Die Burg Beaufort

Symbol der "inneren Burg"


Die Kreuzritterburg Beaufort im heutigen Südlibanon
Die Kreuzritterburg Beaufort im heutigen Südlibanon

Von Rober­to de Mattei*

Nur weni­ge kann­ten den Namen der Burg Beau­fort im Süd­li­ba­non, bevor die Armee des Staa­tes Isra­el am 31. Mai ihre Ein­nah­me bekannt­gab. Die Welt­öf­fent­lich­keit erfuhr dadurch von der Exi­stenz einer Kreuz­rit­ter­fe­stung, die auch neun­hun­dert Jah­re nach ihrer Errich­tung noch immer einen bedeu­ten­den stra­te­gi­schen Stütz­punkt im gegen­wär­ti­gen Krieg des Nahen Ostens darstellt.

Die Burg Beau­fort wur­de 1139 von Ful­ko V. von Anjou, dem Kreuz­fah­rer­kö­nig von Jeru­sa­lem, auf einem fel­si­gen Berg­rücken in 700 Metern Höhe erbaut, um die Ver­bin­dungs­we­ge zwi­schen der phö­ni­zi­schen Küste, Gali­läa und dem syri­schen Bin­nen­land zu kon­trol­lie­ren. Sie beherrscht die Bekaa-Ebe­ne zwi­schen Liba­non und Syri­en, die einst eine Grenz­re­gi­on zwi­schen der frän­ki­schen und der mus­li­mi­schen Welt bil­de­te.1

Die Tat­sa­che, daß die­se Burg die Jahr­hun­der­te über­dau­ert hat, erin­nert uns zunächst dar­an, daß die heu­te zwi­schen Isra­el und der His­bol­lah umkämpf­ten Gebie­te einst christ­li­ches Land waren. In die­sen Gegen­den leb­te und ver­goß unser Herr Jesus Chri­stus sein Blut, und von dort aus ver­brei­te­te sich die katho­li­sche Kir­che über die gan­ze Welt.

Die hei­li­ge Hele­na, Mut­ter Kai­ser Kon­stan­tins des Gro­ßen, fand dort zwi­schen den Jah­ren 326 und 328 die kost­bar­sten Reli­qui­en der Pas­si­on Chri­sti. Auf ihre Initia­ti­ve hin ent­stan­den die Gra­bes­kir­che in Jeru­sa­lem und die Geburts­kir­che in Beth­le­hem. Die­se Bau­wer­ke mach­ten das Hei­li­ge Land zu einem der wich­tig­sten Pil­ger­zie­le der Chri­sten­heit und tru­gen dazu bei, die Geo­gra­phie der im Evan­ge­li­um erwähn­ten Orte dau­er­haft im reli­giö­sen Gedächt­nis zu verankern.

Nach­dem die Anhän­ger Moham­meds im Jah­re 638 Jeru­sa­lem erobert hat­ten, bestan­den die christ­li­chen Hei­lig­tü­mer zwar wei­ter, jedoch unter zuneh­mend schwie­ri­gen Bedin­gun­gen. Im frü­hen 11. Jahr­hun­dert ord­ne­ten die Sel­dschu­ken, nach­dem sie Palä­sti­na erobert hat­ten, deren Zer­stö­rung an.

Die Kreuz­zü­ge, die zur Befrei­ung der von den Mus­li­men besetz­ten Hei­li­gen Stät­ten unter­nom­men wur­den, waren die glanz­voll­ste Epo­che des christ­li­chen Mit­tel­al­ters. Nach der Rück­erobe­rung der Hei­li­gen Stadt im Jah­re 1099 ent­stan­den das König­reich Jeru­sa­lem sowie meh­re­re Kreuz­fah­rer­staa­ten unter sei­ner Oberhoheit.

Die­ser aus­ge­dehn­te Ter­ri­to­ri­al­kom­plex umfaßte:

  • die Graf­schaft Edes­sa, die Tei­le der heu­ti­gen Süd­ost­tür­kei, Nord­sy­ri­ens und des Westirak einschloß;
  • das Für­sten­tum Antio­chia, das sich über die heu­ti­ge tür­ki­sche Pro­vinz Hat­ay und den Nord­we­sten Syri­ens erstreckte;
  • die Graf­schaft Tri­po­lis, die einen gro­ßen Teil der Küste des heu­ti­gen Liba­non zwi­schen Tri­po­li und Bei­rut beherrschte;
  • sowie das König­reich Jeru­sa­lem, zu dem der größ­te Teil des heu­ti­gen Isra­els, die palä­sti­nen­si­schen Gebie­te des West­jor­dan­lan­des, der Gaza­strei­fen sowie wei­te Tei­le des heu­ti­gen West- und Süd­jor­da­ni­ens gehörten.

In ihrer Gesamt­heit reich­ten die Kreuz­fah­rer­staa­ten vom Mit­tel­meer bis zum Ober­lauf des Euphrat und von den Gebie­ten der heu­ti­gen Süd­tür­kei bis zum Golf von Aka­ba am Roten Meer.

Die Exi­stenz der Burg Beau­fort erin­nert uns nicht nur an das Kreuz­fah­rer­kö­nig­reich Jeru­sa­lem, son­dern auch dar­an, daß die­ses Gebiet infol­ge eines „hei­li­gen Krie­ges“ ent­stand, der von dem seli­gen Papst Urban II. und sei­nen Nach­fol­gern geför­dert wur­de. Zwi­schen der Erobe­rung Jeru­sa­lems im Jah­re 1099 und dem Fall von Akkon im Jah­re 1291,2 das gewöhn­lich als Ende der Kreuz­zugs­epo­che ange­se­hen wird, folg­ten ins­ge­samt vier­und­drei­ßig Päp­ste aufeinander.

Die­se Epo­che war geprägt von außer­ge­wöhn­li­chen christ­li­chen Sie­gen, aber auch von schwe­ren Nie­der­la­gen. Als mit Sala­din der gefähr­lich­ste Geg­ner am Hori­zont erschien, dem die Kreuz­fah­rer in jenen Jah­ren gegen­über­stan­den, lie­ßen sich ihre Anfüh­rer von inne­ren Macht­kämp­fen, Intri­gen und Ehr­geiz mit­rei­ßen und steu­er­ten 1187 auf die kata­stro­pha­le Nie­der­la­ge von Hat­tin zu.

Bei Hat­tin, nahe dem See Gene­za­reth, gerie­ten die Kreuz­fah­rer in eine von Sala­din geschickt vor­be­rei­te­te Fal­le. Um das Heer des König­reichs Jeru­sa­lem dazu zu bewe­gen, sei­ne star­ke Stel­lung bei Sepho­ria zu ver­las­sen – eine was­ser­rei­che und leicht zu ver­tei­di­gen­de Posi­ti­on –, griff Sala­din Tibe­ri­as an.

Das christ­li­che Heer setz­te sich dar­auf­hin in der Som­mer­hit­ze in Bewe­gung, wäh­rend die mus­li­mi­sche leich­te Rei­te­rei es unauf­hör­lich durch Über­fäl­le und Stör­ma­nö­ver bedräng­te. Dadurch wur­de ver­hin­dert, daß die Kreuz­rit­ter die Was­ser­quel­len erreich­ten und ihre Vor­rä­te auf­fül­len konn­ten. Als sie schließ­lich erschöpft bei Hat­tin anka­men, war die Schlacht bereits weit­ge­hend ver­lo­ren, und ihr Heer wur­de nahe­zu voll­stän­dig vernichtet.

1191 fiel auch die Burg Beau­fort – der letz­te bedeu­ten­de und pre­sti­ge­träch­ti­ge Vor­po­sten des Ver­tei­di­gungs­sy­stems der Kreuz­rit­ter gegen­über dem syri­schen Hinterland.

Luft­auf­nah­me der Burg­rui­ne aus dem Jahr 1936

Die tie­fe­re Ursa­che für die Nie­der­la­ge der Kreuz­fah­rer war jedoch nicht allein mili­tä­ri­scher Natur. Sie lag viel­mehr im Ver­lust jener Lau­ter­keit der Absich­ten und jener geist­li­chen Span­nung, die am Ursprung ihres gesam­ten Unter­neh­mens gestan­den hatten.

Die christ­li­che Tra­di­ti­on lehrt, daß Gott jene nicht ver­läßt, die auf ihn ver­trau­en, daß er jedoch Nie­der­la­gen zuläßt, wenn Men­schen sich von ihrer Beru­fung ent­fer­nen und aus­schließ­lich auf ihre eige­ne Kraft bau­en. Des­halb schrieb der Bischof Wil­helm von Tyrus, Augen­zeu­ge und Chro­nist der Kreuz­zü­ge, damals Wor­te, die bis heu­te zum Nach­den­ken anregen:

„Bei uns sind, wie der Pro­phet klagt, ‚Rat beim Wei­sen, Unter­wei­sung beim Prie­ster und Visi­on beim Pro­phe­ten‘ (Jere­mia 18,18) ver­lo­ren­ge­gan­gen; nun ist es bei uns mit dem Prie­ster wie mit dem Volk (Hosea 4,9), so daß wir auf uns die Wor­te des Pro­phe­ten anwen­den kön­nen: ‚Das gan­ze Haupt ist krank, das gan­ze Herz ist siech; von der Fuß­soh­le bis zum Schei­tel ist nichts Gesun­des an uns‘ (Jesa­ja 1,5–6). Wir sind in Zei­ten gelangt, in denen wir weder unse­re Laster noch deren Heil­mit­tel ertra­gen kön­nen; des­halb sind die Fein­de wegen unse­rer Sün­den stär­ker gewor­den, und wir, die wir so oft sieg­reich über unse­re Geg­ner tri­um­phiert haben, tra­gen nun, der gött­li­chen Gna­de beraubt, fast in jedem Kampf die Nie­der­la­ge davon.“

Die Geschich­te ver­mit­telt uns jedoch noch eine wei­te­re Leh­re: Wer einen Krieg gewin­nen will, muß das Schlacht­feld sorg­fäl­tig wäh­len und darf sich nicht vom Geg­ner an den Ort und in die Bedin­gun­gen drän­gen las­sen, die die­ser bestimmt.

Die­ser Grund­satz gilt nicht nur für mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, son­dern eben­so für die reli­giö­sen, kul­tu­rel­len und mora­li­schen Kon­flik­te, die jede Epo­che der Mensch­heits­ge­schich­te durch­zie­hen. Oft gehört der Sieg dem­je­ni­gen, der die gei­sti­ge Klar­heit bewahrt, sei­ne wesent­li­chen Posi­tio­nen nicht auf­gibt und sich die Agen­da nicht vom Geg­ner dik­tie­ren läßt.

Unter die­sem Blick­win­kel wird die Burg Beau­fort zum Sym­bol jener „inne­ren Burg“, die jeder Mensch zu bewah­ren hat. Sie steht für die Festung der See­le, für die Treue zu den eige­nen Grund­sät­zen, für die Wach­sam­keit gegen­über den eige­nen Über­zeu­gun­gen und dem geist­li­chen Leben.

Die­se Burg zu ver­tei­di­gen bedeu­tet, Klug­heit zu üben, im Guten aus­zu­har­ren und weder äuße­rem Druck noch inne­ren Schwä­chen nach­zu­ge­ben. Indem der Mensch schließ­lich den Aus­gang der Schlacht der gött­li­chen Vor­se­hung anver­traut, tut er alles, was in sei­nen Kräf­ten steht, und fin­det im Glau­ben die Kraft, stand­zu­hal­ten und zu siegen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Übersetzung/​Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

  1. Als Fran­ken wur­den als Sam­mel­ge­briff die abend­län­di­schen Kreuz­rit­ter bezeich­net, auch wenn sie weder Fran­ken noch Fran­zo­sen waren. ↩︎
  2. Nach dem Fall von Akkon im Jahr 1291 hat­ten die Kreuz­rit­ter ihre letz­ten Fest­lands­stütz­punk­te ver­lo­ren. Die Temp­ler hiel­ten jedoch noch die Insel Aruad vor der Küste Syri­ens als vor­ge­scho­be­nen Brücken­kopf für mög­li­che Rück­erobe­rungs­ver­su­che. 1302 wur­de die Insel von den Mam­lu­ken bela­gert und erobert; die letz­te Kreuz­rit­ter-Gar­ni­son im Nahen Osten muß­te kapi­tu­lie­ren. Mit dem Fall Aruads ende­te die dau­er­haf­te latei­nisch-christ­li­che Kreuz­rit­ter-Herr­schaft im Hei­li­gen Land end­gül­tig. ↩︎

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