Besprechung von Wolfram Schrems*
Dionysius Cartusianus (1402–1471) ist den Lesern dieser Seite schon durch sein Werk Von den letzten Dingen des Menschen – Memento mori bekannt.
Der Publizist Hans Jakob Bürger, Autor bei Catholic News Agency Deutsch und Betreiber zweier wertvoller geistlicher Blogs, Tu Domine mit geistlich-liturgischem Schwerpunkt und der kartusianischen Gottsuche gewidmete Brunonis, brachte vor einigen Monaten dessen Aufmunterung für Novizen im lateinischen Original mit Übersetzung heraus.
Sie eignet sich freilich nicht nur für angehende Ordensleute sondern auch für Christen in der Welt. Daher ein genauerer Blick auf das dichte und gehaltvolle Werk des ehrwürdigen, noch nicht seliggesprochenen Kartäusers.
Vorwort: kritische Beleuchtung unserer gottvergessenen Zeit
Der Verleger Bernd Šabat (mit bemerkenswertem Verlagsprogramm) stellt im Vorwort das Offenkundige fest, nämlich den Niedergang des Ordenslebens und die menschliche Selbstüberhebung in unserer Zeit:
„In der modernen westlichen Welt scheint die kulturelle wie gesellschaftliche Bedeutung des monastischen Lebens gänzlich verloren gegangen zu sein. Dennoch bleibt auch in Zukunft der Geist der radikalen Selbsthingabe und Nachfolge Christi entscheidend für die Kirche und die Rettung der Seelen. Denn auch die Kirche wie das Glaubensleben des Einzelnen sind immer wieder den Anfechtungen des Diabolos – des ‚Durcheinanderbringers‘ – ausgesetzt, der den menschlichen Geist mit luziden Vorspiegelungen zu täuschen und zu verkehren unternimmt. So sucht auch der Christ nicht selten nur sich selbst“ (V).
Zentral sind das Bewußtsein der menschlichen Sünde und Schwäche und das Vertrauen auf die Gnade, sowohl für Mönche als auch für Laien:
„Mannigfach sind also die Hindernisse […] und groß ist das Dunkel unserer Sünde, welche die gnadenhafte Gegenwart Gottes verbirgt. Deshalb bedarf der Christ auch des Rates von im Glauben Bewährten, umso mehr, wenn er sich zum monastischen Leben berufen fühlt […]. Aber auch der in der Welt lebende Christ wird daraus reichen Nutzen ziehen können, denn auch er ist zur Nachfolge Christi nicht weniger berufen, auch wenn sein Weg ein anderer ist“ (VII).
Biographisches
Herausgeber Hans Jakob Bürger stellt zunächst das Leben des Autors dar: Er wurde um 1402/1403 in dem Weiler Leeuwen bei Rijkel in Flandern geboren. Als Schüler wurde er von den Benediktinern und von den Brüdern vom Gemeinsamen Leben (Devotio moderna, Geert Groote) geprägt. An der Universität Köln erlangte er 1424 den Grad magister artium. Im Jahr 1425 wurde er in der niederländischen Grenzstadt Roermond in das Kartäuserkloster S. Bethlehem B. V. Mariae Ruremundae aufgenommen. Er verfaßte zahlreiche Werke zur hl. Schrift und zu theologischen Fragen (187 Titel in 42 Foliobänden) und war Fachmann für die griechischen, lateinischen und arabischen Philosophen.
Die Hierarchie ließ ihn aber genauso wie seinen Ordensvater, den hl. Bruno (ca. 1027 bis 1101), nicht in Ruhe und zog ihn für verantwortungsvolle Aufgaben heran, was dem stillen Kartäuser auch viel weltliche Erfahrung vermittelte:
„Kardinal Nicolaus Cusanus [von Kues] (1401–1464), selbst ein berühmter Philosoph, Theologe und Astronom, schätzte die Arbeit von Dionysius und berief ihn, als er von Papst Nikolaus V. zum päpstlichen Legaten ernannt und mit außerordentlichen Vollmachten zur Kirchen- und Klosterreform in Deutschland, Österreich und den Niederlanden ernannt wurde, zu seinem Berater. Im Jahr 1451 reisten beide sieben Monate lang durch Deutschland, um die Kirche wiederherzustellen. Während seiner Tätigkeit als Berater des Nicolaus Cusanus lernte Dionysius zahlreiche kirchliche Würdenträger kennen und konnte auf viele wichtige Entscheidungen Einfluss nehmen. Ab 1459 war Dionysius Prokurator (Verwalter) seines Klosters und von 1466 bis 1469 Vorsteher der Kartäuser-Gründung in ’s‑Hertogenbosch“ (XIV).
Obwohl als Heiliger nach seinem Tod verehrt, verlief der Seligsprechungsprozeß Anfang des 17. Jahrhunderts im Sand:
„Dennoch wird Dionysius in mehreren Martyrologien als Seliger erwähnt. Auch die heiligen Franz von Sales und Alfons von Liguori betrachteten Dionysius als Seligen. ‚Dionysius Cartusianus‘ gilt als einer der letzten großen Scholastiker“ (ebd.).
Wegen seiner zahlreichen Visionen erhielt er den Ehrentitel „Doctor ecstaticus“ zuerkannt.
Das vorliegende Werk „richtet sich zunächst an die Novizen seines Klosters und seines Ordens. Dieser Text wurde in Form eines Dialogs zwischen Christus und einem Novizen verfasst, originell und fesselnd für diejenigen, die das Leben in der Kartause beginnen, und für alle frommen Seelen, die sich mit ihm auf den Weg zum Heil begeben möchten“ (XV).
Ratschläge des erfahrenen Kartäusers
Nach einer Einführung in das vorliegende Werk durch den Herausgeber kommt Dionysius in einer Einleitung und elf Abschnitten zu Wort.
Für heutige Verhältnisse, die von Glaubensabfall und Dekadenz geprägt sind, ist Dionysius sehr streng:
„Christus: «Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich für das Reich Gottes» (Lk 9, 62). Als ich diese Worte im Evangelium gesprochen habe, habe ich sie allgemein an jeden Gläubigen gerichtet, der meinem himmlischen Vater dienen will. Dabei wollte ich aufzeigen, wie notwendig es ist, bis zum Ende im Guten auszuharren. Aber dies sage ich besonders dir, meinem neuen Schüler, dem Neuling (= Novizen) im heiligen Ordensstand“ (1).
Dionysius weist in der Rolle Christi den Novizen an, das Leben, das er vor dem Klostereintritt geführt hat, kritisch zu analysieren. Es war Babylon und Knechtschaft Ägyptens, voller Laster und Sünden, Fehler und Versäumnisse.
Man muß sodann systematisch vorgehen: Das Wichtigste im Leben ist die Liebe zu Gott. Sie ist das „Leben der Seele“. Ohne sie ist nichts Gott wohlgefällig. Danach kommt die Erfüllung nachgeordneter Pflichten: Erforschung der schweren und läßlichen Sünden, Maßhalten in Essen und Trinken, rechtzeitige Nachtruhe (im Kartäuserorden mit seiner Zweiteilung der Nachtruhe von geradezu gesundheitlicher Bedeutung).
Eines der wirksamsten Mittel des Fortschritts und der Bewahrung von Sünde ist die Betrachtung der Passion Jesu. Dionysius kommt mehrmals darauf zurück. Die Passion des Herrn ist auch eine geistige, eine des Mitleids über die Verstockten:
„Betrachte darüber hinaus, wie während meines Leidens in mir der Mitleidsschmerz, womit ich die undankbaren und ins Verderben stürzenden Wahnsinnigen bedauerte, schärfer war als das eigentliche Leid auf der körperlichen Ebene“ (33).
Christus sagt in den Worten des Dionysius, daß die Gnadengaben sehr verscheiden verliehen werden, sodaß manche schon im Noviziatsjahr „so geistlich, innerlich und inbrünstig sind, dass man sie zu den Vollkommensten zählen könnte“ (15).
Wenn es allzu gut läuft im geistlichen Leben, schleichen sich leicht Fehleinschätzungen seiner selbst und schwere Versuchungen ein. Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang die Einsicht, daß nur derjenige, der durch die Umstände des Lebens schwer geprüft wird, anderen raten und beistehen kann:
„Versuchungen zu eitlem Ruhm können sich schnell und leicht in die Herzen derer einschleichen, die noch nicht im geistlichen Kampf geübt sind; noch nicht fest verwurzelt in Gottesfurcht, Demut und innerem Fortschritt. Selbstzufriedenheit, heimlicher Stolz über den eigenen Erfolg, auch vorschnelle Urteile können sich in solche Seelen einschleichen. […] Du würdest nicht lernen, Mitleid mit anderen zu haben, sondern würdest sie vorschnell verurteilen und verachten. […] Du musst Widerstände und Glück erfahren; um die eigenen Schwächen, die eigene Hinfälligkeit, das eigene Elend aus Erfahrung wissen. […] Wer keine Kenntnis oder Erfahrung mit diesen Versuchungen hat, bleibt nur ein Anfänger in der Schule der göttlichen Lehre; und er weiß wenig über die innere Ertüchtigung. Folglich kann er andere nicht beraten, noch ist er geeignet, die Versuchten, Gefährdeten und Bedrängten zu heilen und ihnen zu helfen“ (17f).
Notwendig ist, sich bewußt zu machen, daß die süße und getröstete Stimmung nicht lange währt. Man muß sich auf die „kommenden Versuchungen, Bedrängnisse und Widrigkeiten“ vorbereiten.
Was für unsere Zeit mit einer weitgehenden Fehleinschätzung des Innenlebens und der Emotionen wichtig ist, ist die Einsicht des Dionysius, daß „süße Gefühle in der Religion“ auch in den falschen Religionen vorkommen, sie daher nicht notwendigerweise eine Gabe Gottes sind:
„Was du nicht bedenkst, ist, dass selbst Ketzer, Juden und Sarazenen, oft weinen, während sie Opfer und Gebete darbringen. Sie empfinden eine süße und entzückende Inbrunst, sei es aus natürlicher Liebe zu Gott oder auch durch das Einwirken der Dämonen. Denn diese spielen oft eine Rolle bei den Stimmungsschwankungen und bei den verschiedenen Gefühlen und Wohlgenüssen. Freilich schenkt Gott häufig Trost, Süße und innere Freude – als Früchte aufrichtiger Liebe –, aber sie sind nicht unbedingt notwendig für wahre Hingabe. Aufrichtige und vertrauenswürdige Hingabe ist die Bereitschaft des geistlichen Verlangens oder des Willens, das zu tun, was Gott will, zusammen mit einer aufrichtigen Abneigung und Furcht vor jeder Todsünde, ob diese Entschlossenheit von Gefühlen der Inbrunst begleitet wird oder nicht“ (21).
Darauf folgen konkrete Ratschläge, den Versuchungen zu widerstehen. Ein Mittel ist etwa die Konsultation der Heiligenleben (eine Übung, die übrigens auch im Ignatianischen Exerzitienbuch empfohlen wird).
Sehr wichtig im Kampf gegen die Versuchungen ist die Seelenführung bzw. die Beichte, in der man völlig aufrichtig sein muß (auch das greift Ignatius später auf):
„Er [der Versucher] hat große Angst, ertappt zu werden“ (28).
Dionysius ist ein bedeutender Theologe und gibt auch den Rat, sich (in aller Demut) mit der Gottesgelehrsamkeit zu beschäftigen, er ist weder Fideist noch Obskurantist:
„Es liegt an dir, zu tun, was du kannst und musst. Auf dem Weg zu diesem Fortschritt, von dem wir gesprochen haben, werden Bücher und Wissenschaft jedoch kein Hindernis sein. Im Gegenteil, sie werden sich als nützlich erweisen, wenn du sie weise einsetzt“ (41).
Im zehnten Abschnitt empfiehlt Dionysius „Vorsichtsmaßnahmen“ zum Durchhalten. Wichtig ist ein gutes Gedächtnis an die Zeit des Aufbruchs aus der Welt, an den Eifer und die Liebe, die man damals hatte (45). Wer seine erste Liebe verläßt oder lau wird, wird ausgespien (vgl. Offb 2, 4 und 3, 16).
Der letzte Abschnitt ruft dazu auf, Christus „nachzuahmen“. (Man beachte: Die Imitatio Christi des Thomas von Kempen stammt auch aus der Lebenszeit des ehrwürdigen Dionysius, der – wie oben gesagt – von der Devotio moderna geprägt war.) Es sind Anweisungen, die immer schwierig umzusetzen waren, aber heutzutage aus dem Bewußtsein vieler Christen überhaupt verschwunden sind:
„‹Lerne von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen› (Mt 11, 29). ‹Kreuzige dein Fleisch mit seinen Lastern und Begierden› (Gal 5, 24)! Töte sie ab, verleugne und besiege sie! Opfere mir deinen eigenen Willen vollständig durch Gehorsam! ‹Diene Gott mit Furcht und Scheu› (Hebr 12, 28)! […] Verachte dabei die leeren und unwürdigen Annehmlichkeiten und Vergnügungen! Tust du dies, wirst du schon jetzt das Paradies auf Erden haben“ (49).
Resümee
Das Werk erinnert den Leser an die zu Lebzeiten des Dionysius entstandene Nachfolge Christi (1418, erster Druck aber erst 1488) und in manchen Details an das Ignatianische Exerzitienbuch (päpstlich approbierte Version 1548). Es ist wie diese beiden keine leichte Kost. Da das Ordensleben nach dem II. Vaticanum zahlenmäßig implodierte und spirituell verflachte, wäre das Exhortatorium wohl eine schwere Provokation für heutige Novizen und Novizenmeister.
Allerdings sollten auch wir Laien uns an der Nase nehmen und in apokalyptischen Zeiten die Anweisungen des Dionysius umzusetzen versuchen. Auch in der Welt müssen Gottesliebe, Selbstverleugnung und Ausrichtung auf das Letzte Ziel praktiziert werden. –
Bemerkenswert ist, daß Dionysius, der sich in den islamischen Lehren gut auskannte, die Aussagen des Koran über Jesus und Maria gegen die Juden ins Treffen führt (30). Mit dem Koran zu argumentieren, ist für Christen freilich eine zweischneidige Sache. –
Die vorliegende Ausgabe ist sehr schön geworden, die Übersetzung gut lesbar. Lediglich „Omnis enim scriptura divinitus inspirata utilis est ad docendum …” sollte nach Ansicht des Rezensenten eher mit „Jede von Gott eingegebene Schrift ist nützlich…“, nicht wie hier: „Jede Schrift ist von Gott eingegeben…“ übersetzt werden. Die Stelle ist nicht 2 Thess 3, 16, sondern 2 Tim 3, 16 (44). –
Dank und Anerkennung an Verleger und Herausgeber. Möge der Traktat allen AMDG nützen.
Dionysius der Kartäuser, Exhortatorium noviciorum – Aufmunterung für Neulinge [Sammlung von Ratschlägen und Anregungen für Novizen], hrsg. von Hans Jakob Bürger, Verlagsbuchhandlung Sabat, Kulmbach, 2025, 73 S.
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Lifer, bedauert den weitgehenden Zusammenbruch des authentischen Ordenslebens nach dem II. Vaticanum (post hoc, propter hoc).
Bild: Buchumschlag
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