Von Investigatore Biblico*
Die jüngst veröffentlichte Pastorale Note „Der Unterricht der katholischen Religion: Laboratorium von Kultur und Dialog“ der Italienischen Bischofskonferenz habe ich aufmerksam gelesen – und, wie ich sagen möchte, mit aufrichtiger innerer Beteiligung. Ich habe ihren weiten Horizont, ihre dialogische Grundhaltung, ihre pädagogische Sorge und den erkennbaren Willen geschätzt, den katholischen Religionsunterricht in die tiefgreifenden Wandlungsprozesse unserer Zeit einzuordnen. Spürbar ist das Bemühen, die reale Schule anzusprechen: eine Schule, die vom kulturellen und religiösen Pluralismus geprägt ist, von einer weit verbreiteten Säkularisierung und von jener anthropologischen Unsicherheit, die die jungen Generationen durchzieht. All dies verdient Anerkennung und Respekt.
Und doch – gerade weil es sich um ein ernsthaftes, sorgfältig durchdachtes und autoritatives Dokument handelt – kann ich eine Frage nicht verschweigen, die mich während der gesamten Lektüre begleitet hat und sich am Ende zu einer theologischen und pastoralen Unruhe verdichtet hat: Wo ist Jesus Christus?
Der Text spricht sachkundig von religiöser Kultur, vom historischen Erbe des Christentums, vom interreligiösen Dialog, von einer positiven Laizität, von Sinnfragen, von der Würde der Person, von erzieherischer Verantwortung und sogar vom Risiko eines religiösen Analphabetismus. Doch nur selten – und fast immer indirekt – spricht er von Jesus als lebendigem Ereignis, als Person, die den Menschen anspricht, als Verkündigung, die gehört, angenommen oder auch zurückgewiesen werden will. Seine Gestalt erscheint im Hintergrund, evoziert als kultureller Bezugspunkt oder als Mitte der Heiligen Schrift, tritt jedoch nie mit jener Eigenkraft hervor, die dem Evangelium selbst innewohnt, das nicht zuerst eine Weltanschauung ist, sondern eine Botschaft: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14).
Mitunter gewinnt man den Eindruck, das Dokument habe sich mit großer Vorsicht dafür entschieden, eine Zone der Sicherheit zu bewohnen: jene der Kultur, der Vermittlung, des institutionellen Gleichgewichts. Das ist verständlich in einem schulischen Kontext, der von Gewissensfreiheit und der Pluralität von Zugehörigkeiten geprägt ist. Und dennoch hat die christliche Tradition Erziehung niemals als gegenüber der Verkündigung neutral verstanden. Auch wenn sie – zu Recht – zwischen Katechese und schulischem Religionsunterricht unterscheidet, hat die Kirche Kultur und Zeugnis nie vollständig voneinander getrennt, ebenso wenig Wissen und das Evangelium, das dieses Wissen durchdringt und zugleich kritisch befragt.
Das Dokument betont mit Nachdruck – und aus guten Gründen –, daß der katholische Religionsunterricht keine Katechese und kein Glaubensbekenntnis ist. Die Gefahr besteht jedoch darin, daß diese Unterscheidung zu einer Entleerung wird. Mit großer Klarheit wird gesagt, was der Religionsunterricht nicht ist, doch es fällt schwer, mit derselben Klarheit zu benennen, in welchem Sinn er dennoch mit der Sendung der Kirche verbunden bleibt. Diese Sendung wiederum ist als Begriff und als expliziter Horizont nahezu abwesend. Dabei existiert die Kirche – wie Paul VI. in Erinnerung gerufen hat – einzig und allein, um zu evangelisieren, und jede ihrer Präsenzformen in der Welt, auch die diskreteste und dialogischste, muß sich dieser Herkunft stellen.
In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß ein Text, der so reich an lehramtlichen Zitaten und theologischen Verweisen ist, kaum den Mut findet, auszusprechen, daß das Christentum aus einer Begegnung hervorgeht und nicht aus einem Kulturerbe; aus einem Ruf und nicht aus einer bloßen Tradition; aus einer Sendung und nicht allein aus der Erinnerung. „Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch“ (1 Joh 1,3): Diese apostolische Grundlogik scheint an den Rand gedrängt. Die Sprache des Dialogs – so notwendig sie ist – läuft Gefahr, sich selbst zu genügen und nicht mehr zu einer Einladung zu führen, sondern bei bloßer Gegenseitigkeit stehenzubleiben.
Der Relativismus, vor dessen Gefahren das Dokument auf kultureller und erzieherischer Ebene zu Recht warnt, wird auf christologischer Ebene nie wirklich zu Ende gedacht. Man beklagt den Relativismus als Verlust von Orientierung, als anthropologische Desorientierung, als Vereinfachung der Wirklichkeit; doch man stellt sich nicht die Frage, ob ein Religionsunterricht, der nur wenig von Christus spricht, nicht paradoxerweise gerade jenen praktischen Relativismus nährt, den man eigentlich überwinden möchte. Wenn alles Dialog ist, aber nichts mehr Verkündigung; wenn alles Offenheit ist, aber ein erkennbares Zentrum fehlt; wenn Jesus als Studienobjekt präsent ist, nicht aber als Wort, das ruft, – dann läuft der Glaube Gefahr, als eine kulturelle Variante unter vielen wahrgenommen zu werden.
Es geht dabei selbstverständlich nicht darum, den Religionsunterricht in eine Predigt oder eine verkleidete Katechese zu verwandeln. Vielmehr stellt sich die Frage, ob eine christliche Kultur denkbar ist, die nicht wenigstens durchscheinend die Einzigartigkeit Christi erkennen läßt. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) ist keine Formel, die aufzuzwingen wäre, sondern eine Differenz, die es zu bewohnen gilt – auch im schulischen Kontext, mit Klugheit und Respekt. Wird diese Differenz jedoch so weit abgeschwächt, daß sie verschwindet, bleibt am Ende eine gebildete Verteidigung des Christentums zurück, nicht aber ein evangelisches Zeugnis.
Vielleicht liegt hier der empfindlichste Punkt: die unausgesprochene, aber spürbare Angst, daß ein zu klares Sprechen von Jesus und von Sendung die Laizität der Schule oder die Freiheit der Schülerinnen und Schüler gefährden könnte. Doch eine reife Laizität fürchtet die Klarheit von Identitäten nicht, und eine echte Freiheit wächst nicht aus Unbestimmtheit, sondern aus der Auseinandersetzung mit erkennbaren Angeboten. Auch Jesus zwingt in den Evangelien niemanden – aber er verbirgt sich auch nicht: „Wenn du vollkommen sein willst, dann geh, verkaufe, was du hast … dann komm und folge mir nach“ (Mt 19,21). Freiheit entsteht aus einem Wort, das herausfordert, nicht aus dem Schweigen.
Letztlich fehlt der Note nicht das Gleichgewicht, sondern der Wagnisgeist; nicht die Kompetenz, sondern die parrhesia, der Freimut der Rede; nicht die Kultur, sondern jene Transparenz des Evangeliums, durch die hinter den Worten eine Gegenwart aufscheint. Ohne diese läuft der katholische Religionsunterricht Gefahr, zu einer vornehmen Verwaltung der Vergangenheit zu werden, statt zu einem Ort, an dem das Evangelium auch heute noch als frohe Botschaft gehört werden kann. Und die Kirche, wenn sie aus Angst vor Ablehnung darauf verzichtet, von Christus zu sprechen, endet nicht selten damit, überhaupt nicht mehr gehört zu werden.
*Der Blogger Investigatore Biblico (Biblischer Ermittler), laut Eigendefinition ein „einfacher Priester“, jedoch mit hervorragender akademischer Bildung, deckt mit wissenschaftlicher Methodik zweifelhafte Stellen oder offenkundige Fälschungen in modernen Bibelübersetzungen auf.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: PUSC (Screenshot)
Hinterlasse jetzt einen Kommentar