Das Konklave von 2025: Stimmenwanderungen, Blockaden und strategische Allianzen

Leo XIV. war der Konsenskandidat im Konklave


Kardinal Robert Prevost im Moment seiner Eidesleistung beim Eintritt in das Konklave
Kardinal Robert Prevost im Moment seiner Eidesleistung beim Eintritt in das Konklave

Die Rekon­struk­ti­on eines Kon­kla­ves gehört zu den schwie­rig­sten Auf­ga­ben vati­ka­ni­scher Bericht­erstat­tung. Sie erfor­dert Zeit, Geduld und den Abgleich zahl­rei­cher Aus­sa­gen, die zumeist unter dem Schutz strik­ter Anony­mi­tät erfol­gen. Hin­zu kommt das durch die Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on Uni­ver­si Domi­ni­ci Gre­gis nor­mier­te abso­lu­te Schwei­ge­ge­bot, des­sen Ver­let­zung mit der auto­ma­ti­schen Exkom­mu­ni­ka­ti­on (latae sen­ten­tiae) geahn­det wird. Umso vor­sich­ti­ger sind alle nach­träg­li­chen Deu­tun­gen der Wahl von Kar­di­nal Robert Pre­vost zum Papst zu lesen, der den Namen Leo XIV. annahm.

Den­noch sind seit Mona­ten Indis­kre­tio­nen und Teil­re­kon­struk­tio­nen im Umlauf, ins­be­son­de­re zur Fra­ge der Stim­men­ver­tei­lung in den vier Wahl­gän­gen sowie zur Rol­le von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin, der selbst als Anwär­ter auf den Papst­thron galt. Eine weit ver­brei­te­te The­se, wonach des­sen Stim­men­pa­ket zwi­schen dem zwei­ten und drit­ten Wahl­gang geschlos­sen auf den US-Ame­ri­ka­ner Kar­di­nal Pre­vost über­ge­gan­gen sei, läßt sich nach über­ein­stim­men­den Recher­chen inzwi­schen als unzu­tref­fend zurückweisen.

Das Kon­kla­ve begann am 7. Mai, knapp zwei Wochen nach dem Tod von Papst Fran­zis­kus, und dau­er­te mit nur zwei Tagen und vier Wahl­gän­gen rela­tiv kurz. 133 wahl­be­rech­tig­te Kar­di­nä­le nah­men dar­an teil. Für die Wahl eines neu­en Pap­stes muß­te ein Kan­di­dat min­de­stens zwei Drit­tel aller Stim­men auf sich ver­ei­nen. Im Vor­feld hat­ten Medi­en vor allem acht Pur­pur­trä­ger als Papa­bi­li genannt, dar­un­ter Paro­lin, Erdö, Hol­le­rich, Zup­pi, Tag­le. Der US-Ame­ri­ka­ner Robert Pre­vost, ehe­ma­li­ger Gene­ral­obe­rer des Augu­sti­ner­or­dens, ehe­ma­li­ger Mis­si­ons­bi­schof in Peru und nun­meh­ri­ger Prä­fekt des römi­schen Bischofs­dik­aste­ri­ums, wur­de auch genannt, gehör­te aber nicht zum Kreis, auf den sich die Schein­wer­fer richteten.

Nach Anga­ben meh­re­rer von­ein­an­der unab­hän­gi­ger Quel­len ver­füg­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin zu Beginn des Kon­kla­ves über einen erheb­li­chen, jedoch kei­nes­wegs homo­ge­nen Stim­men­stock. Die Schät­zun­gen für den ersten Wahl­gang am Abend des 7. Mai 2025 rei­chen von über zwan­zig bis hin zu knapp vier­zig Stim­men. Als gesi­chert gilt ledig­lich, daß kein ande­rer Kan­di­dat zu die­sem Zeit­punkt auf eine ver­gleich­ba­re Brei­te an poten­ti­el­len Unter­stüt­zern zäh­len konn­te. Der Kar­di­nal­staats­se­kre­tär soll aus dem ersten Wahl­gang als stärk­ster Kan­di­dat her­vor­ge­gan­gen sein. Zugleich war Paro­lins Lager aber von Anfang an durch inne­re Vor­be­hal­te geprägt.

Als ein­zig wirk­lich kom­pakt auf­tre­ten­de Grup­pe hät­ten sich dem­ge­gen­über die soge­nann­ten kon­ser­va­ti­ven Kar­di­nä­le erwie­sen, die im ersten Wahl­gang nahe­zu geschlos­sen für ihren Kan­di­da­ten, den unga­ri­schen Erz­bi­schof Péter Erdő, stimm­ten. Auf­grund der berg­o­glia­ni­schen Kar­di­nals­er­nen­nun­gen waren sich die Kon­ser­va­ti­ven bewußt, nur durch Geschlos­sen­heit Gewicht gel­tend machen zu kön­nen. Mehr als 80 Pro­zent der Papst­wäh­ler waren von Papst Fran­zis­kus ernannt wor­den. Die Kon­ser­va­ti­ven, vom argen­ti­ni­schen Papst zur Min­der­heit abge­schrumpft, waren sich im kla­ren, kei­nen eige­nen Kan­di­da­ten durch­brin­gen zu kön­nen. Nicht ein­mal eine Sperr­mi­no­ri­tät, knapp mehr als ein Drit­tel, das die Wahl eines uner­wünsch­ten Kan­di­da­ten blockie­ren könn­te, ging sich zah­len­mä­ßig aus.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai kam es – so berich­te­te nun Fran­ces­co Capoz­za in der römi­schen Tages­zei­tung Il Tem­po unter Beru­fung auf ver­schie­de­ne Quel­len – zu inten­si­ven infor­mel­len Gesprä­chen im vati­ka­ni­schen Gäste­haus San­ta Mar­ta. Ziel war es, die stra­te­gi­schen Optio­nen für den als ent­schei­dend ange­se­he­nen Fol­ge­tag aus­zu­lo­ten. In die­sem Zusam­men­hang soll es auch zu einer Ver­stän­di­gung zwi­schen Tei­len des kon­ser­va­ti­ven Lagers und Unter­stüt­zern Pre­vosts gekom­men sein. Nach über­ein­stim­men­den Hin­wei­sen, die jüngst Lui­gi Casa­li­ni vom tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Blog Mes­sa in Lati­no nann­te, basier­te die­se Annä­he­rung auf einer sich bereits vor dem Kon­kla­ve abzeich­nen­den Über­ein­kunft: Ein erheb­li­cher Teil der zuvor für den unga­ri­schen Kar­di­nal Peter Erdő bestimm­ten Stim­men sei auf den US-Ame­ri­ka­ner Pre­vost über­ge­gan­gen, ver­bun­den mit „ver­nünf­ti­gen Garan­tien“ für eine Nor­ma­li­sie­rung in Fra­gen von Leh­re und Lit­ur­gie. Die­se Abspra­chen sol­len in meh­re­ren Tref­fen und Abend­essen kon­kre­ti­siert wor­den sein, teil­wei­se unter per­sön­li­cher Betei­li­gung Pre­vosts sowie ein­fluß­rei­cher US-ame­ri­ka­ni­scher Kardinäle.

Par­al­lel soll es auch Abspra­chen mit den Paro­lin-Unter­stüt­zern gege­ben haben. Die dabei erziel­te Ver­ein­ba­rung habe vor­ge­se­hen, daß der US-Ame­ri­ka­ner den Papst­thron erhält, aber Paro­lin wei­ter­hin Kar­di­nal­staats­se­kre­tär blei­be. Wie immer las­sen sich kei­ne gesi­cher­ten Anga­ben machen. Hart­näckig hal­ten sich jedoch Anga­ben, wonach min­de­stens 25 der pur­pur­nen Paro­lin-Unter­stüt­zer auch im vier­ten und letz­ten Wahl­gang nicht für Pre­vost stimm­ten. Kar­di­nal Paro­lin habe, trotz der gefun­de­nen Über­ein­kunft, noch immer zwi­schen zehn und fünf­zehn Stim­men erhal­ten. Man­che sehen dar­in den Aus­druck einer grund­sätz­li­chen Ableh­nung eines Pap­stes aus den USA, die eini­ge Pur­pur­trä­ger ange­trie­ben habe.

Auf Pre­vost kon­zen­trier­ten sich die Sym­pa­thien zuneh­mend auf­grund sei­nes Lebens­laufs (US-Ame­ri­ka­ner, Ordens­mann, Mis­si­ons­bi­schof, Dik­aste­ri­en­lei­ter) und vor allem sei­ner Mit­te-Posi­tio­nen. Er wur­de zum Kon­sens­kan­di­da­ten, um die nöti­ge Mehr­heit zu erreichen.

Unter­schied­lich sind die Anga­ben zur Stim­men­an­zahl, mit der Kar­di­nal Pre­vost zum Papst gewählt wur­de. Sie schwan­ken zwi­schen 105 und 109 Stim­men, lie­gen damit aber nahe beieinander.

Die Rekon­struk­tio­nen zei­gen, daß offen­bar drei Kan­di­da­ten bereits orga­ni­siert in das Kon­kla­ve gin­gen: Kar­di­nal Paro­lin, Kar­di­nal Erdö und Kar­di­nal Pre­vost. Was dann geschah, ist eine Ansamm­lung von Gesprä­chen, Ver­hand­lun­gen, tak­ti­schen Blocka­de­ver­su­chen, kom­ple­xen Stim­men­wan­de­run­gen und schließ­lich prag­ma­ti­schen Kompromissen.

Wie schon bei frü­he­ren Pon­ti­fi­ka­ten zeigt sich die Trag­fä­hig­keit der erziel­ten Mehr­hei­ten erst im Ver­lauf der Zeit. Bleibt die­se aus, kann es dazu kom­men, daß ein­zel­ne Grup­pen ihre Unter­stüt­zung ent­zie­hen oder sogar in eine indi­rek­te Distan­zie­rung bis hin zum ver­deck­ten Boy­kott des Pon­ti­fi­kats über­ge­hen – eine Erfah­rung, wie sie Bene­dikt XVI. machen mußte.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

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