Von Roberto de Mattei*
Das Fest der Verkündigung des Herrn, das am 25. März begangen wird, fiel im Jahre 2026 in die Passionswoche, unmittelbar vor der Karwoche. Diese zeitliche Nähe hilft uns, die tiefe Wahrheit der Miterlöserschaft Mariens besser zu verstehen, die auf einem geheimnisvollen Zusammenhang zwischen ihrem Fiat in Bethlehem und ihrer Gegenwart an der Seite des göttlichen Sohnes auf Golgatha gründet.
„Die Miterlösung, die von Gott im Protoevangelium unmittelbar nach der Ursünde vorausgesagt wurde, begann sich am Tage der Verkündigung zu verwirklichen (Lk 1,38 ff.)“, schreibt ein bedeutender Theologe wie Pater Gabriele Maria Roschini (Corredenzione, in: Enciclopedia Cattolica, Bd. IV, Rom 1950, S. 642).
Die biblische Stelle, in der die Mitwirkung der Jungfrau an der Erlösung der Menschheit am klarsten zum Ausdruck kommt, ist tatsächlich jene im ersten Kapitel des Lukasevangeliums (V. 26–38), wo der Engel Gabriel Maria das Geheimnis der Menschwerdung verkündet. Dieser Evangelienabschnitt zeigt uns, daß Gott für die Verwirklichung seiner ewigen Heilspläne, die alle auf das Heil der Menschen ausgerichtet sind, den freien Konsens der seligsten Jungfrau Maria als vorhergehende und notwendige Bedingung wollte.
Die Kirchenväter und Kirchenlehrer preisen die Wirksamkeit dieses Konsenses, indem sie sagen, daß Gott ihn zur Bedingung für das Werk der Erlösung des Menschengeschlechts gemacht habe und Maria zu diesem Zwecke eine wirksame Gnade verlieh, die ihren Konsens frei, heilbringend und verdienstvoll machte. Daher gab die heilige Jungfrau mit den Worten „Fiat mihi secundum verbum tuum“, mit denen sie auf den Gruß des Engels antwortete, ihre Zustimmung zur erlösenden Menschwerdung. Dieses Fiat war, wie Msgr. Pier Carlo Landucci erklärt, ein Akt erhabensten Opfers.
Die Gottesmutter konnte nämlich in keiner Hinsicht die notwendige Erkenntnis für die Erfüllung ihrer Sendung entbehren. Sie hatte also ein volles Bewußtsein sowohl der unermeßlichen Würde, zu der sie erhoben worden war, als auch der gewaltigen Opfer, die ihr bevorstanden. Maria sah vor sich nicht nur die Höhen der göttlichen Mutterschaft und die Herrlichkeit, die sie als Königin des Himmels und der Erde erwartete, sondern auch die unerhörten Leiden, die sie als Mutter des fleischgewordenen Wortes erwarteten, das dazu bestimmt war, sich auf Golgatha für die Menschheit zu opfern. Daher muß ihr Fiat als „der heroischste Akt der Hingabe an Gott und der schmerzvollen Darbringung betrachtet werden, den man sich auf Erden nach dem Opfer des göttlichen Erlösers vorstellen kann“ (Pier Carlo Landucci: Maria Santissima nel Vangelo, Edizioni Paoline, Rom 1953, S. 64).
„Die Passion Jesu begann schon mit seiner Geburt“, sagt der heilige Bernhard. Und der heilige Alfons Maria von Liguori fügt hinzu: „So erlitt auch Maria, ganz ihrem Sohne gleichförmig, ihr ganzes Leben lang ein Martyrium. Auf sie trifft das Wort des Jeremias zu: ‚Groß wie das Meer ist dein Schmerz‘ (Klgl 2,13). Denn wie das Meer bitter und salzig ist, so war das Leben Mariens stets von Bitterkeit erfüllt beim Anblick der Passion des Erlösers, die sie immer vor Augen hatte“ (Die Herrlichkeiten Mariens, Teil II, Nr. 9).
Wenn die Verkündigung das Fundament der Miterlösung und der Mittlerschaft Mariens war, so stellt ihr Mitleiden auf Golgatha deren vollkommene Erfüllung dar. Papst Benedikt XV. formuliert den Grund dafür so: „Wie sie mit ihrem leidenden und sterbenden Sohne litt und gleichsam starb, so verzichtete sie zum Heil der Menschen auf ihre mütterlichen Rechte an diesem Sohn und opferte ihn dar, um die göttliche Gerechtigkeit zu besänftigen; daher kann man mit Recht sagen, daß sie zusammen mit Christus das Menschengeschlecht erlöst hat. Aus diesem Grunde werden offenbar alle Gnaden aus dem Schatz der Erlösung auch durch die Hände der Schmerzensmutter ausgetheilt“ (Apostolisches Schreiben Inter sodalicia, 22. März 1918).
Doch die Miterlösung Mariens erschöpfte sich nicht auf Golgatha. Sie setzt sich gegenwärtig fort in der Anwendung der Verdienste des Erlösers auf unsere Seelen, das heißt in der fortdauernden Mitteilung der göttlichen Gnaden, die jedem Christen täglich zuteilwerden, um sein Heil und seine Heiligung zu ermöglichen. In diesem Sinne kann man, nach Msgr. Landucci, sagen, daß die Gottesmutter uns bereits im Augenblick der Menschwerdung des göttlichen Wortes in ihrem unbefleckten Schoße empfangen hat; daß sie uns am Fuße des Kreuzes unter den ungeheuren Schmerzen ihres Mitleidens geboren hat; und daß sie uns jetzt durch die Fortsetzung ihres mütterlichen Wirkens vom Himmel her gebiert und wachsen läßt, indem sie uns die Gnaden der Erlösung zuwendet (vgl. Cento problemi di fede, Rom 2003, S. 367).
Aus diesem Grund, so erklärt Pater José Bover, umfaßt die Mitwirkung der Jungfrau am Erlösungswerk der Menschheit und folglich ihre universale Mittlerschaft drei Hauptphasen oder Momente: in der Menschwerdung, auf Golgatha und im Himmel. Das Werk Jesu Christi begann nämlich in der Menschwerdung, wurde auf Golgatha vollendet und setzt sich jetzt im Himmel durch seine fortwährende Fürsprache fort. Auch die Mitwirkung der allerseligsten Jungfrau umfaßt diese drei Phasen, wenngleich – wie Pater Bover erklärt – ein Unterschied zwischen dem Werk des Sohnes und der Mitwirkung der Mutter besteht.
In Jesus Christus war der Hauptmoment Sein Tod am Kreuze, im Verhältnisse zu dem die Menschwerdung die Vorbereitung und die Fürsprache im Himmel die Vollendung beziehungsweise Anwendung darstellt. In Maria hingegen war der Hauptmoment nothwendig die Menschwerdung, weil sie am Werke der Erlösung gerade in ihrer Eigenschaft als Mutter des Erlösers theilnahm; und diese Mutterschaft hatte offenbar die Menschwerdung selbst zum Hauptgegenstand. Diese drei Momente oder Phasen sind, obwohl sie logisch unterschieden werden können, im Denken und im Heilsplan Gottes nicht getrennt. Es sind nicht drei Werke in Jesus Christus und auch nicht drei Mitwirkungen in Maria, sondern ein einziges Werk und eine einzige Mitwirkung, die im göttlichen Plane gleichsam einen einheitlichen Block oder eine untheilbare Einheit bilden (José Maria Bover: Maria Mediatrice, Rom 2025, S. 38).
Gegen jede Form eines marianischen Minimalismus erinnern wir schließlich an den prägnanten Satz eines großen dominikanischen Theologen, Pater Réginald Garrigou-Lagrange: „Das Prinzip, das die Mariologie beherrscht, ist dieses: ‚Maria ist die Mutter des erlösenden Gottes und daher mit seinem Werke verbunden‘“ (Die Mutter des Erlösers und unser inneres Leben, Verona 2023, S. 215).
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung/Fußnote: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispodenza Romana
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