Über das Wesen von Gehorsam und Ungehorsam

Keine blinde Anerkennung der päpstlichen Autorität


Über Gehorsam und Ungehorsam verfaßte der Kanonist Don Mario Alexis Portella einen Beitrag im US-amerikanischen Crisis magazine.
Über Gehorsam und Ungehorsam verfaßte der Kanonist Don Mario Alexis Portella einen Beitrag im US-amerikanischen Crisis magazine.

Jede blin­de Aner­ken­nung der Auto­ri­tät eines Pap­stes – als ob er mora­lisch unfehl­bar in sei­nen per­sön­li­chen Aus­sa­gen und Hand­lun­gen wäre – wider­spricht der wah­ren Natur päpst­li­cher Unfehl­bar­keit und des hei­li­gen Gehorsams.

Von Don Mario Alexis Portella*

„Als Kephas [Petrus auf Syrisch] nach Antio­chia gekom­men war, habe ich ihm ins Ange­sicht wider­stan­den, weil er sich ins Unrecht gesetzt hat­te. Bevor näm­lich eini­ge von Jako­bus ein­tra­fen, hat­te er mit den Hei­den zusam­men geges­sen. Nach ihrer Ankunft aber zog er sich zurück und son­der­te sich ab, weil er die aus der Beschnei­dung fürch­te­te. Und mit ihm heu­chel­ten die ande­ren Juden, sodaß auch Bar­na­bas durch ihre Heu­che­lei mit­ge­ris­sen wurde.“

Dies sind die Wor­te des hl. Pau­lus in sei­nem Brief an die Gala­ter (2,11–13) über sei­ne Begeg­nung mit dem hl. Petrus in Antio­chia, der Stadt, in der die Anhän­ger Chri­sti erst­mals „Chri­sten“ genannt wur­den (Apg 11,26). Antio­chia war ein wich­ti­ges Zen­trum des frü­hen Chri­sten­tums, in dem jüdi­sche und nicht­jü­di­sche Chri­sten regel­mä­ßig mit­ein­an­der in Kon­takt stan­den. Petrus, auch Kephas genannt, hat­te mit heid­ni­schen Gläu­bi­gen gemein­sam geges­sen – ein bedeu­ten­des Zei­chen der Gemein­schaft und der Aner­ken­nung. Als jedoch bestimm­te Per­so­nen von Jako­bus, die die jüdisch-christ­li­che Frak­ti­on ver­tra­ten, ein­tra­fen, zog sich Petrus aus Angst vor Kri­tik durch die Beschnei­dungs­grup­pe von den Hei­den zurück.

Pau­lus’ Aus­ein­an­der­set­zung mit Petrus war kei­ne per­sön­li­che Mei­nungs­ver­schie­den­heit, son­dern eine Ver­tei­di­gung der fun­da­men­ta­len Bot­schaft des Evan­ge­li­ums: Ret­tung allein durch den Glau­ben an Jesus Chri­stus, unab­hän­gig von den Wer­ken des Geset­zes. Indem Petrus sich von den Hei­den distan­zier­te, sug­ge­rier­te er, daß die Ein­hal­tung jüdi­scher Bräu­che für die vol­le Zuge­hö­rig­keit zur christ­li­chen Gemein­schaft not­wen­dig sei – ein kla­rer Wider­spruch zur Leh­re der Recht­fer­ti­gung allein durch den Glauben.

Ich bin häu­fig auf die Auf­fas­sung in kon­ser­va­ti­ven katho­li­schen Krei­sen gesto­ßen, daß „es bes­ser sei, mit dem Papst im Irr­tum zu sein, als ohne ihn im Recht“. Es liegt nicht an uns, über den römi­schen Pon­ti­fex zu urtei­len; die­se Auf­ga­be obliegt allein Gott. Wenn jedoch der Nach­fol­ger des hl. Petrus die Befol­gung von etwas ver­langt, das den Leh­ren und Prak­ti­ken unse­rer Kir­che wider­spricht, sol­len wir als gehor­sa­me Katho­li­ken sei­nen Anord­nun­gen fol­gen oder nicht? Beson­ders stellt sich die Fra­ge, ob unser Gehor­sam gegen­über dem Papst oder einem Vor­ge­setz­ten in der Kir­che bedin­gungs­los ist, da Gehor­sam unse­re Ein­heit als Katho­li­ken wahrt.

„Das lehrt weder das Natur­recht noch das Lehr­amt der Kir­che“, beton­te einst Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re. Er füg­te hinzu:

„Gehor­sam setzt eine Auto­ri­tät vor­aus, die einen Befehl gibt oder ein Gesetz erlässt. Mensch­li­che Auto­ri­tä­ten, selbst sol­che, die von Gott ein­ge­setzt wur­den, haben kei­ne ande­re Befug­nis, als das von Gott vor­ge­ge­be­ne Ziel zu errei­chen und nicht davon abzu­wei­chen. Wenn eine Auto­ri­tät ihre Macht im Wider­spruch zu dem Gesetz aus­übt, für das sie gege­ben wur­de, hat sie kein Recht auf Gehor­sam, und man muss ihr widerstehen.“

Um die päpst­li­che Auto­ri­tät zu ver­ste­hen, ist es uner­läß­lich, die auto­ri­ta­ti­ve Essenz des depo­si­tum fidei (Glau­bens­schatz) zu erfas­sen. Jesus Chri­stus, der die gesam­te Offen­ba­rung ver­kör­pert, hat die vol­le Wahr­heit Sei­ner Braut, der Kir­che, anver­traut. Die Fül­le Sei­ner Offen­ba­rung bil­det das ein­ma­li­ge depo­si­tum fidei, unfehl­bar, unver­än­der­lich und kul­tur- sowie zeit­über­grei­fend gül­tig – die Quel­le aller Leh­ren und Defi­ni­tio­nen des Glaubens.

Zur Wah­rung der Glau­bens­ein­heit obliegt es dem Lehr­amt der Kir­che, den Glau­bens­schatz zu inter­pre­tie­ren und auf kon­kre­te Zei­ten und Situa­tio­nen anzu­wen­den. Das Lehr­amt des römi­schen Pon­ti­fex, das Magi­steri­um selbst, ist befugt, bei Bedarf Defi­ni­tio­nen in Glau­bens- oder Moral­fra­gen zu erlas­sen. Die­se Akte sichern die Gewiß­heit, daß die Leh­re Teil des depo­si­tum fidei ist. Dabei gehorcht man nicht dem Papst als Per­son, son­dern dem Glau­bens­satz, den er als für unser Heil not­wen­dig defi­niert. Wie Kanon 331 des Codex des Kano­ni­schen Rechts festhält:

„Der Bischof der römi­schen Kir­che, in dem das von Chri­stus ein­zig Petrus, dem ersten Apo­stel, gege­be­ne Amt fort­be­steht und an sei­ne Nach­fol­ger wei­ter­ge­ge­ben wird, ist das Ober­haupt des Bischofs­kol­le­gi­ums, der Stell­ver­tre­ter Chri­sti und der Hir­te der gesam­ten Kir­che auf Erden. Auf­grund sei­nes Amtes besitzt er höch­ste, vol­le, unmit­tel­ba­re und uni­ver­sel­le ordent­li­che Macht in der Kir­che, die er jeder­zeit frei aus­üben kann.“

Die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem hl. Pau­lus und dem hl. Petrus war eine Fra­ge der Dis­zi­plin. Den­noch bleibt Gehor­sam gegen­über dem Papst gebo­ten. Wie der hl. Tho­mas von Aquin in sei­nem Kom­men­tar zum Gala­ter­brief betont, ist jede Form öffent­li­chen Wider­stands gegen den Papst oder einen Prä­la­ten – ana­log zu Pau­lus’ Han­deln gegen­über Petrus – erlaubt, wenn der Glau­be bedroht wird.

Der hl. Robert Bell­ar­min (1542–1621), Jesu­it, Kir­chen­leh­rer und einer der bedeu­tend­sten Ver­tei­di­ger der katho­li­schen Theo­lo­gie wäh­rend der Gegen­re­for­ma­ti­on, schrieb in De Roma­no Pon­ti­fi­ce:

„Eben­so wie es erlaubt ist, dem Papst zu wider­ste­hen, wenn er die Per­son eines Men­schen angreift, so ist es erlaubt, ihm zu wider­ste­hen, wenn er See­len gefähr­det oder den Staat bedroht – und umso mehr, wenn er die Kir­che zer­stö­ren will. Es ist erlaubt, ihm zu wider­ste­hen, indem man nicht tut, was er befiehlt, und die Durch­füh­rung sei­nes Wil­lens hin­dert; den­noch ist es nicht erlaubt, ihn zu rich­ten, zu bestra­fen oder abzu­set­zen, da er nichts ande­res ist als ein Vorgesetzter.“

Ein Bei­spiel hier­für ist der berüch­tig­te Fall von Papst Johan­nes XXII. (reg. 1316–1334), der die Vor­stel­lung der seli­gen Schau für ver­stor­be­ne Gläu­bi­ge ablehn­te und dies öffent­lich in Pre­dig­ten und Brie­fen lehr­te. Auf Bit­ten des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums und der Theo­lo­gen wider­rief er die­se feh­ler­haf­te Leh­re kurz vor sei­nem Tod.

Kein Papst hat die Befug­nis, einem Katho­li­ken etwas auf­zu­er­le­gen, das sei­nen Glau­ben gefähr­det; eben­so wenig kann ein Bischof oder reli­giö­ser Vor­ge­setz­ter dies tun. Gläu­bi­ge sind viel­mehr ver­pflich­tet, jedem Ein­fluß zu wider­ste­hen, der ihren Glau­ben bedroht. Dies ist ver­gleich­bar mit einem Arzt, der von staat­li­chen Behör­den ange­wie­sen wird, eine Abtrei­bung vor­zu­neh­men oder eine geschlechts­an­glei­chen­de Ope­ra­ti­on durch­zu­füh­ren – unter Andro­hung des Ent­zugs sei­ner Appro­ba­ti­on. In einem sol­chen Fall hat der Arzt nicht nur das Recht, abzu­leh­nen, son­dern auch die mora­li­sche Pflicht dazu.

Jede blin­de Aner­ken­nung der Auto­ri­tät eines Pap­stes – als ob er mora­lisch unfehl­bar in sei­nen per­sön­li­chen Aus­sa­gen und Hand­lun­gen wäre – wider­spricht der wah­ren Natur päpst­li­cher Unfehl­bar­keit und des hei­li­gen Gehor­sams. Sei­ne Unfehl­bar­keit bezieht sich nicht auf sei­nen per­sön­li­chen Cha­rak­ter, son­dern auf das Amt, das er innehat.

*Don Mario Alexis Por­tel­la, Doc­tor utri­us­que iuris, gebo­ren in New York, USA, ist Prie­ster an der Kathe­dra­le San­ta Maria del Fio­re in Flo­renz, Ita­li­en, Gast­do­zent am Donau-Insti­tut in Buda­pest, Ungarn, und Gast­pro­fes­sor an der Katho­li­schen Hoch­schu­le ITI in Tru­mau, Öster­reich. Sei­ne Dok­tor­ti­tel in Kano­ni­schem Recht und Zivil­recht erwarb er an der Päpst­li­chen Late­ran­uni­ver­si­tät in Rom. Der Bei­trag wur­de im Cri­sis maga­zi­ne (USA) veröffentlicht.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cri­sis maga­zi­ne (Screen­shot)

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