Am Dienstag, dem 3. März 2026, hielt Papst Leo XIV. seine übliche Auszeit in Castel Gandolfo ab. Vor der Villa Barberini, wo der Pontifex sich dann aufhält, stellte eine Journalistin von EWTN News eine Frage, die im Nachhinein Aufmerksamkeit über die vatikanische Politik gegenüber China erzeugte:
„Werden Sie die Verurteilung von Jimmy Lai zu 20 Jahren Haft nach dem Nationalen Sicherheitsgesetz von Hongkong kommentieren?“
Die Antwort des Papstes fiel knapp aus:
„Ja, dazu kann ich nichts sagen. Beten wir für weniger Haß und mehr Frieden und arbeiten wir an einem echten Dialog. Gott segne euch alle.“
Jimmy Lai, ein bekannter katholischer Unternehmer und Kritiker Pekings, war jüngst nach dem 2020 von China eingeführten Nationalen Sicherheitsgesetz in Hongkong zu zwanzig Jahren Haft verurteilt worden. Kritiker sprechen von gezielter Repression des totalitären kommunistischen Regimes.
Die Zurückhaltung von Papst Leo XIV. erweckt den Eindruck einer Selbstzensur, die eng mit dem seit 2018 bestehenden und mehrfach erneuerten Geheimabkommen zwischen dem Vatikan und der Volksrepublik China über die Ernennung von Bischöfen zusammenhängen dürfte. Kritiker fragen sich, ob dieses von seinem Vorgänger Franziskus angestrebte Geheimabkommen faktisch eine Maulkorbwirkung auf den Papst hat – ein Umstand, der die Spannungen zwischen moralischem Anspruch und diplomatischer Rücksichtnahme verdeutlicht.
Die mediale Aufbereitung verschärfte die Kritik zusätzlich: Vatican News, das offiziöse Nachrichtenportal des Heiligen Stuhls, berichtete zwar über den kurzen Auftritt von Leo XIV. in Castel Gandolfo, verschwieg aber die entscheidende Frage nach Jimmy Lai. Ein Umstand, der von Beobachtern als „beschämend“ bezeichnet wird.
Abseits des China-Themas wiederholte der Papst seine Aufrufe zur Friedensförderung. Angesichts der eskalierenden Gewalt im Nahen Osten betonte Leo XIV.:
„Beten wir für Frieden, arbeiten wir für Frieden, weniger Haß. Suchen wir echten Dialog und finden wir Lösungen ohne den Einsatz von Waffen.“
Bereits während des Angelus am vergangenen Sonntag hatte der Pontifex die dramatische Situation im Iran und im gesamten Nahen Osten angesprochen. Er warnte vor den Gefahren gegenseitiger Drohungen und betonte die Notwendigkeit verantwortungsvoller Diplomatie, um eine Eskalation zu verhindern.
Die Äußerungen Leos XIV. zeigen jedoch eine doppelte Schwäche: Zum einen die inhärente Begrenztheit spontaner Interviews, wie sie vor Papst Franziskus für Päpste undenkbar waren; zum anderen die anhaltende Schwäche der vatikanischen China-Politik. Die Weigerung, zu einem klaren Unrecht in Hongkong Stellung zu beziehen, offenbart die Spannungen zwischen diplomatischem Pragmatismus und moralischem Auftrag, die den Pontifikatsalltag bestimmen.
Kardinal Joseph Zen, inzwischen hochbetagter emeritierter Bischof von Hongkong und graue Eminenz der chinesischen Untergrundkirche, warnte vor der Unterzeichnung des Geheimabkommens 2018, denn damit liefere sich der Heilige Stuhl bei Bischofsernennungen dem kommunistischen Regime in Peking aus. Als Preis für ein wertloses Abkommen, so Zen, werde die chineische Untergrundkirche von Rom fallengelassen. Der Kardinal sieht sich seither in seiner Einschätzung bestätigt.
Die Untergrundkirche wird dezimiert, die Kommunistische Partei bestimmt faktisch über die katholische Kirche in China und ernennt Bischöfe nach ihren Interessen, läßt sie weihen und ins Amt einführen, während der Papst in Rom nur Statist ist, der nachträglich zustimmen und einen rein äußerlichen Schein wahren kann.
Papst Franziskus suchte bewußt die Annäherung an Rotchina, was teils mit seinen wiederholt gezeigten sozialistischen Sympathien erklärt wurde. Mehrfach weigerte sich die Einhaltung der Menschenrechte durch das Regime in Peking zu verlangen, geschweige denn Kritik an der Kommunistischen Partei Chinas zu üben. Leo XIV. wäre daran nicht gebunden, außer er folgt auch darin seinem Vorgänger.
In dieser Ambivalenz zwischen diplomatischer Vorsicht und moralischem Anspruch spiegelt sich die Herausforderung wider, der sich der Vatikan im internationalen Kontext, besonders gegenüber der Volksrepublik China, gegenübersieht. Papst Leo XIV. wird damit ein Symbol für die unter Franziskus in die Schieflage geratene Balance der Kirche, zwischen Missionsauftrag, Politik und globaler Verantwortung.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: EWTN/Youtube (Screenshot)
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