Von Don Curzio Nitoglia*
Vorwort
Vor einigen Tagen, am 19. Mai 2026, veröffentlichte Hw. Bernard Mallmann – der am 10. Oktober 2012 in Rom zum Priester geweiht wurde, in Regensburg und Rom Theologie studierte, 2020 in Wien zum Doktor der Theologie promoviert wurde und seit 2021 Assistent am Lehrstuhl für Dogmatische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien ist – einen Artikel unter dem Titel: „Entwurzelte Katholizität. Der Antijudaismus im Glaubensbekenntnis der Priesterbruderschaft St. Pius X.“
Seiner Auffassung nach sei die Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) in den Marcionismus verfallen, weil sie in ihrem Glaubensbekenntnis – das von ihrem Generaloberen Pater Davide Pagliarani am 14. Mai 2026 veröffentlicht wurde – erklärte, daß Jesus Christus „den Alten Bund endgültig außer Kraft gesetzt hat“.
Versuchen wir, die Frage objektiv zu untersuchen.
Status quaestionis
Am 28. Oktober 1965 wurde die Konzilserklärung Nostra aetate (im folgenden: NA) über die Beziehungen zwischen dem nachbiblischen bzw. talmudischen Judentum – das deutlich vom Alten Testament zu unterscheiden ist – und dem Christentum promulgiert.
Von dieser Erklärung ausgehend kam es zu einem wirklichen Wandel der katholischen Lehre hinsichtlich der jüdischen Religiosität nach Christus.
Johannes Paul II. machte die „neue Theologie“ von Nostra aetate zum eigentlichen Leitmotiv seines langen Pontifikats und verbreitete sie überall.
So erklärte er – nur zwei Jahre nach seiner Wahl zum Papst im Jahre 1978 – im Lichte von Nostra aetate, „der Alte Bund sei niemals widerrufen worden“ (Ansprache in Mainz, 17. November 1980), und sechs Jahre später Ansprache in der Synagoge von Rom, am 13. April 1986: „Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, in gewisser Hinsicht, unsere älteren Brüder im Glauben Abrahams“ (diese spontane Aussage wird seither vielfach verkürzt wiedergegeben als Formel: die Juden seien die „älteren Brüder der Christen“, weil Johannes Paul II. selbst so beim Te Deum in der Kirche Il Gesù vom 31. Dezember jenes Jahres an seinen Besuch in der römischen Synagoge erinnerte.
Ausgehend von diesen beiden Aussagen zogen sowohl Benedikt XVI. als auch Papst Franziskus eine neue Schlußfolgerung, die darin bereits virtuell enthalten gewesen sei: „Die nachbiblischen Juden bedürfen Jesu nicht, um gerettet zu werden.“
Die katholische Lehre
Die katholische Lehre hingegen lehrt:
- Die Juden nach dem Tode Jesu – und nicht die Gläubigen des Alten Testaments – sind die von den Christen am meisten getrennten Brüder und nicht deren „ältere Brüder im Glauben Abrahams“, denn Abraham glaubte an den kommenden Messias, den sie verworfen haben;
- der Alte Bund wurde durch den Neuen und Ewigen Bund ersetzt;
- alle Menschen – auch die Juden – bedürfen Jesu Christi, des einzigen universalen Erlösers der Menschheit, um gerettet zu werden.
Schließlich erschien in den ersten Monaten des Jahres 2019 das Buch „Die Bibel der Freundschaft. Abschnitte aus der Torah beziehungsweise dem Pentateuch, kommentiert von Juden und Christen“ (Cinisello Balsamo, San Paolo) mit einem Vorwort von Papst Bergoglio. Kurz darauf, etwa im April desselben Jahres, erschien ein weiteres Buch zum selben Thema mit dem Titel „Juden und Christen“1, in dem der Aufsatz von Benedikt XVI. „Gnade und Berufung ohne Reue“ (2018) und der daruaf folgende Briefwechsel mit dem Oberrabbiner von Wien, Arie Folger, veröffentlicht wurde.
In diesen beiden Büchern verbreiteten Papst Franziskus und der damalige „Papa emeritus“ Benedikt XVI. zahlreiche Irrtümer hinsichtlich des Glaubens an die Gottheit Christi, an die Allerheiligste Dreifaltigkeit, hinsichtlich der Beziehungen zwischen Altem und Neuem Testament, der universalen Erlösung durch Jesus Christus und des Dogmas Extra Ecclesiam nulla salus – „Außerhalb der Kirche kein Heil“.
Die Irrtümer Papst Ratzingers und Papst Bergoglios betreffen:
a) allgemein die jüdisch-talmudische Frage,
b) im besonderen:
1.) die Frage des Gottesmordes;
2.) die Frage, ob die Juden, die Christus kreuzigten, wußten, daß Er Gott war;
3.) welches Verhältnis Gott nach dem Gottesmord zum nachbiblischen Judentum als Religion – nicht zum Alten Testament – hat;
4.) das schwerwiegende Glaubensproblem, das die Erklärung Nostra aetate für das Gewissen der gläubigen Katholiken darstellt;
und schließlich stößt man, wenn man diese vier Fragen im Lichte der traditionellen katholischen Theologie untersucht, unvermeidlich auf …
5.) die Frage des Judenchristentums und der judaisierenden Christen, die leider von Papst Bergoglio offen und von Papst Ratzinger noch mehr auf verborgene Weise dazu ermutigt und angehalten wurden, bedenkenlos zu judaisieren.
Das Alte Testament wird durch das Christentum vollendet
Eine alte, niemals ganz verschwundene Vorstellung erhebt heute erneut ihr Haupt und versucht Verwirrung zu stiften: die Vorstellung nämlich, das Alte Testament sei schlecht – das wäre der eigentliche Marcionismus und nicht jener, den die Judaisierenden sich einbilden –, das Neue Testament könne nur unter gewissen Bedingungen bestehen, und das Heil komme aus einer Rückkehr zum alten Heidentum.
Abt Giuseppe Ricciotti, der große römische Exeget erklärt:
„Wenn ihr den ersten und ältesten Teil der Bibel – das Alte Testament – verwerft, habt ihr keinerlei Recht mehr, den zweiten Teil – das Neue Testament – beizubehalten.“
Kardinal Michael von Faulhaber, der Erzbischof von München und Freising, hielt fünf Predigten, die später unter dem Titel „Judentum, Christentum, Germanentum“ veröffentlicht wurden.
Zunächst erklärt der deutsche Kardinal, daß zwischen dem Volk Israel vor dem Tode Christi und jenem nach seinem Tode unterschieden werden müsse.
„Nach der Berufung Abrahams und vor dem Tode Christi war das Volk Israel der Träger der Offenbarung. Der Geist Gottes erweckte und erleuchtete Männer, die durch das mosaische Gesetz das religiöse und bürgerliche Leben ordneten.
Nach dem Tode Christi wurde Israel aus dem Dienst der Offenbarung entlassen. Die Söhne dieses Volkes hatten die Stunde der göttlichen Heimsuchung nicht erkannt; sie hatten den Gesalbten des Herrn verleugnet und verworfen, ihn vor die Stadt hinausgeführt und ans Kreuz geschlagen. Da zerbrach der Bund zwischen dem Herrn und seinem Volk.
Zweitens müssen wir unterscheiden zwischen den Schriften des Alten Testaments und den talmudischen Schriften des späteren Judentums. Das Alte Testament ist gut, aber unvollkommen, und wird durch das Neue Testament vollendet; der Talmud hingegen ist schlecht und seinem Wesen nach antichristlich und antimosaisch.
Drittens müssen wir auch innerhalb der Bibel des Alten Testaments unterscheiden zwischen dem, was nur vorübergehende Bedeutung hatte, und dem, was ewigen Wert besitzen sollte.“
Ferner erinnert der deutsche Kardinal daran, daß die Christen das Alte und das Neue Testament nicht auf dieselbe Stufe stellen. Das Neue Testament muß den Ehrenplatz einnehmen; dennoch muß mit aller Festigkeit daran festgehalten werden, daß auch das Alte Testament von Gott inspiriert ist.
„Das Christentum ist jedoch dadurch, daß es die Alten Schriften empfangen hat, keineswegs zu einer jüdischen Religion geworden; denn diese Bücher wurden nicht von den Juden hervorgebracht, sondern vom Geiste Gottes eingegeben und sind daher Gottes Wort. Die Entfremdung der heutigen Juden darf nicht auf die Bücher des vorchristlichen Judentums ausgedehnt werden.“
Zudem zählt seit Christus nicht mehr die Blutsverwandtschaft, sondern die Verwandtschaft des Glaubens. Daher ist es belanglos, ob Christus ethnisch Arier oder Jude war. Entscheidend ist zu wissen, ob Christus geistig „christlich“ ist und ob wir durch Taufe und durch den von der Liebe beseelten Glauben Glieder Christi geworden sind. Der heilige Paulus schreibt:
„Denn in Christus Jesus gilt weder das Judentum noch das Heidentum etwas, sondern allein die neue Kreatur“ (Gal. 6,15).
Der „Eckstein“ zwischen Judentum und Christentum
Jesus Christus ist der Stein, der als „Eckstein“ den Mosaismus und das Christentum verbindet. Trotz aller Gnaden, die Gott Israel gewährt hatte, wollte es jedoch die Stunde seiner Heimsuchung nicht erkennen. Er war ein „Zeichen des Widerspruchs“, und nur eine kleine Schar von Aposteln und anderen Jüngern folgte ihm, während der größte Teil des Volkes sich vom Messias abwandte.
Jesus nahm – wenn auch schmerzlich – Abschied vom Alten Bund, den Israel gebrochen hatte, und stiftete einen Neuen und Ewigen Bund mit den Heiden und dem „Rest Israels“, der ihm treu geblieben war.
Die objektive Veränderung durch Nostra aetate
Zwischen der göttlich-apostolischen Tradition, dem päpstlichen Lehramt – von Petrus bis Pius XII. – und Nostra aetate besteht eine Verschiedenheit (vgl. Denise Judant: Judaisme et Christianisme, Paris 1969; dies., Jalons pour une théologie chrétienne d’Israël, Paris 1975).
Die katholische Tradition ist eine der beiden Quellen der Offenbarung und besteht in der gemeinsamen Lehre der Kirchenväter, die unfehlbar ist. Nostra aetate hingegen besitzt ausdrücklich nur einen prudentiellen beziehungsweise „pastoralen“ Charakter, entsprechend dem erklärten Willen Johannes’ XXIII. und Pauls VI., welche das Zweite Vatikanische Konzil als „Pastoralkonzil“ einberufen und abgeschlossen haben.
Daher ist das Zweite Vatikanische Konzil weder unfehlbar noch irreformabel; und da es mit der beständigen apostolischen Tradition in Bruch beziehungsweise Widerspruch steht, muß es korrigiert und reformiert werden, insbesondere Nostra aetate.
Die Zweideutigkeit von Nostra aetate besteht zunächst darin, alle Menschen, die genetisch von Abraham abstammen, so darzustellen, als hätten sie geistliche oder glaubensmäßige Bande mit der Kirche Christi. Dadurch werden Rasse und Glaube vermischt und verwechselt, obwohl beide wesentlich verschieden sind.
Ferner lehrt Nostra aetate in Nr. 4e: „Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.“
Der heilige Paulus sagt jedoch, daß die Berufung oder Gabe Gottes sich nicht ändert – „Ego sum Dominus et non mutor“ –, während die Antwort des Menschen auf den Ruf Gottes sich ändern kann. So war es bei dem größten Teil des Volkes Israel, das während des Lebens Jesu dem Ruf und der Gabe Gottes schlecht entsprach, indem es zuerst die Propheten und dann Christus selbst und schließlich seine Apostel tötete.
Daher sind Gott nur jene teuer, das heißt, es stehen nur jene in der Gnade Gottes, die den „kleinen Rest“ Israels bilden (Röm. 11,5–7), nämlich jene, die den Messias in Christus angenommen haben, wie ihre Väter im Alten Testament an den kommenden Messias glaubten.
Die Frage des Alten Bundes
Nach der Konzilslehre – „Die Gaben Gottes sind unwiderruflich“ – und der nachkonziliaren Lehre Johannes Pauls II. („Der Alte Bund ist niemals widerrufen worden“, Mainz, 17. November 1980) wäre das heutige Judentum weiterhin Träger des Bundes mit Gott.
Die katholische Tradition hingegen – das heißt die Heilige Schrift, wie sie einstimmig von den Vätern und vom beständigen kirchlichen Lehramt ausgelegt wurde – lehrt, daß es einen ersten beziehungsweise Alten Bund und einen zweiten beziehungsweise Neuen Bund gibt.
Unwiderruflich ist das, was vom ersten Bund – dem Alten Testament – auf den zweiten Bund – das Neue Testament – übergeht, der an die Stelle des ersten getreten ist, „da jener veraltet und dem Untergang nahe ist“ (Hebr. 8,8–13).
Die den Trägern des ersten Bundes verheißene Gnade stirbt jedoch nicht mit diesem Bund, sondern wird den Trägern des zweiten Bundes geschenkt: nämlich Juden und Heiden, die sich zum Christentum bekehren.
Dies geschah, als fast alle Träger des ersten Bundes Christus zurückwiesen und die Stunde nicht erkannten, in der Gott sie heimsuchte (Lk. 19,44). „Allen aber, die ihn aufnahmen“, gab der göttliche Besucher „Macht, Kinder Gottes zu werden“ (Joh. 1,12). Mit ihnen – dem „kleinen Rest“ des jüdischen Volkes, der Christus annahm – schloß er den zweiten und ewigen Bund und öffnete ihn jenen, die „vom Osten und Westen, vom Norden und Süden“ kommen sollten (Lk. 13,29), wobei alle Gaben des ersten Bundes auf den zweiten übergingen.
Wenn also viele Glieder des auserwählten Volkes Christus verwarfen, so nahm ihn dennoch „ein kleiner Rest“ – die Apostel und Jünger – an (Röm. 11,1–10).
Viertens lehrt Nostra aetate hinsichtlich der Tötung Jesu: „Was bei seinem Leiden vollzogen worden ist, kann weder unterschiedslos allen damals lebenden Juden noch den Juden unserer Zeit zur Last gelegt werden“, da sie „nicht wußten, was sie taten“.
Der Doctor communis der Kirche, der heilige Thomas von Aquin, stellt hingegen die Frage,
1.) „ob die Führer der Juden wußten, daß die Person, die sie kreuzigten, Gott selbst war, die menschgewordene zweite Person der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ (S. th. III, q. 47, a. 6 ad 1).
Er antwortet, daß sie wußten, was sie taten. Als Gott nämlich zu Adam über dessen zukünftige Ehe mit Eva sprach, erklärte Er ihm, daß diese ein Vorbild der Vereinigung Christi mit der Kirche sei; daher mußte Gott ihm auch das Geheimnis der Dreifaltigkeit und Einheit Gottes sowie das Geheimnis der Menschwerdung des Wortes offenbart haben (vgl. S. th. II-II, q. 2, a. 7).
Daraus folgt nach Thomas, daß die Führer der Juden die Geheimnisse der Dreifaltigkeit und der Inkarnation kannten. Die Fürsten der Juden besaßen somit eine ausdrückliche Erkenntnis des Geheimnisses der Menschwerdung, des Leidens und des Todes des menschgewordenen Wortes.
Hinsichtlich des Geheimnisses der Dreifaltigkeit erklärt der heilige Thomas:
„Von Anfang an war es zum Heil notwendig, an das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu glauben. […] Es ist unmöglich, ausdrücklich an das Geheimnis Christi zu glauben ohne den Glauben an die Dreifaltigkeit. […] Daher wurde vor Christus das Geheimnis der Dreifaltigkeit ebenso geglaubt wie das Geheimnis der Menschwerdung: ausdrücklich von den Führenden und implizit sowie gleichsam verhüllt von den einfachen Menschen“ (S. th. II-II, q. 2, a. 8).
Was sodann die Behauptung betrifft,
2.) „Der Tod Christi sei den Sünden aller Menschen zuzuschreiben, und daher könne das, was während seines Leidens geschah, weder unterschiedslos allen damals lebenden Juden noch den Juden unserer Zeit zugerechnet werden“,
so ist zu unterscheiden:
a) Christus starb, um die Sünden aller Menschen zu sühnen; die Finalursache des Todes Christi ist also die Erlösung des Menschengeschlechtes.
b) Die Wirkursache des Todes Christi waren jedoch nicht die Sünden der Menschen schlechthin, sondern das nachbiblische Judentum, das in Gestalt der Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer die Gottheit Christi leugnete, ihn zum Tod verurteilte und das Urteil durch die Römer vollstrecken ließ.
Nach der einmütigen Lehre aller Kirchenväter ist die Wirkursache und damit der Verantwortliche des Todes Jesu das pharisäische, talmudische und antichristliche Judentum durch seine Lehrer und Anhänger.
In den Tod Christi ist die religiöse Gemeinschaft des nachbiblischen Israel verwickelt, welche Jesus verworfen hat und im Widerspruch ihrer Väter verharrt – nicht jedoch die gesamte biologische Abstammung des jüdischen Volkes. Denn ein „kleiner Rest Israels“ blieb Christus treu: die Apostel und Jünger. Dennoch nahm der größte Teil des Volkes aktiv an der Verurteilung Jesu teil.
Hinsichtlich des Gottesmordes besteht sogar ein „mathematischer Konsens“ der Kirchenväter über die Schuld des nachbiblischen Judentums (vgl. Denise Judant, Judaisme et Christianisme, Paris 1969; dies., Jalons pour une théologie chrétienne d’Israël, Paris 1975). Nicht nur moralisch, sondern gleichsam mathematisch einstimmig lehren sie, daß der größte Teil des jüdischen Volkes – insofern er Christus untreu blieb –, das heißt das talmudische Judentum als antichristliche und antitrinitarische Religion, als Wirkursache für den Tod Christi verantwortlich ist.
Dadurch entstand eine neue schismatische und häretische Religion gegenüber dem Alten Testament: der Talmudismus, der sich vom Mosaismus entfernt hat. Denn der Mosaismus glaubte an den kommenden Messias, der durch die alttestamentlichen Prophezeiungen angekündigt und in Jesus von Nazareth erfüllt wurde. Der Talmudismus hingegen lehnt bis heute die Gottheit Christi ab und verurteilt ihn als Götzendiener, weil er als Mensch beanspruchte, Gott zu sein.
Fünftens enthält die Erklärung Nostra aetate nicht ein einziges Zitat eines Kirchenvaters, eines Papstes oder einer lehramtlichen Entscheidung, weil es vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht eine einzige judaisierende Zeile in Tradition und Lehramt gab.
Sechstens gilt der Bund mit Gott endgültig nur hinsichtlich der Kirche Christi; für alle übrigen – Juden, Heiden und Christen – setzt er die Entsprechung gegenüber dem göttlichen Heilsplan voraus.
Der Alte Bund beruht nämlich auch auf der Mitwirkung des Menschen. Moses empfängt die Erklärung Gottes, welche die Bedingungen des gegenseitigen Bundes enthält. Der Bund ist also nicht bedingungslos (Dtn. 11,1–28), sondern vom Gehorsam des Volkes Israel abhängig:
„Ich lege euch Segen und Fluch vor: Segen, wenn ihr den Geboten Gottes gehorcht … Fluch, wenn ihr ungehorsam seid“ (vgl. Dtn. 11,28).
Der Alte Bund hängt somit auch vom Verhalten Israels ab, und Gott droht mehrfach, ihn wegen der Untreue des jüdischen Volkes zu brechen, das Er vernichten möchte (vgl. Dtn. 28; Lev. 26,14 ff.; Jer. 26,4–6; Hos. 7,8 und 9,6).
Nach dem Tode Christi wird die Vergebung Gottes nicht ganz Israel gewährt, sondern nur einem „kleinen Rest“, der Christus und Moses treu bleibt, welcher Jesus vorausverkündigte.
Infolge der Untreue des Volkes Israel als Ganzem gegenüber Christus und dem Alten Testament, das auf ihn hinwies, beschränkt sich die Vergebung Gottes auf diesen „kleinen Rest“ Israels, der Gott in Christus treu geblieben ist.
Schlußfolgerung
Es bestehen somit mindestens sechs schwerwiegende Irrtümer, welche Nostra aetate beeinträchtigen, die Erklärung objektiv dem katholischen Glauben entgegenstehen lassen und tendenziell den judaisierenden Abfall vom Glauben begünstigen.
Die Lehre von Nostra aetate selbst steht objektiv im Gegensatz zum Christentum, weil sie judaisiert. Das talmudische Judentum betrachtet Jesus Christus als einen Betrüger, der sich als Mensch zu Gott gemacht habe; das Christentum hingegen betet Christus als Gott an. Daher können beide Religionen nicht zugleich wahr sein, da die eine der anderen widerspricht. Nach dem an sich evidenten Prinzip der Identität und des Widerspruchs sind sie unvereinbar: Wenn die eine wahr ist, muß die andere notwendig falsch sein.
Daher ist der Versuch der neo-modernistischen Theologie – der konziliaren und nachkonziliaren –, „das Unvereinbare zu versöhnen“, völlig unmöglich, „wegen des Widerspruchs, der es nicht zuläßt“ (Dante, Inferno XXVII, 120). Ein Kreis ist kein Quadrat, das Ja ist nicht ein Nein, das Weiße ist nicht das Schwarze. Das Christentum, das Christus als Gott anbetet, ist nicht das Judentum, das Christus kreuzigte, weil Er sich – ihrer Auffassung nach lästernd – als Mensch für Gott ausgab.
Dies sind die inneren Gründe, also die doktrinellen Gründe innerhalb von Nostra aetate, die uns daran hindern, die Konzilserklärung vom 28. Oktober 1965 anzunehmen.
Schließlich offenbart der heilige Paulus:
„Die Juden haben sogar den Herrn Jesus und die Propheten getötet und auch uns verfolgt; sie gefallen Gott nicht und sind Feinde aller Menschen, da sie uns hindern, den Heiden zu predigen, damit diese gerettet werden. So machen sie das Maß ihrer Sünden voll. Der Zorn Gottes aber ist endgültig über sie gekommen“ (1 Thess. 2,15).
Der heilige Thomas von Aquin kommentiert hierzu:
„Es spielt keine Rolle, daß die Römer ihn töteten, denn es waren die Juden selbst, die durch ihr Geschrei von Pilatus verlangten, ihn zu kreuzigen. […] Daher gefallen sie Gott nicht, weil sie nicht im rechten Glauben handeln; und ‚ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen‘ (Hebr. 11,6).
Schließlich zeigt der heilige Paulus, daß die Juden ‚Feinde aller Menschen‘ sind. Sie sind Feinde, weil sie uns Aposteln des Neuen Testaments verbieten und verwehren, allen Menschen zu predigen, und so deren Bekehrung behindern. […] So leben sie fort, bis zu jenem Punkt, den Gott zuläßt. Denn Gott gewährte den Juden nach dem Leiden Christi vierzig Jahre Zeit zur Buße; doch sie bekehrten sich nicht, sondern häuften Sünde auf Sünde. Daher duldete Gott sie nicht länger. […] Doch glaube nicht, daß dieser göttliche Zorn nur hundert Jahre andauere; vielmehr wird er ‚bis zum Ende‘ der Welt dauern, wenn die Gesamtheit der Heiden den Glauben an Christus angenommen haben wird“ (Thomas Aquinas, Super Primam Epistolam ad Thessalonicenses, Lectio II, cap. 2, Vv. 15–16).
Der heilige Thomas von Aquin: Das Alte Gesetz und das Neue Gesetz
Der heilige Thomas von Aquin behandelt in der Summa Theologica (I‑II, Fragen 98–108) zunächst das Thema des „Gesetzes des Moses“ (Fragen 98–105), sodann das „Neue Gesetz“ (Fragen 106–108) sowie den „Vergleich zwischen dem Alten und dem Neuen Gesetz“ (Frage 107).
Das mosaische Gesetz
Hinsichtlich des mosaischen Gesetzes lehrt er:
„Das Gesetz des Moses war unvollkommen, aber gut, weil es der rechten Vernunft und dem natürlichen Gesetz entsprach“ (I‑II, q. 98, a. 1).
„Das Alte Gesetz wurde von Gott durch den Dienst der Engel gegeben (vgl. Gal. 3,19; Hebr. 1,2; 2,2; Apg. 7,53; Gregor der Große; Augustinus), weil Gott selbst mit dem Kommen Jesu unmittelbar und ohne Vermittler das Neue und vollkommene Gesetz geben wollte“ (I‑II, q. 98, a. 3).
Das Alte Gesetz wurde zunächst allein dem jüdischen Volk gegeben, weil aus diesem Volk der Messias hervorgehen sollte – allein aus der Barmherzigkeit Gottes und ohne irgendein Verdienst dieses Volkes“ (I‑II, q. 98, a. 4).
Die sittlichen Gebote des Alten Gesetzes
Über die sittlichen Gebote des Alten Gesetzes, die das Naturgesetz betreffen (I‑II, q. 100), schreibt der Aquinat:
„Das Alte Gesetz wurde einem Volk gegeben, das gleichsam noch ein Kind war und erst wachsen mußte, indem es vom Alten zum Neuen Bund überging. Daher hatte es zeitliche Belohnungen und Strafen, nicht aber geistige wie das Neue Gesetz“ (I‑II, q. 100, a. 7).
Die zeremoniellen Vorschriften des Mosaismus
Hinsichtlich der zeremoniellen Vorschriften, welche den Gottesdienst des Alten Testaments betreffen (I‑II, q. 101), erklärt der heilige Thomas:
„Sie waren Vorbilder Christi, gleichsam Schatten der Wirklichkeit, die uns zum Himmel führt“ (I‑II, q. 101, a. 2).
Bezüglich der Ursachen der zeremoniellen Vorschriften des Alten Bundes (I‑II, q. 102) bemerkt er:
„Ihr Endzweck bestand darin, den kommenden Messias, Jesus Christus, vorzubilden“ (I‑II, q. 102, a. 2).
Ferner:
„Der buchstäbliche Sinn der Opferzeremonien im Tempel von Jerusalem bestand darin, die Seelen der Gläubigen zu Gott zu erheben; ihr vorbildlicher Sinn bestand darin, das Leiden Christi vorauszuschatten“ (I‑II, q. 102, a. 3).
Die Dauer der zeremoniellen Vorschriften des Alten Testaments
Über die Dauer der zeremoniellen Vorschriften des Alten Bundes (I‑II, q. 103) erklärt der Doctor Angelicus:
„Die Zeremonien des Alten Testaments reinigten unmittelbar nur von körperlichen Unreinheiten; um aber von der Sünde zu reinigen, bedurften sie der Kraft des kommenden Christus“ (I‑II, q. 103, a. 2).
Daher „hörten sie mit dem Tod Christi auf, Geltung zu besitzen; denn mit diesem endete das Alte Gesetz, und der Neue und Ewige Bund begann“ (I‑II, q. 103, a. 3).
Folglich „dürfen sie nach dem Tode Christi nicht ohne Sünde beobachtet werden, da sie sonst ein falsches Glaubensbekenntnis an einen noch nicht in Christus gekommenen, sondern erst noch kommenden Messias darstellen würden, wie der Talmud lehrt“ (I‑II, q. 103, a. 4).
*Don Curzio Nitoglia, Jahrgang 1957, Studium der Philosophie bei Augusto Del Noce an der römischen Universität La Sapienza, Eintritt in das Priesterseminar von Erzbischof Marcel Lefebvre in Écône, 1984 von diesem zum Priester geweiht. Kaplan eines Frauenklosters bei Rom, das von einem geistlichen Sohn des heiligen Pater Pio von Pietrelcina gegründet wurde und der Piusbruderschaft nahesteht, geistlicher Assistent der Ritterschaft Mariens. Autor zahlreicher Bücher (Auswahl): „Roma Antica, Giudaismo e Cristianesimo“ („Antikes Rom, rabbinisches Judentum und Christentum“, 2020), „Non abbiamo fratelli maggiori“ („Wir haben keine älteren Brüder, 2019); „Per Padre il diavolo“ („Den Vater zum Teufel“, 2016), „Le forze occulte della sovversione“ („Die geheimen Kräfte der Subversion“, 2014), „Gnosi e Gnosticismo, Paganesimo e Giudaismo“ („Gnosis und Gnostizismus, Heidentum und Judentum“, 2006).
Übersetzung/Fußnote: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
- Im deutschen Sprachraum erfolgte ein Teil der Veröffentlichung in der Zeitschrift Communio. In Buchform wurde der Aufsatz von Benedikt XVI. und die Reaktionen darauf in Italien veröffentlicht unter dem Titel: „Benedetto XVI in dialogo con il rabbino Arie Folger: Ebrei e cristiani“, wiederum im Verlag San Paolo. ↩︎
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