Standhaft im Glauben – aber wie?

Die arianische Krise als Prüfstein kirchlicher Treue – und warum einfache Antworten zu kurz greifen


Die Jurisdiktion der Kirche von Ägypten (Alexandrien) erstreckte sich über ein riesieges Gebiet Nordafrikas
Die Jurisdiktion der Kirche von Ägypten (Alexandrien) erstreckte sich über ein riesieges Gebiet Nordafrikas

Von Hortator

Der Arti­kel „Han­deln gemäß der Tra­di­ti­on – Ein Bei­spiel aus der Geschich­te“ von P. Gabri­el Bau­mann von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus (FSSP) ver­sucht, aus der aria­ni­schen Kri­se des 4. Jahr­hun­derts eine kla­re Hand­lungs­an­wei­sung für die Gegen­wart abzu­lei­ten. Sei­ne zen­tra­le The­se lau­tet, dass die recht­gläu­bi­gen Bischö­fe jener Zeit – allen vor­an der hei­li­ge Atha­na­si­us von Alex­an­dri­en – kei­ne kirch­li­chen Par­al­lel­struk­tu­ren auf­ge­baut hät­ten, son­dern in Treue zur bestehen­den Hier­ar­chie, ins­be­son­de­re in Ver­bin­dung mit dem Stuhl Petri, aus­ge­harrt hät­ten. Die­se Dar­stel­lung wirkt auf den ersten Blick plau­si­bel, hält jedoch einer genaue­ren histo­ri­schen und theo­lo­gi­schen Prü­fung nur ein­ge­schränkt stand.

Zwar ist Pater Bau­mann – Grün­dungs­mit­glied der Petrus­bru­der­schaft und noch von Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re in den Rei­hen der Pius­bru­der­schaft zum Prie­ster geweiht – dar­in zuzu­stim­men, dass die aria­ni­sche Kri­se eine der tief­grei­fend­sten Erschüt­te­run­gen der Kir­chen­ge­schich­te dar­stellt. Per­sön­lich­kei­ten wie Atha­na­si­us muss­ten unter enor­mem Druck am nizä­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis fest­hal­ten und wur­den mehr­fach ver­bannt. Selbst Papst Libe­ri­us geriet unter poli­ti­schen Zwang und unter­zeich­ne­te ein mehr­deu­ti­ges Bekennt­nis. Gera­de die­se dra­ma­ti­sche Lage zeigt jedoch, dass ein­fa­che Deu­tungs­mu­ster der histo­ri­schen Wirk­lich­keit nicht gerecht werden.

Keine Parallelstrukturen? Die historische Wirklichkeit ist komplexer

Pater Bau­manns Behaup­tung, es habe kei­ne par­al­le­len Hier­ar­chien gege­ben, ist in die­ser Form nicht halt­bar. Betrach­tet man etwa den Juris­dik­ti­ons­be­reich des Patri­ar­chats von Alex­an­dri­en – die Diö­ze­se Aegyp­tus –, so zeigt sich ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild. In vie­len Städ­ten exi­stier­ten gleich­zei­tig meh­re­re Bischö­fe, die den­sel­ben Sitz bean­spruch­ten: ein Ver­tre­ter des nizä­ni­schen Glau­bens und ein aria­nisch oder semia­ria­nisch gesinn­ter Amts­in­ha­ber. Alle bean­spruch­ten jeweils, die wah­re Kir­che zu reprä­sen­tie­ren, stan­den aber nicht in kirch­li­cher Gemein­schaft, son­dern schlos­sen ein­an­der aus.

Für die Gläu­bi­gen ergab sich dar­aus eine kon­kre­te Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on: Wem folgt man? Die Anhän­ger des nizä­ni­schen Glau­bens erkann­ten die aria­ni­schen Bischö­fe nicht als legi­ti­me Hir­ten an. Sie lehn­ten deren Auto­ri­tät ab und orga­ni­sier­ten ihr kirch­li­ches Leben unab­hän­gig von ihnen. Auch wenn dies nicht als bewuss­te „Par­al­lel­kir­che“ kon­zi­piert war, ent­stand fak­tisch eine dop­pel­te Struk­tur, in der zwei Lini­en von Amts­trä­gern neben­ein­an­der exi­stier­ten und ein­an­der widersprachen.

Gera­de hier­in zeigt sich, dass die recht­gläu­bi­ge Sei­te nicht ein­fach inner­halb bestehen­der Macht­ver­hält­nis­se ver­harr­te, son­dern eine kla­re Abgren­zung gegen­über als ille­gi­tim betrach­te­ten Auto­ri­tä­ten voll­zog. Die Unter­schei­dung zwi­schen recht­mä­ßi­ger und bloß fak­ti­scher Amts­ge­walt war dabei zentral.

Die Rolle der Bischöfe und die Kontinuität der Kirche

Ein genaue­rer Blick auf die kirch­li­chen Struk­tu­ren jener Zeit rela­ti­viert zudem die Vor­stel­lung, die Kir­che habe sich in die­ser Kri­se aus­schließ­lich an einer zen­tra­len Auto­ri­tät ori­en­tiert. Das Patri­ar­chat von Alex­an­dri­en unter Atha­na­si­us umfass­te ein wei­tes Gebiet – das heu­ti­ge Ägyp­ten, die Kyre­nai­ka (der öst­li­che Teil des heu­ti­gen Liby­en) sowie den Mis­si­ons­raum bis nach Nubi­en (heu­ti­ger Sudan und süd­wärts). Für die Syn­oden die­ser Diö­ze­se wer­den 80 bis 100 Bischö­fe genannt. Trotz der Ein­grif­fe aria­ni­scher Kräf­te blieb stets ein Teil der recht­gläu­bi­gen Bischö­fe im Amt. Zu kei­nem Zeit­punkt bestand die Gefahr, dass die Nizä­ner ohne Bischö­fe waren.

Pater Bau­mann betont zu Recht: Es ist nicht bekannt, dass Atha­na­si­us wäh­rend sei­ner Ver­ban­nun­gen neue Bischö­fe weih­te; aus­schlie­ßen lässt es sich jedoch nicht. Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass sei­ne Rich­tung nie­mals ohne Bischö­fe war. Die vor­han­de­nen recht­gläu­bi­gen Hir­ten gewähr­lei­ste­ten die apo­sto­li­sche und sakra­men­ta­le Kon­ti­nui­tät, indem sie Prie­ster weih­ten und das kirch­li­che Leben aufrechterhielten.

Sobald Atha­na­si­us aus dem Exil zurück­keh­ren konn­te, griff er sofort wie­der aktiv in die kirch­li­che Ord­nung ein, setz­te recht­mä­ßi­ge Bischö­fe ein oder ordi­nier­te neue. Dies zeigt, dass die nizä­ni­sche Rich­tung kei­nes­wegs pas­siv auf bes­se­re Zei­ten war­te­te, son­dern im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten aktiv für die Wie­der­her­stel­lung kirch­li­cher Ord­nung sorgte.

Einheit mit Rom – wichtig, aber anders als heute

Pater Bau­mann betont die Bin­dung an den Stuhl Petri als ent­schei­den­des Kri­te­ri­um kirch­li­cher Treue. Die­se Per­spek­ti­ve ist theo­lo­gisch nach­voll­zieh­bar, histo­risch jedoch dif­fe­ren­ziert zu betrach­ten. Im 4. Jahr­hun­dert war die kirch­li­che Struk­tur noch nicht in der spä­te­ren Wei­se zen­tra­li­siert. Bischö­fe wur­den nicht vom Papst ernannt, son­dern inner­halb ihrer Regio­nen gewählt und geweiht.

Die Ein­heit mit Rom äußer­te sich vor allem in der Über­ein­stim­mung im Glau­ben und in der kirch­li­chen Gemein­schaft, nicht in einer detail­liert gere­gel­ten admi­ni­stra­ti­ven Abhän­gig­keit. Auch die lit­ur­gi­sche Nen­nung des Pap­stes im Hoch­ge­bet war noch kei­ne uni­ver­sa­le Pra­xis. Es wur­de der jewei­li­ge Orts­bi­schof genannt, also von den recht­gläu­bi­gen Prie­stern sei­ner Diö­ze­se jener von Atha­na­si­us. Ent­schei­dend war viel­mehr das gemein­sa­me Bekennt­nis, ins­be­son­de­re das von Nicäa, sowie die gegen­sei­ti­ge Aner­ken­nung recht­gläu­bi­ger Bischöfe.

Gera­de in einer Zeit, in der selbst Rom unter poli­ti­schem Druck stand, zeigt sich, dass die Bewah­rung des Glau­bens nicht allein an eine jeder­zeit kla­re und unan­ge­foch­te­ne Ori­en­tie­rung an einer ein­zel­nen Instanz gebun­den war, wenn­gleich die­se eine wich­ti­ge Rol­le spielte.

Die Dauer der Krise

Auch der Fak­tor Zeit ver­dient Beach­tung, gera­de im Blick auf gegen­wär­ti­ge Ent­wick­lun­gen. Die aria­ni­sche Kri­se erstreck­te sich etwa von 318 bis 381, also über rund 60 Jah­re. Betrach­tet man kon­kret Atha­na­si­us, so zei­gen sich deut­li­che Unter­schie­de zu heu­te: Er wur­de fünf­mal ver­bannt und eben­so oft wie­der in sein Amt zurück­ge­führt. Die Zeit­span­ne zwi­schen sei­ner ersten Ver­ban­nung und sei­ner end­gül­ti­gen Rück­kehr umfasst rund drei Jahr­zehn­te. Sei­ne Exil­zeit betrug, zusam­men­ge­zählt, etwa 16 Jah­re. Die ein­zel­nen Ver­ban­nun­gen dau­er­ten von weni­gen Mona­ten bis maxi­mal sie­ben Jah­ren – das sind ver­gleichs­wei­se über­schau­ba­re Zeiträume.

Die heu­ti­ge nach­kon­zi­lia­re Kri­se, ins­be­son­de­re im Blick auf den Umgang mit dem über­lie­fer­ten Ritus, dau­ert hin­ge­gen seit vie­len Jahr­zehn­ten an. Im Unter­schied zur aria­ni­schen Kri­se exi­stiert kei­ne klar iden­ti­fi­zier­ba­re „nizä­ni­sche“ Hier­ar­chie, auf die sich Prie­ster und Gläu­bi­ge stüt­zen könn­ten. Die Lage zeigt daher wesent­lich pre­kä­rer. Der dama­li­ge Streit­punkt ließ sich an einem Wort iden­ti­fi­zie­ren. Dem ist heu­te nicht so. Dafür ist die Apo­sta­sie, die zur Zeit des Atha­na­si­us inner­kirch­lich kei­ne Rol­le spiel­te, durch den Rela­ti­vis­mus und die Umdeu­tung von Begrif­fen und Ver­ständ­nis erschüt­ternd dra­ma­tisch. Die­se Situa­ti­on ver­an­lass­te Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re 1988 zu sei­nen Bischofs­wei­hen. Er han­del­te dabei aus der Über­zeu­gung her­aus, eine Kon­ti­nui­tät sichern zu müs­sen – unab­hän­gig davon, wie man die­sen Schritt bewertet.

Atha­na­si­us und die Nizä­ner stan­den hin­ge­gen nie vor der Situa­ti­on, ohne Bischö­fe zu sein. Die­ser Unter­schied ist grund­le­gend und erschwert eine direk­te Über­tra­gung der dama­li­gen Ver­hält­nis­se auf heu­ti­ge Fragestellungen.

Ein Blick auf die soge­nann­ten Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten, die nach 1988 in die kano­ni­sche Ein­heit mit Rom tra­ten, ver­deut­licht zudem die gan­ze Span­nung der Situa­ti­on: Über Jahr­zehn­te hin­weg erhiel­ten sie kei­ne eige­ne bischöf­li­che Struk­tur, was die Gren­zen der prak­ti­schen Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten die­ser Gemein­schaf­ten auf­zeigt. Die Beru­fung eines Bischofs auf ihren Rei­hen gilt nach­ge­ra­de als denk­un­mög­lich und bestä­tigt die Aus­gren­zung. Über­haupt füh­ren sie inner­kirch­lich viel­fach ein trau­ri­ges Dasein. Ihre Exi­stenz wird von der heu­ti­gen Hier­ar­chie kaum ver­stan­den – wie Papst Fran­zis­kus bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit zum Besten gab – und viel­fach nur funk­tio­nal gegen die Pius­bru­der­schaft gese­hen. Die Tra­di­ti­on ist inner­kirch­lich nur gedul­det und daher mar­gi­na­li­siert. Tra­di­ti­ons­freund­li­che Prie­ster müs­sen die kirch­li­che Hier­ar­chie fürch­ten, was eine Außen­wir­kung fast unmög­lich macht.

Schlussfolgerung: Treue zur Kirche ist mehr als formales Verharren

Die aria­ni­sche Kri­se bie­tet ein deut­lich kom­ple­xe­res Bild, als es in dem genann­ten Arti­kel nahe­legt wird. Die recht­gläu­bi­gen Chri­sten ver­harr­ten nicht pas­siv inner­halb bestehen­der Struk­tu­ren, son­dern unter­schie­den zwi­schen legi­ti­mer und ille­gi­ti­mer Auto­ri­tät. Sie hiel­ten am wah­ren Glau­ben fest, auch wenn dies bedeu­te­te, sich fak­tisch von domi­nie­ren­den, aber als irrig erkann­ten Hier­ar­chien zu distanzieren.

Die Kir­che erscheint dabei nicht pri­mär als rein for­ma­le Insti­tu­ti­on, son­dern als leben­di­ge Wirk­lich­keit, deren Ein­heit wesent­lich im gemein­sa­men Glau­ben grün­det. Gera­de dar­in liegt eine zen­tra­le Leh­re die­ser Kri­se: Treue zur Tra­di­ti­on bedeu­tet nicht bloß insti­tu­tio­nel­le Loya­li­tät, son­dern die stand­haf­te Bewah­rung des über­lie­fer­ten Glau­bens – auch unter Bedin­gun­gen äuße­rer Zerrissenheit.

Die­se Ein­sicht legt nahe, dass sich histo­ri­sche Bei­spie­le nur bedingt als Model­le für gegen­wär­ti­ge Fra­gen eig­nen. Wer sich auf die Tra­di­ti­on beruft, muss ihre Kom­ple­xi­tät ernst neh­men. Die aktu­el­le Kri­se ver­langt ihre eige­nen Antworten.

Bild: Wiki­com­mons


Von Hortator bis­her erschienen:

  • Erwi­de­rung auf die Stel­lung­nah­me von Cla­ves zu den geplan­ten Bischofs­wei­hen der Piusbruderschaft

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