„Die Messen von den Vorfastensonntagen, die man unverständlicherweise gestrichen hat“

Karlskirche in Wien
Karlskirche in Wien

Von Ste­pha­nus Fla­vi­us

Am 15. April 1992 gab der Klo­ster­neu­bur­ger Chor­herr, Hr. Petrus Tschin­kel Can­Reg, ein auf­schluß­rei­ches Inter­view. Er war Schü­ler sei­nes Mit­bru­ders Pius Parsch (1884–1954) und des­sen Nach­fol­ger als Rek­tor der Kapel­le St. Ger­trud, der Kapel­le, in der die „Klo­ster­neu­bur­ger Volks­lit­ur­gie“ ent­wickelt und zuerst umge­setzt wur­de. Über­ra­schen­der­wei­se erklär­te er, daß Pius Parsch zu Unrecht als Vor­läu­fer der nach­kon­zi­lia­ren lit­ur­gi­schen Reform gilt. Das Gespräch führ­te der Theo­lo­ge und Arzt Mag. Dr. Rupert Klötzl.

Die Eucharistiefeier hat nicht nur pädagogische Bedeutung

Zu jener Zeit sei die lit­ur­gi­sche Erneue­run­gen von gro­ßen Bene­dik­ti­ner­klö­stern getra­gen wor­den und hät­te sich auf aka­de­mi­sche Krei­se beschränkt. Pius Parsch hin­ge­gen woll­te dem gesam­ten Volk Got­tes die lit­ur­gi­schen Riten und Tex­te nahe­brin­gen. Aber:

„Es ging ihm nicht nur dar­um, das Volk mit die­sen Kost­bar­kei­ten bekannt zu machen, son­dern ihnen den inne­ren gei­sti­gen Gehalt nahe­zu­brin­gen.“

Hr. Petrus Tschin­kel Can­Reg ver­wies auf den 1. Petrus­brief und erin­ner­te dar­an, daß die Getauf­ten beru­fen sind am Lei­dens­weg Jesu und sei­ner Herr­lich­keit teil­zu­ha­ben. Eben dar­in habe Pius Parsch das ent­schei­dend Neue gese­hen, das das Evan­ge­li­um gegen­über dem Alten Testa­ment gebracht habe. Die­se Teil­ha­be sei aber nicht nur ein sprach­li­ches Bild, es geht um

„etwas Onti­sches, Sei­unshaf­tes, Teil­ha­be am gött­li­chen Leben, das ist es. […] In die­sem Sinn hat die Volks­lit­ur­gie nicht nur eine didak­ti­sche Bedeu­tung, eine päd­ago­gi­sche Bedeu­tung, son­dern war sozu­sa­gen Instru­ment die­ses Gna­den­le­bens.“

Die Messe – eine Bibelstunde

Nach­dem er so die „begna­dig­te Sen­dung“ sei­nes Mit­bru­ders Pius Parsch umris­sen hat­te, erklär­te er einer weit­ver­brei­te­ten Mei­nung zuwi­der:

„Davon … ist eigent­lich nicht viel geblie­ben. Denn die Refor­men, die nach­kon­zi­lia­ren nach dem Zwei­ten Vati­ka­num, sind einen ganz ande­ren Weg gegan­gen.“

Das wer­de, so der Ver­trau­te und Schü­ler Pius Parschs, an der neu­en Lese­ord­nung deut­lich: Heu­te gin­ge es dar­um, den Gläu­bi­gen mög­lichst vie­le Tex­te nahe­zu­brin­gen, in mög­lichst rei­cher Abwand­lung. Mit ihren ver­schie­de­nen Lese­jah­ren ten­die­re die nach­kon­zi­lia­re Reform

„dahin mög­lichst vie­le Tex­te her­an­zu­brin­gen, … eine Bibel­stun­de, wenn Sie so wol­len – mehr oder min­der.“

Die Peri­ko­pen der tra­di­tio­nel­len Meß­for­mu­la­re sei­en hin­ge­gen vom Gedan­ken des Myste­ri­ums her bestimmt gewe­sen. Sie sei­en als Myste­ri­en­bil­der gewählt wor­den, und nicht ihres „histo­ri­schen bibel­ex­ege­ti­schen Inhal­tes wegen“.

Der Verlust der Vorfastenzeit

Der Klosterneuburger Chorherr Pius Parsch
Der Klo­ster­neu­bur­ger Chor­herr Pius Parsch

Beson­ders beklag­te Hr. Petrus Tschin­kel Can­Reg in die­sem Zusam­men­hang den Ver­lust der Vor­fa­sten­sonn­ta­ge, „die man unver­ständ­li­cher­wei­se gestri­chen hat.“

Um die Erin­ne­rung an die am ver­gan­ge­nen Sonn­tag begon­ne­ne Vor­fa­sten­zeit leben­dig zu hal­ten, sol­len nach­fol­gend die Präf­a­tio­nen der drei Vor­fa­sten­sonn­ta­ge nahe­ge­bracht wer­den, wie sie im Mit­tel­al­ter im deut­schen Sprach­raum gebräuch­lich waren.

Sie haben zwar kei­nen Ein­gang in die nach­triden­ti­ni­schen Meß­bü­cher gefun­den, ver­mit­teln aber auf anschau­li­che Wei­se den Cha­rak­ter die­ser weit­ge­hend ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen lit­ur­gi­schen Zeit.

Präfation für den Sonntag Septuagesima

VD. à¦ternঠDeus! Quia per ea quঠcon­spi­ci­untur, instrui­mur, qui­bus modis ad invi­si­bi­lia ten­de­re debea­mus; deni­que com­mo­ne­mur, anni ducen­te suc­ces­su, de prà¦teritis in futu­ra, & ad nati­vi­tatem vitঠde vetu­sta­te tran­si­re; ut ter­re­nis sus­ten­ta­tio­ne expe­di­ti, cÅ“lestis doni capia­mus desi­de­ra­bi­li­us uber­tatem, & per eum cibum qui bene­fi­ci­is prà¦rogatur alter­nis, per­ve­nia­mus ad vic­tum sine fine man­surum, per Xpm Dnm l. El.

In Wahr­heit ist es wür­dig und recht, bil­lig und heil­sam, Dir immer und über­all dank­zu­sa­gen, hei­li­ger Herr, all­mäch­ti­ger Vater, ewi­ger Gott! Denn durch das, was wir sehen, wer­den wir belehrt, auf wel­che Wei­se wir nach dem Unsicht­ba­ren stre­ben sol­len. So wer­den wir im Lau­fe des Jah­res ermahnt, vom Ver­gan­ge­nen zum Zukünf­ti­gen über­zu­ge­hen, und vom alten Men­schen zum neu­en Leben, damit wir frei von irdi­schen Lasten sehn­süch­tig die Fül­le der himm­li­schen Gaben emp­fan­gen, und damit wir durch die Spei­se, die die himm­li­sche Selig­keit vor­weg­nimmt, zum end­gül­ti­gen Sieg gelan­gen, durch Ihn unse­ren Herrn Jesus Chri­stus. Durch ihn loben die Engel Dei­ne Maje­stät, die Herr­schaf­ten beten sie an, die Mäch­te ver­eh­ren sie zit­ternd. Die Him­mel und die himm­li­schen Kräf­te und die seli­gen Sera­phim fei­ern sie jubelnd im Cho­re. Mit ihnen laß, so fle­hen wir, auch uns ein­stim­men und voll Ehr­furcht beken­nen: (( Aus: Mar­tin GERBERT: Monu­men­ta ver­te­ris Lit­ur­giঠAle­man­nicà¦, Bd. 1: Quঠad cele­bra­tio­nem Mis­sঠper­ti­nent, St. Bla­si­en im Schwarz­wald 1777 [Nach­druck: Hil­des­heim 1967], 32. (Übers d. Verf.) ))

Präfation für den Sonntag Sexagesima

VD. à¦ternঠDeus! qui rationa­bi­lem crea­tu­ram, ne tem­po­ra­li­bus dedita bonis ad prà¦mia sem­pi­ter­na con­t­en­dat, ea dis­po­si­tio­ne digna­ris eru­dire, ut nec casti­ga­tio­ne def­idci­at, nec pro­spe­ri­ta­ti­bus inso­les­cat, sed hoc poti­us fiat eius glo­rio­sa devo­tio, quo nul­lis adver­si­ta­ti­bus obru­ta super­a­tur, per Xpm Dnm. l. gg. El.

In Wahr­heit ist es wür­dig und recht, […] ewi­ger Gott! Dir hat es gefal­len, die ver­nünf­ti­gen Geschöp­fe die rech­te Ord­nung der Din­ge zu leh­ren, damit sie nicht den ver­gäng­li­chen Gütern erle­gen nach dem ewi­gen Lohn stre­ben müs­sen. Denn umso grö­ßer die Zucht ist, umso gerin­ger ist die Gefahr, daß der Fort­schritt zum Hoch­mut wer­de. So soll die Fröm­mig­keit des Men­schen so groß­ar­tig sein, daß kei­ne Wid­rig­keit sie fort­rei­ßen oder besie­gen kann. Durch Ihn unse­ren Herrn Jesus Chri­stus. […] ((Aus: Mar­tin GERBERT: Monu­men­ta ver­te­ris Lit­ur­giঠAle­man­nicà¦, Bd. 1, 33. (Übers d. Verf.) ))

Präfation für den Sonntag Quinquagesima

VD. à¦ternঠDeus! & maie­statem tuam cer­nua devo­tio­ne exora­re, ut modu­lum ter­renঠfra­gi­li­ta­tis aspi­ci­ens, non in ira tua, pro nostra pra­vi­ta­te, nos argu­as, sed immen­sa cle­men­tia puri­fices, eru­di­as, & con­so­la­ris; quia cum sine te nihil pos­su­mus face­re, quod tibi sit pla­ci­tum, tua nobis gra­tia sola prà¦stabit, ut salu­bri con­ver­sa­tio­ne viva­mus, per Xpm. El. gg.

In Wahr­heit ist es wür­dig und recht, […] ewi­ger Gott! Und Dei­ne Maje­stät mit demü­ti­ger Hin­ga­be anzu­be­ten, damit Du uns – in Anbe­tracht der gro­ßen Schwä­che alles Irdi­schen – nicht in Dei­nem Zorn wegen unse­rer Schlech­tig­keit anklagst, son­dern in Dei­ner über­wäl­ti­gen­den Mil­de rei­nigst, erziehst und trö­stest. Denn da wir ohne Dich nichts voll­brin­gen kön­nen, was Dir wohl­ge­fäl­lig ist, gewährt uns allein Dei­ne Gna­de, in heil­sa­mem Wan­del zu leben. Durch Ihn unse­ren Herrn Jesus Chri­stus. […] ((Aus: Mar­tin GERBERT: Monu­men­ta ver­te­ris Lit­ur­giঠAle­man­nicà¦, Bd. 1, 34. (Übers d. Verf.) ))

Text/Übersetzung: Ste­pha­nus Fla­vi­us
Bild: Una Voce Austria/Pius Parsch Insti­tut (Screen­shot)

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