Erdogan „rettet“ Venezuela mit Wirtschaftshilfe und Islam

Die Freunde von Maduros Regime

Der türkische Staatspräsident Erdogan besuchte auf dem Rückweg vom G20-Gipfel das krisengeschüttelte Venezuela und erklärte sich zum Retter des Maduro-Regimes. Im Gegenzug sicherte er sich Schürfrechte, Handelsbegünstigungen und eine offene Tür für den Islam.
Der türkische Staatspräsident Erdogan besuchte auf dem Rückweg vom G20-Gipfel das krisengeschüttelte Venezuela und erklärte sich zum Retter des Maduro-Regimes. Im Gegenzug sicherte er sich Schürfrechte, Handelsbegünstigungen und eine offene Tür für den Islam.

(Cara­cas) Der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Recep Tayy­ip Erdogan besuch­te nach der Teil­nah­me am G20-Gip­fel in Argen­ti­ni­en auf dem Rück­flug noch Vene­zue­la. Das „boli­va­ri­sche“, sozia­li­sti­sche Regime von Staats- und Regie­rungs­chef Nico­las Madu­ro befin­det sich durch Mas­sen­exo­dus, Auf­stän­de und Wirt­schafts­kri­se mit dem Rücken zur Wand. In Cara­cas ist daher jeder will­kom­men, der Aus­sicht auf Hil­fe bringt. Das sind der­zeit Ruß­land und die Tür­kei. Erdogan will die Gele­gen­heit nüt­zen und erhält im Gegen­zug für die Tür­kei bevor­zug­te Bedin­gun­gen für die hei­mi­schen  Unter­neh­men und eine offe­ne Tür für die Isla­mi­sie­rung.

Nicht der G20-Gip­fel, son­dern der Besuch in Vene­zue­la war der wich­ti­ge­re Teil von Erdogans Süd­ame­ri­ka-Rei­se. Madu­ro, der immer unbe­re­chen­ba­rer wird, begrüß­te das tür­ki­sche Staats­ober­haupt mit auf­ge­setz­tem Stolz und min­de­stens eben­so vie­len Hoff­nun­gen. Es war nicht nur der erste Staats­be­such eines tür­ki­schen Prä­si­den­ten in dem latein­ame­ri­ka­ni­schen Land, son­dern gleich ein Tri­umph. Die Ver­zweif­lung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rung ließ sie auf der drin­gen­den Suche nach Wirt­schafts­hil­fe alle Ehren für den neu­en Sul­tan am Bos­po­rus auf­bie­ten.

Madu­ro ist es gelun­gen, die Unru­hen, die Mit­te 2017 das Land erschüt­ter­ten, mit har­ter Hand und dem Ein­satz von para­mi­li­tä­ri­schen Ban­den nie­der­zu­schla­gen. Den wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang des Lan­des konn­te er aber nicht auf­hal­ten. Bis zum Jah­res­en­de wird mit einer Infla­ti­ons­ra­te von über einer 1.000.000 Pro­zent gerech­net, wäh­rend die Wirt­schafts­lei­tung um bis zu einem Fünf­tel zurück­ge­hen dürf­te. Poli­tisch ist das Land weit­ge­hend iso­liert.

Anfang des Jahr­hun­derts tausch­te Hugo Cha­vez mit Kuba Erd­öl gegen Zucker. Nun muß Madu­ro der Tür­kei Erd­öl gegen Medi­ka­men­te und Grund­nah­rungs­mit­tel abge­ben. In die­ser hoff­nungs­lo­sen Situa­ti­on war die Ankunft Erdogans wie der ersehn­te Licht­blick.

Der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent sag­te, die „in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren erreich­ten Bezie­hun­gen wei­ter ver­bes­sern“ zu wol­len. „Manch­mal nen­nen sie auch mich Sul­tan. Wir tei­len gemein­sa­me Anlie­gen“, repli­zier­te Madu­ro im freund­schaft­li­chen Ton. Er schenk­te sei­nem tür­ki­schen Staats­gast eine Nach­bil­dung von Simon Boli­vars Schwert, mit dem die­ser das Land in die Unab­hän­gig­keit führ­te. Zugleich ver­lieh er Erdogan den höch­sten vene­zo­la­ni­schen Orden „El Liber­tador“ (Der Befrei­er).

„Wir wer­den den Groß­teil der unmit­tel­ba­ren Bedürf­nis­se Vene­zue­las abdecken. Wir haben die Kraft und die Mög­lich­keit dazu“, bedank­te sich Erdogan. Erst vor zwei Mona­ten hat­te Madu­ro die Tür­kei besucht.

Die Tür­kei, deren Ver­hält­nis sich mit den USA weni­ger herz­lich gewor­den und mit der EU ziem­lich zer­rüt­tet ist, ist zusam­men mit Ruß­land zur wich­tig­sten Wirt­schafts-Stüt­ze für das Madu­ro-Regimes gewor­den. Ton­nen von vene­zo­la­ni­schem Gold sol­len zur Ver­ar­bei­tung in die Tür­kei gebracht wer­den. Die USA zei­gen sich besorgt, daß das Gold über den Umweg Tür­kei in Wirk­lich­keit in den Iran flie­ßen könn­te. Madu­ro reagier­te prompt und ver­bat sich „eine Ein­mi­schung in den Han­dels­aus­tausch zwi­schen Vene­zue­la und der Tür­kei“.

In Cara­cas unter­zeich­ne­ten die bei­den Län­der eine Rei­he von Ver­trä­gen, mit denen tür­ki­schen Unter­neh­men Schürf- und Bohr­rech­te über­tra­gen wur­den. Als Madu­ro vor weni­gen Wochen in Klein­asi­en war, wur­de von der Tür­kei die Lie­fe­rung von 300 Con­tai­nern mit Medi­ka­men­ten und Lebens­mit­teln zuge­si­chert. Das Han­dels­vo­lu­men zwi­schen bei­den Län­dern über­traf 2018 erst­mals eine Mil­li­ar­de Dol­lar.

Das Rah­men­ab­kom­men sieht vor, daß tür­ki­sche Unter­neh­men in Vene­zue­la 45 Pro­zent des Pro­fits erhal­ten, der vene­zo­la­ni­sche Staat 55 Pro­zent. Vene­zue­la lie­fert dafür der Tur­kish Air­lines Treib­stoff.

Annäherung zwischen Venezuela und der Türkei

Die erste Annä­he­rung zwi­schen Erdogan und Madu­ro kam auf einem Tref­fen der Orga­ni­sa­ti­on für Isla­mi­sche Zusam­men­ar­beit (OIC) zustan­de, die als Reak­ti­on auf die Ankün­di­gung von US-Prä­si­dent Donald Trump statt­fand, die US-Bot­schaft in Isra­el von Tel Aviv nach Jeru­sa­lem  zu ver­le­gen. Madu­ro bezeich­ne­te Trumps Ent­schei­dung als „Kriegs­er­klä­rung an das ara­bi­sche Volk, an die Mus­li­me und an die Men­schen guten Wil­lens der gan­zen Welt“.

Nicolas Maduro
Nico­las Madu­ro

Neben den Han­dels­be­gün­sti­gun­gen öff­net Madu­ro sein Land auch dem Islam. Bereits vor zwei Mona­ten war in Istan­bul ver­ein­bart wor­den, daß die Tür­kei in Cara­cas ein gro­ßes, isla­mi­sches Kul­tur­zen­trum mit Moschee errich­ten darf. Es wird der erste tür­ki­sche Stütz­punkt des Islams in Latein­ame­ri­ka sein. Nun gab Erdogan in Cara­cas bekannt, daß „wir auf Ein­la­dung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rung mit den Arbei­ten zum Bau des Zen­trums in Cara­cas begon­nen haben“. Es soll nach Yunus Emre benannt wer­den.

Für Erdogan han­delt es sich um einen zu Hau­se her­zeig­ba­ren Erfolg, nach­dem das kom­mu­ni­sti­sche Regime auf Kuba zuvor den Bau einer Moschee abge­lehnt hat­te. Erdogan ist der Über­zeu­gung, daß isla­mi­sche See­fah­rer bereits vor Chri­stoph Kolum­bus Ame­ri­ka ent­deckt hät­ten. Aus die­sem Grund dürf­te es aus sei­ner Sicht nur recht und bil­lig sein, auch in Latein­ame­ri­ka den Islam zu ver­brei­ten.

Madu­ro kün­dig­te an, an den vene­zo­la­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten Lehr­stüh­le für Tür­kei-Stu­di­en ein­zu­rich­ten. Das Pro­gramm dazu wird Adan Cha­vez, der Bru­der des ver­stor­be­nen Vor­gän­gers von Madu­ro, Hugo Cha­vez, lei­ten. Die­ser hat­te bereits Kon­tak­te zu ver­schie­de­nen radi­kal­is­la­mi­schen Krei­sen unter­hal­ten, beson­ders zum Iran.

Wie eben­falls in die­sen Tagen bekannt wur­de, schloß Madu­ro ähn­li­che Abkom­men auch mit Ruß­land ab. Bei sei­nem jüng­ste Besuch in Mos­kau sei­en Ver­trä­ge im Gesamt­wert von sechs Mil­li­ar­den unter­zeich­net wor­den.

Papst Franziskus als „moralische“ Stütze des Regimes

Wenn Erdogan und Putin die wich­tig­sten Ver­bün­de­ten Madu­ros auf öko­no­mi­scher Ebe­ne sind, ist es Papst Fran­zis­kus auf mora­li­scher Ebe­ne. Der Papst sicher­te, wie es in Krei­sen der vene­zo­la­ni­schen Oppo­si­ti­on heißt, Ende 2016 das Über­le­ben der „Boli­va­ri­schen“ Regie­rung, als der Sturz Madu­ros schon so gut wie sicher schien. Papst Fran­zis­kus äußer­te sich zwar öffent­lich nie direkt zu innen­po­li­ti­schen Fra­gen Vene­zue­las. Aus sei­nem Umfeld war jedoch zu hören, daß er die Alter­na­ti­ve zu Madu­ros Regie­rung für das „grö­ße­re Übel“ hält. Vene­zue­la ver­fügt über die größ­ten Erd­öl­re­ser­ven der Welt, wie die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung 2011 berich­te­te.

Maduro mit Papst Franziskus
Madu­ro mit Papst Fran­zis­kus

Nico­las Madu­ro ist seit 2013 Staats­prä­si­dent und Regie­rungs­chef von Vene­zue­la. Das Amt über­nahm er nach dem Tod von Hugo Cha­vez, der ihn am Ende sei­nes Lebens als Vize­prä­si­den­ten ein­ge­setzt und zu sei­nem Nach­fol­ger bestimmt hat­te. Madu­ro stammt aus einer reli­gi­ös gemisch­ten, fak­tisch aber athe­isti­schen Fami­lie. Die Eltern waren sozia­li­sti­sche Akti­vi­sten. Der 1998 bei einem Auto­un­fall ums Leben gekom­me­ne Vater, ein Gewerk­schafts­füh­rer, stamm­te aus jüdi­schem, die Mut­ter aus katho­li­schem Haus. Die Reli­gi­on habe in der Fami­lie jedoch kaum eine Rol­le gespielt, so Madu­ro. Das Enga­ge­ment für den Sozia­lis­mus sei im Vor­der­grund gestan­den. Madu­ro wur­de katho­lisch getauft, stu­dier­te zum Teil im kom­mu­ni­sti­schen Kuba und schloß sich früh­zei­tig der Boli­va­ri­schen Befrei­ungs­be­we­gung von Hugo Cha­vez, einer vene­zo­la­ni­schen Vari­an­te des Sozia­lis­mus. Zusam­men mit Cha­vez grün­de­te er 1997 die Bewe­gung Fünf­te Repu­blik, die 2007 in die Ver­ei­nig­te Sozia­li­sti­sche Par­tei (PSUV) umbe­nannt wur­de.

Seit Cha­vez 1998 die Prä­si­dent­schafts­wah­len gewann, gilt in Vene­zue­la die „Boli­va­ri­sche Revo­lu­ti­on“ als Staats­dok­trin. Madu­ro wur­de 2006 Par­la­ments­prä­si­dent und Außen­mi­ni­ster. Vor eini­gen Jah­ren bezeich­ne­te sich Madu­ro noch als Anhän­ger des Gurus Sai Baba. Seit der Wahl von Papst Fran­zis­kus und der zuneh­men­den innen­po­li­ti­schen Kri­se in Vene­zue­la kam es zu einer neu­en Über­ein­stim­mung mit dem Hei­li­gen Stuhl, die sich für Madu­ro bis­her bezahlt mach­te.

Als die vene­zo­la­ni­sche Kir­che das Regime von Nico­las Madu­ro als „dik­ta­to­risch, kom­mu­ni­stisch, mar­xi­stisch und unter­drücke­risch“ kri­ti­sier­te, beson­ders nach den getürk­ten Par­la­ments­wah­len, schwieg Papst Fran­zis­kus und schloß sich der Kri­tik nicht an. Er unter­ließ es „die anti­de­mo­kra­ti­sche und gewalt­tä­ti­ge Hal­tung der vene­zo­la­ni­schen Regie­rung“ zu kri­ti­sie­ren, die von der Orts­kir­che beklagt wur­de. Die Stim­me des Pap­stes habe im Volk aber gro­ßes Gewicht, so die katho­li­sche Oppo­si­ti­on. Sein Schwei­gen habe die kirch­li­che Hier­ar­chie gebremst und Madu­ro vor wirk­lich gefähr­li­chen Auf­stän­den bewahrt.

Die vene­zo­la­ni­sche Oppo­si­ti­on wirft Fran­zis­kus vor, in sei­ner Unter­stüt­zung für das sozia­li­sti­sche Regime so weit zu gehen, nicht ein­mal als Ver­mitt­ler auf­zu­tre­ten.

Madu­ro, der bereits drei­mal von Fran­zis­kus im Vati­kan emp­fan­gen wur­de, erklär­te zum fünf­ten Jah­res­tag der Wahl von Papst Fran­zis­kus tri­um­phie­rend, der Papst habe „den Rech­ten und den Olig­ar­chen den Mund gestopft“.

Tareck El Aissami am Verhandlungstisch

Eine zen­tra­le Rol­le bei den bila­te­ra­len Ver­trä­gen mit der Tür­kei und Ruß­land spielt Tareck El Ais­sa­mi. El Ais­sa­mi ist Dru­se. Sein Vater stammt aus dem syri­schen Dru­sen­ge­biet, sei­ne Mut­ter ist liba­ne­si­sche Chri­stin. Die Fami­lie unter­stütz­te die Baath-Par­tei im Irak und in Syri­en. Die Abnei­gung gegen die USA ging soweit, daß El Ais­sa­mis Vater publi­zi­stisch 2003 Sad­dam Hus­sein gegen den Angriff der USA ver­tei­dig­te und Osa­ma bin Laden als „größ­ten Mud­scha­hed­din der Welt“ bezeich­ne­te. Cha­vez mach­te den wegen sei­ner Ent­schlos­sen­heit bekann­ten El Ais­sa­mi mit erst 33 Jah­ren zum Innen- und Sicher­heits­mi­ni­ster. Madu­ro ernann­te ihn Anfang 2017 zu sei­nem Vize­prä­si­den­ten. Die USA wer­fen ihm und sei­ner Schwe­ster, Hai­fa Ais­sa­mi Madah, von 2010–2016 Bot­schaf­te­rin in den Nie­der­lan­den und seit­her stän­di­ge Ver­tre­te­rin Vene­zue­las bei der Orga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot che­mi­scher Waf­fen (OPWC) und beim Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof (ICC), bei­de mit Sitz in Den Haag, ist, eine Ver­wick­lung in den inter­na­tio­na­len Dro­gen­han­del vor. Vene­zo­la­ni­sche Regie­rungs­me­di­en spra­chen von einer „halt­lo­sen Dis­kre­di­tie­rungs­kam­pa­gne“, wäh­rend die Neue Zür­cher Zei­tung berich­te­te, Tareck El Ais­sa­mi habe Koka­in­trans­por­te „im gro­ßen Stil“ von Kolum­bi­en über Vene­zue­la und Mexi­ko in die USA orga­ni­siert.

Die US-Regie­rung ver­häng­te Sank­tio­nen gegen ihn. Im ver­gan­ge­nen Juni nahm ihn Madu­ro ins zwei­te Glied zurück und ersetz­te ihn als Vize­prä­si­den­ten. Zugleich wur­de El Ais­sa­mi zum Indu­strie­mi­ni­ster des Lan­des ernannt. Als sol­cher saß er am Ver­hand­lungs­tisch mit der Tür­kei und mit Ruß­land, um die jüng­sten, mil­li­ar­den­schwe­ren Abkom­men aus­zu­han­deln.

Text: Andre­as Becker
Bild: NBQ