Die allgegenwärtigen Schismen im Christentum

Johannes schrieb schon: Jene, die die Kirche zerreissen und den Glauben verfälschen, kommen aus dem Inneren der Kirche


Papst Franziskus 2017 mit Martin-Luther-Statue in der großen Audienzhalle des Vatikans
Papst Franziskus 2017 mit Martin-Luther-Statue in der großen Audienzhalle des Vatikans

Von Msgr. Dr. Mari­an Eleganti*

Wla­di­mir Solo­wjew schreibt: «Die „Latei­ner“, wie Sie die eine, hei­li­ge, katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che nen­nen, haben den Glau­ben nie ver­las­sen. Kei­ne noch so aus­führ­li­che Argu­men­ta­ti­on kann die Tat­sa­che wider­le­gen, dass es ausser Rom nur natio­na­le Kir­chen wie die arme­ni­sche oder die grie­chi­sche Kir­che, Staats­kir­chen wie die rus­si­sche oder die angli­ka­ni­sche Kir­che oder aber von Ein­zel­per­so­nen gegrün­de­te Sek­ten wie die Luthe­ra­ner, Cal­vi­ni­sten, Irvin­g­ia­ner usw. gibt. Die römisch-katho­li­sche Kir­che ist die ein­zi­ge Kir­che, die weder eine natio­na­le Kir­che noch eine Staats­kir­che noch eine von einem Men­schen gegrün­de­te Sek­te ist; sie ist die ein­zi­ge Kir­che auf der Welt, die das Prin­zip der uni­ver­sel­len sozia­len Ein­heit gegen indi­vi­du­el­len Ego­is­mus und natio­na­len Par­ti­ku­la­ris­mus auf­recht­erhält und ver­tei­digt; sie ist die ein­zi­ge Kir­che, die die Frei­heit der geist­li­chen Macht gegen den Abso­lu­tis­mus des Staa­tes auf­recht­erhält und ver­tei­digt; mit einem Wort, sie ist die ein­zi­ge Kir­che, gegen die die Pfor­ten der Höl­le nicht obsiegt haben.»1

Dem ist zuzu­stim­men. In der Tat sind die mei­sten ortho­do­xen Kir­chen de fac­to Natio­nal­kir­chen und vie­le von ihnen histo­risch oder aktu­ell auch Staats­kir­chen, min­de­stens mit dem Staat sehr stark ver­bun­den. Ent­spre­chend nen­nen sie sich z. B. rus­sisch, ser­bisch, grie­chisch ortho­do­xe Kir­chen. Es gibt Aus­nah­men klei­ne­rer Patri­ar­cha­te, wo dies nicht der Fall ist. Es han­delt sich hier um ein histo­ri­sches Phä­no­men, das sich nicht aus dem theo­lo­gi­schen Selbst­ver­ständ­nis der Ortho­do­xie ergibt (letz­te­res ist universal).

Hin­ge­gen ist die römisch-katho­li­sche Kir­che eine Uni­ver­sal­kir­che ohne natio­na­le oder staat­li­che Anbin­dung. Sie ist prak­tisch über­all auf der Welt prä­sent. Das Attri­but römisch bezieht sich auf den aktu­el­len Sitz des Pap­stes in Rom und auf das Mar­ty­ri­um der hl. Apo­stel Petrus und Pau­lus in Rom. Bei­de Apo­stel sind von grund­le­gen­der Bedeu­tung für die Kir­che. Dass sie bei­de in Rom ihr Mar­ty­ri­um erlit­ten haben, ist kein uner­heb­li­ches histo­ri­sches Detail am Ran­de, son­dern doku­men­tiert in gewis­ser Wei­se den Vor­rang des Bischofs von Rom und sei­ner Nach­fol­ger, der Päp­ste, wel­che sich als Nach­fol­ger des Hl. Petrus ver­ste­hen, der in Rom gestor­ben ist. Auf Petrus hat Chri­stus die Kir­che gegrün­det und ihr die Ver­hei­ssung gege­ben, von den Pfor­ten der Unter­welt nicht über­wun­den zu wer­den. Dar­auf weist Solo­wjew neid­los hin. Dar­aus ergibt sich die Ein­heit der katho­li­schen Kir­che: aus der Über­ein­stim­mung und kano­ni­schen (nicht ideel­len) Ein­heit mit Petrus bzw. dem Papst. Auch das sieht Solo­wjew richtig.

Man könn­te ver­ein­fa­chend sagen, dass die ortho­do­xen Kir­chen im Glau­ben und in der Lit­ur­gie über­ein­stim­men, aber fak­tisch erheb­li­che Pro­ble­me haben, die Ein­heit unter­ein­an­der (kano­nisch) zu leben. Die Patri­ar­cha­te kon­kur­ren­zie­ren sich. Es gibt kein Ein­heits­amt (Papst­tum), höch­stens einen Ehren­pri­mat, um den gestrit­ten wird, wie man sieht. Er wird nicht mehr von allen aner­kannt. Ein pan­or­tho­do­xes Kon­zil kam in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit auch aus die­sem Grund nicht mehr zustan­de. Neue schmerz­li­che Schis­men haben sich gebil­det wie jenes zwi­schen Mos­kau und Kon­stan­ti­no­pel (Kyrill und Bar­tho­lo­mä­us), die sich auch in ande­ren Län­dern aus­wir­ken wie bei­spiels­wei­se in der Ukrai­ne, aber nicht nur dort. Es gibt kei­ne juris­dik­tio­nel­le, kano­ni­sche Ein­heit wie in der röm.-kath. Kir­che. Das heisst, die Ein­heit ist nicht sicht­bar ver­fasst, son­dern ideel­ler Natur und lei­der prak­tisch nicht verwirklicht.

Das gilt nur unter die­sem (kano­ni­schen) Aspekt nicht für die röm.-katholische Kir­che unter dem Papst. Denn auch in ihr nimmt man schis­ma­ti­sche Wirk­lich­kei­ten ähn­lich wie in der Ortho­do­xie nicht mehr wirk­lich ernst. Das heisst: Man lebt mit ihnen, arran­giert sich oder klit­tert sie wie neu­lich eine päpst­li­che Pre­digt, die das Ver­hält­nis zur angli­ka­ni­schen Kir­che ange­spro­chen hat. Im gro­ssen Gan­zen aber wird ein schmut­zi­ges Schis­ma gedul­det, das durch die gan­ze katho­li­sche Kir­che geht zwi­schen den sog. «moder­ni­sti­schen», «zeit­geistan­ge­pass­ten», «rela­ti­vi­sti­schen» und «plu­ra­li­sti­schen», «links­ori­en­tier­ten» «Reform­ka­tho­li­ken» und den «kon­ser­va­ti­ven», als «recht­ori­en­tiert» beschrie­be­nen, «tra­di­tio­nel­len» und «recht­gläu­bi­gen» Katho­li­ken. Bei­de Flü­gel ver­ste­hen sich als glau­bens­treu und katho­lisch. Das ist das Para­do­xon schlecht­hin. Mit den oben auf­ge­zähl­ten gän­gi­gen Attri­bu­ten neh­me ich nur eine vul­gä­re, weit­ver­brei­te­te Typi­sie­rung in den Köp­fen und Schreib­stu­ben der Katho­li­ken auf, ohne sie gut­zu­hei­ssen. Denn man soll­te nur von Katho­li­ken reden. Aller­dings muss dann klar defi­niert sein, wer als sol­cher gel­ten darf, und wer es nicht (mehr) ist. Kurz: Man ist ent­we­der katho­lisch oder man ist es nicht. Nicht aber ist man – pla­ka­tiv und umgangs­sprach­lich weit ver­brei­tet – ein Rechts- oder Links­ka­tho­lik. Man ist ortho­dox oder häre­tisch und ent­spre­chend katho­lisch oder eben nicht (mehr). Das muss letzt­lich vom Papst in aller Deut­lich­keit für die Uni­ver­sal­kir­che aus­ge­macht und ent­schie­den wer­den. In jedem Fall bil­det «katho­lisch» auch ein Aus­schluss­kri­te­ri­um, was heu­te nicht mehr ver­stan­den und prak­ti­ziert wird. Man will inklu­siv sein. Lei­der bekom­men dadurch auch die Häre­ti­ker Hei­mat in der Kir­che. Sie dür­fen in ihrem Auf­trag leh­ren und seel­sorg­lich tätig sein, selbst wenn sie den Glau­ben der Kir­che kri­ti­sie­ren und nicht danach leben. Sie ver­kün­den ein ande­res Evan­ge­li­um als jenes von den Apo­steln über­nom­me­nes und von den Päp­sten bewahr­tes (Tra­di­ti­on). Weil der Papst in der Uni­ver­sal­kir­che und die Bischö­fe in ihren Diö­ze­sen Häre­si­en und Häre­ti­ker dul­den, haben wir ein schmut­zi­ges, all­ge­gen­wär­ti­ges inne­res Schis­ma in der katho­li­schen Kirche.

Häre­si­en wer­den heut­zu­ta­ge in der katho­li­schen Kir­che nicht mehr iden­ti­fi­ziert und geahn­det. Häre­ti­ker wer­den nicht mehr als sol­che erkannt, sank­tio­niert und exkom­mu­ni­ziert. Sie kön­nen unge­hin­dert den Leib Chri­sti, die Kir­che, ver­der­ben. Päp­ste las­sen sich mit ihnen abbil­den und machen sie hof­fä­hig, weil sie mit ihnen reden, ohne sich gleich­zei­tig öffent­lich von ihren Ansich­ten und Akti­vi­tä­ten zu distan­zie­ren, sie ent­spre­chend öffent­lich zu ermah­nen und ihre Posi­tio­nen zu ver­ur­tei­len und wenn nötig, sie zu exkom­mu­ni­zie­ren. So brei­ten sich die Krank­hei­ten im mysti­schen Leib Chri­sti, der Kir­che, unge­bremst aus.

Die Hei­lung der Kir­che könn­te nur gesche­hen, wenn Häre­si­en ganz klar vom Papst als sol­che iden­ti­fi­ziert und ihre Ver­tre­ter und Pro­mo­to­ren (Akti­vi­sten) wie­der exkom­mu­ni­ziert wür­den, wenn sie nicht ein­len­ken wol­len. Dann könn­te man auch in der röm.-katholischen Kir­che von wirk­li­cher Ein­heit (ein Glau­be, eine Tau­fe, ein Leib) reden. Wie schon Johan­nes geschrie­ben hat, kom­men jene, die die Kir­che zer­rei­ssen und den Glau­ben ver­fäl­schen, aus dem Inne­ren der Kir­che. Dass sie, wie Johan­nes schreibt, nicht zu uns gehö­ren, soll­ten der Papst und die Bischö­fe in aller Deut­lich­keit sicht­bar machen und öffent­lich erklären.

*Msgr. Mari­an Ele­gan­ti OSB, pro­mo­vier­ter Theo­lo­ge, war von 1999 bis 2009 Abt der Bene­dik­ti­ner­ab­tei St. Otmars­berg im Kan­ton Sankt Gal­len, dann von 2009 bis 2021 Weih­bi­schof der Diö­ze­se Chur. Bischof Ele­gan­ti betreibt einen eige­nen Blog.
Der vor­lie­gen­de Text wur­de von Msgr. Ele­gan­ti bei der Gustav-Sie­werth-Aka­de­mie und am 4. Dezem­ber 2025 beim Rome Life Forum vorgetragen.

Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shots)


1 Vla­di­mir Solo­viev, “The Rus­si­an Church and the Papa­cy” (Paris 1889) zit. In: https://x.com/burgess7281975/status/1998375957770502268?s=63 . “The ‘Latins,’ as you call the One, Holy, Catho­lic and Apo­sto­lic Church, have never aban­do­ned the Faith. No amount of argu­ment can over­co­me the evi­dence for the fact that apart from Rome the­re are only natio­nal Churches, such as the Arme­ni­an or the Greek Church, Sta­te Churches, such as the Rus­si­an or the Angli­can Church, or sects foun­ded by indi­vi­du­als, such as the Lutherans, the Cal­vi­nists, the Irvin­g­i­tes, and so on. The Roman Catho­lic Church is the only Church which is neither a natio­nal Church, nor a Sta­te Church, nor a sect foun­ded by a man; it is the only Church in the world which main­ta­ins and defends the prin­ci­ple of uni­ver­sal social unity against indi­vi­du­al ego­ism and natio­nal par­ti­cu­la­rism; it is the only Church which main­ta­ins and defends the liber­ty of the spi­ri­tu­al power against the abso­lu­tism of the Sta­te; in a word, it is the only Church against which the gates of hell have not pre­vai­led.” Aus der Über­set­zung von Her­bert Rees, 1948. Franz.: „La Rus­sie et l’Ég­li­se uni­ver­sel­le“ (1989); eng­lisch meist als „Rus­sia and the Uni­ver­sal Church“ bekannt; deutsch: „Die rus­si­sche Kir­che und das Papst­tum“ oder „Russ­land und die uni­ver­sa­le Kirche“.