Sind die Vereinigten Staaten das „Reich des Bösen“?

Augustinus: "Ungeordnet ist jede Seele, die liebt, was sie nicht lieben soll"


US-Außenminister Rubio (USA) auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026
US-Außenminister Rubio (USA) auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026

Von Rober­to de Mat­tei*

Der ame­ri­ka­ni­sche Außen­mi­ni­ster Mar­co Rubio hielt anläß­lich der Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz, die am 14. Febru­ar im Baye­ri­schen Hof statt­fand, eine umfas­sen­de und dif­fe­ren­zier­te Rede. Dar­in bekräf­tig­te er, daß die USA und Euro­pa einer ein­zi­gen Zivi­li­sa­ti­on ange­hör­ten und ihre Kräf­te bün­deln müß­ten, um gemein­sa­me inne­re wie äuße­re Fein­de zu bekämp­fen. Gleich­wohl stel­len die USA für vie­le Kon­ser­va­ti­ve und tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken eine Art neu­es „Reich des Bösen“ dar.

Mar­tin Heid­eg­ger war der Phi­lo­soph, der die dau­er­haf­te­ste Form des Anti­ame­ri­ka­nis­mus in sei­nen viel­fäl­ti­gen Aus­prä­gun­gen for­mu­lier­te: die USA als Sinn­bild einer „kata­stro­pha­len“ Moder­ne, beherrscht von Tech­nik, Kon­su­mis­mus, Gleich­för­mig­keit und dem Ver­lust des Geschichts­be­wußt­seins. Die­se Gedan­ken, die der deut­sche Den­ker in den drei­ßi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts ent­wickel­te, wur­den vom Natio­nal­so­zia­lis­mus auf­ge­grif­fen und nach dem Krieg von der euro­päi­schen Lin­ken wei­ter­ge­führt: Sie wur­den zu einem Grund­pfei­ler des zeit­ge­nös­si­schen Antiamerikanismus.

Es gab stets einen rechts­ra­di­ka­len Anti­ame­ri­ka­nis­mus – jenen der­je­ni­gen, die den USA nicht ver­zie­hen haben, durch ihr Ein­grei­fen im Zwei­ten Welt­krieg die Nie­der­la­ge der Ach­sen­mäch­te her­bei­ge­führt zu haben. Heu­te erlebt die­se Strö­mung in bestimm­ten For­men eines popu­li­sti­schen Neo­na­tio­na­lis­mus eine Wie­der­be­le­bung, der Faschis­mus erneut als posi­ti­ves poli­ti­sches Modell darstellt.

Dane­ben exi­stier­te ein lin­ker Anti­ame­ri­ka­nis­mus, der den USA ihre Rol­le als anti­kom­mu­ni­sti­sches Boll­werk wäh­rend des Kal­ten Krie­ges nicht ver­zieh, durch die der Sieg des inter­na­tio­na­len Kom­mu­nis­mus ver­hin­dert wur­de. Die­se Spiel­art ent­wickel­te sich spä­ter in der No-Glo­bal-Bewe­gung und in der pro-palä­sti­nen­si­schen Bewe­gung weiter.

Heu­te jedoch ist ein Anti­ame­ri­ka­nis­mus katho­lisch-kon­ser­va­ti­ver Prä­gung hin­zu­ge­tre­ten, der die USA auf­grund ihrer puri­ta­ni­schen sowie libe­ral-auf­klä­re­ri­schen Wur­zeln ablehnt, da sie angeb­lich ein dem katho­li­schen Tra­di­ti­ons­den­ken ent­ge­gen­ge­setz­tes Modell ver­kör­per­ten. Die­se Hal­tung geht häu­fig mit Sym­pa­thien für Regime wie das Ruß­land Putins oder sogar für den Iran des Aya­tol­lah Ali Kha­men­ei ein­her, der als Boll­werk gegen den Staat Isra­el betrach­tet wird – jenen Staat, der als Inbe­griff der nega­ti­ven Essenz des Westens gilt.

Die Ober­fläch­lich­keit die­ser Erzäh­lung müß­te jedoch ins Auge sprin­gen. Die pro­te­stan­ti­sche Revo­lu­ti­on nahm nicht in Ame­ri­ka ihren Anfang, son­dern in Euro­pa, wo sie mit den Täu­fern und den Level­lers der Eng­li­schen Revo­lu­ti­on ihre radi­kal­sten Aus­drucks­for­men erreich­te. In Ame­ri­ka hin­ge­gen mil­der­ten Puri­ta­ner, Men­no­ni­ten und Quä­ker die in Euro­pa ver­tre­te­nen radi­ka­len Posi­tio­nen eher ab, als dass sie sie ver­schärf­ten. Die Evan­ge­li­ka­len bil­den heu­te eines der bedeu­tend­sten kon­ser­va­ti­ven Wäh­ler­re­ser­voirs der Repu­bli­ka­ni­schen Partei.

Die Ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on, die der Fran­zö­si­schen vor­aus­ging, hat wenig oder nichts mit jener von 1789 gemein. Die Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1776 bekräf­tigt die Exi­stenz eines Natur­rechts, das der staat­li­chen Ord­nung vor­aus­geht; die Erklä­rung der Men­schen- und Bür­ger­rech­te von 1789 hin­ge­gen grün­det die Rech­te auf die rei­ne Selbst­be­stim­mung des Willens.

Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on war im wesent­li­chen eine ideo­lo­gi­sche Revo­lu­ti­on, ein Kind der Auf­klä­rung; die Ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on war vor allem ein Unab­hän­gig­keits­krieg. Als Erster erläu­ter­te im Jahr 1800 Fried­rich von Gentz, Sekre­tär und Ver­trau­ter des Für­sten Cle­mens von Met­ter­nich sowie einer der Haupt­ar­chi­tek­ten der Restau­ra­ti­on nach dem Sturz Napo­le­ons, die Unter­schie­de zwi­schen bei­den Revolutionen.

Einer der klar­blickend­sten Poli­tik­wis­sen­schaft­ler des 20. Jahr­hun­derts, Eric Voe­gel­in, hat dar­ge­legt, dass die Ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on kein poli­ti­sches Ereig­nis gno­sti­schen Wesens gewe­sen sei, wie es die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on war, da sie „kei­ne ideo­lo­gi­sche Bewe­gung im Sin­ne der spä­te­ren euro­päi­schen Revo­lu­tio­nen war. Sie beab­sich­tig­te nicht, eine neue Seins­ord­nung zu schaf­fen, son­dern die Rech­te der Eng­län­der wie­der­her­zu­stel­len, von denen man glaub­te, sie sei­en ver­letzt wor­den.“

Es ist Euro­pa, das Ame­ri­ka ver­dor­ben hat, nicht umge­kehrt. Der Kul­tur­mar­xis­mus, der seit 1968 die ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten durch­zieht, ent­stand nicht in Ame­ri­ka, son­dern in Deutsch­land, von wo aus Lenin ihn nach Ruß­land über­trug; das bol­sche­wi­sti­sche Ruß­land ver­brei­te­te ihn nach der Revo­lu­ti­on von 1917 in der gan­zen Welt.

Die Revo­lu­ti­on von 1968 nahm ihren Aus­gang in Ber­ke­ley, doch ihr Theo­re­ti­ker, Her­bert Mar­cuse, wur­de in Deutsch­land gebo­ren und starb dort. Die Woke-Ideo­lo­gie hat euro­päi­sche Wur­zeln – über Marx, Gram­sci, die Frank­fur­ter Schu­le und den fran­zö­si­schen Poststrukturalismus.

Der „Ame­ri­ka­nis­mus“, den Leo XIII mit der Enzy­kli­ka Testem bene­vo­len­tiae vom 22. Janu­ar 1899 ver­ur­teil­te, war weni­ger eine Leh­re als viel­mehr eine Spi­ri­tua­li­tät des Han­delns, die der Moder­nis­mus in weit­aus umfas­sen­de­rer und dif­fe­ren­zier­te­rer Wei­se, auch auf theo­lo­gi­scher Ebe­ne, wei­ter­ent­wickel­te. Die gegen­wär­ti­ge Kri­se der Kir­che ist ein Kind des euro­päi­schen Moder­nis­mus, gewiß nicht des Ame­ri­ka­nis­mus. Zu den eng­sten Mit­ar­bei­tern von Kar­di­nal Otta­via­ni zähl­te der ame­ri­ka­ni­sche Anti­mo­der­nist John Clifford Fen­ton; einer der Kar­di­nä­le, die Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re beson­ders nahe­stan­den, war der ame­ri­ka­ni­sche Kar­di­nal John Joseph Wright.

Die Enzy­kli­ka Testem bene­vo­len­tiae ist zudem im Zusam­men­hang mit einer wei­te­ren wich­ti­gen Enzy­kli­ka Leos XIII., Lon­gin­qua Ocea­ni vom 6. Janu­ar 1895, zu lesen, in der der Papst die posi­ti­ven Aspek­te der ame­ri­ka­ni­schen Erfah­rung aner­kennt: das rasche Wachs­tum des Katho­li­zis­mus in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten; die fak­ti­sche Reli­gi­ons­frei­heit, die es der Kir­che erlaub­te, sich ohne Ver­fol­gun­gen zu ent­fal­ten; die Initia­ti­ve und Dyna­mik der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft. Leo XIII. ver­ur­teilt die USA nicht und betrach­tet es nicht von Natur aus als anti­christ­lich. Er betont jedoch, daß die in den USA ver­wirk­lich­te Tren­nung von Kir­che und Staat als kon­tin­gen­te Tat­sa­che, nicht als uni­ver­sa­les nor­ma­ti­ves Ide­al zu ver­ste­hen sei.

Auch auf poli­ti­scher Ebe­ne sind die USA eines Bill Clin­ton und Barack Oba­ma gewiß nicht jene eines Ronald Rea­gan oder Donald Trump. Von „dem“ einen Ame­ri­ka zu spre­chen, ergibt wenig Sinn. In den USA wie in Euro­pa ste­hen sich zwei kul­tu­rel­le Lini­en gegen­über: jene, die sich auf den mar­xi­stisch-auf­klä­re­ri­schen Denk­strom beruft, und jene – gegen­wär­tig vor­herr­schen­de –, die die christ­li­chen Wur­zeln der Gesell­schaft betont.

In sei­ner Rede in Mün­chen äußer­te sich Mini­ster Rubio wie folgt: „Für uns Ame­ri­ka­ner mag unse­re Hei­mat in der west­li­chen Hemi­sphä­re lie­gen, doch wir wer­den stets Kin­der Euro­pas sein. (…) Unse­re Geschich­te begann mit einem ita­lie­ni­schen Ent­decker, der sich ins gro­ße Unbe­kann­te auf­mach­te, um eine neue Welt zu ent­decken, der das Chri­sten­tum nach Ame­ri­ka brach­te und zur Legen­de wur­de, die die Vor­stel­lungs­kraft unse­rer Pio­nier­na­ti­on geprägt hat. (…) Hier in Euro­pa wur­den die Ideen gebo­ren, die die Samen der Frei­heit pflanz­ten und die Welt ver­än­der­ten. (…) Und dies ist der Ort, an dem die Gewöl­be der Six­ti­ni­schen Kapel­le und die empor­ra­gen­den Spit­zen der gro­ßen Kathe­dra­len nicht nur von der Grö­ße unse­rer Ver­gan­gen­heit oder von dem Gott zeu­gen, der sol­che Wun­der inspirierte.“

Zu den ame­ri­ka­ni­schen Kathe­dra­len, die sich an euro­päi­schen Vor­bil­dern ori­en­tie­ren, zählt die Saint-Patrick-Kathe­dra­le in New York. Die Ent­schei­dung, sie im „rei­nen goti­schen Stil“ zu errich­ten, war nach den Wor­ten von Bene­dikt XVI. kei­nes­wegs zufäl­lig. Erz­bi­schof John Hug­hes „woll­te, daß die­se Kathe­dra­le die jun­ge Kir­che in Ame­ri­ka an die gro­ße geist­li­che Tra­di­ti­on erin­ne­re, deren Erbin sie war“.

An der Wur­zel des Anti­ame­ri­ka­nis­mus steht zual­ler­erst ein Pro­blem der Theo­lo­gie der Geschich­te. Leo XIV., ein ame­ri­ka­ni­scher Papst, hat in sei­ner Anspra­che an die Diplo­ma­ten vom 9. Janu­ar dazu auf­ge­ru­fen, De Civi­ta­te Dei des hei­li­gen Augu­sti­nus von Hip­po zu lesen. Woll­te man statt der Kate­go­rien des hei­li­gen Augu­sti­nus jene von Carl Schmitt her­an­zie­hen, so müß­te man sagen, daß der katho­li­sche Anti­ame­ri­ka­nis­mus aus der Unfä­hig­keit erwächst, den Feind zu defi­nie­ren. Man könn­te hin­zu­fü­gen, daß der­je­ni­ge den Feind nicht zu bestim­men ver­mag, der sei­ne Freun­de nicht aner­kennt und liebt; denn die Ver­wir­rung ent­springt nicht der Unwis­sen­heit, son­dern einer unge­ord­ne­ten Lie­be. Der hei­li­ge Augu­sti­nus bringt es in einer sei­ner lapi­da­ren For­meln zum Aus­druck: „Unge­ord­net ist jede See­le, die liebt, was sie nicht lie­ben soll.“ (De Civi­ta­te Dei, XV, 22).

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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