Die Gründung eines Blogs der „Freunde von Sì sì no no“ ist Anstoß, einen Blick auf die italienische Zeitschrift Sì sì no no (Ja ja, nein nein) zu werfen, die zu den beständigsten publizistischen Organen der katholischen Tradition im 20. und 21. Jahrhundert gehört. Seit ihrer Gründung in der Mitte der 1950er Jahre ist sie ein kontinuierliches Forum für eine theologisch klar neuscholastisch geprägte Perspektive geblieben, die sich bewußt an der vorkonziliaren Lehrtradition orientiert und die Entwicklungen der nachkonziliaren Kirche kritisch begleitet. Ihre Geschichte ist eng mit den innerkirchlichen Spannungen verbunden, die bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil sichtbar wurden und sich danach deutlich verschärften. Die Zeitschrift wird auch innerhalb traditionsfreundlicher Kreise nicht einhellig gesehen. Gerade die Art ihrer Kritik wird unterschiedlich bewertet: Was die einen als „zu radikal“ empfinden, gilt anderen als „Ausdruck konsequenter Prinzipientreue„konsequent“.
Entstehung im Kontext der 1950er Jahre
Die Zeitschrift, die in gedruckter Form zweiwöchentlich erschien, wurde, was manche erstaunen dürfte, bereits 1955 in Italien gegründet, also noch während des Pontifikats von Pius XII., in einer Phase, in der die katholische Theologie noch stark von der neuscholastischen Systematik geprägt war. Diese Zeit war jedoch bereits von tiefgreifenden intellektuellen Spannungen gekennzeichnet. Einerseits bestand die offizielle Theologie weiterhin auf der klaren Begriffs- und Lehrstruktur der Scholastik, andererseits gewann insbesondere in Frankreich und in der Bundesrepublik Deutschland eine neue theologische Bewegung an Einfluß, die später als Nouvelle Théologie bezeichnet wurde.
Diese Strömung versuchte, Dogmatik stärker historisch zu denken, die Bibelwissenschaft neu zu akzentuieren und die Theologie pastoral zu öffnen. Für konservative Theologen stellte dies jedoch eine problematische Entwicklung dar, da sie darin eine Aufweichung klar definierter Lehrentscheidungen und eine Rückkehr zu bereits früher kritisierten und überwunden geglaubten modernistischen Tendenzen sahen. Genau in diesem Spannungsfeld entstand Sì sì no no als publizistische Antwort auf diese Entwicklungen.
Es gab keinen Auslöser, der sich als Anstoß zur Gründung der Zeitschrift identifizieren ließe. Sì sì no no, gegründet von Don Francesco Maria Putti (1909–1984), war vielmehr das Ergebnis einer kumulativen Wahrnehmung einer sich zuspitzenden theologischen Entwicklung in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Don Putti war ein Spätberufener, den der heilige Kapuziner Pater Pio von Pietrelcina zum Priestertum führte.
Die Zeitschrift verstand sich nicht als oppositionelles Organ außerhalb der Kirche, sondern als innerkirchliche Stimme, die die Kontinuität der klassischen katholischen Lehre betonen wollte. Ihr Titel, entnommen dem Matthäusevangelium („Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“), bringt diesen Anspruch auf begriffliche und dogmatische Klarheit programmatisch zum Ausdruck.
Geistige Grundausrichtung und theologischer Ansatz
In ihrer Grundausrichtung ist die Zeitschrift eindeutig der neuscholastischen Tradition verpflichtet, insbesondere dem Denken des heiligen Thomas von Aquin. Diese scholastische Methode, die durch klare Definitionen, logische Argumentation und systematische Darstellung der Glaubenslehre gekennzeichnet ist, bildet den intellektuellen Hintergrund der meisten Beiträge.
Charakteristisch für Sì sì no no ist die Überzeugung, die für Katholiken selbstverständlich sein sollte, daß dogmatische Aussagen der Kirche eine feste und verbindliche Bedeutung besitzen, die nicht durch historische oder hermeneutische Relativierungen abgeschwächt werden dürfe. Entsprechend kritisch wird jede theologische Entwicklung betrachtet, die als Aufweichung dieser Klarheit verstanden wird.
Bereits in den frühen Jahrgängen zeigt sich eine wiederkehrende thematische Struktur: die Verteidigung der klassischen Dogmatik, die Abgrenzung gegenüber modernen philosophischen Strömungen und die kritische Auseinandersetzung mit neuen bibelwissenschaftlichen Methoden, insbesondere der historisch-kritischen Exegese.
Die frühen Jahre: Autorenkreis und Publikationsform
Die Gründungsphase der Zeitschrift war durch einen relativ kleinen, aber akademisch gebildeten Autorenkreis geprägt. Dieser bestand überwiegend aus Klerikern und Theologen, die in der scholastischen Tradition Roms geformt worden waren und teilweise an römischen oder italienischen Lehrinstitutionen wirkten.
Von Anfang an wurden viele Beiträge anonym oder unter Initialen veröffentlicht. Bereits im Untertitel des Zeitschriftenkopfes wurde ein Satz aus Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ zitiert: „Wolle nicht wissen, wer es gesagt hat, sondern achte darauf, was gesagt wird.“ Dies hatte zunächst weniger den Charakter von Geheimhaltung, sondern war Ausdruck eines Verständnisses, das die Zeitschrift als gemeinsames theologisches Projekt einer Schule und nicht als Plattform einzelner Persönlichkeiten verstand. Es sollte bewußt nicht um Personbezogenheit oder Personalisierungen gehen sollte, sondern allein um Sachfragen und deren objektive theologische Klärung. Die Geheimhaltung wurde von manchen Autoren aber sich auch aus anderen Gründen geschätzt.
Die Themen dieser ersten Jahre konzentrierten sich stark auf die Verteidigung der klassischen Thomistischen Philosophie, auf Kritik an neuen Bibelinterpretationen und auf die Abwehr dessen, was als „Modernismus“ im weiteren Sinne verstanden wurde.
Die Phase des Zweiten Vatikanischen Konzils
Mit dem Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1962 veränderte sich der kirchliche Kontext grundlegend, und damit auch die Rolle von Sì sì no no. Während das Konzil selbst eine breite theologische und pastorale Neuerung einleitete, betrachtete die Zeitschrift viele dieser Entwicklungen mit wachsender Skepsis.
Die Zeitschrift richtete sich nicht grundsätzlich gegen das Konzil, sondern gegen das, was sie als bedenkliche theologische Tendenzen innerhalb der katholischen Wissenschaft wahrnahm. Sie stand dem Konzil also nicht sofort ablehnend gegenüber. Mit zunehmener Wachsamkeit und wachsender Sorge beobachtete sie jedoch die Arbeiten der Vorbereitungskommissionen.
In dieser Phase wurde Sì sì no no zu einem kontinuierlichen Kommentator der Konzilsprozesse. Die Beiträge konzentrierten sich insbesondere auf die Analyse der vorbereitenden Konzilsdokumente sowie später auf die Interpretation der verabschiedeten Konstitutionen. Die Autoren interpretierten viele Themen, die zuvor als Einzelentwicklungen erschienen, nun als Teil eines größeren kirchlichen Umbruchsprozesses.
Die Autoren warnten vor unklaren Formulierungen und vor einer möglichen Abkehr von klar definierten dogmatischen Aussagen zugunsten pastoraler Offenheit. Besonders kritisch wurden jene Texte betrachtet, die sich mit Religionsfreiheit, Ökumene und dem Selbstverständnis der Kirche in der modernen Welt befaßten.
Vor dem Konzil war Sì sì no no als nicht offizielles kirchliches Organ ein fachtheologisches Nischenprodukt. Als solches war es im römischen und italienischen akademisch-klerikalen Milieu durchaus bekannt. Eine breitere kirchliche oder gesellschaftliche Sichtbarkeit hatte sie aber nicht. Sie war keine „führende Stimme der katholischen Welt“, sondern galt als Teil eines intellektuellen Unterstroms.
Mit der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Johannes XXIII. 1959 veränderte sich die Situation grundlegend – allerdings nicht abrupt, sondern schrittweise. Dies brachte auch eine deutliche Bedeutungssteigerung.
Sì sì no no war aber nie Teil der offiziellen Konzilsmechanismen und konnte daher institutionell keinen direkten Einfluß auf Abstimmungen oder Textfassungen ausüben. Dennoch verstand sie sich während des Konzils zunehmend als kritische Gegenstimme im theologischen Diskursraum, die mittelbar auf Deutungen und Rezeption einwirken wollte.
Die versuchte Einflußnahme war aber nur indirekt und mit sehr begrenzter realer Wirkung auf den Konzilsverlauf selbst. Dies lag zunächst daran, daß die Zeitschrift bei den meisten Konzilsvätern und periti außerhalb Italiens kaum bekannt war und daher nur einen äußerst eingeschränkten Resonanzraum besaß. Hinzu kam die insgesamt von Optimismus und Aufbruchsstimmung geprägte Atmosphäre des Konzils selbst, die viele Bischöfe und ihre theologischen Berater erfaßte und eine eigene Dynamik entfaltete, innerhalb der kritische Gegenstimmen wie die von Sì sì no no nur schwer Gehör finden konnten.
Selbst die sich erst relativ spät im Coetus Internationalis Patrum organisierenden konservativen Konzilsväter unterhielten keine direkten oder gar strategischen Verbindungen zur Zeitschrift Sì sì no no. Dies hing weniger mit inhaltlicher Ablehnung einzelner Argumente zusammen, sondern vielmehr mit gewissen Vorbehalten gegenüber der Art der Positionierung und dem publizistischen Vorgehen der Zeitschrift. Diese betrafen insbesondere den stark zuspitzenden Argumentationsstil sowie die externe Kommentierung des laufenden Konzilsgeschehens. Die organisierte konservative Richtung blieb im Verlauf des Konzils insgesamt in einer strukturell defensiven Position, ohne als einheitlich geschlossener Block mit einheitlicher Strategie aufzutreten.
Nachkonziliare Entwicklung und systematische Kritik
Nach dem Abschluß des Konzils entwickelte sich Sì sì no no zu einem dauerhaften Forum der Kritik an der Umsetzung der Konzilsbeschlüsse. Diese Phase erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und prägt das Profil der Zeitschrift bis in die Gegenwart.
Inhaltlich ist dabei eine deutliche Verschiebung von der punktuellen Kommentierung einzelner Entwicklungen hin zu umfassenden, systematisch aufgebauten Analysen zu beobachten. Die Autoren beschränken sich nicht mehr auf die Bewertung konkreter Einzelfragen, sondern unterziehen die theologischen Grundlagen der nachkonziliaren Reformen einer grundlegenden Überprüfung. In diesem Sinne ist zunehmend von einer eigentlichen Systemkritik zu sprechen, die die verschiedenen Reformbereiche in ihrem inneren Zusammenhang erfaßt.
Ein besonderer Schwerpunkt dieser systematischen Kritik liegt auf der Liturgiereform, insbesondere auf der Einführung der neuen Meßordnung im Jahr 1970. Diese wird als tiefgreifender Einschnitt in die liturgische Tradition interpretiert, wobei vor allem die Frage der Kontinuität mit der vorkonziliaren Liturgie in den Mittelpunkt der Argumentation rückt.
Damit verbunden ist ein grundlegender Perspektivwechsel: Das Zweite Vatikanische Konzil erscheint nun nicht mehr ausschließlich als historisches Einzelereignis, sondern zunehmend als dauerhafte theologische Problemstellung, deren Auswirkungen in unterschiedlichen Bereichen der kirchlichen Praxis und Lehre analysiert werden.

Parallel dazu verändert sich auch der sprachliche und argumentative Charakter der Zeitschrift. Es läßt sich eine schrittweise Verdichtung und Verhärtung der Argumentation feststellen, verbunden mit einer stärkeren Zuspitzung der Urteile.
Sì sì no no wird im sich organisierenden traditionsorientierten Milieu eine wichtige Referenzpublikation, deren Beiträge über Jahrzehnte hinweg als kontinuierliche intellektuelle Begleitung der nachkonziliaren kirchlichen Entwicklung wahrgenommen werden.
Autoren und redaktionelle Entwicklung
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich ein stabiler, aber nie streng institutionalisierter Redaktionskreis. Zu den prägenden Figuren gehörten verschiedene italienische Theologen und Intellektuelle, die häufig aus dem Umfeld der klassischen scholastischen Ausbildung stammten.
Die Redaktion blieb über lange Zeit bewußt schlank organisiert, und auch in späteren Jahren wurde kein stark zentralisiertes Herausgebersystem etabliert. Dies trug zur Kontinuität der inhaltlichen Linie bei, da keine grundlegenden strukturellen Umbrüche durch institutionelle Neuausrichtungen erfolgten.
Verschiedene Autoren ließen sich, trotz der Anonymisierung, rekonstruieren, während in der Phase der nachkonziliaren Kritik einige Namen stärker hervortreten: Besonders zu nennen sind Pater Michelangelo Marini OP, dominikanisch geprägter Scholastiker mit stark systematisch-philosophische Beiträgen, Giorgio Greganti, ein Laientheologe mit Schwerpunkt Philosophie, Dogmatik und kirchenrechtliche Fragestellungen, Don Emmanuel du Chalard und andere mehr.
Im Umfeld bewegte sich einige Zeit auch Don Luigi Villa, der im Zuge des Konzils zunehmend zum Kritiker der kirchlichen Entwicklungen wurde. Er gehörte aber nie der Redaktion an, sondern gründete 1969 seine eigene Zeitschrift Chiesa viva („Lebendige Kirche“).
Verhältnis zu traditionsverbundenen Bewegungen
Im Verlauf der Nachkonzilszeit entwickelte sich eine ideelle Nähe zu anderen traditionsverbundenen Strömungen innerhalb der katholischen Kirche, besonders zur Priesterbruderschaft St. Pius X. Es gab aber weder eine formale Kooperation noch eine strategische Einbindung.

Es gab jedoch eine teilweise Übereinstimmung in zentralen Fragen: Kritik an bestimmten Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Verteidigung der vorkonziliaren liturgischen Tradition und Skepsis gegenüber bestimmten ekklesiologischen und ökumenischen Neuformulierungen.
Diese Nähe war also nie organisatorischer Natur. Sì sì no no war zu keinem Zeitpunkt ein offizielles Organ dieser oder anderer kirchlicher Gruppen, sondern eine eigenständige Publikation.
Nicht unerwähnt bleiben soll, daß es in den Vereinigten Staaten über einen gewissen Zeitraum hinweg auch eine englischsprachige Ausgabe von Sì sì no no gab. Genau genommen handelte es sich dabei jedoch nicht um eine eigenständige Zeitschrift, sondern um den Nachdruck ins Englische übersetzter Artikel aus der italienischen Originalausgabe. Herausgegeben wurde diese englische Fassung von Angelus Press, einem Verlag mit enger Verbindung zur Priesterbruderschaft St. Pius X.
Spätere Entwicklung und heutiger Status
In der jüngeren Phase hat sich weniger die inhaltliche Ausrichtung als vielmehr die Publikationsform verändert. Die Zeitschrift erscheint nicht mehr in einer gedruckten Form. Seit 2007 existiert eine Internetseite. Nun wurden parallel zur Einstellung der Druckausgabe zusätzlich ein Internetblog Amici di Sì sì no no („Freunde von Sì sì no no“) ins Leben gerufen.
Trotz dieser Modernisierung bleibt die inhaltliche Linie unverändert. Die Beiträge konzentrieren sich weiterhin auf die Verteidigung der scholastischen Theologie, die kritische Analyse nachkonziliarer Entwicklungen und die Interpretation kirchlicher Lehrdokumente aus einer strikt traditionellen Perspektive.
Der Resonanzbereich der Zeitschrift hat sich im Laufe ihres langen Bestehens naturgemäß und aus verschiedenen Gründen deutlich verschoben. So bleibt die Frage, ob es ihr gelingen wird, ihren Platz in einem sich auch durch Generationenwechsel stark verändernden traditionsfreundlichen Milieu zu behaupten.
Die Bedeutung von Sì sì no no lag von Anfang an weniger in ihrer quantitativen Reichweite als in ihrer Funktion als kontinuierliche intellektuelle Stimme eines bestimmten theologischen Ansatzes. Über Jahrzehnte hinweg dokumentiert sie die Argumentationslinien der katholischen Tradition, die sich bewußt auf die vorkonziliare Lehrtradition stützt.
Das ließ sie zu einem stabilen intellektuellen Forum der theologischen Tradition werden. Ihre Geschichte spiegelt alle Spannungen wider, von denen die katholische Kirche seit der Mitte des 20. Jahrhunderts heimgesucht wurde.
Die Zeitschrift pflegt eine ausgesprochen akzentuiert scharfe Kritik an der nachkonziliaren Entwicklung. Von sedisvakantistischen oder sedisprivationistischen Positionen hielt sie sich jedoch fern. In ihrer Analyse ist die Zeitschrift das, was je nach Sichtweise als „konsequent“, „unerbittlich“ oder „radikal“ qualifiziert wirde: Das Pontifikat von Benedikt XVI. nennt sie „neomodernistisch“, jenes von Franziskus, „hemdsärmelig-peronistisch“ und jenes von Leo XIV. „neokonservativ-amerikanisch“.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: sisinono.org (Screenshot)
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