Jesus Christus, der große Abwesende im katholischen Religionsunterricht

Wird eine Kirche, die aufhört, von Christus zu sprechen, überhaupt noch gehört?


Katholischer Religionsunterricht ohne Jesus Christus? Anbiederung bis zur Selbstauflösung?
Katholischer Religionsunterricht ohne Jesus Christus? Anbiederung bis zur Selbstauflösung?

Von Inve­sti­ga­to­re Biblico*

Die jüngst ver­öf­fent­lich­te Pasto­ra­le Note „Der Unter­richt der katho­li­schen Reli­gi­on: Labo­ra­to­ri­um von Kul­tur und Dia­log“ der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz habe ich auf­merk­sam gele­sen – und, wie ich sagen möch­te, mit auf­rich­ti­ger inne­rer Betei­li­gung. Ich habe ihren wei­ten Hori­zont, ihre dia­lo­gi­sche Grund­hal­tung, ihre päd­ago­gi­sche Sor­ge und den erkenn­ba­ren Wil­len geschätzt, den katho­li­schen Reli­gi­ons­un­ter­richt in die tief­grei­fen­den Wand­lungs­pro­zes­se unse­rer Zeit ein­zu­ord­nen. Spür­bar ist das Bemü­hen, die rea­le Schu­le anzu­spre­chen: eine Schu­le, die vom kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Plu­ra­lis­mus geprägt ist, von einer weit ver­brei­te­ten Säku­la­ri­sie­rung und von jener anthro­po­lo­gi­schen Unsi­cher­heit, die die jun­gen Gene­ra­tio­nen durch­zieht. All dies ver­dient Aner­ken­nung und Respekt.

Und doch – gera­de weil es sich um ein ernst­haf­tes, sorg­fäl­tig durch­dach­tes und auto­ri­ta­ti­ves Doku­ment han­delt – kann ich eine Fra­ge nicht ver­schwei­gen, die mich wäh­rend der gesam­ten Lek­tü­re beglei­tet hat und sich am Ende zu einer theo­lo­gi­schen und pasto­ra­len Unru­he ver­dich­tet hat: Wo ist Jesus Christus?

Der Text spricht sach­kun­dig von reli­giö­ser Kul­tur, vom histo­ri­schen Erbe des Chri­sten­tums, vom inter­re­li­giö­sen Dia­log, von einer posi­ti­ven Lai­zi­tät, von Sinn­fra­gen, von der Wür­de der Per­son, von erzie­he­ri­scher Ver­ant­wor­tung und sogar vom Risi­ko eines reli­giö­sen Analpha­be­tis­mus. Doch nur sel­ten – und fast immer indi­rekt – spricht er von Jesus als leben­di­gem Ereig­nis, als Per­son, die den Men­schen anspricht, als Ver­kün­di­gung, die gehört, ange­nom­men oder auch zurück­ge­wie­sen wer­den will. Sei­ne Gestalt erscheint im Hin­ter­grund, evo­ziert als kul­tu­rel­ler Bezugs­punkt oder als Mit­te der Hei­li­gen Schrift, tritt jedoch nie mit jener Eigen­kraft her­vor, die dem Evan­ge­li­um selbst inne­wohnt, das nicht zuerst eine Welt­an­schau­ung ist, son­dern eine Bot­schaft: „Und das Wort ist Fleisch gewor­den und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).

Mit­un­ter gewinnt man den Ein­druck, das Doku­ment habe sich mit gro­ßer Vor­sicht dafür ent­schie­den, eine Zone der Sicher­heit zu bewoh­nen: jene der Kul­tur, der Ver­mitt­lung, des insti­tu­tio­nel­len Gleich­ge­wichts. Das ist ver­ständ­lich in einem schu­li­schen Kon­text, der von Gewis­sens­frei­heit und der Plu­ra­li­tät von Zuge­hö­rig­kei­ten geprägt ist. Und den­noch hat die christ­li­che Tra­di­ti­on Erzie­hung nie­mals als gegen­über der Ver­kün­di­gung neu­tral ver­stan­den. Auch wenn sie – zu Recht – zwi­schen Kate­che­se und schu­li­schem Reli­gi­ons­un­ter­richt unter­schei­det, hat die Kir­che Kul­tur und Zeug­nis nie voll­stän­dig von­ein­an­der getrennt, eben­so wenig Wis­sen und das Evan­ge­li­um, das die­ses Wis­sen durch­dringt und zugleich kri­tisch befragt.

Das Doku­ment betont mit Nach­druck – und aus guten Grün­den –, daß der katho­li­sche Reli­gi­ons­un­ter­richt kei­ne Kate­che­se und kein Glau­bens­be­kennt­nis ist. Die Gefahr besteht jedoch dar­in, daß die­se Unter­schei­dung zu einer Ent­lee­rung wird. Mit gro­ßer Klar­heit wird gesagt, was der Reli­gi­ons­un­ter­richt nicht ist, doch es fällt schwer, mit der­sel­ben Klar­heit zu benen­nen, in wel­chem Sinn er den­noch mit der Sen­dung der Kir­che ver­bun­den bleibt. Die­se Sen­dung wie­der­um ist als Begriff und als expli­zi­ter Hori­zont nahe­zu abwe­send. Dabei exi­stiert die Kir­che – wie Paul VI. in Erin­ne­rung geru­fen hat – ein­zig und allein, um zu evan­ge­li­sie­ren, und jede ihrer Prä­senz­for­men in der Welt, auch die dis­kre­te­ste und dia­lo­gisch­ste, muß sich die­ser Her­kunft stellen.

In die­sem Zusam­men­hang ist es bemer­kens­wert, daß ein Text, der so reich an lehr­amt­li­chen Zita­ten und theo­lo­gi­schen Ver­wei­sen ist, kaum den Mut fin­det, aus­zu­spre­chen, daß das Chri­sten­tum aus einer Begeg­nung her­vor­geht und nicht aus einem Kul­tur­er­be; aus einem Ruf und nicht aus einer blo­ßen Tra­di­ti­on; aus einer Sen­dung und nicht allein aus der Erin­ne­rung. „Was wir gese­hen und gehört haben, das ver­kün­den wir auch euch“ (1 Joh 1,3): Die­se apo­sto­li­sche Grund­lo­gik scheint an den Rand gedrängt. Die Spra­che des Dia­logs – so not­wen­dig sie ist – läuft Gefahr, sich selbst zu genü­gen und nicht mehr zu einer Ein­la­dung zu füh­ren, son­dern bei blo­ßer Gegen­sei­tig­keit stehenzubleiben.

Der Rela­ti­vis­mus, vor des­sen Gefah­ren das Doku­ment auf kul­tu­rel­ler und erzie­he­ri­scher Ebe­ne zu Recht warnt, wird auf chri­sto­lo­gi­scher Ebe­ne nie wirk­lich zu Ende gedacht. Man beklagt den Rela­ti­vis­mus als Ver­lust von Ori­en­tie­rung, als anthro­po­lo­gi­sche Des­ori­en­tie­rung, als Ver­ein­fa­chung der Wirk­lich­keit; doch man stellt sich nicht die Fra­ge, ob ein Reli­gi­ons­un­ter­richt, der nur wenig von Chri­stus spricht, nicht para­do­xer­wei­se gera­de jenen prak­ti­schen Rela­ti­vis­mus nährt, den man eigent­lich über­win­den möch­te. Wenn alles Dia­log ist, aber nichts mehr Ver­kün­di­gung; wenn alles Offen­heit ist, aber ein erkenn­ba­res Zen­trum fehlt; wenn Jesus als Stu­di­en­ob­jekt prä­sent ist, nicht aber als Wort, das ruft, – dann läuft der Glau­be Gefahr, als eine kul­tu­rel­le Vari­an­te unter vie­len wahr­ge­nom­men zu werden.

Es geht dabei selbst­ver­ständ­lich nicht dar­um, den Reli­gi­ons­un­ter­richt in eine Pre­digt oder eine ver­klei­de­te Kate­che­se zu ver­wan­deln. Viel­mehr stellt sich die Fra­ge, ob eine christ­li­che Kul­tur denk­bar ist, die nicht wenig­stens durch­schei­nend die Ein­zig­ar­tig­keit Chri­sti erken­nen läßt. „Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben“ (Joh 14,6) ist kei­ne For­mel, die auf­zu­zwin­gen wäre, son­dern eine Dif­fe­renz, die es zu bewoh­nen gilt – auch im schu­li­schen Kon­text, mit Klug­heit und Respekt. Wird die­se Dif­fe­renz jedoch so weit abge­schwächt, daß sie ver­schwin­det, bleibt am Ende eine gebil­de­te Ver­tei­di­gung des Chri­sten­tums zurück, nicht aber ein evan­ge­li­sches Zeugnis.

Viel­leicht liegt hier der emp­find­lich­ste Punkt: die unaus­ge­spro­che­ne, aber spür­ba­re Angst, daß ein zu kla­res Spre­chen von Jesus und von Sen­dung die Lai­zi­tät der Schu­le oder die Frei­heit der Schü­le­rin­nen und Schü­ler gefähr­den könn­te. Doch eine rei­fe Lai­zi­tät fürch­tet die Klar­heit von Iden­ti­tä­ten nicht, und eine ech­te Frei­heit wächst nicht aus Unbe­stimmt­heit, son­dern aus der Aus­ein­an­der­set­zung mit erkenn­ba­ren Ange­bo­ten. Auch Jesus zwingt in den Evan­ge­li­en nie­man­den – aber er ver­birgt sich auch nicht: „Wenn du voll­kom­men sein willst, dann geh, ver­kau­fe, was du hast … dann komm und fol­ge mir nach“ (Mt 19,21). Frei­heit ent­steht aus einem Wort, das her­aus­for­dert, nicht aus dem Schweigen.

Letzt­lich fehlt der Note nicht das Gleich­ge­wicht, son­dern der Wag­nis­geist; nicht die Kom­pe­tenz, son­dern die par­r­he­sia, der Frei­mut der Rede; nicht die Kul­tur, son­dern jene Trans­pa­renz des Evan­ge­li­ums, durch die hin­ter den Wor­ten eine Gegen­wart auf­scheint. Ohne die­se läuft der katho­li­sche Reli­gi­ons­un­ter­richt Gefahr, zu einer vor­neh­men Ver­wal­tung der Ver­gan­gen­heit zu wer­den, statt zu einem Ort, an dem das Evan­ge­li­um auch heu­te noch als fro­he Bot­schaft gehört wer­den kann. Und die Kir­che, wenn sie aus Angst vor Ableh­nung dar­auf ver­zich­tet, von Chri­stus zu spre­chen, endet nicht sel­ten damit, über­haupt nicht mehr gehört zu werden.

*Der Blog­ger Inve­sti­ga­to­re Bibli­co (Bibli­scher Ermitt­ler), laut Eigen­de­fi­ni­ti­on ein „ein­fa­cher Prie­ster“, jedoch mit her­vor­ra­gen­der aka­de­mi­scher Bil­dung, deckt mit wis­sen­schaft­li­cher Metho­dik zwei­fel­haf­te Stel­len oder offen­kun­di­ge Fäl­schun­gen in moder­nen Bibel­über­set­zun­gen auf.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: PUSC (Screen­shot)

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