Wird Frankreich die „Tradi-Frage“ lösen?

Vergiftung oder Entgiftung?


Papst Leo XIV. erteilte Kardinal Aveline, Erzbischof von Marseille, den Auftrag, eine "Lösung" für die Frage der Tradition zu finden
Papst Leo XIV. erteilte Kardinal Aveline, Erzbischof von Marseille, den Auftrag, eine "Lösung" für die Frage der Tradition zu finden

Die Dis­kus­si­on um die Zukunft des über­lie­fer­ten Römi­schen Ritus in der katho­li­schen Kir­che tritt in eine neue Pha­se ein – und Frank­reich könn­te dabei eine Schlüs­sel­rol­le zufal­len. Wie aus einem Bericht der fran­zö­si­schen Tages­zei­tung La Croix her­vor­geht, erteil­te Papst Leo XIV. den fran­zö­si­schen Bischö­fen fak­tisch den Auf­trag, ein trag­fä­hi­ges Modell für den Umgang mit der soge­nann­ten „triden­ti­ni­schen Mes­se“ zu ent­wickeln. Die­ses Modell könn­te als Grund­la­ge für eine welt­kirch­li­che Lösung dienen.

Frankreich als Laboratorium

Die Erwar­tungs­hal­tung in Rom ist offen­bar hoch. Frank­reich gilt seit lan­gem als Epi­zen­trum der „tra­di­tio­na­li­sti­schen Bewe­gung“ – nicht nur histo­risch, son­dern auch auf Grund der Vita­li­tät ihrer Anhän­ger. Groß­ver­an­stal­tun­gen wie die Pfingst­wall­fahrt nach Char­tres bele­gen dies ein­drück­lich. Zugleich sind die Span­nun­gen in den Diö­ze­sen beträchtlich.

Nach Anga­ben aus Bischofs­krei­sen beauf­trag­te Papst Leo XIV. bereits Anfang Janu­ar wäh­rend des außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­ums Kar­di­nal Jean-Marc Ave­li­ne, Erz­bi­schof von Mar­seil­le, per­sön­lich, über Lösungs­an­sät­ze nach­zu­den­ken. Im Raum ste­hen meh­re­re Optio­nen: eine Bestä­ti­gung der restrik­ti­ven Linie von Papst Fran­zis­kus, eine Revi­si­on der­sel­ben (zurück zur Linie von Papst Bene­dikt XVI.?) oder ein drit­ter Weg.

Mehr als eine liturgische Frage

Am 25. März wur­de bekannt, daß Leo XIV. den zur Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung in Lour­des ver­sam­mel­ten fran­zö­si­schen Bischö­fen über Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin ein Schrei­ben über­mit­teln ließ, in dem er zu ver­schie­de­nen Punk­ten sei­ne Vor­stel­lun­gen und Anre­gun­gen dar­leg­te, dar­un­ter auch zur Liturgie.

Am 26. März dis­ku­tier­ten die Bischö­fe in dem welt­be­rühm­ten Mari­en­wall­fahrts­ort inten­siv die Lit­ur­gie­fra­ge. Die zeit­li­che Abfol­ge zeigt, daß durch den päpst­li­chen Auf­trag an Kar­di­nal Ave­li­ne bereits Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen wor­den waren.

In der Voll­ver­samm­lung zeig­te sich ein bemer­kens­wer­ter Per­spek­tiv­wech­sel: Erst­mals wur­de die Pro­ble­ma­tik aus­drück­lich als theo­lo­gisch-ekkle­sio­lo­gi­sche Fra­ge ver­stan­den – nicht bloß als pasto­ra­les oder emo­tio­na­les Konfliktfeld.

Hin­ter der Lit­ur­gie, so der Tenor meh­re­rer Bischö­fe, ver­ber­gen sich grund­le­gen­de Fra­gen: die Rezep­ti­on des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils, das Ver­ständ­nis von Tra­di­ti­on, Sakra­ment und kirch­li­cher Auto­ri­tät. Die Lit­ur­gie­fra­ge sei somit Aus­druck tie­fer­lie­gen­der Dif­fe­ren­zen im Kirchenverständnis.

Zugleich räum­ten die Bischö­fe ein, daß auch die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie­re­form nicht frei von Fehl­ent­wick­lun­gen gewe­sen sei. Die Anzie­hungs­kraft der alten Lit­ur­gie – Stich­wor­te: Tran­szen­denz, Stil­le, Sakra­li­tät – sei durch­aus ernst zu neh­men, wenn auch kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Denn die damit ver­bun­de­nen Aspek­te sei­en nicht sel­ten theo­lo­gisch auf­ge­la­den oder mißverstanden.

Einheit oder Parallelwelten?

Als zen­tra­ler Streit­punkt kri­stal­li­sier­te sich, laut La Croix, das Ver­hält­nis zwi­schen den Riten her­aus. Wäh­rend eini­ge Bischö­fe eine kon­se­quen­te Fort­füh­rung der Ein­schrän­kun­gen des berg­o­glia­ni­schen Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des befür­wor­ten, plä­die­ren ande­re für dif­fe­ren­zier­te Anpassungen. 

Ins­ge­samt zeig­te sich die Stim­mung aber wenig tra­di­ti­ons­freund­lich. Die Gemein­schaf­ten der Tra­di­ti­on und ihre Gläu­bi­gen wer­den von nicht weni­gen Bischö­fen als lästig und stö­rend emp­fun­den. Ein tie­fer­ge­hen­des Ver­ständ­nis für ihr Kir­chen­ver­ständ­nis und die Bedeu­tung ihrer lit­ur­gi­schen „Son­der­wün­sche“ scheint zu fehlen.

Es bestä­tig­ten sich Bestre­bun­gen, Ele­men­te der Tra­di­ti­on zu inte­grie­ren mit dem erklär­ten Ziel, die Ein­heit durch Besei­ti­gung der Tra­di­ti­on als eigen­stän­di­ger Rich­tung in der Kir­che wie­der­her­zu­stel­len. In die­se Rich­tung wei­sen auch die auf der Früh­jahrs­voll­ver­samm­lung in Lour­des genann­ten Anregungen:

  • Schaf­fung eines ein­heit­li­chen lit­ur­gi­schen Kalen­ders und Lektionars,
  • Fei­er aller Sakra­men­te außer der Hei­li­gen Mes­se im Novus Ordo,
  • stär­ke­re Ver­ant­wor­tung der Diözesanbischöfe,
  • kla­re Ableh­nung eines „Exklu­si­vis­mus“, der den Novus Ordo grund­sätz­lich verweigert.

In Sum­me zeich­nen die von eini­gen Bischö­fen genann­ten Vor­stö­ße wenig Bereit­schaft, auf die Tra­di­ti­on ein­zu­ge­hen. Vor allem der die Sakra­men­te betref­fen­de Punkt folgt der har­ten repres­si­ven Linie von Fran­zis­kus und wür­de sogar Prie­ster­wei­hen im über­lie­fer­ten Ritus unterbinden.

Letz­te­rer Punkt zum Bei­spiel sorgt für Span­nun­gen, etwa im Ver­hält­nis zu Gemein­schaf­ten wie der Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus. Kri­ti­siert wird deren teil­wei­se distan­zier­te Hal­tung gegen­über diö­ze­sa­nen Struk­tu­ren, etwa bei der Chrisammesse.

Die Rol­len­ver­tei­lung ist ein­sei­tig: Die Gemein­schaf­ten der Tra­di­ti­on wer­den in einer uni­la­te­ra­len Bring­schuld gese­hen, wäh­rend die Bischö­fe sich im besten Fall als Gön­ner sehen, im schlech­te­ren Fall als Rächer in einem unglei­chen grund­sätz­li­chen Rich­tungs­streit, der in der Kir­che seit über 60 Jah­ren tobt.

Die Ant­wort von Papst Leo XIV. ist der Ruf nach Ein­heit. Davon sprach jedoch auch sein Vor­gän­ger Fran­zis­kus, doch konn­te sich nie­mand der Illu­si­on hin­ge­ben, daß sein Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des die Ein­heit zum Ziel hat­te. Sie war eine Gei­ßel, um jene zu züch­ti­gen, die aus dem nach­kon­zi­lia­ren Kurs aus­sche­ren und die­sem trot­zen (sie­he dazu Nie­mand kann ernst­haft gedacht haben, daß Tra­di­tio­nis cus­to­des die Ein­heit der Kir­che stärkt vom 20. Juli 2021).

Liturgie und Ideologie – Klärung unausweichlich

Bri­sant ist auch die poli­ti­sche Dimen­si­on. Ein­zel­ne Bischö­fe war­nen vor ideo­lo­gi­schen Über­la­ge­run­gen in bestimm­ten tra­di­tio­na­li­sti­schen Milieus – bis hin zu anti­se­mi­ti­schen Ten­den­zen. Lit­ur­gie, so die Ana­ly­se, prägt nicht nur Fröm­mig­keit, son­dern auch Welt- und Gesellschaftsbilder. 

Auch hier zeigt sich die berg­o­glia­ni­sche Schief­la­ge: Auch Fran­zis­kus schwang bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit die „Ideologie“-Keule gegen die Tra­di­ti­on, ohne zu bemer­ken oder bemer­ken zu wol­len, daß viel­mehr er selbst dadurch ideo­lo­gisch agierte. 

Einig waren sich Frank­reichs Bischö­fe dar­in, daß eine Klä­rung not­wen­dig sei. Die der­zei­ti­ge Situa­ti­on – geprägt von Aus­nah­men und Unein­heit­lich­kei­ten – gilt als schwer prak­ti­ka­bel. Selbst die­ser Punkt ist nicht nur zugun­sten der Tra­di­ti­on zu ver­ste­hen. Viel­mehr wur­den auch die Aus­nah­men kri­ti­siert, die Berg­o­glio zu sei­nem eige­nen Motu pro­prio gewähr­te, etwa den ehe­ma­li­gen Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten und sogar der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X.

Ob Frank­reich tat­säch­lich ein Modell lie­fern kann, bleibt vor­erst zwei­fel­haft. Doch die Stoß­rich­tung ist klar: Die Ein­heit der Kir­che soll gewahrt wer­den, ohne die legi­ti­men Anlie­gen ver­schie­de­ner lit­ur­gi­scher Sen­si­bi­li­tä­ten zu igno­rie­ren. So die offi­zi­el­le Sprach­re­ge­lung. Dabei soll­te aber, geht es nach dem Wunsch eini­ger Bischö­fe, die Tra­di­ti­on unter die Räder kom­men. Oder, wie ein Bischof es for­mu­lier­te: Die Eucha­ri­stie ist das „Sakra­ment der Ein­heit“ – und darf nicht zum Anlaß dau­er­haf­ter Spal­tung werden.

Die Dis­kus­si­on der fran­zö­si­schen Bischö­fe in Lour­des bot eini­ge Hoff­nungs­schim­mer. Vor allem eine gewis­se Abmil­de­rung im Ton wird posi­tiv gewer­tet. Ins­ge­samt aber zeigt sich auch viel Schat­ten und Dun­kel­heit. Ins­ge­samt bestä­tig­te sich, daß Tra­di­tio­nis cus­to­des ein ver­gif­te­tes Erbe ist.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­Me­dia (Screen­shot)

6 Kommentare

  1. Es besteht ein Hand­lungs­druck. Die Kir­chen der syn­oda­len Kir­che lee­ren sich. Die Tra­di­ti­on flo­riert. Und dann gibt es die zuneh­men­de Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit. Die Katho­li­ken ver­ste­hen die Beson­der­heit eines rich­ti­gen Got­tes­dien­stes nicht mehr, weil man es ihnen sagt. Sie sehen es und ver­ste­hen es selbst. Noch viel wei­ter geht, daß eini­ge Katho­li­ken auf­merk­sam gewor­den sind auf Pau­lus, der vor 2000 Jah­ren die anklagt, die ein fal­sches Evan­ge­li­um verkünden. 

    Nun zeigt sich hier ein poli­ti­sches Manö­ver. Tra­di­tio­nis cus­to­des ist effek­tiv been­det. Rom muß sich die tra­di­tio­nel­le Lit­ur­gie wie­der zu eigen machen und gleich­zei­tig pro­pa­gie­ren, daß es in den syn­oda­len Kir­chen rich­ti­ger ist, als in den Got­tes­dien­sten der Tra­di­ti­on. Das Manö­ver besteht des­halb aus der Fort­füh­rung des tra­di­tio­nel­len Ritus unter dem Ziel, die eige­nen Wider­sprüch­lich­keit zu über­tün­chen. Und es besteht aus dem öffent­li­chen Abwer­ten der Ver­tre­ter der Tradition. 

    Dann ist es erkenn­bar, daß die schlimm­sten Moder­ni­sten in der Kir­che ein Pro­blem mit Hei­lig­keit bekom­men haben. Sol­che Prie­ster bekom­men Beklem­mun­gen am Altar. Für die­se Lieb­lings­kin­der unter den Syn­oda­len bastelt man dann eine Form des Got­tes­dien­stes, die sie nicht in Schwie­rig­kei­ten bringt. Viel­mehr sol­len die­se so her­um­lüm­meln dür­fen, bis sie sich pudel­wohl fühlen.

  2. Unter den fran­zö­si­schen Bischö­fen exi­stiert noch eine Men­ge Feind­se­lig­keit gegen die triden­ti­ni­sche Mes­se. Bevor der lit­ur­gi­sche Frie­den wirk­lich ein­tritt, wer­den noch eini­ge Mon­si­gno­res über ihren Schat­ten sprin­gen müssen.

  3. Eine Kir­che, die die eige­ne Tra­di­ti­on ver­neint, ver­leug­net sich sel­ber, und Chri­stus wird mit ihr das Glei­che tun, wenn er wie­der­kehrt. Nur: Dar­an glaubt doch heu­te fast kein Bischof mehr…

  4. Leo XIV schiebt die Ver­ant­wor­tung ab: ein schwa­cher und unge­eig­ne­ter Papst.
    Und war­um soll alles so schwer sein: Es gibt vie­le katho­li­sche Riten und Bene­dikt XVI hat den Weg aufgezeigt.
    Wo ist die Ein­sicht als Aus­gangs­punkt jedes Dia­logs, dass Tra­di­ti­on nicht ein­fach eli­mi­niert wer­den kann?
    Wo bleibt die brü­der­li­che Lie­be des Novus Ordo und all sei­ner Vertreter?

  5. In Frank­reich ist die­ser Kampf wahr­schein­lich wegen der ehe­ma­li­gen Revo­lu­ti­on schär­fer aus­ge­prägt als anderswo.
    Man spricht von einem „Neu­en Ritus“ im Gegen­satz zum über­lie­fer­ten, der mit Bedacht als „alt“ gekennzeichnet/​herabgewürdigt wird. Der „Neue“ ist aber nicht neu in Bezug zum alten Ritus. Er ist ledig­lich ganz bewußt anders und ein Kon­strukt. Dabei stellt sich gleich die Fra­ge, was die­sen „neu­en Ritus“ eigent­lich aus­macht bzw. wel­che Art von Meß­fei­er des „NO“ die eigent­lich rich­ti­ge sein soll. Denn eine Ein­heit gibts da bekannt­lich nicht: jeder fei­ert ihn nach Gut­dün­ken. Von wel­cher Ein­heit ins­ge­samt kann da die Rede sein, wenn nicht mal bei den Neu-Ritu­el­len in wesent­li­chen Punk­ten Ein­tracht herrscht.

    Es geht beim „Riten­streit“ doch grund­sätz­lich um die Ver­faßt­heit und Aus­rich­tung der Kir­che ins­ge­samt. Gilt in der Kir­che die über­na­tür­li­che gött­li­che Hier­ar­chie oder ist die Kir­che etwas von Men­schen Gemach­tes? Die mei­sten Bischö­fe Frank­reichs befin­den sich da offen­kun­dig auf den mensch­li­chen Holz­we­gen wie anders­wo ja auch. Die­se Bischö­fe schei­nen gut zu wis­sen und zu spü­ren, daß mit der Zulas­sung des über­lie­fer­ten Ritus ihr eige­nes libe­ra­les Kir­chen­bild ange­kratzt wird. Da kann auch Papst Leo kei­ne „Ein­heit“ stif­ten. Die wirk­li­che Ein­heit ergibt sich aus der gehor­sa­men Fei­er der über­lie­fer­ten hl. Messe. 

    Die sog. Welt mag die poli­tisch unheil­vol­len Irr­we­ge eine Zeit­lang gehen, Wege gegen Chri­stus den König aller Her­ren, aber auf die Kir­che läßt sich das Modell prin­zi­pi­ell nicht über­tra­gen. Eine Kurs­kor­rek­tur in der Kir­che ist ein not­wen­di­ges Muß. Papst Pius XI. hat­te mit der Ein­füh­rung des Christ­kö­nigs­fe­stes der Kir­che (wie wohl auch der Welt) eine kla­re und weg­wei­sen­de Ori­en­tie­rung gege­ben, die von ihrer Aktua­li­tät nichts ver­lo­ren hat.

  6. Wenn die Hir­ten von der Dis­kus­si­on aus­ge­schlos­sen wer­den, die vom rech­ten Glau­ben abge­kom­men sind, macht die Dis­kus­si­on Sinn.
    Andern­falls ist die Dis­kus­si­on albern und überflüssig.

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