Der heilige Franz Xaver und die Strafe für die Insel Tolo

Gottes unendliche Barmherzigkeit und Gerechtigkeit bilden eine Einheit


Der heilige Franz Xaver wurde zum Apostel Indiens, womit damals Südasien und der Malaiische Archipel gemeint war
Der heilige Franz Xaver wurde zum Apostel Indiens, womit damals Südasien und der Malaiische Archipel gemeint war

Von Rober­to de Mattei*

Unter den vie­len wun­der­sa­men Bege­ben­hei­ten im Leben des hei­li­gen Franz Xaver gibt es eine, die uns an die Lie­be der Hei­li­gen zur gött­li­chen Gerech­tig­keit erin­nert: die Stra­fe, die er vom Him­mel über die Insel Tolo her­bei­rief, die vom Glau­ben abge­fal­len war.

Franz Xaver, 1506 in eine ade­li­ge Fami­lie im Schloß Xavier im König­reich Navar­ra gebo­ren, stu­dier­te in Paris, wo die Begeg­nung mit Igna­ti­us von Loyo­la sein Leben ver­än­der­te: Er war ein glän­zen­der Stu­dent, dem eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re bevor­stand, doch wur­de er von den Wor­ten des zukünf­ti­gen Grün­ders der Jesui­ten ergrif­fen: „Wozu dient es, die Welt zu gewin­nen, wenn man die See­le ver­liert?“ Zum Prie­ster geweiht, nahm er an der Grün­dung der Gesell­schaft Jesu teil und wur­de 1540 von Igna­ti­us als Mis­sio­nar in das por­tu­gie­si­sche Indi­en gesandt, als plötz­li­cher Ersatz für einen erkrank­ten Mit­bru­der. Er wur­de zum Apo­stel Indiens.

Nach einer drei­zehn­mo­na­ti­gen Rei­se gelang­te Franz Xaver 1542 nach Goa, wo er ein inten­si­ves Apo­sto­lat begann: Er ver­sam­mel­te die Kin­der mit einer Glocke, lehr­te sie den Kate­chis­mus im Gesang und besuch­te abge­le­ge­ne Dör­fer, wobei er die Grund­la­gen des Glau­bens in die Lan­des­spra­chen über­setz­te. Zwei Jah­re lang durch­streif­te er zu Fuß oder auf klei­nen Boo­ten den Süden Indi­ens und stell­te sich Krie­gen, Hun­ger und Gefah­ren. Er berich­te­te, daß sei­ne Arme schmerz­ten, so vie­le Men­schen hat­te er getauft; allein in einem Monat spen­de­te er 10.000 Fischern der Muk­ku­var die Taufe.

Von 1545 bis 1547 wei­te­te er sei­ne Mis­si­on auf neue Regio­nen Asi­ens aus, bis nach Japan. Er ertrug erschöp­fen­de Rei­sen, über­quer­te stür­mi­sche Mee­re und ver­schnei­te Ber­ge. Als er 1551 nach Indi­en zurück­keh­ren muß­te, hin­ter­ließ er in Japan über 2.000 Chri­sten. Sein Blick rich­te­te sich dann nach Chi­na, wo er jedoch auf Hin­der­nis­se und sogar Ver­leum­dun­gen von feind­lich gesinn­ten Por­tu­gie­sen stieß. Den­noch gelang es ihm, 1552 die Insel Shang­chu­an zu errei­chen, in der Hoff­nung, heim­lich nach Kan­ton zu gelan­gen. Auf die­ser ver­las­se­nen Insel ertrug er Hun­ger, Käl­te und Krank­heit, setz­te aber sein Gebet fort und sag­te, daß er den Him­mel nun mehr wün­sche als die Mis­si­on. An Lun­gen­ent­zün­dung erkrankt, starb er am 3. Dezem­ber 1552 und wie­der­hol­te: „Jesus, Sohn Davids, erbar­me dich mei­ner.“ Er wur­de zunächst in Kalk bestat­tet, den­noch fand man zwei Jah­re spä­ter sei­nen Kör­per unver­sehrt und über­führ­te ihn nach Goa, wo er in der Kir­che des Guten Jesus ver­ehrt wird. 1622 hei­lig­ge­spro­chen, gilt Franz Xaver als einer der größ­ten Mis­sio­na­re der Geschich­te; es wird geschätzt, daß er etwa 40.000 Men­schen getauft hat.

Wäh­rend sei­ner Mis­sio­nen erfolg­te die por­tu­gie­si­sche Erobe­rung der Moro-Inseln, die zum grö­ße­ren Gebiet der Moluk­ken gehör­ten, heu­te Indo­ne­si­en. Franz, obwohl rund 3.200 Kilo­me­ter von die­sen Inseln ent­fernt, war einer der Akteu­re der por­tu­gie­si­schen mili­tä­ri­schen Unter­neh­mung, betei­lig­te sich per­sön­lich, wie Zeug­nis­se bele­gen und auch die Hei­lig­spre­chungs­bul­le bestätigt.

Die Moro-Inseln unter­stan­den mus­li­mi­schen Herr­schern. Allein in der Stadt São João do Tolo, auf einer die­ser Inseln, bekehr­te Franz Tau­sen­de von Bewoh­nern und sand­te spä­ter Pater Juan Bei­ra, sei­nen Mit­bru­der, um das Werk der Evan­ge­li­sie­rung zu voll­enden. Zwei mus­li­mi­sche Für­sten ver­ein­ten sich jedoch, um die Stadt zurück­zu­er­obern, bela­ger­ten sie und for­der­ten die Bewoh­ner auf, dem christ­li­chen Glau­ben abzu­schwö­ren. Die Insel­be­woh­ner folg­ten der Abtrün­nig­keit ihrer Obrig­keit, ver­jag­ten Pater Bei­ra und zer­stör­ten die von Franz Xaver errich­te­ten Kir­chen und Kreu­ze. Bald dar­auf wur­de die Insel von schwe­rer Hun­gers­not und anschlie­ßend von einer Epi­de­mie heim­ge­sucht, doch dies reich­te nicht aus, um die Her­zen der Bevöl­ke­rung zu bewe­gen, die im Glau­bens­ab­fall verharrte.

Als Franz Xaver von den Ereig­nis­sen erfuhr, wand­te er sich an Ber­nar­di­no de Sou­za, den por­tu­gie­si­schen Gou­ver­neur der Stadt Ter­na­te, und for­der­te ihn auf, die Gewalt­ta­ten in Tolo gegen die weni­gen Chri­sten, die noch dem Glau­ben treu blie­ben, zu ver­gel­ten. Der Gou­ver­neur konn­te, um sei­ne Festung nicht zu ent­blö­ßen, nur zwan­zig por­tu­gie­si­sche Sol­da­ten ent­sen­den, denen sich 400 Bau­ern anschlos­sen – eine Zahl, die nicht aus­reich­te, um den Fel­sen zu erklim­men, auf dem die Stadt lag, umge­ben von befe­stig­ten Gräben.

Die Por­tu­gie­sen, die am Fuß des Fel­sens ange­kom­men waren, for­der­ten die Rebel­len zur Kapi­tu­la­ti­on auf, erhiel­ten jedoch nur Wor­te der Ver­ach­tung und des Spot­tes. In die­sem Moment ent­brann­te Franz Xaver, der bei ihnen war, in hei­li­gem Zorn, und rief die Stra­fe Got­tes über Tolo her­bei. Kurz dar­auf ver­dun­kel­te sich die Son­ne, die Stadt wur­de von Fin­ster­nis umhüllt, und ein furcht­erre­gen­der Kra­ter, neun Mei­len ent­fernt, begann Rauch- und Feu­er­wol­ken aus­zu­sto­ßen, wäh­rend die Insel von Erd­be­ben und Über­schwem­mun­gen erschüt­tert wur­de. Vie­le Bewoh­ner wur­den von Erde und Was­ser ver­schlun­gen oder von der Lava des aus­bre­chen­den Vul­kans ver­brannt. Drei Tage und drei Näch­te wüte­ten die Ele­men­te. Nach die­sen Erschüt­te­run­gen konn­te die por­tu­gie­si­sche Armee Tolo betre­ten, und die Über­le­ben­den kehr­ten zum Gesetz Chri­sti zurück, das sie ver­las­sen hat­ten. Franz Xaver sand­te erneut Pater Bei­ra auf die Insel, der in einer Woche 15.000 Men­schen in die Kir­che aufnahm.

Die Stra­fe von Tolo wird von alten und moder­nen Bio­gra­fen über­lie­fert, etwa von Pater Giu­sep­pe Mass­ei (Vita di S. Fran­ces­co Save­r­io apo­sto­lo del­le Indie, Rom 1682) und Georg Schur­ham­mer (Der hei­li­ge Franz Xaver: der Apo­stel von Indi­en und Japan. Her­der, Frei­burg 1925), eben­so wie von einem der ersten Bild­zy­klen, die vom Leben des Hei­li­gen inspi­riert wur­den, um 1619 von André Rein­oso für die Sakri­stei der Kir­che São Roque in Lis­sa­bon geschaffen.

Eines der zwan­zig Gemäl­de von Rein­oso trägt den Titel „Stra­fe der Stadt Tolo“. Auf dem Bild ist die Insel zu sehen, wie sie sich bekehrt und von Franz Xaver unter­rich­tet wird. In einer ande­ren Sze­ne dringt eine por­tu­gie­si­sche Armee in die Stadt ein, nach­dem der Kom­man­dant einen Traum gehabt hat­te. Franz Xaver steht im Vor­der­grund, die Arme aus­ge­brei­tet, und ruft den Bei­stand des Herrn an, wäh­rend unten die Rebel­len vor der gött­li­chen Stra­fe erschrocken fliehen.

Die­ses wun­der­sa­me Ereig­nis im Leben des hei­li­gen Franz Xaver, des­sen wir an jedem 3. Dezem­ber geden­ken, erin­nert uns dar­an, daß die unend­li­che Barm­her­zig­keit Got­tes mit sei­ner unend­li­chen Gerech­tig­keit ver­ein­bar ist, und daß jeder, der den Herrn im Geist der Wahr­heit anbe­ten will, kei­nes die­ser bei­den Attri­bu­te ver­nach­läs­si­gen darf, die in voll­kom­me­ner Ein­heit und gött­li­cher Ein­fach­heit zusammenfließen.

Sakri­stei der Rochus­kir­che in Lis­sa­bon mit Bil­der­zy­klus über das Leben des hei­li­gen Franz Xaver

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana