Jahrtage: Msgr. Fiordelli und die Geburt der Republik

Ein historischer Rückblick mit Bezug zum Heute


Msgr. Pietro Fiordelli, Bischof von Prato, das Konkunbinat, Eugenio Scalfari, La Repubblica und Papst Leo XIV.
Msgr. Pietro Fiordelli, Bischof von Prato, das Konkunbinat, Eugenio Scalfari, La Repubblica und Papst Leo XIV.

Von Rober­to de Mattei*

Zwi­schen den Jubi­lä­en, die sich 2026 jäh­ren, fin­det sich auch der soge­nann­te „Fall der öffent­li­chen Kon­ku­bi­na­te“, der 1956, also vor sieb­zig Jah­ren, aus­brach – aus­ge­löst durch einen Brief von Msgr. Pie­tro Fior­del­li, Bischof von Prato.

Msgr. Pie­tro Fior­del­li wur­de 1916 in Cit­tà di Castel­lo in Umbri­en gebo­ren, vor 110 Jah­ren, und 1938 zum Prie­ster geweiht. Nach dem Besuch des Gro­ßen Römi­schen Semi­nars, wo er Msgr. Pier Car­lo Lan­duc­ci, den Die­ner Got­tes, als geist­li­chen Direk­tor hat­te, pro­mo­vier­te er an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät. Sech­zehn Jah­re wirk­te er in Umbri­en als Pre­di­ger und Beicht­va­ter, bevor er 1954, im Alter von nur 38 Jah­ren, zum Bischof von Pra­to geweiht wur­de. Unter sei­ner Lei­tung erleb­te die Diö­ze­se eine Pha­se inten­si­ver pasto­ra­ler Tätig­keit, mit beson­de­rer Für­sor­ge für den Kle­rus, die Erzie­hung der Jugend und die Prä­senz der Kir­che in der öffent­li­chen Debatte.

Am 12. August 1956 ver­öf­fent­lich­te Msgr. Fior­del­li einen Brief über ein Paar, das in sei­ner Diö­ze­se ledig­lich stan­des­amt­lich gehei­ra­tet hat­te. Er war Kom­mu­nist, sie gab sich als Katho­li­kin aus, besuch­ten aber die Pfar­rei. Nach dem damals gel­ten­den kano­ni­schen Recht wies der Bischof dar­auf hin, daß die­se Situa­ti­on eine objek­ti­ve Unre­gel­mä­ßig­keit im Hin­blick auf die sakra­men­ta­le Dis­zi­plin der Kir­che dar­stel­le. Er for­der­te daher den Pfar­rer auf, das Paar als „öffent­li­che Kon­ku­bi­nats­ge­mein­schaft“ zu betrach­ten und folg­lich den Zugang zu den Sakra­men­ten zu ver­wei­gern – als Mah­nung zur Wahr­heit des Ehe­sa­kra­ments und zur Kohä­renz des christ­li­chen Lebens. Dar­über hin­aus rich­te­te er sei­nen Hin­weis auch an die Eltern des Paa­res, da sie ihrer erzie­he­ri­schen Pflicht nicht nach­ge­kom­men sei­en, indem sie die Hei­rat ihrer Kin­der außer­halb der Kir­che zulie­ßen. Schließ­lich ver­füg­te er, daß sein Brief von allen Kan­zeln der Diö­ze­se ver­le­sen werde.

Der Bischof hat­te ledig­lich das mora­li­sche und kano­ni­sche Recht der Kir­che ange­wen­det – in einer Zeit, in der Ita­li­en noch ein zutiefst katho­li­sches Land war und das öffent­li­che Zusam­men­le­ben als gesell­schaft­li­cher Skan­dal galt. Die Ange­le­gen­heit erlang­te jedoch schnell poli­ti­sche und natio­na­le Dimen­sio­nen. Das Ehe­paar reich­te eine Kla­ge wegen Ver­leum­dung gegen den Bischof ein, und der Fall gelang­te bis ins Par­la­ment, wobei er zum Sym­bol des Kon­flikts zwi­schen der katho­li­schen Gesell­schafts­auf­fas­sung und den säku­la­ri­sti­schen und sozia­li­sti­schen Kräf­ten der Zeit wur­de. 1958 wur­de Msgr. Fior­del­li zunächst zu einer sym­bo­li­schen Geld­stra­fe von 40.000 Lire ver­ur­teilt [was heu­te in etwa einem Wert von 3.000 Euro ent­spricht]. Spä­ter sprach ihn das Beru­fungs­ge­richt von Flo­renz frei und erkann­te die Legi­ti­mi­tät sei­nes pasto­ra­len Han­delns im Rah­men der Befug­nis­se der kirch­li­chen Auto­ri­tät an.

Papst Pius XII. stell­te sich offen hin­ter den Bischof und bezeich­ne­te das Urteil als gefähr­li­chen Prä­ze­denz­fall für die Frei­heit der Kir­che. Er ermahn­te die ita­lie­ni­sche Regie­rung und beton­te, daß es die Grund­la­gen der Reli­gi­ons­frei­heit unter­gra­be, wenn ein Zivil­rich­ter über Ange­le­gen­hei­ten urtei­le, die nach dem Kon­kor­dat in die Zustän­dig­keit eines Bischofs fal­len. Der Hei­li­ge Stuhl unter­stütz­te Msgr. Fior­del­li durch öffent­li­che Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen via Apo­sto­li­sche Nun­tia­tu­ren und setz­te den tra­di­tio­nel­len Neu­jahrs­emp­fang für das Diplo­ma­ti­sche Corps aus.

Der Fall Fior­del­li offen­bar­te die fort­schrei­ten­de Säku­la­ri­sie­rung, die gegen Ende des Pon­ti­fi­kats von Pius XII. auch auf natio­na­ler Ebe­ne spür­bar wur­de. Im Mai 1958 ver­öf­fent­lich­te der Osser­va­to­re Roma­no eine Rei­he von Arti­keln, die vor den Gefah­ren für Fami­lie, katho­li­sche Schu­len und das christ­li­che Leben im Land warn­ten, die „ent­christ­li­chen­de Offen­si­ve“ sowie eine expli­zit anti­ka­tho­li­sche und anti­re­li­giö­se Kam­pa­gne anpran­ger­ten. Die­ser Pro­zeß der Ent­christ­li­chung war nicht spon­tan, son­dern von einer akti­ven anti­ka­tho­li­schen Min­der­heit gesteu­ert. Einer der Prot­ago­ni­sten der lai­zi­sti­schen Kam­pa­gne war der Jour­na­list Euge­nio Scal­fa­ri, Grün­der 1955 der Wochen­zei­tung L’Espresso und 1976 der Tages­zei­tung La Repubbli­ca. Scal­fa­ri schreibt in sei­nen Memoi­ren, daß der Begriff „Mei­nungs­struk­tu­ren“ am besten erklä­re, „was die­se Grup­pe war – zugleich jour­na­li­stisch, poli­tisch, kul­tu­rell und ver­le­ge­risch“. „Wir – fügt er hin­zu – schaff­ten es, die ‚libe­ra­le‘ öffent­li­che Mei­nung des Lan­des um uns zu scha­ren“ (L’Espresso 1955–1980, Edi­to­ria­le L’Espresso, Rom 1981, S. 14).

Der Fall des Bischofs von Pra­to war eine Art Gene­ral­pro­be. Danach folg­ten Kam­pa­gnen für Schei­dung, Dro­gen­frei­ga­be und ab 1976 für Abtrei­bung. L’Espresso und La Repubbli­ca stan­den an vor­der­ster Front die­ser Mei­nungs­struk­tu­ren. Der Höhe­punkt der mobi­li­sier­ten radi­kal­so­zia­li­sti­schen Bewe­gung zeig­te sich auf dem Titel­bild von L’Espresso vom 19. Janu­ar 1975, das eine schwan­ge­re, nack­te Frau am Kreuz zeigte.

Am 15. Janu­ar 2026 sand­te Leo XIV. eine Bot­schaft an den Chef­re­dak­teur von La Repubbli­ca, Mario Orfeo, zum Geden­ken an das wich­ti­ge Jubi­lä­um der Grün­dung der Zei­tung am 14. Janu­ar 1976 durch Euge­nio Scal­fa­ri. Dar­in heißt es:

„Ihre Zei­tung ist in vie­len Städ­ten ver­wur­zelt, doch bie­tet ihr Stand­ort in Rom, der Diö­ze­se des Pap­stes, einen pri­vi­le­gier­ten Blick auf die Gescheh­nis­se in Ita­li­en und der Welt, ihre Haupt­re­dak­ti­on. Mit Frei­heit haben Sie die Sei­ten die­ser fünf­zig Jah­re gele­sen und die Geschich­te der Kir­che erzählt. Dies ist der Sinn der Pres­se­frei­heit, die trotz unter­schied­li­cher Mei­nun­gen, Stand­punk­te und Kul­tu­ren stets trans­pa­rent und kor­rekt agie­ren und jene Mög­lich­keit des Aus­tau­sches bie­ten muß, die, wenn sie nicht feind­lich ist, zum Gemein­wohl und zur Ein­heit der Mensch­heit bei­trägt. So über­win­det der Dia­log den Kon­flikt und schafft Frie­den. Ich wün­sche Ihnen, stets eine freie und dia­log­be­rei­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zu pfle­gen, gelei­tet von der Suche nach Wahr­heit und frei von Vor­ur­tei­len. Herz­li­chen Glück­wunsch zum fünf­zig­jäh­ri­gen Jubiläum.“

Die unglück­li­che Idee die­ser Bot­schaft dürf­te ver­mut­lich nicht von Leo XIV. selbst stam­men, der wahr­schein­lich über die ita­lie­ni­sche Geschich­te wenig Kennt­nis hat, son­dern von einem Mit­ar­bei­ter des vor­he­ri­gen Pon­ti­fi­kats, der ihn damit in Ver­le­gen­heit brin­gen woll­te. Für uns sind die fünf­zig Jah­re der Zei­tung La Repubbli­ca fünf­zig Jah­re syste­ma­ti­scher Zer­stö­rung der christ­li­chen Wur­zeln unse­res Landes.

Die­sem Pro­zeß wider­setz­ten sich Hir­ten wie Msgr. Pie­tro Fior­del­li, der die Diö­ze­se Pra­to bis zum 7. Dezem­ber 1991 lei­te­te. Er ver­starb am 23. Dezem­ber 2004, und sei­ne Bei­set­zung fand am 26. Dezem­ber, dem Tag des Stadt­pa­trons, in der Kathe­dra­le von San­to Ste­fa­no statt – ein Zeug­nis für die tie­fe Ver­bun­den­heit des Bischofs mit dem Volk, das er fast vier Jahr­zehn­te geführt hatte.

Wer wird sich an Msgr. Fior­del­li anläß­lich sei­nes 110. Geburts­tags und sieb­zig Jah­re nach dem berühm­ten Fall, in den er ver­wickelt war, erin­nern? Wir hof­fen, daß wir nicht die Ein­zi­gen sein werden.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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