Kritiker von Amoris laetitia rehabilitiert?

Bischof Martínez Perea von Papst Leo XIV. empfangen


Msgr. Pedro Daniel Martínez Perea, Kritiker von Amoris laetitia und dafür von Franziskus abgesetzter Bischof von San Luis, wurde von Papst Leo XIV. in Audienz empfangen.
Msgr. Pedro Daniel Martínez Perea, Kritiker von Amoris laetitia und dafür von Franziskus abgesetzter Bischof von San Luis, wurde von Papst Leo XIV. in Audienz empfangen.

Am gest­ri­gen 5. März 2026 emp­fing Papst Leo XIV. den eme­ri­tier­ten Bischof von San Luis in Argen­ti­ni­en, Mon­si­gno­re Pedro Dani­el Mar­tí­nez Perea, in Audi­enz. Die Begeg­nung erreg­te in kirch­li­chen Beob­ach­ter­krei­sen erheb­li­che Auf­merk­sam­keit, denn Msgr. Mar­tí­nez Perea ist einer jener Bischö­fe, die früh und deut­lich Kri­tik an der pasto­ra­len Linie von Papst Fran­zis­kus und ins­be­son­de­re an des­sen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia geäu­ßert haben.

Der heu­te 70jährige argen­ti­ni­sche Bischof steht exem­pla­risch für eine Ent­wick­lung inner­halb der Kir­che, die vie­le Kri­ti­ker als pro­ble­ma­tisch betrach­ten: die Mar­gi­na­li­sie­rung von Stim­men, die an der tra­di­tio­nel­len Leh­re über Ehe und Sakra­men­te festhalten.

Der Konflikt um Kapitel VIII von Amoris laetitia

Die Span­nun­gen began­nen im Jahr 2017. In einer pasto­ra­len Erklä­rung mit dem Titel „Ehe, neue Ver­bin­dun­gen und Eucha­ri­stie im ach­ten Kapi­tel von Amo­ris lae­ti­tia“ wand­te sich Msgr. Mar­tí­nez Perea gegen ver­brei­te­te hete­ro­do­xe Inter­pre­ta­tio­nen des Doku­ments, ins­be­son­de­re in sei­ner Hei­mat Argentinien.

Kern sei­ner Kri­tik war die Fra­ge, ob geschie­de­ne und stan­des­amt­lich wie­der­ver­hei­ra­te­te Katho­li­ken – ohne Annul­lie­rung der sakra­men­ta­len Ehe – zum Emp­fang der Eucha­ri­stie zuge­las­sen wer­den können.

Der Bischof ver­trat eine kla­re Posi­ti­on: Die tra­di­tio­nel­le Leh­re der Kir­che über die Unauf­lös­lich­keit der Ehe las­se eine sol­che Pra­xis nicht zu. Eine pasto­ra­le Beglei­tung dür­fe nie­mals in einen fak­ti­schen Bruch mit die­ser Leh­re mün­den. In sei­ner Argu­men­ta­ti­on stand Msgr. Mar­tí­nez Perea damit in der Linie der bis­he­ri­gen lehr­amt­li­chen Aus­sa­gen, zuletzt der Enzy­kli­ka Fami­lia­ris con­sor­tio von Johan­nes Paul II.

Für vie­le Theo­lo­gen und Hir­ten war gera­de Kapi­tel VIII von Amo­ris lae­ti­tia Anlaß zu inten­si­ven Debat­ten. Kri­ti­ker sahen dar­in eine bewußt offen gehal­te­ne For­mu­lie­rung, die – je nach Inter­pre­ta­ti­on – eine neue pasto­ra­le Pra­xis ermög­li­chen kön­ne, ohne die bis­he­ri­ge Leh­re aus­drück­lich zu ändern. Hin­zu kamen Äuße­run­gen von Papst Fran­zis­kus, jene Inter­pre­ta­tio­nen zu bevor­zu­gen, die von der kirch­li­chen Leh­re abwei­chen. Ent­spre­chen­de Richt­li­ni­en der Bischö­fe der Kir­chen­pro­vinz Bue­nos Aires bezeich­ne­te er als „ein­zig mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on“.

Apostolische Visitation und erzwungener Rücktritt

Das argen­ti­ni­sche Bis­tum San Luis war von 1971 bis 2001 von dem Kapu­zi­ner Msgr. Juan Rodol­fo Lai­se OFMCap gelei­tet wor­den, der sich für die knien­de Mund­kom­mu­ni­on ein­setz­te, den über­lie­fer­ten Ritus för­der­te und eine gut auf­ge­stell­te Diö­ze­se über­ge­ben konn­te. Bischof Mar­tí­nez Perea ver­such­te die­ses Erbe fort­zu­set­zen, wes­halb er im argen­ti­ni­schen Epi­sko­pat nicht der berg­o­glia­ni­schen Frak­ti­on angehörte.

Er sah viel­mehr die Not­wen­dig­keit, gegen die­se Ent­wick­lung um Amo­ris lae­ti­tia sei­ne Stim­me zu erhe­ben und in sei­ner Diö­ze­se die über­lie­fer­te Ehe- und Sakra­men­ten­leh­re zu ver­tei­di­gen. Im Herbst 2019 schärf­te er zudem das Ver­bot ein, Mäd­chen als Mini­stran­tin­nen zum Altar­dienst zuzu­las­sen. Johan­nes Paul II. hat­te 1994 Mäd­chen den Altar­dienst erlaubt, die Ent­schei­dung aller­dings jedem Bischof über­las­sen. In der Diö­ze­se San Luis hat­ten eini­ge Pfar­rer eigen­mäch­tig Mäd­chen her­an­ge­zo­gen, obwohl es kei­ne Erlaub­nis dazu gab.

Die Reak­ti­on aus Rom ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Noch im Dezem­ber 2019 wur­de von Fran­zis­kus eine apo­sto­li­sche Visi­ta­ti­on der Diö­ze­se San Luis ange­ord­net – eine Maß­nah­me, die offi­zi­ell der Klä­rung pasto­ra­ler oder admi­ni­stra­ti­ver Fra­gen dient, in der Pra­xis jedoch, ins­be­son­de­re unter Fran­zis­kus, oft als dis­zi­pli­na­ri­sches Instru­ment benützt wurde.

Bereits im März 2020 wur­de Bischof Mar­tí­nez Perea nach Rom ein­be­stellt und unum­wun­den auf­ge­for­dert, sei­nen Rück­tritt ein­zu­rei­chen. Am 9. Juni 2020 gab der Vati­kan im Tages­bul­le­tin die Annah­me die­ses Rück­tritts bekannt. Bischof Mar­tí­nez Perea war damals erst 64 Jah­re alt – deut­lich jün­ger als das übli­che Rück­tritts­al­ter von 75 Jahren.

Auf­fäl­lig war dabei das Feh­len öffent­li­cher Begrün­dun­gen. Weder wur­den kon­kre­te Vor­wür­fe genannt noch ein for­ma­les Ver­fah­ren bekannt­ge­ge­ben. Für Kri­ti­ker des dama­li­gen Pon­ti­fi­kats ver­stärk­te die­ser Vor­gang den Ein­druck eines kir­chen­po­li­ti­schen Umgangs mit Dis­sens: Wer sich öffent­lich gegen die neu­en pasto­ra­len Inter­pre­ta­tio­nen stell­te, ris­kier­te sei­ne Position.

Seit sei­nem Rück­tritt wird von Msgr. Mar­tí­nez Perea kein offi­zi­el­les kirch­li­ches Amt mehr aus­ge­übt. Für bestimm­te Prä­la­ten gab es in der berg­o­glia­ni­schen Kir­che kei­ne Aufgaben.

Wie es mit der Diö­ze­se San Luis nach dem berg­o­glia­ni­schen Ein­griff wei­ter­ging, berich­te­te Katho​li​sches​.info im Arti­kel „Der Fall San Luis“.

Ein Treffen mit Bedeutung

Vor die­sem Hin­ter­grund erhält die Audi­enz bei Papst Leo XIV. eine beson­de­re sym­bo­li­sche Dimen­si­on. Auch wenn über den Inhalt des Gesprächs nichts bekannt ist, wird die Begeg­nung von Beob­ach­tern als mög­li­ches Zei­chen einer ver­än­der­ten kir­chen­po­li­ti­schen Atmo­sphä­re interpretiert.

Unter dem Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus ent­stand der Ein­druck einer para­do­xen Situa­ti­on: Wäh­rend in Fra­gen der Pasto­ral ein grö­ße­rer Spiel­raum pro­pa­giert wur­de, schien die­ser Spiel­raum für kri­ti­sche Stim­men gegen­über der neu­en Linie nicht zu gel­ten. Bischö­fe oder Theo­lo­gen, die auf Kon­ti­nui­tät mit der tra­di­tio­nel­len Moral­leh­re poch­ten, gerie­ten nicht sel­ten unter Druck. Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler koste­te sein Ver­such, an Fran­zis­kus vor­bei, die über­lie­fer­te Ehe- und Sakra­men­ten­leh­re gegen Amo­ris lae­ti­tia zu ver­tei­di­gen, das Amt des Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on.

Die Audi­enz könn­te daher, eng gefaßt, als ver­söhn­li­che Geste ver­stan­den wer­den, wei­ter gefaßt, als Geste, die zumin­dest indi­rekt aner­kennt, daß die inner­kirch­li­che Debat­te um Amo­ris lae­ti­tia nie wirk­lich abge­schlos­sen wurde.

Eine ungelöste theologische Debatte

Die Aus­ein­an­der­set­zung um Kapi­tel VIII von Amo­ris lae­ti­tia bleibt eines der prä­gend­sten The­men der jün­ge­ren Kir­chen­ge­schich­te. Sie berührt zen­tra­le Fra­gen: das Ver­hält­nis von Leh­re und Pasto­ral, die Auto­ri­tät des päpst­li­chen Lehr­am­tes sowie die Bedeu­tung der sakra­men­ta­len Disziplin.

Für Kri­ti­ker wie Msgr. Mar­tí­nez Perea steht dabei vor allem eines auf dem Spiel: die Kohä­renz der kirch­li­chen Leh­re über Ehe und Eucha­ri­stie. Wenn pasto­ra­le Pra­xis fak­tisch von die­ser Leh­re abweicht, so ihre Sor­ge, wird die Glaub­wür­dig­keit des kirch­li­chen Lehr­am­tes untergraben.

Ob die Audi­enz bei Leo XIV. ein erster Schritt zu einer Neu­be­wer­tung die­ser Kon­flik­te ist oder ledig­lich eine höf­li­che Begeg­nung ohne wei­ter­ge­hen­de Kon­se­quen­zen, bleibt abzu­war­ten. Sicher ist jedoch: Der Fall Mar­tí­nez Perea erin­nert dar­an, daß die Debat­ten um Amo­ris lae­ti­tia kei­nes­wegs ver­stummt sind.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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