Von Don Michael Gurtner*
Eine Prämisse: Grundsätzlich muß man zwischen rein disziplinarischem Gehorsam und einem Gehorsam unterscheiden, der auch den Glauben betrifft, d. h. dort, wo der sogenannte „Glaubensgehorsam“ berührt ist. Uns geht es hier ausschließlich um den Glaubensgehorsam, auch wenn es ebenso viel über den disziplinarischen Gehorsam zu sagen gäbe, da auch in diesem Bereich viel Amtsmißbrauch geschieht.
Gehorsam als der schwierigste der drei evangelischen Räte
Fragt man junge Priester, die erst seit einigen Jahren im kirchlichen Dienst stehen, oder auch junge Ordensbrüder und Priesterseminaristen, welches denn der schwierigste der drei evangelischen Räte sei, so lautet die häufigste Antwort wohl: der Gehorsam. Dies weniger wegen seiner theologischen Implikationen, die von den allermeisten jüngeren Priestern und Seminaristen geteilt werden, als vielmehr wegen seiner praktischen Umsetzung innerhalb einer umgedeuteten, überzogenen, manipulativen und reichlich selektiven Einforderung bzw. Anwendung durch die kirchliche Obrigkeit.
Priester und Bischöfe fordern im Namen des Gehorsams oftmals Dinge ein, die weit über das hinausgehen, was der Gehorsam eigentlich betrifft. Wenn man auf die Frage des Bischofs: „Versprichst Du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?“ antworten soll, so weiß man im Grunde noch gar nicht, was man damit genau verspricht. Denn wer weiß schon, was dieser „Nachfolger“ alles verlangen wird?
Dies ist Grund genug, einmal über den Gehorsam in seinen biblischen, dogmatischen und kirchenrechtlichen Dimensionen nachzudenken.
Tugend, seinen Willen zu bewegen
Zuerst ist es ratsam zu überlegen, worin der Gehorsam eigentlich besteht und welche Seelenkräfte er berührt. Für unsere Zwecke genügt es, auf eine grundlegende zweifache Unterscheidung des Gehorsams hinzuweisen, nämlich auf den eigentlichen und den uneigentlichen Gehorsam.
Der Gehorsam, so können wir zusammenfassend sagen, ist in seinem eigentlichen Sinne jene Tugend, welche den eigenen Willen dazu bewegt, die Gebote der Oberen zu befolgen. Im uneigentlichen und rein rechtlichen Sinne ist Gehorsam hingegen die rein äußerliche Anpassung der eigenen Handlungen und Unterlassungen an den Willen der Vorgesetzten.
Während der tugendhafte Gehorsam immer auch zumindest das Streben nach der äußeren Umsetzung einschließt, setzt umgekehrt der rein äußere Gehorsam nicht notwendig auch den tugendhaften Gehorsam voraus. Ist es mir daran gelegen, meinen Willen wirklich mit dem Willen des Vorgesetzten in Einklang zu bringen, so wird es mir gerade deshalb ein Anliegen sein, alles in meiner Kraft Stehende zu tun, um diesen Willen auch äußerlich in Taten umzusetzen.
Geht es hingegen nur um die bloße Umsetzung des Willens eines anderen, so müssen mein Wille und sein Wille nicht notwendig in Einklang stehen. Ich kann auch widerwillig etwas tun, allein deshalb, weil es ein anderer will, ohne selbst auch dasselbe zu wollen.
Ungehorsam als Wesen der Sünde
In der Heiligen Schrift begegnet uns der Gehorsam von Anbeginn an. Bereits im zweiten Kapitel der Genesis stoßen wir auf ein erstes Gebot – oder eigentlich ein Verbot – Gottes an die Menschen:
„Und er gebot ihm und sprach: Von allen Bäumen des Gartens magst du essen; aber von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welchen Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.“ (Gen 2,16f)
Gott, der Schöpfer, legt seinen Geschöpfen also vor, was gut und böse ist, und damit auch, was sie zu tun und zu unterlassen haben. Dem schöpfenden Willensakt Gottes liegt seine Weisheit zugrunde:
„Quam magnificata sunt opera tua Domine! omnia in sapientia fecisti: impleta est terra possessione tua – Wie groß sind deine Werke, o Herr! Du hast sie alle mit Weisheit geschaffen; was die Erde erfüllt, ist dein.“ (Ps 103,24)
Die Versuchung, vom „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ zu essen, ist die Versuchung, der törichten Meinung des Teufels zu erliegen: zu meinen, man könne selbst besser als der Schöpfer Gut und Böse – und damit auch Wahr und Unwahr – erkennen, als liege dies außerhalb Gottes, und es folglich selbst festlegen zu wollen. Damit widerspricht man nicht nur der Natur, sondern auch der Vernunft und der gesamten Schöpfungsordnung, die nichts anderes ist als die vernünftig erschaffene Natur. Dem Menschenpaar waren die Konsequenzen vollkommen und in aller Klarheit bekannt, denn sie befanden sich noch – anders als wir heute – im Zustand der Integrität.
Ursprünglich, am Beginn der Schöpfung, stand der Mensch vollkommen in der Gnade Gottes: Er war mit der heiligmachenden Gnade ausgestattet und daher gerecht. Deshalb hatten die Menschen – also die Stammeltern – Anteil an der göttlichen Natur. Diese Anteilhabe an der göttlichen Natur fand ihren natürlichen Ausdruck darin, daß der Mensch, das „sehr gute Geschöpf“, keinem natürlichen Mangel unterworfen war.
Er war leiblich unversehrt, das heißt in seinen körperlichen und geistigen Anlagen unbeeinträchtigt. Seine Sinne waren vollkommen ausgeprägt, sein Verstand ungetrübt, und ebenso seine Auffassungsgabe voll ausgebildet und durch nichts beeinträchtigt. Der Mensch besaß die volle, ungebrochene Einsicht in die Dinge, die ihn umgaben, in sein eigenes Handeln, Sein und Tun. Deshalb war er vollkommen frei und in seinem Willen unbehindert, denn die Konkupiszenz [heftiges Verlangen, Begierde] ist erst eine Folge der Erbsünde und existierte vor dieser noch nicht im Menschen. In diesem Zustand war er vollkommen gottgefällig.
Jedes Wissen, das der Mensch hatte, war irrtumsfrei und absolut, also keinem unsicheren Zweifel unterworfen, denn es war von Gott gegebenes Wissen, frei von Verfälschungen. Es handelte sich dabei freilich nicht um Allwissenheit, die Gott allein zukommt, sondern um das Wissen, das dem Menschen zu wissen zugestanden war. Diesen ursprünglichen Zustand des Menschen nennt man den Zustand der Integrität.
Wie all die anderen Eigenschaften, die wir exemplarisch zur Integrität gezählt haben, gehörte auch das zwischenmenschliche Aufeinanderbezogensein zu diesem Zustand. Gott schuf die Frau, weil es nicht gut war, daß der Mensch allein sei, und alleinsein der Integrität widersprochen hätte. Nur wenn der Mensch auch in zwischenmenschlichen Beziehungen lebt – und nicht allein in der Beziehung zu Gott – kann er wirklich integer sein.
Die Stammeltern waren nicht nur Menschen nebeneinander, sondern vor allem auch Menschen miteinander. Sie standen untereinander in Verbindung und damit auch mit allem, worin sie sonst noch verbunden waren, besonders mit Gott. Die Gottesbeziehung ist daher gleichsam doppelt: Sie ist zunächst und hauptsächlich persönlich, wird aber über die Mitmenschen auch kollektiver Natur, denn ohne verbindendes Miteinander gibt es keine Integrität.
Damit geht einher, daß der Mensch unter einer doppelten Gnade steht: jener, die er als persönlicher Mensch, als „Ich“ mit Namen, vor Gott hat, und jener, die ihm über seine Zugehörigkeit zum Kollektiv des Menschengeschlechtes zukommt. Denn der Mensch ist nur gemeinsam integer. Dies hat seinen Grund darin, daß er nur dann im Ebenbild Gottes geschaffen ist; und Gott selbst ist dreifaltig: Es gibt eine innertrinitarische Gemeinschaft und Relation unter den drei göttlichen Personen. Sie stehen nicht zusammenhanglos nebeneinander, sondern bilden zusammen den einen dreieinigen Gott.
Ist der Mensch gottähnlich geschaffen, so muß dieses innertrinitarische Gefüge von Ich-Du-Wir sich auch in seinem integren Menschsein wiederfinden. Die Übernatur will sich stets auch in der Natur widerspiegeln.
Die ursprüngliche Integrität
Bislang haben wir versucht zu bestimmen, wie der Mensch vor der Ursünde beschaffen war, um daraus die Erbschuld besser einordnen zu können. In diesem Kontrast lösen sich bereits einige Verständnisschwierigkeiten von selbst, wenn wir der Integrität die Erbsünde gegenüberstellen und fragen, worin diese eigentlich besteht.
Wir sprachen zuvor von der Gnadenfülle, in der die Stammeltern lebten – im Zustand der heiligmachenden Gnade. Diese Gnade ist es, die uns in Gottes Nähe rückt. Wird sie schuldhaft vermindert, sprechen wir von Sünde. Sünde ist also das schuldhafte Vermindern der Heiligkeit, wodurch wir, je nach Schwere der Schuld, ein Stück weit von Gott entfernt werden. Die Gnaden gehen verloren, die Gnadenfülle ist nicht mehr gegeben. Sünde fügt nichts hinzu, sondern nimmt etwas vom Guten weg. Zu sündigen bedeutet daher nicht, den Spielraum der eigenen Freiheit zu vergrößern, sondern im Gegenteil, ihn einzuschränken. Im Leben der Gnade sprechen wir vom „Sterben“ durch die Sünde.
In diesem Zusammenhang ist besonders Genesis 2,17 interessant, denn hier finden sich zwei Punkte: Erstens wird betont, daß die Stammeltern volles Wissen über Verbot und Konsequenz hatten – was ohnehin durch die Integrität und die damit verbundene ungetrübte Erkenntnis gegeben war, hier jedoch ausdrücklich hervorgehoben wird. Zweitens wird die Konsequenz als „Sterben“ bezeichnet. Deshalb spricht man auch von der „Todsünde“, weil sie unmittelbar das Sterben und den Tod des Gnadenlebens zur Folge hat: „[…] von dem Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welchen Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.“
Die Stammeltern waren sich also der Tragweite ihres Handelns voll bewußt, und ihre Sünde geschah in vollem Wissen und mit voller Zustimmung. Da Erkenntnis und Wille vollkommen waren und noch keine Konkupiszenz bestand, wäre jede Sünde notwendigerweise eine Todsünde gewesen. Im Zustand der Integrität und der Gnadenfülle gibt es keine läßliche Sünde, sondern nur die todbringende.
Sünde ist Handeln gegen den Willen Gottes und bewirkt ein Absterben des Gnadenlebens, wie wir gesehen haben. Dadurch ist alles betroffen, was mit der Gnade zusammenhängt – anders gesagt: Nichts bleibt integer. Alles, was zuvor zur Integrität gehörte, wird vermindert und vom Absterben betroffen: die Sinne, die Erkenntnis, die Beziehung zu Gott (Heiligkeit) und zu den Mitmenschen sowie zur gesamten Schöpfung überhaupt. Erst durch diese Schwächung wird es möglich, daß „leichte Sünden“ auftreten, weil nun die Ausgangsposition entscheidend verändert ist – was wiederum für die Frage der Schuld weitreichende Konsequenzen hat.
Ungehorsam gegenüber Gott als Erb-Schuld
Nun ist noch die Behandlung der Hauptfrage ausständig, welche wohl die meisten Schwierigkeiten bereitet, nämlich die Frage, wie es sein kann, daß die persönliche Schuld Adams über alle Orts- und Zeitgrenzen hinweg auf jeden einzelnen Menschen übergeht, noch dazu „durch Fortpflanzung“ (propagatione) und nicht bloß durch Nachahmung, also weil wir schlichtweg von Sünde umgeben sind und es unserer Umwelt gleichtäten. „Hoc Adae peccatum, quod origine unum est et propagatione, non imitatione transfusum omnibus inest unicuique proprium“, sagt das Tridentinum hierzu eindeutig.
Den Ansatz für die Antwort haben wir bereits angedeutet. Er liegt darin, daß es zur Integrität des Menschen gehört, zu Gott und zu anderen in Beziehung zu stehen. In der Integrität zeichnet sich das Gnadendasein des Menschen ab. Durch die Erbschuld wird jedoch alles, was zu dieser Integrität gehört, betroffen, und deshalb auch die Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen.
Da das Gnadendasein nicht für die Stammeltern allein vorgesehen war, sondern in ihnen für die gesamte Menschheit aller Zeiten begründet sein sollte, gilt dies ebenso für deren Umgang mit dieser Gnade. Das Gnadenleben ist daher auf die nachfolgenden Menschen getrübt und gebrochen übergegangen, wie es die Stammeltern getrübt und gebrochen haben. An den Stammeltern lag es, für die Nachfahren das Maß der Gnade festzulegen, das ihnen in Fülle gegeben war. So wie sie es brachen, blieb es gebrochen.
Dabei müssen wir jedoch gut unterscheiden: Die Sünde ist eine einzige und persönliche, nämlich die Adams. Was durch Fortpflanzung weitergetragen wird, ist nicht die Sünde selbst, sondern die Schuld Adams – mit allen Konsequenzen. Deshalb ist die Ursünde Adams jene, welche die Erbschuld hervorbringt (peccatum originale originans), während „unsere“ Erbschuld uns zwar persönlich trifft, aber nicht durch eigene Schuld, sondern durch passives Empfangen entsteht (peccatum originale originatum). Es wird also die Schuld Adams übertragen, nicht seine persönliche Sünde. Diese bleibt seine eigene, während die Erbschuld uns zwar persönlich und einzeln betrifft, aber nicht auf Grund unserer persönlichen Sünde entsteht. Deshalb war sie nur in Adam eine aktuelle Sünde (peccatum actuale), während sie in den nachfolgenden Menschen als habituelle Sünde (peccatum habituale), also als Sündenzustand, gegenwärtig ist.
Die erste Schuld des Menschen, die Urschuld Adams, bestand also letztlich im Ungehorsam, und hierin liegt das Wesen jeder Sünde auch noch heute. Zu sündigen bedeutet, ungehorsam gegenüber Gott zu sein; Sünde ist, sich dem erkannten Willen Gottes zu widersetzen und diesen nicht zu erfüllen, den eigenen Willen an die Stelle des göttlichen Willens zu setzen und somit selbst über Recht und Unrecht, über Gut und Böse entscheiden zu wollen.
Gehorsam erscheint uns damit der Gerechtigkeit zugeordnet. Denn gerecht ist, was dem Willen Gottes entspricht, oder anders formuliert: Gerecht ist, was der göttlichen Ordnung entspricht.
Der vollkommene Gehorsam Jesu Christi
Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, ist deshalb vollkommen gehorsam, weil er vollkommen der göttlichen Ordnung entspricht: „Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ (Jo 6,38). Da es Gott unmöglich ist zu sündigen, weil er wesenhaft gut ist, war der Gehorsam des Sohnes gegenüber dem Vater so vollkommen, daß selbst im Kreuz der menschliche Wille ganz eins mit dem göttlichen Willen blieb: „Vater! wenn du willst, so nimm diesen Kelch hinweg von mir; jedoch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“ (Lk 22,42). Darum sagt der hl. Paulus in seinem Philipperhymnus: „Er erniedrigte sich selbst, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze.“
Gehorsam heißt also, den Willen Gottes zu erfüllen und den eigenen Willen mit dem Willen Gottes gleichsam „deckungsgleich“ werden zu lassen – und nur mit diesem! Daran ist auch unser ganz persönliches Heil gelegen: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, der wird in das Himmelreich eingehen“ (Mt 7,21).
Wenn wir uns nun erinnern an das, was wir eingangs noch ganz allgemein festgestellt hatten, nämlich daß der Gehorsam darin besteht, den eigenen Willen so zu bewegen, daß er die Gebote des Oberen erfüllt, so erkennen wir nun auch, wer der eigentliche und letzte „Obere“ ist: der Schöpfer selbst! In ihm liegt der Beginn und Urgrund eines jeden Gehorsams.
Deshalb ist Gehorsam immer auch etwas Hierarchisches: Denn Hierarchie ist der „heilige Beginn“! Im Anfang aber war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos; jener Logos, der dann Fleisch wurde, war im Beginn bei Gott (vgl. Jo 1,1f.). Von diesem „heiligen Beginn“, das heißt von dieser „Hierarchie“ her, muß sich der Gehorsam letztlich bis nach unten fortsetzen.
Die hierarchische Ordnung als Grundlage jeden Gehorsams
Es gehört zur göttlichen Ordnung selbst, daß wir unseren Oberen Gehorsam schulden. Es ist Gottes Wille, und außerdem auch von der Vernunft her erkennbar, daß Gehorsam nicht nur legitim, sondern auch notwendig ist, schon allein für das ganz normale Zusammenleben. Die Welt ist von Gott nun einmal hierarchisch geordnet – d. h. gemäß dem heiligen Beginn. Und dieser ist Gott selbst, da alles in ihm seinen absoluten Ursprung hat.
Und genau an dieser Überlegung treffen wir auch an die Grenzlinien des Gehorsams: Es kann nur das im Gehorsam bindend sein, was sich auf die Hierarchie, also auf den heiligen Anfang in Gott zurückführen läßt. Denn Gott schuldet der Mensch mehr Gehorsam als allen anderen! „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).
Im Falle eines Konfliktes zwischen einer kirchlichen Instanz und der geoffenbarten Lehre Gottes ist es also höchster Ungehorsam, die kirchliche Autorität der göttlichen vorzuziehen, weil es niemals Gott ist, welcher die „Gehorsamskette“ durchbricht – er ist ja der eigentliche und einzig wahre „Hierarch“. Unter der Voraussetzung, daß die kirchliche Instanz nachweislich und objektiv gegen den Willen und die Lehre Gottes lehrt oder verlangt, ist derjenige im Gehorsam, der Gott gegenüber gehorsam ist!
John H. Card. Newman zitierte gerne Card. Turrecremata mit den Worten: „Sollte der Papst irgend etwas gegen die heilige Schrift oder die Glaubensartikel, die Wahrheit der Sakramente, die Forderungen des Naturgesetzes oder der göttlichen Gebote befehlen, so dürfte man ihm nicht gehorchen…“.
Ein heiliger Kirchenlehrer, Robert Card. Bellarmin SJ, wird ebenfalls mit folgendem Grundsatz vom heiligen Card. Newman zitiert: „Um Widerstand zu leisten und uns zu verteidigen, brauchen wir keine Autorität… So wie es erlaubt ist, dem Papst Widerstand zu leisten, wenn er jemanden angreift, so ist es auch zulässig, sich ihm zu widersetzen, wenn er Seelen angreift oder den Staat stört oder, noch viel mehr, wenn er versuchte, die Kirche zu zerstören. Es ist erlaubt… sich ihm zu widersetzen, indem man nicht tut, was er befiehlt, und die Ausführung seines Willens verhindert“1.
Der Vorwurf der Spaltung bei Gehorsam gegenüber Gott
Zum Schluß sollten wir uns noch mit einem Vorwurf auseinandersetzen, welchen man oftmals zu hören bekommt, wenn man eben das biblische Gebot, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, umzusetzen versucht, nämlich den Vorwurf, zu „spalten“ und „Uneinheit“ zu stiften.
Dieser Vorwurf der Spaltung wird gerne auch dann laut, wenn man eine Person in kirchlichen Funktionen in Mißkredit bringen möchte. Wer Spaltung oder Unfriede bringt, so sagt man, sei völlig unhaltbar und müsse verschwinden. Dieses Schema wiederholt sich in den letzten Jahren immer wieder und ist beinahe immer gegen Personen gerichtet, welche im Ruf stehen, der Lehre der Kirche treu anzuhangen, „traditionsverbunden“ und konservativ zu sein. Mit einer solchen Haltung der Treue und Standhaftigkeit findet man sich heute schnell in einer Minderheitenposition wieder und kann mitunter die quantitative Mehrheit zum Gegner haben. Unter einer oftmals fromm anmutenden Forderung nach Demut steckt in Wahrheit nichts anderes als der unverfrorene Befehl: „Sei still, setz Dich nieder und halte endlich Deinen Mund“. Es ist dieselbe Forderung, man formuliert sie nur anders, damit ein Nicht-Gehorchen als Sünde des Hochmutes erscheint. Durch die Art und Weise, wie man manche Dinge formuliert, können sehr subtil weitere Botschaften impliziert werden, und dieses linguistische Phänomen macht man sich immer wieder zunutze.
Dabei müssen wir immer vor Augen haben: „Spaltung“ steht nie für sich, sondern bedarf stets eines Bezugspunktes.
Es stellt einen fundamentalen Fehler dar, Spaltung einfach so für sich zum Vorwurf zu machen, ohne dabei anzugeben, wer sich wovon abspaltet. Denn Spaltung an sich ist zunächst noch nicht eindeutig mit einer positiven oder einer negativen Qualität belegt, sondern es kommt immer darauf an, worin der Spalt besteht und was dessen Bezugspunkt ist: Spaltung bedeutet nämlich, daß eine Trennung entsteht von etwas, was vorhin vereint war. Und dieses vorhin Vereinte muß benennbar und konkretisierbar sein – und auch explizit gemacht werden, um diese Spaltung qualitativ bewerten zu können. Andernfalls muß man von einer illegitimen, bewußten und interessierten Beeinflussung der Gläubigen ausgehen, die eine negative Haltung suggerieren soll. Spaltung wie auch Einheit müssen erst in ihrer Bezüglichkeit angegeben werden, um sagen zu können, ob diese Spaltung bzw. Einheit gut oder schlecht ist. Mitunter ist es auch notwendig und das moralisch Gute, sich abzuspalten und eine bestimmte Einheit zu verlassen. Es kann Situationen geben, in welchen man auch gar nicht umhin kann, als sich von einer Sache zu spalten, um einer anderen, guten Sache treu und in Einheit mit dieser zu bleiben.
Um bei unserem konkreten Vorwurf der Spaltung zu bleiben, erkennen wir eine Verlagerung des Bezugspunktes, durch die eine Situation des Sichentscheidenmüssens entsteht:
Die heilige Kirche ist als Glaubensgemeinschaft an Jesus Christus, an dessen Lehre, an die Wahrheit und an den Willen Gottes gebunden. Sie erzeugt nicht die Wahrheit, sondern empfängt und bewahrt sie. Die Kirche wurde gezeugt, um dem Menschen einen klar definierten „Ort“ der Wahrheit und der Gegenwart Gottes zu geben.
In-der-Kirche-Sein bedeutet ein Sein in Gottes Gegenwart. Dieses kann jedoch nicht unabhängig von der Wahrheit, und damit nicht unabhängig vom wahren Glauben sein, denn Unwahrheit ist mit dem Wesen Gottes unvereinbar. Daher ist die Kirche allein der Wahrheit Jesu Christi verpflichtet. Sie wurde gezeugt, um den Menschen zu heiligen und ihn zur ewigen Gegenwart Gottes zu führen. Dies ist von Gott gewollt, und darin liegt ihr Auftrag.
Weil die Kirche der Wahrheit Gottes verpflichtet ist und nicht dem Willen der Welt und daran auch das ewige Seelenheil hängt, zu dem die Kirche durch ihren Auftrag und ihre Vollmacht die Menschen führen soll und will, sind auch alle Glieder der Kirche – das heißt die Kirche als Glaubensgemeinschaft – dieser Wahrheit verpflichtet.
Die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander kommt jedoch erst sekundär zustande: Sie ergibt sich aus der vorrangigen Gemeinschaft des einzelnen mit Gott. Gleichsam automatisch entsteht eine horizontale Gemeinschaft, weil verschiedene Personen denselben Glauben haben und sich der Bindung an Gott unterwerfen. Zuerst also ist die Gemeinschaft des einzelnen mit Gott, die vornehmlich durch den wahren Glauben begründet ist. Dies führt freilich auch zu rechter Sitte, zum sakramentalen Leben und ähnlichem.
Dadurch, daß viele einzelne Personen diesen wahren Glauben besitzen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen – etwa Kirchengliedschaft und Sakramente – entsteht durch das individuelle Anhangen an derselben Wahrheit nach der vertikalen Gemeinschaft mit Gott automatisch eine weitere Gemeinschaft: die horizontale Gemeinschaft der Gläubigen untereinander. Insofern ist die Kirche auch eine Glaubensgemeinschaft. Die vertikale Gemeinschaft geht absolut voraus, die horizontale Gemeinschaft muß ihr unbedingt nachfolgen.
Der wesentliche Bezugspunkt für den Gläubigen ist also Christus und dessen unabänderliche, ewige Wahrheit, nicht die menschliche Gemeinschaft, die sich erst vom wahren Glauben her ergeben muß und kann.
Die wahren Spalter sind von daher gerade jene, die sich von der Wahrheit abwenden
Nun kann es aber vorkommen, daß sich ein Teil jener, welche untereinander eine Gemeinschaft gebildet haben, weil sie sich alle um Christus und seine Wahrheit geschart hatten, plötzlich ganz oder teilweise von dieser einen Wahrheit absondert. Dadurch entsteht ein Spalt sowohl zwischen ihnen und Christus sowie seiner Kirche als auch zwischen ihnen und jenen, die weiterhin der einen Wahrheit Jesu Christi und seiner Kirche anhangen. Untereinander bleiben die sich Abspaltenden zwar eine Gemeinschaft, doch ist diese nicht mehr getragen vom gemeinsamen Bleiben in der einen Wahrheit des Herrn, sondern vom gemeinsamen Abwenden von derselben.
Dies muß nicht immer eine explizite Leugnung von Dogmen, Lehrsätzen oder moralischen Normen sein, sondern kann mitunter sehr subtil und leise geschehen, etwa durch bestimmte gesetzte oder unterlassene Handlungen.
In diesem Fall ist es ganz klar, wer die Spaltung herbeiführt: Diejenigen, die sich von der Wahrheit abwenden, spalten sich sowohl von dieser als auch von jenen, die in der Wahrheit bleiben. Dadurch wird die Spaltung verursacht. Diejenigen, die in der Wahrheit des Herrn bleiben, spalten sich eben gerade nicht.
Um von der eigenen Verursachung der Spaltung abzulenken, wird diese anderen zugeschoben – jenen, die sich nicht für die Einheit mit der Gruppe, sondern für die wahre Einheit mit Christus entschieden haben und damit den richtigen Bezugspunkt gewählt haben. Ihr Nicht-Spalten durch das Verbleiben in der Wahrheit wird fälschlicherweise als Spaltung dargestellt, besonders dann, wenn die Verbleibenden die Minderheit und die sich Abspaltenden die Mehrheit bilden.
Die Spaltbewegung wird also den Falschen zugeschrieben: Im Verharren in der Wahrheit wird die Spaltung gesehen, weil jene sich der von der Wahrheit sich entfernenden Mehrheit nicht anschließen wollen. Gleichzeitig wird die Konsequenz der Spaltung von den sich Abspaltenden den Verharrenden zugeschoben, nämlich daß diese angeblich Unfrieden stiften würden.
Friede ist Ruhen in der göttlichen Ordnung
Um den Bogen wieder zum Beginn unserer Überlegungen zu schließen, können wir also sagen: Pax autem est tranquillitas ordinis. Friede und Eintracht ist die Ruhe der Ordnung bzw. besteht im Ruhen und Verbleiben in der Ordnung. Diese Ordnung aber ist allein von Gott bestimmt, der alle Dinge der Welt geschaffen und geordnet hat.
Friede ist somit nicht bloß eine rein äußerliche Größe; es ist nicht die Abwesenheit von Zank und Streit, wie es gerne suggeriert wird. Wahrer Friede bedeutet ein Ruhen in der göttlichen Ordnung. Das Vorhandensein dieser göttlichen Ordnung ist eine wesentliche Voraussetzung für das Bestehenkönnen von Frieden. Wahrer Friede ist somit vornehmlich eine dogmatisch gebundene Größe, die weiter reicht als bloß in das Innerweltliche hinein.
Unfriede wird gerade dadurch gesät, daß sich manche von der Wahrheit und der göttlichen Ordnung abspalten. Wo alle in der Wahrheit geeint sind, herrscht automatisch Friede, so wie auch im Himmel Friede herrscht, wo alle Seelen sich der göttlichen Gegenwart erfreuen, weil sie ohne Abstriche in der Wahrheit sind.
Es ist also nicht derjenige, der in der Minderheit ist, der Unruhestifter, sondern stets derjenige, der sich von der Wahrheit – in welcher Dimension auch immer – loslöst und abspaltet.
Denn auch hier gilt immer: Bezugspunkt und Maß sind nicht „die anderen“, auch nicht die Mehrheit, sondern allein Christus. Wer sich von ihm und seinem Willen entfernt, spaltet, und der daraus entstehende Unfriede geht auf dessen Konto. Es kann keinen legitimen Zwang geben, sich auf Grund eines oberflächlichen Scheinfriedens im Sinne einer Nicht-Unruhe von der Wahrheit, der Gerechtigkeit, dem Guten oder dem Willen Gottes zu lösen.
Deshalb ist derjenige Friedensstifter, der an der Wahrheit Gottes hält und diese auch unter Widerstand und Anfeindungen unverkürzt verkündet. Auf die Wahrheit zu verzichten würde bedeuten, das Ruhen der Ordnung Gottes durcheinanderzubringen und langfristig selbst den Frieden zu stören, da ohne die vollständige Wahrheit niemals Friede sein wird.
Sich mit einer rein äußeren Ruhe zufrieden zu geben wäre fatal: Nicht das Symptom bedarf einer Heilung, sondern die Ursache des Symptoms. Würde man alles nur daran setzen, daß Ruhe einkehrt, so würde dies vorerst zwar erfolgreich erscheinen, aber der Spalt, der viele Menschen von Christus und seiner Kirche trennt, würde sich nur noch vergrößern.
Daß die Wahrheit bedeuten kann, daß es zu Trennung und Spaltung kommt, lehrte bereits der Herr: Der wahre Glaube wird sogar Familien spalten, sagte er, einer wird gegen den anderen stehen. Doch dieser Unfriede geht von denen aus, die die Wahrheit nicht annehmen wollen, nicht von der Wahrheit selbst. Denn Christus will der Welt einen Frieden geben, der nicht bloße Konfliktlosigkeit bedeutet, sondern ein Friede ist, wie ihn die Welt nicht zu geben vermag.
Um diesen Frieden muß man ringen, man muß um ihn streiten und sich der Versuchung einer oberflächlichen Lösung widersetzen. Nur das Verharren in der Ordnung Gottes bringt wahren Frieden – jenen Frieden, den die Welt uns nicht zu geben vermag, da sie weder Wahrheit noch Ordnung stiften, sondern diese nur übernehmen und umsetzen kann, sondern den wir uns allein vom Heiland schenken lassen können.
Die Bischofsweihen waren ein Akt des Gehorsams gegenüber dem Auftrag Christi an seine Kirche
Bleibt man in einem rein weltlichen, rechtspositivistischen Denken stecken, mögen die Bischofsweihen von 1988 tatsächlich als ungehorsam erscheinen: Es lag nicht nur kein päpstliches Mandat vor, sondern sogar ein explizites Verbot – und dennoch mißachtete man dieses.
Von jedem Katholiken, und erst recht von Klerikern, ist jedoch eine weit umfassendere Sicht verlangt: Er muß zuallererst Gott gehorchen – mehr noch als den Menschen und selbst mehr als der Kirche, wenn ihr Geheiß den Geboten Gottes, dem Auftrag Christi oder der offenbarten Wahrheit widerspricht. Wenn die Kirche selbst diesem Auftrag entgegensteht, hat man das Recht – ja, sogar die heilige Pflicht –, sich zu widersetzen und zur höheren Ehre Gottes sowie zum Heil der Seelen zuerst an Christus zu halten. Christus steht über seinen Vikaren auf Erden!
Nimmt man also die geistliche Sicht der Dinge hinzu, erkennen wir: Die „unerlaubten“ Bischofsweihen waren nur in einem rein rechtspositivistischen Sinn ungehorsam. Aus geistlicher Sicht waren sie vielmehr ein Akt des Gehorsams gegenüber Christus, denn sie waren notwendig, um die reine Lehre, die Verbreitung des unverkürzten und unverfälschten wahren Glaubens sowie eine Liturgie zu gewährleisten, die diesem Glauben vollständig entspricht.
Wo sich die Kirche von den Vorgaben Christi entfernt, bleibt derjenige in Recht und Gehorsam, der dabei nicht mitgeht.
*Mag. Don Michael Gurtner ist ein aus Österreich stammender Diözesanpriester, der in der Zeit des öffentlichen (Corona-) Meßverbots diesem widerstanden und sich große Verdienste um den Zugang der Gläubigen zu den Sakramenten erworben hat. Von ihm stammen die Kolumne „Zur Lage der Kirche“ und weitere Beiträge.
Bild: Wikicommons
1 R. Bellarmino, De Romano Pontifice II,29, zitiert in: J.H. Newman, Letter to Pusey, London 1874, cap. 4, 2. Für ähnliche Stimmen s. De Mattei, Il Concilio Vaticano II. Una storia mai scritta, Torino, Lindau, 2010 S. 130–136.
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