Papst Leo XIV. entläßt Zeremoniar – Maßnahme mit Schlagseite

Debatte um Sprache, Liturgie und kirchliche Führung


Msgr. Marco Agostini, der von Papst Leo XIV. entlassene, traditionsverbundene Päpstliche Zeremoniar, im Bild zusammen mit dem Generaloberen des Instituts Christus König und Hohepriester und Kanonikus Guitard.
Msgr. Marco Agostini, der von Papst Leo XIV. entlassene, traditionsverbundene Päpstliche Zeremoniar, im Bild zusammen mit dem Generaloberen des Instituts Christus König und Hohepriester und Kanonikus Guitard.

Mon­si­gno­re Mar­co Ago­sti­ni, einen der lang­jäh­rig­sten Zere­mo­nia­re des Hei­li­gen Stuhls, wur­de von Papst Leo XIV. sei­nes Amtes ent­ho­ben. Als Grund wird eine unan­ge­mes­sen nega­ti­ve Bemer­kung über angeb­lich homo­se­xu­el­le Kuri­en­mit­glie­der genannt, die öffent­lich wurde. 

Die Äuße­rung wur­de unbe­ab­sich­tigt über ein noch offe­nes Mikro­phon wäh­rend der Weih­nachts­an­spra­che des Pap­stes an die Römi­sche Kurie auf­ge­nom­men, anschlie­ßend aber gezielt im Inter­net ver­brei­tet. Der Begriff, der in der Auf­nah­me gefal­len sein soll, gilt als abwer­tend und stand im kla­ren Wider­spruch zum Umgangs­ton, den der Hei­li­ge Stuhl von sei­nen Reprä­sen­tan­ten erwar­tet. Msgr. Ago­sti­ni, Prie­ster der Diö­ze­se Vero­na, war im Juni 2009 von Papst Bene­dikt XVI. in das Amt eines Päpst­li­chen Zere­mo­niars beru­fen wor­den. Das Amt für die lit­ur­gi­schen Fei­ern des Pap­stes umfaßt meh­re­re Zere­mo­nia­re, die dem Päpst­li­chen Zere­mo­nien­mei­ster unter­ste­hen. Unter drei auf­ein­an­der­fol­gen­den Pon­ti­fi­ka­ten galt sei­ne lan­ge Amts­zeit als Zei­chen hoher fach­li­cher Kom­pe­tenz und insti­tu­tio­nel­len Ver­trau­ens. In den Tagen nach sei­ner Ablö­sung mel­de­ten sich in Ita­li­en pro­mi­nen­te Stim­men zu Wort, die den Vor­gang als unver­hält­nis­mä­ßig und unge­recht kri­ti­sie­ren. Ein Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ter bezeich­ne­te die Maß­nah­me als „unfai­res und unklu­ges Zei­chen“, das in Tra­di­ti­ons­krei­sen als Signal einer Distan­zie­rung gegen­über lit­ur­gisch kon­ser­va­ti­ven Geist­li­chen gewer­tet werde.

Liturgie: Alte Messe, Tradition und Agostinis Rolle

Mon­si­gno­re Ago­sti­ni war nicht nur in sei­ner Funk­ti­on als Zere­mo­ni­ar bekannt, son­dern wur­de auch inner­halb kon­ser­va­ti­ver und tra­di­ti­ons­freund­li­cher Krei­se geschätzt, weil er – mit Zustim­mung des Hei­li­gen Stuhls – regel­mä­ßig im über­lie­fer­ten Römi­schen Ritus in der Kryp­ta des Peters­doms zele­brier­te. Die Fra­ge der „Alten Mes­se“ ist seit Jah­ren ein zen­tra­ler Dis­kus­si­ons­punkt im kirch­li­chen Leben. Nach dem Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des von Papst Fran­zis­kus wur­den Zele­bra­tio­nen im über­lie­fer­ten Ritus stark ein­ge­schränkt. Unter Leo XIV. blicken tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Krei­se mit gro­ßer Span­nung und noch grö­ße­ren Hoff­nun­gen auf eine Trend­wen­de. Ansät­ze dafür schien es zu geben, wie die Erlaub­nis für Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke, Ende Okto­ber als Höhe­punkt der 14. Inter­na­tio­na­len Wall­fahrt der Tra­di­ti­on Ad Petri Sedem im Peters­dom ein Pon­ti­fi­kal­amt im über­lie­fer­ten Ritus zele­brie­ren zu kön­nen, doch blieb bis­her ein ein­deu­ti­ges Signal aus. Tra­di­tio­nis cus­to­des ist unver­än­dert in Kraft. Die Okto­ber-Zele­bra­ti­on von Kar­di­nal Bur­ke lie­ße sich als Pri­vat­mes­se ein­stu­fen. Msgr. Ago­sti­ni wirk­te übri­gens an die­ser Zele­bra­ti­on mit. Zudem zele­brier­te er selbst am Ende der Wall­fahrts­ta­ge eine Hei­li­ge Mes­se zur Dank­sa­gung in der Kir­che San­t’An­na in Laterano.

Kontext der Entlassung: Sprache und Führungskultur

Offi­zi­el­le Ver­laut­ba­run­gen des Hei­li­gen Stuhls zu Ago­sti­nis Ablö­sung lie­gen bis­her nicht vor. Und wie üblich fehlt es nicht an beschwich­ti­gen­den Erklä­rungs­ver­su­chen, etwa dem, daß eine fünf­jäh­ri­ge Amts­pe­ri­ode zu Ende gegan­gen sei und sei­ne Ent­las­sung ein nor­ma­ler Rou­ti­ne­akt sei, der nichts mit einer dis­zi­pli­na­ri­schen maß­nah­me zu tun hät­te. Beob­ach­ter sehen dar­in aber ledig­lich eine Ver­schleie­rung, die weder zutrifft noch in der Sache weiterhilft. 

Beur­tei­len läßt sich nur, was öffent­lich bekannt ist. Allein dar­aus for­men sich Ein­drücke, Mei­nun­gen und Reak­tio­nen. Was genau ist also geschehen? 

Jemand tätigt eine pri­va­te Äuße­rung, die nicht für die Öffent­lich­keit bestimmt war, aber gegen sei­nen Wil­len an die Öffent­lich­keit gelang­te, und prompt fol­gen in der Kir­che Sank­tio­nen. Die Msgr. Ago­sti­ni zuge­schrie­be­ne Äuße­rung bewegt sich exakt auf der Ebe­ne jener Papst Fran­zis­kus zuge­schrie­be­nen Äuße­rung in glei­cher Sache. Fran­zis­kus hat­te am 20. Mai 2024 hin­ter ver­schlos­se­nen Türen vor den Bischö­fen Ita­li­ens von „fro­ci­ag­gi­ne“ gespro­chen, was soviel wie „Schwuch­tel­ei“ heißt. Msgr. Ago­sti­ni soll von „culat­to­ni“ gespro­chen haben, was im ita­lie­ni­schen Sprach­ge­brauch soviel meint wie „Weich­ei­er“, „Tun­ten“. Belei­dig­te damit Msgr. Ago­sti­ni jeman­den ungerechtfertigt?

Die Äuße­rung war nicht öffent­lich. Man soll­te ver­ba­len Grob­hei­ten nicht das Wort reden, sie aber auch nicht über­be­wer­ten. Papst Fran­zis­kus sprach als Papst im Rah­men einer offi­zi­el­len Begeg­nung zu über hun­dert Bischö­fen. Msgr. Ago­sti­ni mach­te eine per­sön­li­che Unmutsäußerung.

Die Reak­ti­on von Leo XIV. wirkt vor die­sem Hin­ter­grund wie ein Akt des Hyper­mo­ra­lis­mus. Hät­te Papst Fran­zis­kus wegen einer sol­chen Aus­sa­ge zurück­tre­ten sollen? 

Wir haben es mit einem unele­gan­ten Wort zu tun, das im Nor­mal­fall kaum jeman­den auf­ge­regt hät­te. War­um also dies­mal doch? Weil es Homo­se­xua­li­tät betraf – eine der neu­en „hei­li­gen Kühe“ der lai­zi­sti­schen Welt­re­li­gi­on? Homo­se­xua­li­tät scheint wie ein Mühl­stein auf der Kir­che zu lasten. Auf­er­legt wur­de ihr die­se Last von einer gott­fer­nen Welt, doch zum Pro­blem wur­de sie nur, weil ein Teil der kirch­li­chen Hier­ar­chie sie för­der­te und ein ande­rer zu lan­ge weg­schau­te. Papst Fran­zis­kus trieb die­se Vogel-Strauß-Hal­tung auf die Spit­ze, indem er im Febru­ar 2019 einen Welt­gip­fel gegen den sexu­el­len Miß­brauch Min­der­jäh­ri­ger durch Kle­ri­ker ver­an­stal­te­te, dabei aber den Haupt­grund: pädo­phi­le Homo­se­xu­el­le, die für min­de­stens 80 Pro­zent aller Miß­brauchs­fäl­le ver­ant­wort­lich sind, mit kei­nem Wort erwähnte. 

Und wen trifft der Bann­strahl? Einen tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Kuri­en­mit­ar­bei­ter. In der Sum­me ergibt das einen uner­quick­lich ideo­lo­gi­schen Cocktail. 

Der Ein­druck drängt sich auf, daß hier aus vor­aus­ei­len­der ideo­lo­gi­scher Unter­wür­fig­keit ein Schlag geführt wur­de, der stets nur eine Sei­te trifft. Die­ser Ein­druck ist kaum zu ver­mei­den, da die Sank­tio­nen auf­fal­lend ziel­ge­rich­tet erfol­gen. Wür­den auch pro­gres­si­ve Akteu­re bei Ver­feh­lun­gen dis­zi­pli­na­risch gemaß­re­gelt, lie­ße sich leich­ter von einer ange­mes­se­nen Reak­ti­on spre­chen. So aber sen­det der Vor­gang ein ande­res Signal: zuge­spitzt for­mu­liert das Signal der Unter­wer­fung unter die Homo-Agen­da, die unter Fran­zis­kus ein­ge­lei­tet und bis heu­te von Leo XIV. nicht been­det wur­de – im Gegen­teil, er ließ im Rah­men des Hei­li­gen Jah­res ein beschä­men­des und sogar blas­phe­mi­sches Homo-Spek­ta­kel im Peters­dom zu – und einen wei­te­ren Schlag gegen die Tradition.

Ob und wie Msgr. Ago­sti­ni in Zukunft wei­ter­hin an der Römi­schen Kurie tätig sein kann, ist der­zeit nicht bekannt. Laut dem Pro­gramm für die 15. Inter­na­tio­na­le Wall­fahrt der Tra­di­ti­on Ad Petri Sedem wird Msgr. Ago­sti­ni am 25. Okto­ber 2026 wie­der­um eine Dank­mes­se im über­lie­fer­ten Ritus in San­t’An­na in Late­r­ano zelebrieren. 

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: ICRSS (Screen­shot)

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