Von Paix Liturgique1
Das Lehramt der Kirche unter der Führung des Heiligen Vaters stellt den Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und allen Gläubigen verschiedene autoritative Texte zur Verfügung, die ihnen helfen sollen, ein tieferes Verständnis Gottes, des Glaubens und der verschiedenen Fragen im Zusammenhang mit der menschlichen Existenz zu gewinnen. Denn jeder Mensch ist hier auf Erden dazu berufen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, um am Ende seines Lebens in den Himmel zu gelangen.
Während die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. das Thema der Eucharistie behandelt haben (für den ersten in Mysterium Fidei von 1965, für den zweiten in Ecclesia de Eucharistia von 2003), wurde bisher hingegen nur eine einzige Enzyklika eigens der heiligen Liturgie gewidmet.2 Es handelt sich um Mediator Dei, verfaßt von Papst Pius XII. im Jahre 1947. Dieser grundlegende Text bleibt bis heute das umfassendste Dokument über den göttlichen Kult insgesamt, und folgerichtig findet sich darin auch eine klare Definition dessen, was Liturgie ihrem Wesen nach ist. Nach den Worten der heiligen Kirche gilt:
„Die heilige Liturgie ist also der öffentliche Kult, den unser Erlöser als Haupt der Kirche dem Vater darbringt; zugleich ist sie der Kult, den die Gemeinschaft der Gläubigen ihrem Haupt und durch ihn dem ewigen Vater darbringt; kurz gesagt: sie ist der vollständige Kult des mystischen Leibes Jesu Christi, das heißt des Hauptes und seiner Glieder.“
Diese Ausführungen von Papst Pius XII. sind von entscheidender Bedeutung für jeden, der das liturgische Chaos verstehen will, in dem sich die Kirche heute befindet. Ebenso entscheidend sind sie für jeden, der über dessen Überwindung nachdenken möchte. Denn die liturgische Krise erklärt sich seit mehr als sechzig Jahren durch einen fortschreitenden Verlust des Sinnes für Gott: Die Wirklichkeit des Kultes entspricht nicht mehr dem, was sie ihrem Wesen nach eigentlich bestimmen sollte. Indem die Diener des Kultes dem Gottesdienst die Richtung verweigern, die ihm vorgegeben ist, bringen sie ihre Herde in Verwirrung. Ohne klaren Orientierungspunkt laufen wir, die wir Pilger auf die Ewigkeit hin sind, Gefahr, den rechten Weg zu verlieren.
Machen wir uns also die Mühe, auf die oben zitierte Definition der Liturgie zurückzukommen. Die Liturgie, so sagt uns Pius XII., ist ein Gott dargebrachter Kult. Dieser Kult wird Gott würdig dargebracht, weil er durch Christus vollzogen und im Namen Christi an den Vater gerichtet wird. Dieser Kult ist aus einem einfachen Grund würdig: wegen der Entsprechung zwischen dem Opferpriester (Christus) und demjenigen, an den sich das Opfer richtet (Gott). Die Liturgie bewahrt ihre ganze Angemessenheit – vere dignum et justum est –, insofern sie Gott durch Christus, den Hohepriester selbst, dargebracht wird. Ebenso wird sie von der Gemeinschaft der Gläubigen durch ihre Priester dargebracht, die Gott verehren, indem sie in persona Christi handeln, wie es die überlieferte Formel ausdrückt.
Anders gesagt: Die Liturgie ist zunächst ein Akt der Religion, das heißt ein Akt kindlicher Frömmigkeit, der Anerkennung und des Dankes gegenüber der Güte Gottes und seiner Liebe zu uns. Sie ist keine Selbstfeier des Menschen und auch nicht in erster Linie eine Feier, die sich an die Menschen richtet. Sie ist ein Gott dargebrachter Kult. In diesem Sinne ist die Liturgie nicht vor allem ein missionarischer Akt, sondern ein Werk der Gerechtigkeit: Gott das zu geben, was ihm gebührt.
Hüten wir uns daher davor, die heilige Liturgie vor allem unter dem Gesichtspunkt zahlenmäßiger Effizienz oder statistischer Ergebnisse zu beurteilen. Müßte man bei einem solchen Ansatz nicht glauben, daß die Jugendmessen des „Frat’“ oder die traditionellen Meßopfer der Wallfahrten nach Chartres derselben Logik entsprächen? Tatsächlich muß man jedoch feststellen, daß diese Zusammenkünfte von zwei klar unterschiedlichen liturgischen Geistern geprägt sind. Das göttliche Offizium, das von zwei Geistlichen in einer kleinen Dorfkirche „mit Würde, Aufmerksamkeit und Andacht“ (digne, attente ac devote) verrichtet wird – wie es das Gebet vor dem Offizium im traditionellen Brevier ausdrückt – oder auch die Liturgie, die im Verborgenen der Klöster von Mönchen in den frühen Morgenstunden gefeiert wird, besitzt denselben Wert wie eine feierliche Messe, die unter der Mittagssonne vor einer großen Menschenmenge anläßlich einer Pfingstwallfahrt zelebriert wird. Jede dieser Liturgien nimmt, weil sie traditionell ist und vom Geist der Enzyklika Mediator Dei getragen wird, an derselben Grundhaltung teil: Der göttliche Kult richtet sich an Gott und wird zum Wohl der universalen Kirche vollzogen. Das geistliche Gewicht dieses göttlichen Kultes auf der Waage der Ewigkeit werden wir erst erkennen, wenn wir selbst die Schwelle zur anderen Welt überschritten haben.
Dabei gilt jedoch – wie der heilige Thomas von Aquin erklärt –, daß „das Gute seiner Natur nach ausstrahlend ist“. Das Werk der Gerechtigkeit, das durch die heilige Liturgie vollzogen wird, bringt daher notwendigerweise Früchte für die Seelen hervor. Die Liturgie trägt, sofern sie würdig gefeiert wird und den Kult achtet, den sie Gott darzubringen hat, unvermeidlich Frucht. Man müßte nur an die missionarischen Früchte der unvergleichlichen liturgischen Seelsorge des heiligen Pfarrers von Ars erinnern, der stets darauf bedacht war, seine Kirche zu verschönern und jene innere Überzeugung in die Tat umzusetzen, die jeden Jünger Christi – angefangen bei seinen Dienern – beseelen sollte: „Nichts ist zu schön für Gott.“
„Zuerst dient man dem Herrgott“, wiederholte die heilige Johanna von Orléans. Der göttliche Kult bringt, wenn er Gott an die erste Stelle setzt (und nicht das Mikrofon!), Frucht zum Wohl der universalen Kirche. In einem nächsten Schreiben werden wir daher die missionarische Wirklichkeit der überlieferten Messe betrachten. Eine nachgeordnete, nicht aber ursprüngliche Wirklichkeit, wie nun deutlich geworden sein dürfte. Doch keineswegs eine nebensächliche Wirklichkeit, auch wenn man allzu oft genau diesen Eindruck gewinnt.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
- Veröffentlich in der Lettre Nr. 1368 vom 7. Mai 2026. ↩︎
- Die Angabe bezieht sich auf den Zeitraum, seit es Enzykliken im modernen Sinn gibt, also seit Benedikt XIV., der von 1740 bis 1758 Papst war. ↩︎
Hinterlasse jetzt einen Kommentar