Die Liturgie und die mexikanische Pattstellung

"Papst Leo XIV. wird Vorrechte wahren und realitätsnah handeln""


Befindet sich die Liturgiefrage in der Kirche in einer "mexikanischen Pattstellung"?
Befindet sich die Liturgiefrage in der Kirche in einer "mexikanischen Pattstellung"?

Von Aure­lio Porfiri*

Ob Sie die­sen Ein­druck tei­len, weiß ich nicht, aber wenn man heu­te die Situa­ti­on der Lit­ur­gie betrach­tet, scheint sie jener einer „mexi­ka­ni­schen Patt­stel­lung“ zu ähneln. Die­ser Aus­druck, der mög­li­cher­wei­se im 19. Jahr­hun­dert im Eng­li­schen als Mexi­can stand­off geprägt wur­de, bezeich­net eine Situa­ti­on, in der sich drei oder mehr Akteu­re gegen­sei­tig mit gezo­ge­nen Waf­fen gegen­über­ste­hen – in einem Kli­ma höch­ster Span­nung, in dem jeder zugleich Sie­ger oder Ver­lie­rer sein kann.

Natür­lich ste­hen in unse­rem Fall nicht alle „Akteu­re“ auf der­sel­ben Stu­fe. Da sind zunächst jene Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler, die die Lit­ur­gie­re­form des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils als­Bruch mit der Ver­gan­gen­heit ver­stan­den, inspi­riert von der Her­me­neu­tik der soge­nann­ten „Schu­le von Bolo­gna“. Lei­der hat sich die­se Inter­pre­ta­ti­on seit Jahr­zehn­ten durch­ge­setzt, obwohl sie ihrem Wesen nach falsch ist. Dane­ben gibt es eine Min­der­heit, die der Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät folgt, wonach die vom Zwei­ten Vati­ka­num gewoll­te Lit­ur­gie­re­form nicht im Gegen­satz zur lit­ur­gi­schen und musi­ka­li­schen Tra­di­ti­on der Kir­che ver­stan­den wer­den darf. Die­se Per­so­nen, oft arg­wöh­nisch betrach­tet, sind nicht sel­ten Rufer in der Wüste. Schließ­lich gibt es die tra­di­ti­ons­freund­li­che Welt, die sich auf den Ritus vor der soge­nann­ten „Mes­se Pauls VI.“ bezieht. Auch sie stellt eine Min­der­heit dar, die ver­sucht, sich in einer Kir­che einen Platz zu bewah­ren, die sich – zumin­dest in ihrer Rhe­to­rik – als inklu­siv versteht.

Lei­der führt die Situa­ti­on dazu, daß die Erst­ge­nann­ten an einer ideo­lo­gi­schen Her­an­ge­hens­wei­se an die Lit­ur­gie­re­form fest­hal­ten, die sie dar­an hin­dert, Pro­ble­me anzu­er­ken­nen und Miß­er­fol­ge ein­zu­ge­ste­hen. Dies erschwert die Auf­nah­me eines gesun­den Dia­logs sowohl mit den Ver­tre­tern der Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät als auch mit den Tra­di­tio­na­li­sten. Alles wird durch ein Pris­ma betrach­tet, das eine nüch­ter­ne Bewer­tung der Schwie­rig­kei­ten ver­hin­dert, die sich im Lau­fe die­ser Jahr­zehn­te durch­aus gezeigt haben. Wenn man mit eini­gen die­ser Ver­tei­di­ger des Sta­tus quo pri­vat spricht, hört man durch­aus Ein­ge­ständ­nis­se über schwer­wie­gen­de und unge­lö­ste Pro­ble­me der Lit­ur­gie; öffent­lich jedoch scheint man die offi­zi­el­le Linie ver­tei­di­gen zu müs­sen, von der nicht abge­wi­chen wer­den darf. Papst Fran­zis­kus, für den die Lit­ur­gie nicht zu den Prio­ri­tä­ten zähl­te, hat die Ideo­lo­gie die­ser Per­so­nen in gewis­ser Wei­se noch ver­stärkt, ins­be­son­de­re durch eine Rede am 24. August 2017 vor den Teil­neh­mern der von dem Cen­tro di Azio­ne Lit­ur­gi­ca orga­ni­sier­ten Lit­ur­gi­schen Woche, in der er erklär­te: „Gemäß die­sem Lehr­amt, nach die­sem lan­gen Weg kön­nen wir mit Sicher­heit und mit lehr­amt­li­cher Auto­ri­tät fest­stel­len, daß die Lit­ur­gie­re­form irrever­si­bel ist.“ Es han­del­te sich um „kla­re und mit Ent­schie­den­heit aus­ge­spro­che­ne Wor­te“, wie der Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Cor­ra­do Mag­gio­ni in einer Aus­ga­be der Rivi­sta di Pasto­ra­le Lit­ur­gi­ca schrieb. Die­se Aus­sa­ge ist zwei­fel­los von gro­ßer Trag­wei­te, da sie selbst die ihm nach­fol­gen­den Päp­ste zu bin­den scheint – was zumin­dest merk­wür­dig erscheint, da nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, daß ein künf­ti­ger Pon­ti­fex oder ein Kon­zil eine Reform der Lit­ur­gie anstre­ben könn­te, die die gegen­wär­ti­ge Reform wesent­lich ver­än­dert oder im äußer­sten Fall sogar zu bestimm­ten frü­he­ren ritu­el­len For­men zurückkehrt.

Lei­der führt die­se Starr­heit auf der einen Sei­te zu einer ent­spre­chen­den Starr­heit in den ande­ren Lagern. Das erin­nert ein wenig an das, was in der Geo­po­li­tik geschieht: Rüstet ein Land auf, tun es die ande­ren eben­so. Nach dem, was ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren beob­ach­ten konn­te, ist offen­sicht­lich, daß man­che mit allen Mit­teln ver­su­chen, das nach­kon­zi­lia­re Para­dig­ma zu bewah­ren, wobei der Begriff „Para­dig­ma“ in dem Sin­ne ver­stan­den wird, den Tho­mas Kuhn ihm in The Struc­tu­re of Sci­en­ti­fic Revo­lu­ti­ons (1962) gege­ben hat. Die­ser Ver­such der Bewah­rung erzeugt eine gan­ze Rei­he von Para­noi­en, die jeden tref­fen, der das offi­zi­el­le Nar­ra­tiv in Fra­ge stellt.

Es sei klar gesagt: Die­ses nach­kon­zi­lia­re Para­dig­ma ist nicht die Lit­ur­gie­re­form des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils selbst, son­dern eine Ent­glei­sung der­sel­ben – eine Inter­pre­ta­ti­on, die sich weit von dem ent­fernt hat, was die Kon­zils­do­ku­men­te selbst nahelegen.

Wenn ich die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on prä­zi­se beschrei­ben müß­te, wür­de ich sie ein­deu­tig unter das Zei­chen der Läh­mung stel­len, und hier gewinnt das Bild der mexi­ka­ni­schen Patt­stel­lung erneut an Bedeu­tung. Ich glau­be nicht, daß ein Papst allein ein Pro­blem lösen kann, das so tief in der Kir­che ver­wur­zelt ist, auch wenn der prag­ma­ti­sche­re Ansatz Leos XIV. im Ver­gleich zur eher ver­bar­ri­ka­dier­ten Hal­tung von Fran­zis­kus sicher­lich zu einer Ent­span­nung der Lage bei­tra­gen kann.

Es ist zudem sicher, daß die Nach­rich­ten aus der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. eine Ver­schär­fung der Span­nun­gen mit der tra­di­tio­na­li­sti­schen Welt erwar­ten las­sen könn­ten, ins­be­son­de­re auf­grund der für den 1. Juli ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat. Den­noch bin ich der Über­zeu­gung, daß Papst Leo XIV. einen Ansatz fin­den wird, der sei­ne legi­ti­men Vor­rech­te wahrt und zugleich das Band zu einer Rea­li­tät nicht abrei­ßen läßt, die in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on der Kir­che von erheb­li­cher Bedeu­tung ist.

*Aure­lio Porf­iri ist Kom­po­nist, Chor­lei­ter, Musik­erzie­her und Buch­au­tor. Sein schrift­stel­le­ri­sches Werk umfaßt 30 Bücher und mehr als 600 Arti­kel, die in ver­schie­de­nen Län­dern und zahl­rei­chen Medi­en ver­öf­fent­licht wur­den. Die­sen Text ver­faß­te er für die tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne fran­zö­si­sche Inter­net­sei­te Le Salon Beige.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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