aus ent­schei­den­der war als das erste: das Bestre­ben bestimm­ter lebens­feind­li­cher Inter­es­sen­grup­pen, die Abtrei­bung in Ita­li­en gesetz­lich zu erlau­ben. Im Hin­ter­grund stand dabei die Aus­ein­an­der­set­zung mit der katho­li­schen Kir­che sowie das Ziel – des­sen Erfolg damals kei­nes­wegs sicher erschien –, aus­ge­rech­net in jenem Land das Recht auf Abtrei­bung ein­zu­füh­ren, in dem sich der Sitz des Papst­tums befindet.“

Denn tat­säch­lich began­nen „weni­ge Wochen nach jenem schick­sal­haf­ten 10. Juli“ eini­ge Zei­tun­gen die Nach­richt zu ver­brei­ten – als wäre sie eine erwie­se­ne Tat­sa­che –, daß Frau­en, die in den von der ver­seuch­ten Wol­ke betrof­fe­nen Gebie­ten schwan­ger waren, schwer behin­der­te Kin­der zur Welt brin­gen würden.

Sofort setz­te sich die poli­ti­sche Maschi­ne­rie in Bewe­gung: Am 31. Juli for­der­ten die Abge­ord­ne­ten Susan­na Agnel­li3 (Abge­ord­ne­te der links­li­be­ra­len Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei), Gian­car­la Cod­rigna­ni (Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei) und die Radi­ka­le Emma Boni­no, daß den Frau­en von Seve­so und Umge­bung die Abtrei­bung gestat­tet wer­de. Fast alle Zei­tun­gen beglei­te­ten die­se For­de­rung mit Zustimmung.

Damals war die Abtrei­bung noch teil­wei­se eine Straf­tat, auch wenn das Urteil des Ver­fas­sungs­ge­rich­tes von 1975 der Frau bereits erlaubt hat­te, das unge­bo­re­ne Kind aus Grün­den ihrer kör­per­li­chen oder see­li­schen Gesund­heit zu töten:

„Eine äußerst schwer­wie­gen­de Ent­schei­dung, die auf der Vor­stel­lung beruh­te, daß nicht nur das Leben, son­dern sogar die blo­ße Gesund­heit der Mut­ter mehr zäh­le als das Leben ihres eige­nen Kindes.“

Trotz­dem fie­len die Fäl­le von Seve­so nicht unter die vom Ver­fas­sungs­ge­richt fest­ge­leg­ten Voraussetzungen:

„Die angeb­li­che Krank­heit des Fötus ist an sich kei­ne Krank­heit der Mutter.“

Dar­auf­hin setz­ten die Abtrei­bungs­be­für­wor­ter alles dar­an, in Seve­so und Umge­bung eine Atmo­sphä­re der Angst zu erzeu­gen. Akti­vi­stin­nen der Uni­on ita­lie­ni­scher Frau­en (UDI)4, des CISA (Zen­trum für Ste­ri­li­sa­ti­on und Abtrei­bung)5 und ande­rer „Kol­lek­ti­ve“ kamen täg­lich in das Gebiet und zeig­ten in der Nähe von Bera­tungs­stel­len für Schwan­ge­re oder Kran­ken­häu­sern ein­deu­ti­ge Pla­ka­te, auf denen Sät­ze wie „Ent­we­der ein Mon­ster oder Abtrei­bung“ zu lesen waren.

Am 17. August geneh­mig­ten Gesund­heits­mi­ni­ster Lucia­no Dal Fal­co und Justiz­mi­ni­ster Fran­ces­co Bonifacio – bei­de Mit­glie­der der christ­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Demo­cra­zia Cri­stia­na –, nach­dem sie die Zustim­mung von Mini­ster­prä­si­dent Giu­lio Andreot­ti (DC) erhal­ten hat­ten, Abtrei­bun­gen für Frau­en aus dem Gebiet, die dies beantragten.

Die Appel­le des Erz­bi­schofs von Mai­land, Gio­van­ni Kar­di­nal Colom­bo, blie­ben ohne Wir­kung. Er hat­te mutig Stel­lung bezo­gen, wur­de jedoch von den Zei­tun­gen ver­spot­tet, die „mit noch grö­ße­rer Hef­tig­keit die Kam­pa­gne zur Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung fortsetzten“.

Wäh­rend­des­sen wur­den im Man­gia­gal­li-Kran­ken­haus in Mai­land und im Kran­ken­haus von Desio die ersten Abtrei­bun­gen vor­ge­nom­men – nicht gera­de eine „wert­vol­le Arbeit“, um auf die Wor­te von Staats­prä­si­dent Mat­tar­el­la zurückzukommen.

Doch zum Ent­set­zen kam noch wei­te­rer Schrecken hin­zu, als im Jah­re 1977 die Ergeb­nis­se „der in den Labo­ra­to­ri­en von Lübeck durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen an den trau­ri­gen Über­re­sten der nie­mals gebo­re­nen Kin­der von Seve­so“ in Ita­li­en eintrafen:

Kein ein­zi­ger Embryo wies die befürch­te­ten Miß­bil­dun­gen auf.

Damit waren sie die ein­zi­gen wirk­li­chen und voll­ends unschul­di­gen Opfer des Dioxins.

Der „Fall Seve­so“ wur­de von skru­pel­lo­sen Lob­bys benutzt, die für die Abtrei­bungs­le­ga­li­sie­rung arbei­te­ten. Die wirk­li­che töd­li­che Gefahr war nicht die Dioxin­wol­ke, son­dern die Miß­ach­tung des Lebens­rechts der unge­bo­re­nen Kin­der, die Miß­ach­tung des mensch­li­chen Lebens – beson­ders auch, wenn es krank ist.

Hier liegt die größ­te Lüge, die auf dem Rücken des unge­bo­re­nen Kin­des und der Frau ver­brei­tet wurde:

„Die Wol­ke des psy­cho­lo­gi­schen Ter­rors, die ohne Erbar­men über die Köp­fe und Her­zen der Müt­ter von Seve­so und Umge­bung aus­ge­schüt­tet wur­de, mit dem Ziel, sie in Ver­zweif­lung zu stür­zen. Und sie davon zu über­zeu­gen, daß die Abtrei­bung wenig­stens in bestimm­ten Fäl­len die Lösung sei.“

[…]

„Seve­so ist ein bei­spiel­haf­ter Fall dafür, wie die Kul­tur des Todes immer mit der Lüge und der syste­ma­ti­schen Ver­fäl­schung ver­bun­den ist: Man sag­te, es wür­den Miß­ge­bur­ten zur Welt kom­men, doch die Unter­su­chun­gen bewie­sen, daß dar­an nichts Wah­res war.“

Lei­der hat­te die damals aus­ge­lö­ste Abtrei­bungs­kam­pa­gne schreck­li­che Aus­wir­kun­gen auf die öffent­li­che Mei­nung in Ita­li­en. Sie ver­stärk­te die Vor­stel­lung, daß ein Gesetz zur Abtrei­bungs­re­ge­lung not­wen­dig sei.

Nur die christ­li­chen Wur­zeln und die Grö­ße des Her­zens eines Vol­kes, das sich an wirk­li­chen Wer­ten fest­hielt, ver­hin­der­ten in jenen Mona­ten ein wah­res Mas­sa­ker an unge­bo­re­nen Kin­dern. Ein lokal begrenz­tes Phä­no­men wur­de jedoch miß­braucht als Tür­öff­ner eines Mentalitätswandels.

Schö­ne Wor­te waren es am ver­gan­ge­nen 10. Juli – doch sie stan­den weit ent­fernt von der Wirk­lich­keit: Mit der Ver­ab­schie­dung des Geset­zes 194 sieg­ten nicht „Hoff­nung und Leben“. Und bis heu­te schweigt man über die Wahr­heit hin­sicht­lich der wah­ren unschul­di­gen Opfer jener Kata­stro­phe – jener Kin­der, denen eine „gute Zukunft“ ver­wehrt wurde.

*Fabio Fuia­no erwarb an der Uni­ver­si­tät Roma Tre einen Master in Bio­in­ge­nieur­we­sen. Der­zeit ist er Dok­to­rand in Maschi­nen­bau und Vor­sit­zen­der der uni­ver­si­tä­ren Lebens­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on „Uni­ver­si­ta­ri per la Vita“ („Stu­den­ten für das Leben“).

  1. Ser­gio Mat­tar­el­la gehör­te ursprüng­lich der DC (Demo­cra­zia Cri­stia­na) an und war zuletzt vor sei­ner Wahl zum Staats­prä­si­den­ten Mit­glied des PD (Links­de­mo­kra­ten). ↩︎
  2. Mario Pal­ma­ro (1968–2014) war ein ita­lie­ni­scher Rechts­phi­lo­soph, Jurist, Bio­ethi­ker und Publi­zist. Er stu­dier­te Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Mai­land und lehr­te Rechts­phi­lo­so­phie sowie Bio­ethik an ver­schie­de­nen Hoch­schu­len, dar­un­ter der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom und dem Päpst­li­chen Athe­nae­um Regi­na Apo­sto­lorum.
    Er beschäf­tig­te sich vor allem mit Fra­gen des Lebens­schut­zes, des Natur­rechts und der Ver­bin­dung von Recht und Ethik. Bekannt wur­de er durch Wer­ke wie Abor­to & 194. Fen­ome­no­lo­gia di una leg­ge ingi­u­s­ta (2008), in dem er die Ent­ste­hung und Fol­gen des ita­lie­ni­schen Abtrei­bungs­ge­set­zes 194/​1978 ana­ly­sier­te.
    Pal­ma­ro war Mit­be­grün­der des Comi­ta­to Veri­tà e Vita („Komi­tee Wahr­heit und Leben“) und ver­faß­te zahl­rei­che Bei­trä­ge zu bio­ethi­schen und gesell­schaft­li­chen Fra­gen. Pal­ma­ro war auch einer der ersten und schärf­sten Kri­ti­ker des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus. Er starb 2014 im Alter von 45 Jah­ren. ↩︎
  3. Susan­na Agnel­li (2022–2009) gehör­te der groß­bür­ger­lich-libe­ra­len Indu­stri­el­len­fa­mi­lie Agnel­li an, die über den Invest­ment­fonds Exor Haupt­ak­tio­när von Stellan­tis (Fiat, Chrys­ler, Peu­geot, Fer­ra­ri, Ive­co), Juven­tus Turin, The Eco­no­mist, Phil­ips u. a. m. ist. Susan­na Agnel­li wur­de 1979 Abge­ord­ne­te zum Euro­päi­schen Par­la­ment und 1983 Sena­to­rin; sie war von 1983 bis 1991 Staats­se­kre­tä­rin im Außen­mi­ni­ste­ri­um und 1995/​96 Außen­mi­ni­ste­rin. ↩︎
  4. Die UDI stand der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei nahe. ↩︎
  5. Das CISA stand der Radi­ka­len Par­tei nahe. ↩︎

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