Wie steht es um die Bekehrung der Juden?

Die Substitutionstheologie


Darstellung des zerrissenen Vorhangs (oben links und rechts), der das wahre Allerheiligste sichtbar macht. Illustration von Herrad von Landsberg, Äbtissin von Hohenburg im Elsaß (12. Jahrhundert).
Darstellung des zerrissenen Vorhangs (oben links und rechts), der das wahre Allerheiligste sichtbar macht. Illustration von Herrad von Landsberg, Äbtissin von Hohenburg im Elsaß (12. Jahrhundert).

Wir doku­men­tie­ren die Stel­lung­nah­me der Ini­ti­tia­ve Il Cammi­no dei Tre Sen­tie­ri (Der Weg der Drei Pfade):

Von ver­schie­de­nen Sei­ten hört man inzwi­schen die Behaup­tung, die Juden sollten/​bräuchten sich nicht bekeh­ren, da ihre „Erwäh­lung“ end­gül­tig sei. Aber ist das wirk­lich so? 

In der nach­kon­zi­lia­ren Zeit spricht man lei­der kaum mehr von der soge­nann­ten Sub­sti­tu­ti­ons­theo­lo­gie, also der Über­zeu­gung, daß das alte Isra­el, weil es den gött­li­chen Ver­hei­ßun­gen nicht treu geblie­ben sei und Jesus nicht ange­nom­men habe, durch ein „neu­es Isra­el“, näm­lich die katho­li­sche Kir­che, „ersetzt“ wur­de. Doch die Sub­sti­tu­ti­ons­theo­lo­gie ist eine unbe­streit­ba­re Tatsache. 

Isra­el war der „Wein­berg“ des Herrn. Obwohl Gott ihn mit väter­li­cher Zunei­gung geliebt hat­te, brach­te der Wein­berg nicht die erhoff­ten Trau­ben her­vor, son­dern nur „ver­dorr­te Blät­ter“ (Jere­mia 8,13) und ent­täusch­te so die Erwar­tun­gen des Herrn. Des­halb wur­de der alte Wein­berg von Gott ver­las­sen und durch den „neu­en Wein­berg“ ersetzt, der die katho­li­sche Kir­che ist, das Volk des Neu­en Bun­des, des­sen „wah­re Rebe“ Jesus ist. 

Im Mat­thä­us­evan­ge­li­um sagt Jesus dies deut­lich (Mat­thä­us 21,43–45):

„Dar­um sage ich euch: Euch wird das Reich Got­tes weg­ge­nom­men und einem Volk gege­ben wer­den, das sei­ne Früch­te bringt (…) Und die Hohen­prie­ster und die Pha­ri­sä­er ver­stan­den, als sie sei­ne Gleich­nis­se hör­ten, daß er von ihnen sprach.“

Wer die Sub­sti­tu­ti­ons­theo­lo­gie zu leug­nen ver­sucht, beruft sich ger­ne auf eini­ge Wor­te des hei­li­gen Pau­lus, ins­be­son­de­re auf die Stel­le im Römer­brief (11,28–29), wo er in bezug auf das jüdi­sche Volk schreibt: „Im Hin­blick auf das Evan­ge­li­um sind sie Fein­de um euret­wil­len; aber im Hin­blick auf die Erwäh­lung sind sie Gelieb­te um der Väter wil­len. Denn die Gna­den­ga­ben und die Beru­fung Got­tes sind unwi­der­ruf­lich!“ Die­se Wor­te wider­spre­chen jedoch kei­nes­wegs der Substitutionstheologie. 

Die Sub­sti­tu­ti­ons­theo­lo­gie bedeu­tet nicht die Ver­nei­nung der ein­sti­gen Erwäh­lung des jüdi­schen Vol­kes oder daß die­se Erwäh­lung nicht stän­dig in Erin­ne­rung zu hal­ten wäre, son­dern viel­mehr, daß die­ses Volk – mit Aus­nah­me des soge­nann­ten „Restes Isra­els“ (sie­he Jesa­ja, Jere­mia oder Zefan­ja, die treu­en, übrig­ge­blie­be­nen Gläu­bi­gen inner­halb Isra­els nach Gericht und Abfall) – der Ver­hei­ßung nicht treu geblie­ben ist. 

Das Pro­blem liegt also nicht dar­in, daß Gott sei­ne Gaben an Isra­el nicht bewahrt hät­te, son­dern daß Isra­el sie zurück­ge­wie­sen hat. Gott ändert sei­ne Ent­schei­dun­gen nicht; der Mensch hin­ge­gen kann sich ändern und ent­we­der zustim­men oder ableh­nen. Wenn Judas nicht gesün­digt hät­te, wäre Got­tes Erwäh­lung unwi­der­ruf­lich gewe­sen, doch Judas hat sich dann ent­schie­den, zu ver­ra­ten und alles zu verlassen.

Ein ange­se­he­ner Theo­lo­ge wie Mon­si­gno­re Bru­ne­ro Gherar­di­ni schreib­ti: „Ich bewah­re respekt­vol­les Schwei­gen gegen­über offi­zi­el­len Reden und Schrif­ten zur Fort­dau­er der Juden im Heils­bund, dem ersten und nie auf­ge­ho­be­nen (?), ja ein­zi­gen, der – als ‚nicht auf­ge­ho­ben‘ – weder alt noch neu wäre, son­dern gera­de des­halb sowohl für die jüdi­sche als auch für die christ­li­che Welt glei­cher­ma­ßen Weg des Heils wäre. Das ange­führ­te Argu­ment, näm­lich die Unwi­der­ruf­lich­keit der Ver­hei­ßun­gen und des Bun­des, berück­sich­tigt zwar die Tat­sa­che, daß ‚die Gna­den­ga­ben Got­tes unwi­der­ruf­lich sind‘, igno­riert jedoch eine ent­schei­den­de Tat­sa­che, näm­lich daß die­se Gaben abge­lehnt wer­den kön­nen. Isra­el hat sie abge­lehnt, indem es Chri­stus und sei­ne Erlö­sung zurück­wies, und es weist sie wei­ter­hin zurück; daher besitzt es sie nicht, und daher ist es nicht ‚Gott beson­ders lieb‘, sofern die­se Lie­be zu Gott die vol­le und bedin­gungs­lo­se Zustim­mung zu sei­nem Heils­plan in Chri­stus vor­aus­setzt und verlangt.“ 

Bru­ne­ro Gherar­di­ni: Qua­le accordo fra Cri­sto e Beli­ar? Osser­va­zio­ni teo­lo­gi­che sui pro­ble­mi, gli equi­vo­ci ed i com­pro­mes­si del dia­lo­go inter­re­li­gio­so (Wel­che Über­ein­stim­mung zwi­schen Chri­stus und Beli­ar? Theo­lo­gi­sche Betrach­tun­gen zu den Pro­ble­men, Miß­ver­ständ­nis­sen und Kom­pro­mis­sen des inter­re­li­giö­sen Dia­logs), Vero­na 2009, S. 86.

Kurz gefaßt: Die Erwäh­lung Isra­els gilt nicht unab­hän­gig von Chri­stus wei­ter, son­dern erfüllt sich nur im Glau­ben an ihn. Weil Isra­el Jesus abge­lehnt hat, wur­de sei­ne heils­ge­schicht­li­che Rol­le von der Kir­che als neu­em Got­tes­volk über­nom­men und fort­ge­setzt. Got­tes Zusa­ge bleibt zwar bestehen, aber der Mensch kann sie durch Ableh­nung ver­lie­ren.

Die Beru­fung auf den Apo­stel Pau­lus in die­ser Fra­ge ist nur mög­lich, weil sei­ne Brie­fe selek­tiv gele­sen wer­den. Pau­lus läßt in Wirk­lich­keit kei­nen Zwei­fel dar­an, daß das Heil nur durch das Bekennt­nis zu Jesus Chri­stus erlangt wer­den kann. Ein zwei­ter Heils­weg ist in sei­nen Schrif­ten nicht zu fin­den. Sie­he dazu ins­be­son­de­re 1. Thes­sa­lo­ni­cher­brief 2,14–16, Gala­ter­brief 4,29 sowie Römer­brief 9,6–8. Ent­spre­chen­de Aus­sa­gen fin­den sich auch in der Apo­stel­ge­schich­te 7,51–52; 13,46 und 18,6.

Die neue „Theo­lo­gie“, die erst mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil auf­kam und eine fort­be­stehen­de, immer­wäh­ren­de Erwäh­lung und damit impli­zit einen eige­nen Heils­weg für die Juden mehr oder weni­ger offen behaup­tet, funk­tio­niert nur durch das Weg­las­sen oder die Umin­ter­pre­ta­ti­on ent­schei­den­der bibli­scher Aus­sa­gen. Ähn­li­ches gilt für Bern­hard von Clairvaux, der eben­falls von man­chen als „Beleg“ ange­führt wird, wobei jedoch die Hälf­te sei­ner Aus­sa­ge unter­schla­gen wird.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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