Der „gerechte Krieg“ und das kommende Konsistorium


Papst Leo XIV. versammelt Ende Juni das Kardinalskollegium zum zweiten Konsistorium seines Pontifikats. Dabei könnte es auch um das Verständnis vom "gerechten Krieg" gehen
Papst Leo XIV. versammelt Ende Juni das Kardinalskollegium zum zweiten Konsistorium seines Pontifikats. Dabei könnte es auch um das Verständnis vom "gerechten Krieg" gehen

Von Rober­to de Mattei*

Eines der The­men im Mit­tel­punkt des näch­sten außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­ums, das Papst Leo XIV. vom 26. bis 29. Juni im Vati­kan in der Aula Paul VI. und der Syn­ode­nau­la ein­be­ru­fen hat, wird die Leh­re vom „gerech­ten Krieg“ sein. Eini­ge der Teil­neh­mer des Kir­chen­gip­fels hal­ten die tra­di­tio­nel­le, von Augu­sti­nus und Tho­mas von Aquin for­mu­lier­te Leh­re der Kir­che im Namen eines neo­ka­tho­li­schen Pazi­fis­mus für über­holt. Eine genaue Kri­tik an die­sem Ultra-Pazi­fis­mus stammt aus zwei umfang­rei­chen Bei­trä­gen, die es ver­dien­ten, vom Kar­di­nals­kol­le­gi­um berück­sich­tigt zu wer­den – auch weil sie nicht von Autoren tra­di­tio­nel­ler oder kon­ser­va­ti­ver Aus­rich­tung stammen.

Der erste Bei­trag stammt von Luca Dio­talle­vi, Pro­fes­sor für Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Roma Tre und Autor eines Essays in der Zeit­schrift Il Reg­no mit dem Titel „Katholizismus–Pazifismus: das Risi­ko der Rhe­to­rik“, der einem brei­te­ren Publi­kum durch den Vati­ka­ni­sten Matteo Mat­zuzzi in Il Foglio vom 22. Mai bekannt gemacht wurde.

Dio­talle­vi schreibt: „Stel­len wir uns vor, eine Grup­pe von Tou­ri­sten vom Mars wäre vor eini­ger Zeit über den Peters­platz gegan­gen. Sehr wahr­schein­lich hät­te sie dort von der ‚gepei­nig­ten Ukrai­ne‘ hören kön­nen. Frisch aus einem Ita­lie­nisch­kurs kom­mend hät­ten die­se Tou­ri­sten ver­mut­lich ver­stan­den, daß es in der Ukrai­ne ein schwe­res Erd­be­ben gege­ben habe. Wel­chen Ein­druck wür­den die­se Mar­sia­ner gewin­nen, wenn sie ent­deck­ten, daß es dort kein Erd­be­ben gege­ben hat, son­dern seit vier Jah­ren ein Angriff Ruß­lands unter Putin im Gan­ge ist und daß zudem syste­ma­tisch auch unbe­waff­ne­te Zivi­li­sten ange­grif­fen wer­den, die hun­der­te Kilo­me­ter von der Front ent­fernt leben und nicht an den Kämp­fen betei­ligt sind?“

„Und wie“, so fährt er fort, „wür­den die­se Mar­sia­ner den syste­ma­ti­schen Gebrauch des Aus­drucks ‚gepei­nig­te Ukrai­ne‘ inter­pre­tie­ren, mit dem recht vage die Schwe­re der Fol­gen bezeich­net wird, wäh­rend zugleich sorg­fäl­tig die Urhe­ber die­ser Fol­gen ver­schwie­gen wer­den?“ „Für uns, die wir auf die­sem Pla­ne­ten leben und viel­leicht sogar katho­lisch sind, stellt sich eine ande­re Fra­ge: Ist das Chri­sten­tum der Katho­li­ken zu einer Form von pazi­fi­sti­schem Uto­pis­mus geworden?“

Dio­talle­vi fragt sich, ob die kirch­li­che Spra­che heu­te noch zwi­schen christ­li­cher „par­r­he­sia“ (Frei­mut des Evan­ge­li­ums) und blo­ßer pazi­fi­sti­scher Rhe­to­rik unter­schei­den kön­ne. Als Bei­spiel erin­nert er dar­an, wie am 27. Febru­ar 2022, wäh­rend die Ukrai­ner den Angriff rus­si­scher Fall­schirm­jä­ger und Pan­zer­kräf­te auf den Flug­ha­fen Kiews abwehr­ten, die Gemein­schaft Sant’Egidio und ihr Lei­ter Andrea Ric­car­di öffent­lich for­der­ten, Kiew zur „offe­nen Stadt“ zu erklä­ren – sowohl gegen­über Putin als auch Selen­skyj. Im Text sei nicht zwi­schen Angrei­fer und Ange­grif­fe­nem unter­schie­den wor­den; viel­mehr habe man vor­ge­schla­gen, der Ukrai­ne die Kon­trol­le über ihre Regie­rung zu ent­zie­hen und Putin fak­tisch einen Sieg zuzuerkennen.

Dio­talle­vi erin­nert sodann an eine Rede von Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger vom 4. Juni 2004 über die Lan­dung der Alli­ier­ten in der Nor­man­die. Dar­in sag­te der spä­te­re Bene­dikt XVI., dass sich dort mög­li­cher­wei­se ein „bel­lum iustum“ (gerech­ter Krieg) in der Geschich­te fin­den las­se, da der Ein­satz der Alli­ier­ten auch dem Wohl der ange­grif­fe­nen Völ­ker gedient habe.

Dar­aus ergibt sich für Dio­talle­vi die Fra­ge, ob die Kir­che nicht Gefahr lau­fe, einer­seits selbst­ver­ständ­lich bewaff­ne­ten Schutz für lit­ur­gi­sche Ver­an­stal­tun­gen zu akzep­tie­ren, ande­rer­seits aber ver­gleich­ba­re öffent­li­che Unter­stüt­zung für ange­grif­fe­ne Ukrai­ner nicht in glei­cher Wei­se ein­zu­for­dern. Dadurch kön­ne im kirch­li­chen Lehr­amt der Ein­druck einer pazi­fi­sti­schen Rhe­to­rik ent­ste­hen, die die christ­li­che „par­r­he­sia“ und den rea­li­sti­schen Kern des Chri­sten­tums verdecke.

Der zwei­te Bei­trag trägt den Titel „Der Pazi­fis­mus als meta­phy­si­scher Fetisch“ und erschien in der links­ra­di­ka­len Zeit­schrift Micro­Me­ga vom 26. Mai 2026. Der Autor Mar­co Noris erin­nert an einen Satz Gan­dhis aus dem Jah­re 1920 in Young India: „Whe­re the­re is only a choice bet­ween cowar­di­ce and vio­lence, I would advi­se vio­lence“ („Wo nur die Wahl zwi­schen Feig­heit und Gewalt besteht, wür­de ich Gewalt empfehlen“).

Der Sinn sei ein­deu­tig, so Noris: Gan­dhis Gewalt­lo­sig­keit sei kei­ne pas­si­ve Hal­tung, son­dern eine akti­ve, anspruchs­vol­le Ent­schei­dung – das Gegen­teil von Pas­si­vi­tät. Wer Unter­drückung aus Angst oder Bequem­lich­keit ohne Wider­stand hin­nimmt, prak­ti­zie­re nicht Gewalt­lo­sig­keit, son­dern Feig­heit; und Feig­heit sei mora­lisch nied­ri­ger zu bewer­ten als Gewalt selbst.

Nach Noris habe ein Teil der heu­ti­gen Lin­ken das Gegen­teil dar­aus gemacht: Feig­heit sei zur Tugend erklärt wor­den, Pas­si­vi­tät zum Prin­zip und Kapi­tu­la­ti­on zur ethi­schen Hal­tung. Dies gesche­he durch die Erhe­bung des Pazi­fis­mus zu einem „meta­phy­si­schen Fetisch“, also zu einem in sich geschlos­se­nen Glau­bens­sy­stem, das gegen jede Rea­li­tät immun sei.

Die­ser „meta­phy­si­sche Pazi­fis­mus“ gehe nicht von den Tat­sa­chen aus – wer greift wen an, mit wel­chen Mit­teln und Fol­gen –, son­dern von einem abstrak­ten Prin­zip: Frie­den sei immer vor­zu­zie­hen, Waf­fen ver­schärf­ten immer Kon­flik­te, Ver­hand­lun­gen sei­en stets mög­lich. Wenn die Rea­li­tät die­sem Prin­zip wider­spre­che, wer­de nicht das Prin­zip kor­ri­giert, son­dern die Rea­li­tät umin­ter­pre­tiert oder relativiert.

Das Para­do­xon sei ver­hee­rend: Der abstrak­te Pazi­fis­mus ver­hin­de­re Gewalt nicht, son­dern ver­stär­ke sie sogar, da jede ver­wei­ger­te Ver­tei­di­gung kon­kre­te Zer­stö­rung ermög­li­che – mehr Bom­ben, mehr zer­stör­te Städ­te, mehr tote Zivilisten.

Gleich­zei­tig erin­nert Noris dar­an, daß die Lin­ke histo­risch stets betont habe, daß es kei­ne Neu­tra­li­tät gegen­über Unter­drückung gebe. Heu­te jedoch wer­de das Voka­bu­lar der Eman­zi­pa­ti­on – Frie­den, Dia­log, Anti­mi­li­ta­ris­mus – von der Rea­li­tät getrennt und zu einem selbst­ge­nüg­sa­men System gemacht. Ein Pazi­fis­mus, der vom Ange­grif­fe­nen Kapi­tu­la­ti­on ver­lan­ge, pro­du­zie­re kei­nen ech­ten Frie­den, son­dern den „Frie­den der Fried­hö­fe“, wie Taci­tus es for­mu­lier­te: „Sie schaf­fen eine Wüste und nen­nen es Frieden“.

Abschlie­ßend wird die Hoff­nung aus­ge­spro­chen, daß die­se Wor­te von Taci­tus sowie die Leh­ren von Augu­sti­nus und Tho­mas von Aquin im kom­men­den Kon­si­sto­ri­um im Vati­kan Gehör fin­den mögen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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