Von Aurelio Porfiri*
Ob Sie diesen Eindruck teilen, weiß ich nicht, aber wenn man heute die Situation der Liturgie betrachtet, scheint sie jener einer „mexikanischen Pattstellung“ zu ähneln. Dieser Ausdruck, der möglicherweise im 19. Jahrhundert im Englischen als Mexican standoff geprägt wurde, bezeichnet eine Situation, in der sich drei oder mehr Akteure gegenseitig mit gezogenen Waffen gegenüberstehen – in einem Klima höchster Spannung, in dem jeder zugleich Sieger oder Verlierer sein kann.
Natürlich stehen in unserem Fall nicht alle „Akteure“ auf derselben Stufe. Da sind zunächst jene Liturgiewissenschaftler, die die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils alsBruch mit der Vergangenheit verstanden, inspiriert von der Hermeneutik der sogenannten „Schule von Bologna“. Leider hat sich diese Interpretation seit Jahrzehnten durchgesetzt, obwohl sie ihrem Wesen nach falsch ist. Daneben gibt es eine Minderheit, die der Hermeneutik der Kontinuität folgt, wonach die vom Zweiten Vatikanum gewollte Liturgiereform nicht im Gegensatz zur liturgischen und musikalischen Tradition der Kirche verstanden werden darf. Diese Personen, oft argwöhnisch betrachtet, sind nicht selten Rufer in der Wüste. Schließlich gibt es die traditionsfreundliche Welt, die sich auf den Ritus vor der sogenannten „Messe Pauls VI.“ bezieht. Auch sie stellt eine Minderheit dar, die versucht, sich in einer Kirche einen Platz zu bewahren, die sich – zumindest in ihrer Rhetorik – als inklusiv versteht.
Leider führt die Situation dazu, daß die Erstgenannten an einer ideologischen Herangehensweise an die Liturgiereform festhalten, die sie daran hindert, Probleme anzuerkennen und Mißerfolge einzugestehen. Dies erschwert die Aufnahme eines gesunden Dialogs sowohl mit den Vertretern der Hermeneutik der Kontinuität als auch mit den Traditionalisten. Alles wird durch ein Prisma betrachtet, das eine nüchterne Bewertung der Schwierigkeiten verhindert, die sich im Laufe dieser Jahrzehnte durchaus gezeigt haben. Wenn man mit einigen dieser Verteidiger des Status quo privat spricht, hört man durchaus Eingeständnisse über schwerwiegende und ungelöste Probleme der Liturgie; öffentlich jedoch scheint man die offizielle Linie verteidigen zu müssen, von der nicht abgewichen werden darf. Papst Franziskus, für den die Liturgie nicht zu den Prioritäten zählte, hat die Ideologie dieser Personen in gewisser Weise noch verstärkt, insbesondere durch eine Rede am 24. August 2017 vor den Teilnehmern der von dem Centro di Azione Liturgica organisierten Liturgischen Woche, in der er erklärte: „Gemäß diesem Lehramt, nach diesem langen Weg können wir mit Sicherheit und mit lehramtlicher Autorität feststellen, daß die Liturgiereform irreversibel ist.“ Es handelte sich um „klare und mit Entschiedenheit ausgesprochene Worte“, wie der Liturgiewissenschaftler Corrado Maggioni in einer Ausgabe der Rivista di Pastorale Liturgica schrieb. Diese Aussage ist zweifellos von großer Tragweite, da sie selbst die ihm nachfolgenden Päpste zu binden scheint – was zumindest merkwürdig erscheint, da nicht ausgeschlossen werden kann, daß ein künftiger Pontifex oder ein Konzil eine Reform der Liturgie anstreben könnte, die die gegenwärtige Reform wesentlich verändert oder im äußersten Fall sogar zu bestimmten früheren rituellen Formen zurückkehrt.
Leider führt diese Starrheit auf der einen Seite zu einer entsprechenden Starrheit in den anderen Lagern. Das erinnert ein wenig an das, was in der Geopolitik geschieht: Rüstet ein Land auf, tun es die anderen ebenso. Nach dem, was ich in den vergangenen Jahren beobachten konnte, ist offensichtlich, daß manche mit allen Mitteln versuchen, das nachkonziliare Paradigma zu bewahren, wobei der Begriff „Paradigma“ in dem Sinne verstanden wird, den Thomas Kuhn ihm in The Structure of Scientific Revolutions (1962) gegeben hat. Dieser Versuch der Bewahrung erzeugt eine ganze Reihe von Paranoien, die jeden treffen, der das offizielle Narrativ in Frage stellt.
Es sei klar gesagt: Dieses nachkonziliare Paradigma ist nicht die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst, sondern eine Entgleisung derselben – eine Interpretation, die sich weit von dem entfernt hat, was die Konzilsdokumente selbst nahelegen.
Wenn ich die gegenwärtige Situation präzise beschreiben müßte, würde ich sie eindeutig unter das Zeichen der Lähmung stellen, und hier gewinnt das Bild der mexikanischen Pattstellung erneut an Bedeutung. Ich glaube nicht, daß ein Papst allein ein Problem lösen kann, das so tief in der Kirche verwurzelt ist, auch wenn der pragmatischere Ansatz Leos XIV. im Vergleich zur eher verbarrikadierten Haltung von Franziskus sicherlich zu einer Entspannung der Lage beitragen kann.
Es ist zudem sicher, daß die Nachrichten aus der Priesterbruderschaft St. Pius X. eine Verschärfung der Spannungen mit der traditionalistischen Welt erwarten lassen könnten, insbesondere aufgrund der für den 1. Juli angekündigten Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat. Dennoch bin ich der Überzeugung, daß Papst Leo XIV. einen Ansatz finden wird, der seine legitimen Vorrechte wahrt und zugleich das Band zu einer Realität nicht abreißen läßt, die in der gegenwärtigen Situation der Kirche von erheblicher Bedeutung ist.
*Aurelio Porfiri ist Komponist, Chorleiter, Musikerzieher und Buchautor. Sein schriftstellerisches Werk umfaßt 30 Bücher und mehr als 600 Artikel, die in verschiedenen Ländern und zahlreichen Medien veröffentlicht wurden. Diesen Text verfaßte er für die traditionsverbundene französische Internetseite Le Salon Beige.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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