Wir dokumentieren die Stellungnahme der Inititiave Il Cammino dei Tre Sentieri (Der Weg der Drei Pfade):
Von verschiedenen Seiten hört man inzwischen die Behauptung, die Juden sollten/bräuchten sich nicht bekehren, da ihre „Erwählung“ endgültig sei. Aber ist das wirklich so?
In der nachkonziliaren Zeit spricht man leider kaum mehr von der sogenannten Substitutionstheologie, also der Überzeugung, daß das alte Israel, weil es den göttlichen Verheißungen nicht treu geblieben sei und Jesus nicht angenommen habe, durch ein „neues Israel“, nämlich die katholische Kirche, „ersetzt“ wurde. Doch die Substitutionstheologie ist eine unbestreitbare Tatsache.
Israel war der „Weinberg“ des Herrn. Obwohl Gott ihn mit väterlicher Zuneigung geliebt hatte, brachte der Weinberg nicht die erhofften Trauben hervor, sondern nur „verdorrte Blätter“ (Jeremia 8,13) und enttäuschte so die Erwartungen des Herrn. Deshalb wurde der alte Weinberg von Gott verlassen und durch den „neuen Weinberg“ ersetzt, der die katholische Kirche ist, das Volk des Neuen Bundes, dessen „wahre Rebe“ Jesus ist.
Im Matthäusevangelium sagt Jesus dies deutlich (Matthäus 21,43–45):
„Darum sage ich euch: Euch wird das Reich Gottes weggenommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt (…) Und die Hohenpriester und die Pharisäer verstanden, als sie seine Gleichnisse hörten, daß er von ihnen sprach.“
Wer die Substitutionstheologie zu leugnen versucht, beruft sich gerne auf einige Worte des heiligen Paulus, insbesondere auf die Stelle im Römerbrief (11,28–29), wo er in bezug auf das jüdische Volk schreibt: „Im Hinblick auf das Evangelium sind sie Feinde um euretwillen; aber im Hinblick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich!“ Diese Worte widersprechen jedoch keineswegs der Substitutionstheologie.
Die Substitutionstheologie bedeutet nicht die Verneinung der einstigen Erwählung des jüdischen Volkes oder daß diese Erwählung nicht ständig in Erinnerung zu halten wäre, sondern vielmehr, daß dieses Volk – mit Ausnahme des sogenannten „Restes Israels“ (siehe Jesaja, Jeremia oder Zefanja, die treuen, übriggebliebenen Gläubigen innerhalb Israels nach Gericht und Abfall) – der Verheißung nicht treu geblieben ist.
Das Problem liegt also nicht darin, daß Gott seine Gaben an Israel nicht bewahrt hätte, sondern daß Israel sie zurückgewiesen hat. Gott ändert seine Entscheidungen nicht; der Mensch hingegen kann sich ändern und entweder zustimmen oder ablehnen. Wenn Judas nicht gesündigt hätte, wäre Gottes Erwählung unwiderruflich gewesen, doch Judas hat sich dann entschieden, zu verraten und alles zu verlassen.
Ein angesehener Theologe wie Monsignore Brunero Gherardini schreibti: „Ich bewahre respektvolles Schweigen gegenüber offiziellen Reden und Schriften zur Fortdauer der Juden im Heilsbund, dem ersten und nie aufgehobenen (?), ja einzigen, der – als ‚nicht aufgehoben‘ – weder alt noch neu wäre, sondern gerade deshalb sowohl für die jüdische als auch für die christliche Welt gleichermaßen Weg des Heils wäre. Das angeführte Argument, nämlich die Unwiderruflichkeit der Verheißungen und des Bundes, berücksichtigt zwar die Tatsache, daß ‚die Gnadengaben Gottes unwiderruflich sind‘, ignoriert jedoch eine entscheidende Tatsache, nämlich daß diese Gaben abgelehnt werden können. Israel hat sie abgelehnt, indem es Christus und seine Erlösung zurückwies, und es weist sie weiterhin zurück; daher besitzt es sie nicht, und daher ist es nicht ‚Gott besonders lieb‘, sofern diese Liebe zu Gott die volle und bedingungslose Zustimmung zu seinem Heilsplan in Christus voraussetzt und verlangt.“
Brunero Gherardini: Quale accordo fra Cristo e Beliar? Osservazioni teologiche sui problemi, gli equivoci ed i compromessi del dialogo interreligioso (Welche Übereinstimmung zwischen Christus und Beliar? Theologische Betrachtungen zu den Problemen, Mißverständnissen und Kompromissen des interreligiösen Dialogs), Verona 2009, S. 86.
Kurz gefaßt: Die Erwählung Israels gilt nicht unabhängig von Christus weiter, sondern erfüllt sich nur im Glauben an ihn. Weil Israel Jesus abgelehnt hat, wurde seine heilsgeschichtliche Rolle von der Kirche als neuem Gottesvolk übernommen und fortgesetzt. Gottes Zusage bleibt zwar bestehen, aber der Mensch kann sie durch Ablehnung verlieren.
Die Berufung auf den Apostel Paulus in dieser Frage ist nur möglich, weil seine Briefe selektiv gelesen werden. Paulus läßt in Wirklichkeit keinen Zweifel daran, daß das Heil nur durch das Bekenntnis zu Jesus Christus erlangt werden kann. Ein zweiter Heilsweg ist in seinen Schriften nicht zu finden. Siehe dazu insbesondere 1. Thessalonicherbrief 2,14–16, Galaterbrief 4,29 sowie Römerbrief 9,6–8. Entsprechende Aussagen finden sich auch in der Apostelgeschichte 7,51–52; 13,46 und 18,6.
Die neue „Theologie“, die erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufkam und eine fortbestehende, immerwährende Erwählung und damit implizit einen eigenen Heilsweg für die Juden mehr oder weniger offen behauptet, funktioniert nur durch das Weglassen oder die Uminterpretation entscheidender biblischer Aussagen. Ähnliches gilt für Bernhard von Clairvaux, der ebenfalls von manchen als „Beleg“ angeführt wird, wobei jedoch die Hälfte seiner Aussage unterschlagen wird.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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