„Kein besonderer Auftrag des Papstes“ – Leo XIV. und Kardinal Tucho Fernández

Glaubensdikasterium im Umbruch?


Kardinal Victor Manuel "Tucho" Fernández gab der Tageszeitung Il Giornale ein Interview
Kardinal Victor Manuel "Tucho" Fernández gab der Tageszeitung Il Giornale ein Interview

Eine jüngst ver­öf­fent­lich­te Inter­view­pas­sa­ge des Prä­fek­ten des römi­schen Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re, Kar­di­nal Vic­tor Manu­el Fernán­dez, läßt auf­hor­chen – nicht nur wegen ihres Inhalts, son­dern auch wegen der Dis­kre­panz zu frü­he­ren Ver­laut­ba­run­gen aus dem­sel­ben Umfeld. Das Haupt­an­lie­gen des Kar­di­nals besteht dar­in, die Erin­ne­rung an Papst Fran­zis­kus leben­dig zu hal­ten. Es sei „unehr­lich“, zu behaup­ten, Papst Leo XIV. wol­le das Andenken an sei­nen Vor­gän­ger „aus­lö­schen“.

Kein „Sonderauftrag“ mehr unter Papst Leo XIV.

Im Gespräch mit der ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung Il Giorn­a­le stell­te Kar­di­nal Tucho Fernán­dez über­ra­schend klar, daß sein Dik­aste­ri­um unter dem gegen­wär­ti­gen Pon­ti­fi­kat offen­bar noch kei­nen beson­de­ren Auf­trag erhal­ten habe. Wört­lich heißt es:

„Der Hei­li­ge Vater ver­sucht, kei­ne wei­te­ren Ver­pflich­tun­gen hinzuzufügen.“

Die­se Aus­sa­ge kon­tra­stiert deut­lich mit frü­he­ren Anga­ben aus dem Umfeld des Dik­aste­ri­ums. Der Unter­se­kre­tär Arman­do Matteo hat­te nach der Prä­sen­ta­ti­on der lehr­mä­ßi­gen Note Una Caro. Lob der Mono­ga­mie (25. Novem­ber 2025) erklärt, Papst Fran­zis­kus habe dem Dik­aste­ri­um aus­drück­lich einen Arbeits­auf­trag erteilt, ein noch aus­ste­hen­den Doku­ment zur „Wei­ter­ga­be des Glau­bens“ auszuarbeiten.

Nun jedoch bleibt die­ser Auf­trag ohne erkenn­ba­re Per­spek­ti­ve – und wird vom Prä­fek­ten in dem aktu­el­len Inter­view nicht ein­mal erwähnt.

Beson­ders auf­fäl­lig ist, daß Fernán­dez, der eng­ste Ver­trau­te und Pro­te­gé von Fran­zis­kus, auf die Fra­ge nach der „Wei­ter­ga­be des Glau­bens“ – also jenem The­ma, das laut frü­he­ren Aus­sa­gen den Abschluß eines päpst­li­chen Arbeits­auf­trags bil­den soll­te – kei­ner­lei kon­kre­te Aus­kunft gibt. Weder wird ein Stand der Arbei­ten genannt, noch eine zeit­li­che Per­spek­ti­ve eröffnet.

Die Dis­kre­panz zwi­schen frü­he­rer Ankün­di­gung und aktu­el­ler Aus­kunfts­lo­sig­keit ist offen­sicht­lich. Han­delt es sich um eine Ver­schie­bung der Prio­ri­tä­ten? Oder ist das Pro­jekt fak­tisch sus­pen­diert, ohne daß dies trans­pa­rent gemacht wird?

Es gibt laut dem Dik­aste­ri­en­lei­ter kei­ne neu­en Auf­trä­ge, aber auch alte Auf­trä­ge von Leos Vor­gän­ger Fran­zis­kus wer­den offen­bar nicht weitergeführt.

Persönliche Frömmigkeit statt inhaltlicher Bilanz

Im wei­te­ren Ver­lauf des Inter­views domi­nie­ren per­sön­li­che Erin­ne­run­gen an den ver­stor­be­nen Papst Fran­zis­kus. Fernán­dez berich­tet über eine Art Grund­hal­tung des ver­stor­be­nen Kir­chen­ober­haupts, die gelau­tet habe: „Demü­ti­ge dich und ver­traue“. Der von Fran­zis­kus ein­ge­setz­te Glau­bens­prä­fekt beton­te auch des­sen „Beschei­den­heit“, die in der Art ihren Aus­druck gefun­den habe, wie er sich in Bue­nos Aires selbst vor­stell­te: „Soy Berg­o­glio“ („Ich bin Bergoglio“).

Die­se Remi­nis­zen­zen ste­hen in auf­fäl­li­gem Kon­trast zur aus­wei­chen­den Behand­lung gegen­wär­ti­ger Sach­fra­gen im eige­nen Dikasterium.

Kontinuität des umstrittenen Kurses

In bezug auf das aktu­el­le Pon­ti­fi­kat von Papst Leo XIV. betont Fernán­dez eine Linie der Kontinuität:

„Papst Leo hat auf ver­schie­de­ne Wei­se die Not­wen­dig­keit aus­ge­drückt, das Lehr­amt von Fran­zis­kus wei­ter umzusetzen.“

Um den Stim­men ent­ge­gen­zu­tre­ten, daß Leo XIV. das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus „aus­lö­schen“ wol­le, nennt Kar­di­nal Fernán­dez kon­kre­te Maß­nah­men – etwa die Ein­la­dung durch Leo XIV., Evan­ge­lii gau­di­um erneut zu lesen und die Auf­for­de­rung an die Bischofs­kon­fe­ren­zen sich mit Amo­ris lae­ti­tia zu befas­sen –, die den Ein­druck eines pro­gram­ma­ti­schen Fest­hal­tens an der vor­an­ge­gan­ge­nen Amts­füh­rung verstärken.

Hört man Kar­di­nal Fernán­dez, drängt sich fast die Fra­ge auf, ob und inwie­fern über­haupt ein ech­tes eige­nes Pro­fil des neu­en Pon­ti­fi­kats erkenn­bar ist – oder ob es sich ledig­lich um eine admi­ni­stra­tiv mode­rier­te Fort­schrei­bung han­delt. Blo­ßes Wunsch­den­ken des Kardinals?

Theologische Aufgaben ohne klare Priorität

Auf die Fra­ge nach den dring­lich­sten Auf­ga­ben des Dik­aste­ri­ums sag­te Fernández:

„Es gibt so vie­le Anfra­gen der Bischö­fe und ande­rer Dik­aste­ri­en, daß der Hei­li­ge Vater ver­sucht, kei­ne wei­te­ren Ver­pflich­tun­gen hinzuzufügen.“

Das klingt mehr nach einem über­la­ste­ten Ver­wal­tungs­ap­pa­rat ohne erkenn­ba­re Schwer­punkt­set­zung. Eine gewis­se Ver­un­si­che­rung scheint dar­in mitzuschwingen.

Das Glau­bens­dik­aste­ri­um, die ehe­ma­li­ge Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, einst die Hei­li­ge Inqui­si­ti­on, wur­de unter Papst Fran­zis­kus geschwächt. Das hat­te pro­gram­ma­ti­sche Grün­de. Die Ernen­nung sei­nes eng­sten Ver­trau­ten gehör­te dazu. 

Setzt Leo XIV. die­se Schwä­chung fort, um Tucho Fernán­dez an sei­nem Platz zu belas­sen, aber gleich­zei­tig zu neutralisieren?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Giorn­a­le (Screen­shot)

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