Der argentinische Philosoph und Blogger Caminante Wanderer verfaßte eine kurze erste Reaktion auf die Bekanntgabe, daß es am kommenden Donnerstag zu einem Treffen zwischen Kardinal Victor Manuel Fernández, Präfekt des römischen Glaubensdikasteriums, und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., kommen wird.
„Ein erster Gedanke ist, daß ein bißchen Druck gut war, damit der Vatikan sich bewegt“, so Caminante Wanderer.
„Und ein zweiter, noch wichtigerer: Trotz allem, was man denken könnte, halte ich das für eine gute Nachricht. Jeder, der diesen Blog liest, kennt meine Meinung über Kardinal Fernández. Dennoch muß man fair sein, und fairerweise muß ich sagen, daß er der traditionellen Messe nicht feindlich gegenübersteht – und ich glaube auch nicht, dass er es jemals war. Mehr noch: Als Erzbischof von La Plata gründete er eine Personalpfarrei für Gläubige des traditionellen Ritus, die meines Wissens die einzige ihrer Art in Argentinien ist.“
Hier irrt Caminante Wanderer allerdings. In dem von Fernández als Erzbischof von La Plata nach Traditionis custodes am 7. September 2021 veröffentlichten Dekret , schließt er die Errichtung einer Personalpfarrei ausdrücklich aus.
„Außerdem ist der Kardinal ein geschätzter Schüler Bergoglios, der Sympathien für die FSSPX hegte.
Man kann also festhalten: Angesichts dieser Vorgeschichte ist es viel besser, daß P. Pagliarani von Fernández empfangen wird und nicht von Parolin oder Roche.“
In der Tat gibt es nach dem Regen immer noch die Traufe. Bergoglios „Sympathie“ für die Piusbruderschaft gehört zu den bemerkenswerten Eigenheiten seines Pontifikats, sollte jedoch nicht überbewertet werden. Der Umgang mit ihr war bereits deshalb anders, weil Jorge Mario Bergoglio schon als Bischof in Argentinien wußte, daß er über die Bruderschaft keine Jurisdiktion besaß. Die Piusbruderschaft ist kanonisch nicht existent; die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften hingegen sind kanonisch verankert, aber in ihrem Handlungsspielraum stark eingeschränkt. Sorge bereitete Franziskus vor allem die Ausbreitung des überlieferten Ritus über diesen eingehegten Bereich hinaus – in Priesterseminaren, Pfarreien und Orden, die bis Benedikt XVI. ausschließlich dem Novus Ordo verpflichtet gewesen waren.
Für Jorge Mario Bergoglio gab es eine Hierarchie der „Indietristen“, die ihn in unterschiedlichem Ausmaß provozierten und die aus seiner Sicht mit unterschiedlicher Dringlichkeit und Intensität bekämpft werden mußten. Die Piusbruderschaft, die natürlich auch zu den Indiestristen gehört, nahm in dieser bergoglianischen Negativhierarchie die unterste Stufe ein. Da er keinen direkten Zugriff auf sie hatte, machte er sich erst gar keine Mühe, aktiv gegen sie vorzugehen. Vielmehr genoß die Piusbruderschaft seltsamerweise seine Sympathie – allerdings auf einer anderen Ebene: ähnlich wie andere religiöse Realitäten außerhalb der kirchlichen Strukturen, denen er grundsätzlich aus ökumenischer Sicht wohlwollend gegenüberstand. Er begegnete der Piusbruderschaft wie einer orthodoxen, altorientalischen, oder protestantischen Gemeinschaft oder einer sogenannten Freikirche.
In seinem Resümee ist Caminante Wanderer mit Blick auf die Begegnung zwischen Kardinal Fernández und Pater Pagliarani uneingeschränkt zuzustimmen:
„Natürlich ist das Beste, was wir tun können, da wir die Angelegenheit von außen betrachten, zu beten – viel zu beten für dieses Treffen.“
Text: Giuseppe Nardi
Bild: cbcew.org.uk (Screenshot)
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