Ein geeigneter Vermittler? Rom und die Piusbruderschaft

Warum die Wahl Fernández’ im Dialog mit der Piusbruderschaft Fragen aufwirft


Leo XIV. mit Kardinal Victor Manuel Fernández, Präfekt des römischen Glaubensdikasteriums und Autor des ablehnenden Schreibens an die Priesterbruderschaft St. Pius X.
Leo XIV. mit Kardinal Victor Manuel Fernández, Präfekt des römischen Glaubensdikasteriums und Autor des ablehnenden Schreibens an die Priesterbruderschaft St. Pius X.

Die Ent­schei­dung des Vati­kans, den Prä­fek­ten des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re, Kar­di­nal Víc­tor Manu­el Fernán­dez, als zen­tra­len Gesprächs­part­ner der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) ein­zu­set­zen, ist mehr als eine Per­so­na­lie. Sie ist ein Signal – und eines, das irri­tiert. Denn aus­ge­rech­net jener Kuri­en­kar­di­nal, der wie kaum ein ande­rer als theo­lo­gi­scher Prot­ago­nist des berg­o­glia­ni­schen Kur­ses gilt und mit umstrit­te­nen Doku­men­ten pola­ri­siert hat, soll nun Ver­trau­en bei einer Gemein­schaft auf­bau­en, die sich gera­de an die­sem Kurs stößt.

Der kon­kre­te Anlaß ist bekannt: Nach der Ankün­di­gung der FSSPX, am 1. Juli neue Bischö­fe ohne päpst­li­ches Man­dat wei­hen zu wol­len, bestä­tig­te der Vati­kan ein Tref­fen zwi­schen Kar­di­nal Fernán­dez und dem Gene­ral­obe­ren der Bru­der­schaft, Pater Davi­de Pagli­a­ra­ni. Aus­lö­ser der Eska­la­ti­on war eine römi­sche Ant­wort auf ein Gesuch der Bru­der­schaft, die die­se als in kei­ner Wei­se ihren Anlie­gen ent­spre­chend bewer­te­te. Fernán­dez selbst stell­te klar, daß es sich dabei um ein Schrei­ben sei­nes Dik­aste­ri­ums han­del­te, das schlicht eine Absa­ge an neue Bischofs­wei­hen „zum jet­zi­gen Zeit­punkt“ enthielt. 

Die Pius­bru­der­schaft ant­wor­te­te mit einer Pro­vo­ka­ti­on und kün­dig­te eigen­mäch­ti­ge Bischofs­wei­hen an. Rom scheint mit einer Gegen­pro­vo­ka­ti­on zu ant­wor­ten, indem Leo XIV. aus­ge­rech­net Glau­bens­prä­fekt Fernán­dez – für vie­le Gläu­bi­ge ein „rotes Tuch“ aus berg­o­glia­ni­scher Zeit, die man über­wun­den hoff­te – zum Gesprächs­füh­rer mit der Bru­der­schaft zu den ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen ernannte.

Damit ist der Prä­fekt in den kom­men­den Gesprä­chen nicht nur Mode­ra­tor und indi­rekt, son­dern direkt Par­tei: Er ist Autor oder zumin­dest ver­ant­wort­li­cher Absen­der jenes Schrei­bens, das in Écô­ne als Affront wahr­ge­nom­men wur­de. Daß nun der­sel­be Kar­di­nal als per­sön­li­cher Gesprächs­part­ner auf­tre­ten soll, wirft die Fra­ge nach der Klug­heit die­ser Kon­stel­la­ti­on auf. Im über­tra­ge­nen Sinn drängt sich der Ein­druck auf, als habe man jeman­den mit der Pfle­ge eines Gar­tens betraut, des­sen bis­he­ri­ge Hand­schrift gera­de dort als pro­ble­ma­tisch gilt.

Histo­risch betrach­tet wirkt die­se Ent­schei­dung umso erstaun­li­cher. Vor­ber­go­glia­ni­sche Pha­sen des Dia­logs mit der FSSPX waren zuletzt in per­so­nel­ler Hin­sicht geprägt von kir­chen­po­li­ti­schem Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und detail­lier­ter Sach­kennt­nis. Namen wie Joseph Ratz­in­ger, Darío Cas­tril­lón Hoyos oder Camil­le Perl ste­hen für eine Stra­te­gie, die theo­lo­gi­sche Klar­heit mit insti­tu­tio­nel­ler Geduld ver­band. Daß mit Erz­bi­schof Gui­do Poz­zo, dem ehe­ma­li­gen Sekre­tär der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on Eccle­sia Dei, wei­ter­hin ein Ver­tre­ter die­ser „alten Schu­le“ im Hin­ter­grund kon­sul­tiert wird, ist ein beru­hi­gen­des Detail – zugleich aber ein stil­les Ein­ge­ständ­nis, daß Erfah­rung und Pro­fil heu­te nicht mehr selbst­ver­ständ­lich zusammenfallen.

Bemer­kens­wert ist zudem, daß frü­he­re Gesprä­che offen­bar bewußt brei­ter auf­ge­stellt waren: Neben meh­re­ren Ver­tre­tern der FSSPX waren auch ande­re vati­ka­ni­sche Akteu­re ein­ge­bun­den. Das nun ange­kün­dig­te Tref­fen hin­ge­gen ist laut aktu­el­lem Stand auf Fernán­dez und Pagli­a­ra­ni beschränkt. Der Vati­kan spricht von einem „infor­mel­len und per­sön­li­chen Dia­log“, der hel­fen sol­le, „wirk­sa­me Instru­men­te“ für posi­ti­ve Ergeb­nis­se zu iden­ti­fi­zie­ren. Doch gera­de die­se Per­so­na­li­sie­rung birgt Risi­ken. Wo Ver­trau­en ohne­hin fra­gil ist, kann eine der­art zuge­spitz­te Begeg­nung leicht als Macht­de­mon­stra­ti­on oder als Fort­set­zung der bis­he­ri­gen Linie mit ande­ren Mit­teln gele­sen werden.

Papst Leo XIV. hät­te ver­trau­ens­bil­den­de Alter­na­ti­ven gehabt. Die Gesprä­che wur­den zwar immer von der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on über­wacht, wur­den aber nicht vom Prä­fek­ten selbst geführt. Leo XIV. hät­te wie damals eine eige­ne Dele­ga­ti­on ernen­nen kön­nen, zusam­men­ge­setzt aus theo­lo­gisch pro­fi­lier­ten, aber weni­ger expo­nier­ten Per­sön­lich­kei­ten, die nicht unmit­tel­bar mit den strit­tig­sten Akzen­ten der ver­gan­ge­nen Jah­re iden­ti­fi­ziert wer­den. Ein sol­cher Schritt hät­te Distanz geschaf­fen – nicht zur Leh­re der Kir­che, wohl aber zu inter­nen Front­stel­lun­gen. Daß er statt­des­sen Fernán­dez in den Vor­der­grund stellt, ist eine bewuß­te Ent­schei­dung, die ent­we­der als Fehl­ein­schät­zung oder als tat­säch­li­che päpst­li­che Über­ein­stim­mung mit Fernán­dez‘ ableh­nen­dem Schrei­ben gele­sen wer­den kann.

Ob die­ses Vor­ge­hen geeig­net ist, die ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen zu ver­hin­dern oder zumin­dest eine wei­te­re Eska­la­ti­on zu ver­mei­den, bleibt offen. Sicher ist hin­ge­gen: Die Wahl des Gesprächs­part­ners ist selbst Teil des Kon­flikts gewor­den. An der Eig­nung ent­zün­det sich im Fall Fernán­dez die Skep­sis – nicht nur bei der Pius­bru­der­schaft, son­dern weit dar­über hinaus.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati​can​.va (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*