Der Vatikan-Experte Edward Pentin (EWTN, National Catholic Register) greift in seiner Analyse eine These von Michael Nazir-Ali auf, die westliche Einschätzungen Irans grundlegend in Frage stellt: Wer die Islamische Republik Iran allein politisch oder strategisch liest, verkennt ihre religiöse Tiefenstruktur nicht. Entscheidend sei vielmehr eine spezifisch schiitische Deutung von Leid und Martyrium, die das Handeln der Führung prägt und ihre Widerstandskraft erklärt.
Der verkürzten Wahrnehmung im Westen liegt ein Propagandanarrativ zugrunde, das darauf abzielt, innerhalb der eigenen Gesellschaften Unterstützung für geopolitisch riskante Militäroperationen zu mobilisieren. Ob diese Politik tatsächlich den Interessen der eigenen Bevölkerung dient, ist dabei eine ganz andere Frage.
Thomas Pentin legt seine Analyse vor, um einem westlichen Publikum zu helfen, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen und einzuordnen. Dies erscheint notwendig, da die Berichterstattung im Mainstream häufig stark verkürzt ist und sich erkennbar an den politischen Linien der jeweiligen Regierungen orientiert. Im Vordergrund steht dabei weniger umfassende Information als vielmehr die Herstellung gesellschaftlicher Geschlossenheit hinter der Regierungspolitik, selbst wenn es sich um militärische Abenteuer handelt.
Wie lückenhaft dieses Narrativ ist, zeigt sich besonders deutlich an zentralen Auslassungen. Wer seit 2022 über den russisch-ukrainischen Krieg berichtet – eigentlich bereits seit 2014 –, ohne die historischen Hintergründe zu berücksichtigen, vermittelt kein vollständiges Bild. Dazu gehört etwa die Tatsache, daß die Ukraine durch unterschiedliche politische, sprachliche, kulturelle und teils auch religiöse Prägungen gekennzeichnet ist: westlich orientierte Teile der Bevölkerung (Ukrainer) stehen östlich orientierten Gruppen (Kleinrussen) gegenüber, hinzu kommt eine bedeutende großrussische Minderheit im Osten und Süden. Wer diese Aspekte ausblendet, informiert nicht neutral, sondern bezieht implizit Position.
Ähnliches gilt für die Darstellung des Konflikts zwischen den USA/Israel und dem Iran. Wer unerwähnt läßt, daß es sich beim Iran überwiegend um eine schiitisch geprägte, nicht-arabische Gesellschaft handelt, während die arabischen Welt mehrheitlich sunnitisch ist, und daß zwischen diesen Strömungen ein tiefer historisch gewachsener Gegensatz besteht, verzichtet auf eine wesentliche Erklärungsebene. Dieser Gegensatz reicht bis in die Frühzeit des Islam zurück und prägt politische Dynamiken bis heute.
Vor diesem Hintergrund erscheinen auch verbreitete Annahmen hinterfragenswert, etwa die Behauptung, der schiitische Iran unterstütze in erheblichem Maße die sunnitische Hamas. Eine solche Zuweiseung funktioniert nur, wenn der Islam als einheitlicher Blocke gesehen wird, was er nicht ist. Tatsächlich zeigt sich im aktuellen Konflikt, daß nur schiitische Akteure den Iran unterstützen, während von sunnitischen Gruppen nichts zu vernehmen ist. Gerade aus den palästinensischen Gebieten – sowohl dem Gazastreifen als auch dem Westjordanland – gibt es bisher keine erkennbaren Aktivitäten.
Nun aber zur Analyse, die Edward Pentin, ein exzellenter Journist, im National Catholic Register vorlegte. Er wandte sich dazu an Michael Nazir-Ali, der selbst einer schiitischen Familie Pakistans entstammt. Sein Vater konvertierte zur katholischen Kirche, erzog den Sohn katholisch, der aber im Alter von 20 Jahren zum Anglikanismus konvertierte, nach Großbritannien ging, dort heiratete, Vater von zwei Söhnen wurde, Theologie studierte, 1970 in der Church of England zum Priester und 1984 zum Bischof ordiniert wurde. 2021 kehrte er im Zuge der inneranglikanischen Spannungen in die Einheit mit Rom zurück. Seine Bischofswürde verlor er dadurch. Einen Monat nach seiner offiziellen Aufnahme in die katholische Kirche wurde er zum Diakon und zwei Tage später zum Priester geweiht. Seither wirkt er im Personalordinariat Unserer Lieben Frau von Walsingham in England, Schottland und Wales. Vor allem gilt als exzellenter Kenner der Geschichte des Islam.
Martyrium als religiöse Triebkraft
Michael Nazir-Ali argumentiert laut Pentin, daß die iranische Führung nicht einfach taktisch agiere, sondern aus einem theologischen Weltbild heraus, in dem das Sterben für den Glauben als Auszeichnung gilt. Dieses Denken erhebe Leid zu einem Mittel göttlicher Vorsehung. Wörtlich sagt der es: „Sterben für den Glauben [gilt] als ein Privileg, das Gottes Pläne voranbringt und das Kommen einer gerechten Ordnung beschleunigt.“
Damit erklärt sich aus seiner Sicht auch die oft unterschätzte Standhaftigkeit des Regimes gegenüber äußerem Druck. Westliche Regierungen laufen Gefahr, den Iran falsch einzuschätzen, wenn sie erwarten, militärischer Druck könne schnell zur Kapitulation führen.
Historische Wurzeln: Kerbela und die Imame
Den Ursprung dieser Haltung sieht Nazir-Ali in der schiitischen Erinnerungskultur, insbesondere im Gedenken an den Tod Husseins, des Enkels Mohammeds, in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680. In der Schlacht, was für das Gesamtverständnis des Islams von großer Bedeutung ist, standen sich Sunniten und Schiiten gegenüber, wobei die Schiiten unterlagen. Der Tod Husseins und die Niederlage der Schiiten wird bis heute in ritualisierten Formen des Trauerns und der Selbstkasteiung vergegenwärtigt. Hinzu treten die Märtyrertode von Hassan und Ali, die ebenfalls zentrale Figuren schiitischer Frömmigkeit sind. Ali war der Schwiegersohn Mohammeds und gilt den Schiiten als erster Imam. Hassan, der Sohn Alis und Enkel Mohammeds, war zweite Imam. Beide wurden von Muslimen anderer Richtung getötet. Hussein, ein weiterer Sohn Alis, sollte als dritter Imam durchgesetzt werden, was jedoch mit der Niederlage in Kerbela zunichte wurde.
Nur im Iran stellen die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit und kontrollieren zugleich die Staatsführung.
In Aserbaidschan machen Schiiten zwar etwa 70 % der Bevölkerung aus, der postsowjetische Staat ist jedoch säkular, sodaß die politische Macht nicht religiös dominiert wird.
Auch in Bahrain besteht die Bevölkerung überwiegend aus Schiiten, doch der politische Einfluß ist minimal, da das Herrscherhaus sunnitisch ist.
Im Irak mit einer großen schiitischen Bevölkerung haben Schiiten heute regionalen Einfluß auf die Politik. In Syrien (Alawiten) hingegen wurden sie weitgehend verdrängt, nachdem die USA und Israel – unter Mitwirkung der sunnitischen Terrormiliz Islamischen Staates (IS) – das Assad-Regime stürzten.
Schiitische Minderheiten existieren darüber hinaus in der gesamten islamischen Welt, meist ohne oder nur mit regionalem politischen Einfluß. Eine Ausnahme bildet der Libanon, wo die Schiiten neben Christen, Sunniten und Drusen zwar nur Minderheit sind, aber mit der Hisbollah über einen bewaffenten Arm verfügen, der unzweifelhaft vom Iran unterstützt wird, und die auch jetzt mit Angriffen auf Israel dem Iran zur Seite steht.
Über Jahrhunderte der Verfolgung, die die Schiiten unter den sunnitischen Herrschern erlebten, habe sich so ein Ethos herausgebildet, in dem Leiden nicht nur akzeptiert, sondern als geistlich fruchtbar angesehen wird. Nazir-Ali spricht von einem „verankerten Verständnis der Tugend des Leidens für den Glauben“, das sich deutlich von triumphalistischen Strömungen im Islam, wie sie die Sunniten zeigen, unterscheide.
Politische Instrumentalisierung im Iran
Nach Pentins Darstellung zeigt Nazir-Ali, wie die Führung im Teheran diese Tradition politisch nutzt. Bereits während des Iran-Irak-Krieges1 seien junge Männer mit symbolischen „Schlüsseln zum Paradies“ in den Kampf geschickt worden. Gefallene seien nicht nur betrauert, sondern öffentlich gefeiert worden – ein Mechanismus, der individuelles Leid in kollektive religiöse Sinnstiftung überführt.
Auch die Revolution von 1979 und ihre Nachwirkungen würden konsequent im Licht dieser Märtyrertradition gedeutet, so Nazir-Ali: „Jeder Akt der Repression, jeder Rückschlag und jede Schwierigkeit“ werde in Beziehung zu den frühen schiitischen Imamen gesetzt.
Endzeiterwartung und politische Strategie
Ein weiterer zentraler Punkt ist die im schiitischen Zwölferglauben verankerte Erwartung der Wiederkehr des verborgenen Imams, des Mahdi. Der Name Zwölferglauben kommt daher, daß die Schiiten an zwölf rechtmäßige Imame glauben, die nach dem Propheten Mohammed die religiöse Führung innehaben. Demnach sei nach dem Propheten Muhammad die Führung nicht politisch gewählt, sondern von Allah bestimmt worden. Die Führung liege bei einer Linie von zwölf Imamen, beginnend mit dem genannten Mohammed-Schiegersohn Ali ibn Abi Talib. Seine zwei Nachfolger wurden bereits genannt, auf die weitere Familienmitglieder folgten. Die Besonderheit liegt darin, daß nach dem Glauben der Zwölferschiiten der 12. Imam Muhammad al-Mahdi nicht gestorben sei, sondern seit dem Jahr 941 in der „Großen Verborgenheit“ lebe. Er werde am Ende der Zeiten zurückkehren. Religionswissenschaftler sehen darin eine sehr deutliche, wenn auch verzerrte Anlehnung an den christlichen Glauben von der Wiederkunft Christi. Die Imame gelten den Schiiten als unfehlbare religiöse Autoritäten. Sie sind zentrale Vorbilder für Glauben, Moral und Auslegung des Islam.
Diese Hoffnung auf die Wiederkehr des Mahdi hat, laut Nazir-Ali, konkrete politische Implikationen. Ein iranischer Minister habe ihm erklärt, die Außenpolitik des Landes sei vom Kampf für die Unterdrückten geprägt, „weil ein solcher Kampf die Rückkehr des Mahdi und seine Herrschaft der Gerechtigkeit beschleunigt“.
Selbst massenhafter Tod werde in diesem Kontext religiös aufgeladen, denn auch er könne das Kommen des Mahdi eher beschleunigen als verhindern.
Innenpolitische Widersprüche
Pentin verschweigt nicht, daß Nazir-Ali zugleich auf die Diskrepanz zwischen diesem Gerechtigkeitsanspruch und der Realität im Iran hinweist. Die religiöse Rhetorik stehe „in einem Spannungsverhältnis“ zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung durch das Mullah-Regime, insbesondere religiöser Minderheiten wie Christen. Die christlichen Konfessionen, die historisch im Land vorhanden waren, sind offiziell anerkannt und können ihren Kultus frei praktizieren, allerdings nicht in der Öffentlichkeit. Vor allem ist jede Form der Mission untersagt. Die nicht-historischen Konfessionen, vor allem der Protestantismus und die evangelikalen Freikirchen US-amerikanischer Prägung, werden nicht anerkannt und bekämpft. Der Iran warf den USA mehrfach vor, Agenten getarnt als protestantische Prediger ins Land zu schleußen. Paramilitärische Gruppen wie die Basij hätten die Märtyreridee übernommen und nutzten sie auch nach innen zur Legitimation von Gewalt, so Nazir-Ali.
Warnung an den Westen
Die zentrale Schlußfolgerung ist eine strategische Warnung des ehemaligen anglikanischen Bischofs und heutigen katholischen Priesters: Der Westen dürfe Irans Drohungen nicht als bloßen Bluff oder „typisch morgenländische“ Redensart interpretieren, sondern müsse sie als „tief in der schiitischen Psychologie verwurzelt“ verstehen.
Ein möglicher Sturz des Regimes würde nach dieser Logik nicht automatisch Stabilität bringen. Vielmehr sei mit langanhaltendem Widerstand zu rechnen: Rückzug, Exil und Guerillakampf könnten als Fortsetzung des leidensbereiten Glaubens gedeutet werden.
Zugleich skizziert Nazir-Ali zwei Szenarien: Überlebt das Regime, werde dies als göttliche Bestätigung interpretiert – mit der Folge noch stärkerer Geschlossenheit, Stabilität und auch Repression gegen Kritiker. Kommt es zum Umbruch, müßten frühzeitig zivile Strukturen aufgebaut werden, um ein Machtvakuum wie im Irak oder Libyien zu vermeiden.
Ausblick
Trotz seiner kritischen Analyse sieht Nazir-Ali laut Pentin auch Chancen für einen Wandel. Viele Iraner könnten an einem neuen politischen System mitwirken. Dieses müsse jedoch „in der alten Zivilisation des Irans verwurzelt sein“, um tragfähig zu sein. Während die meisten arabischen (sunnitischen) Staaten von den Angelsachsen mit weitgehend willkürlichen Grenzen auf die Landkarte gezeichnet wurden, handelt es sich beim Iran, dem alten Persien, um ein altes Staatsgebilde, das auf eine über dreitausendjährige Geschichte und Kultur zurückblicken könne.
Die Stärke von Pentins Darstellung liegt darin, diese religiöse Dimension nicht als Randaspekt, sondern als Schlüssel zum Verständnis iranischer Politik herauszuarbeiten – und damit eine Perspektive zu bieten, die in westlichen Debatten oft unterschätzt wird. Auch differenziert er, was viele Mainstream-Darstellungen nicht tun, die nicht einmal die tiefen Unterschiede im Islam zwischen Sunniten und Schiiten erwähnen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: NCR (Screenshot)
- Der Iran-Irak-Krieg dauerte von 1980 bis 1988 und war ein Stellvertreterkrieg der USA. Nachdem durch die Islamische Revolution 1979 die USA und Israel aus dem Iran verdrängt worden waren, rüsteten sie Saddam Hussein (einen Sunniten) im Irak auf und manövrierten ihn in einen Krieg gegen den Iran, der aber dem Angriff standhielt. Saddam Hussein sollte später selbst zu einem Problem für die USA und Israel werden, aber das ist ein anderes Kapitel, vergleichbar dem der israelischen Förderung der Hamas in ihrer Frühphase, um einen Gegenpart zur PLO zu haben und das palästinensiche Lager zu spalten. Ein weiteres schmutziges Kapitel sui generis in diesem geopolitischen Machtspiel, in dem von den USA/Israel Stellvertreter aufgebaut und in den Kampf geschickt werden, ist Al Qaida, später bekannnt als Islamischer Staat (IS). ↩︎
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