Der postliberale Priester

Anzeichen einer grundlegenden Achsenverschiebung in den USA


Unsere Liebe Frau vom Sieg, wie sie dem heiligen Papst Pius V. bei der Schlacht von Lepanto erschienen ist.
Unsere Liebe Frau vom Sieg, wie sie dem heiligen Papst Pius V. bei der Schlacht von Lepanto erschienen ist.

Von Julio Loredo*

Ein fester Bezugs­punkt im Den­ken man­cher „rech­ter“ Krei­se ist der Anti­ame­ri­ka­nis­mus, das heißt jenes tief­sit­zen­de, vor­be­halt­lo­se Ableh­nen von allem, was aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka stammt. Eine sol­che Ableh­nung ist zwei­fel­los in nicht weni­gen Aspek­ten gerecht­fer­tigt. Denn über lan­ge Zeit hin­weg wirk­te der Ein­fluß des ame­ri­ka­ni­schen Libe­ra­lis­mus und umfas­sen­der noch der soge­nann­te „Ame­ri­can way of life“ als ein auf­lö­sen­der Fak­tor der christ­li­chen Tra­di­tio­nen des Alten Kon­ti­nents und des Abend­lan­des überhaupt.

Ein sol­cher Ansatz birgt jedoch die Gefahr, sich von vorn­her­ein einer objek­ti­ven Ana­ly­se des­sen zu ver­schlie­ßen, was in den USA geschieht – nicht bloß an der Ober­flä­che, son­dern in der Tie­fe. Wann immer ich mit einem Freund dis­ku­tie­re, der die­se Hal­tung offen­siv zur Schau trägt, lau­tet mei­ne Fra­ge stets: Ver­folgst du die Ent­wick­lun­gen in der ame­ri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit? Die Ant­wort ist aus­nahms­los: Nein.

Eine grundlegende Debatte in der amerikanischen Rechten

Ein Punkt, den die­se Freun­de zum Bei­spiel nicht ver­fol­gen, ist die intel­lek­tu­el­le Debat­te in der ame­ri­ka­ni­schen Rechten.

Wir erle­ben tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen in der ame­ri­ka­ni­schen öffent­li­chen Mei­nung und kon­kret im kon­ser­va­ti­ven Lager. Es fin­det gegen­wär­tig eine grund­le­gen­de Debat­te inner­halb der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten statt, die jene in der Lin­ken spie­gelt. Obwohl den gro­ßen Medi­en kaum sicht­bar, ist die­se Dis­kus­si­on in aka­de­mi­schen Krei­sen äußerst lebhaft.

Seit der Unab­hän­gig­keit [1776] hat sich die ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik stets inner­halb bestimm­ter Gren­zen bewegt, die weder von rechts noch von links je über­schrit­ten wur­den. Das poli­ti­sche Ange­bot schwank­te zwi­schen Mit­te-rechts und Mit­te-links. Bei­de Lager bekann­ten sich glei­cher­ma­ßen zu den Idea­len der Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on und zum Ame­ri­can way of life.

Heu­te geht das Gespräch dar­über hin­aus und beginnt, die Wur­zeln infra­ge zu stel­len. Zum ersten Mal in der Geschich­te der USA gera­ten gewis­se Grund­prin­zi­pi­en der ame­ri­ka­ni­schen Demo­kra­tie ins Wan­ken. Sogar die Auf­klä­rung, Quel­le der Ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on, wird kri­tisch beleuch­tet. Es fin­det eine Neu­aus­rich­tung der tra­di­tio­nel­len Rechts-links-Ach­se statt. Wäh­rend die Lin­ke rasch in extre­me Posi­tio­nen abglei­tet – die Wahl Mamd­a­nis in New York belegt dies – nähert sich die Rech­te Posi­tio­nen an, die sich nicht mehr mit dem klas­si­schen Kon­ser­va­ti­vis­mus iden­ti­fi­zie­ren, son­dern viel­mehr tra­di­tio­nell gepräg­te Inhal­te aufnehmen.

Gera­de die­se Radi­ka­li­sie­rung der Lin­ken, im Namen eines immer all­um­fas­sen­de­ren Frei­heits­be­griffs, läßt auf der Rech­ten Zwei­fel an der wah­ren Natur der Frei­heit auf­kom­men. Wäh­rend die Paleo­con­ser­va­ti­ves noch an der auf­klä­re­ri­schen Idee von Frei­heit fest­hal­ten, sie jedoch kon­ser­va­tiv deu­ten, skiz­zie­ren ande­re viel­mehr einen star­ken und kon­fes­sio­nel­len Staat, der zugun­sten des Guten und gegen das Böse in die Gesell­schaft ein­greift. Die Spal­tung ver­läuft auch zwi­schen den Gene­ra­tio­nen: Wäh­rend die Jün­ge­ren dem letz­te­ren Ansatz fol­gen, hän­gen die Älte­ren zumeist am ersten.

So sehen wir Sze­nen, die noch vor kur­zem undenk­bar gewe­sen wären – etwa die Bot­schaft auf X von Kevin Roberts, dem Vor­sit­zen­den der Heri­ta­ge Foun­da­ti­on, des ange­se­hen­sten kon­ser­va­ti­ven Thinktanks der USA: „Anläß­lich des Jah­res­ta­ges der glor­rei­chen Schlacht von Lepan­to, als die Chri­sten ganz Euro­pas das Osma­ni­sche Reich besieg­ten, müs­sen wir uns ver­ge­gen­wär­ti­gen, daß der Westen geret­tet wer­den wird; wir müs­sen die Chri­sten­heit mit Mut und Gebet wie­der­her­stel­len. Es ist eine Ehre, in unse­ren Tagen zu leben, in denen die­se moder­ne Recon­qui­sta in Euro­pa und in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten vor­an­schrei­tet. Unse­re Lie­be Frau vom Sieg: Immer voran!“

Das sind Wor­te, die wir von einem bekann­ten poli­tisch-stra­te­gi­schen Den­ker in Washing­ton nicht gewohnt sind und die zei­gen, wie sehr sich das Umfeld wandelt.

Der „postliberale“ Priester

Auch im kirch­li­chen Bereich zeigt sich ein ähn­li­ches Phänomen.

Vor ein paar Mona­ten wur­de die Natio­nal Stu­dy of Catho­lic Priests 2025 ver­öf­fent­licht, eine ein­ge­hen­de Ana­ly­se des Catho­lic Pro­ject der Catho­lic Uni­ver­si­ty of Ame­ri­ca. Die Stu­die unter­sucht die Ten­den­zen in der Kir­che in den USA, ins­be­son­de­re im jun­gen Klerus.

„Wir beob­ach­ten einen tief­grei­fen­den Para­dig­men­wech­sel im jün­ge­ren Kle­rus, der aus dem Rah­men des Libe­ra­lis­mus aus­bricht, in dem sich die Ame­ri­ka­ner, auch die Katho­li­ken, bis vor kur­zem wie­der­fan­den“, schreibt Ken­neth Cray­craft1. Bis vor kur­zer Zeit „hiel­ten sich die Ame­ri­ka­ner, von der äußer­sten Lin­ken bis zur äußer­sten Rech­ten, an die­sel­be grund­le­gen­de mora­li­sche Anthro­po­lo­gie und die­sel­be poli­ti­sche Phi­lo­so­phie der soge­nann­ten eng­li­schen Aufklärung“.

Das ändert sich nun: „Die vom Catho­lic Pro­ject erho­be­nen Daten legen nahe, daß die neu­en Prie­ster sich die­ser fal­schen Alter­na­ti­ve zwi­schen kon­ser­va­ti­vem Libe­ra­lis­mus oder pro­gres­si­vem Libe­ra­lis­mus zuneh­mend ent­zie­hen. (…) Eine ver­tief­te Betrach­tung der Stu­di­en­ergeb­nis­se zeigt, daß etwas sehr viel ande­res im Gan­ge ist als eine blo­ße Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Varia­tio­nen des ame­ri­ka­ni­schen Libe­ra­lis­mus. (…) Eine sorg­fäl­ti­ge Lek­tü­re der Daten legt nahe, daß vie­le jun­ge Prie­ster nicht län­ger inner­halb die­ses Rah­mens denken.“

„Die Stu­die“, so Cray­craft abschlie­ßend, „offen­bart kei­ne jun­gen ‚libe­ral-kon­ser­va­ti­ven‘ Prie­ster, son­dern jun­ge post­li­be­ra­le Priester.“

Mit ande­ren Wor­ten: Wir erle­ben das Ende jener Para­me­ter, die den ame­ri­ka­ni­schen Kle­rus zwi­schen Pro­gres­si­vis­mus und Kon­ser­va­tis­mus schwan­ken lie­ßen – jedoch stets inner­halb eines im wesent­li­chen libe­ra­len Rah­mens – und statt­des­sen das Auf­kom­men eines Impul­ses, der auf etwas wesent­lich Radi­ka­le­res zielt, das nach einer Wie­der­her­stel­lung von etwas sehr Altem schmeckt, zugleich aber auch Ele­men­te der Errich­tung von etwas sehr Neu­em und Kraft­vol­lem enthält.

Die Schwalbe

Eine Schwal­be macht noch kei­nen Früh­ling, wird man­cher sagen. Und das stimmt. Doch eben­so wahr ist, daß das Auf­kom­men die­ses Phä­no­mens auf eine neue Situa­ti­on ver­weist, die beginnt, die typi­schen Muster des Ame­ri­ka­nis­mus auf­zu­bre­chen. Zumal es sich nicht um einen iso­lier­ten Befund han­delt, son­dern um ein dyna­mi­sches, sich ent­wickeln­des, ja rasch wach­sen­des Phä­no­men. Von gött­li­cher Gna­de genährt, ver­heißt es alle Arten von Hoffnung.

*Julio Lore­do ist Vor­sit­zen­der der ita­lie­ni­schen Sek­ti­on der inter­na­tio­na­len Gesell­schaft zur Ver­tei­di­gung von Tra­di­ti­on, Fami­lie und Pri­vat­ei­gen­tum (TFP) und Autor meh­re­rer Bücher, dar­un­ter eine Wider­le­gung der „Befrei­ungs­theo­lo­gie“ (2015) und jüngst zusam­men mit José Anto­nio Ure­ta die bei­den Best­sel­ler: „Eine Büch­se der Pan­do­ra. Der welt­wei­te syn­oda­le Pro­zeß“ (2023) und „Der Damm­bruch. Die Kapi­tu­la­ti­on von Fidu­cia Sup­pli­cans vor der Homo­se­xu­el­len-Bewe­gung“ (2024). Auf You­tube betreibt er den Kanal „Visto da Roma“.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

1 Ken­neth Cray­craft: The Emer­gence of the Post-Libe­ral Catho­lic Priest, in: The Catho­lic World Report, 25. Novem­ber 2025.