Was ist Tradition? Eine katholische Antwort

"Nach der Liebe zu Gott ist die Liebe zum Papst die höchste Liebe, die uns die Religion lehrt"

Rom, der Sitz des Petrus: Auch in der Not der Tradition treu bleiben.
Rom, der Sitz des Petrus: Auch in der Not der Tradition treu bleiben.

von Rober­to de Mattei

Die Kri­se, die die Kir­che heu­te erlebt, ist in ihrer Aus­prä­gung sicher­lich bei­spiel­los, aber sie ist weder die erste noch wird sie die letz­te in ihrer Geschich­te sein. Man den­ke zum Bei­spiel an den Angriff auf das Papst­tum in den Jah­ren der Fran­zö­si­schen Revolution.

Im Jahr 1799 wur­de die Stadt Rom von der Jako­bi­ner-Armee des Gene­rals Bona­par­te besetzt. Papst Pius VI. wur­de als Gefan­ge­ner in die Stadt Valence gebracht, wo er am 29. August erschöpft von sei­nen Lei­den starb. Das Rat­haus von Valence teil­te dem Direk­to­ri­um den Tod von Pius VI. mit und füg­te hin­zu, daß „der letz­te Papst“ der Geschich­te dort bei­gesetzt wor­den sei. Zehn Jah­re spä­ter, 1809, wur­de der Nach­fol­ger von Pius VI., Pius VII., alt und gebrech­lich, eben­falls ver­haf­tet und nach zwei Jah­ren Haft in Savo­na nach Fon­taine­bleau gebracht, wo er bis zum Sturz Napo­le­ons gefan­gen­ge­hal­ten wur­de. Nie zuvor war das Papst­tum vor der Welt so schwach erschie­nen. Doch zehn Jah­re spä­ter, 1819, war Napo­le­on von der Bild­flä­che ver­schwun­den, und Pius VII. saß wie­der auf dem päpst­li­chen Thron und wur­de von den Herr­schern Euro­pas als ober­ste mora­li­sche Auto­ri­tät aner­kannt. In jenem Jahr 1819 wur­de in Lyon Du Pape ver­öf­fent­licht, das Mei­ster­werk des Gra­fen Joseph de Maist­re (1753–1821), ein Werk, das Hun­der­te von Nach­drucken erleb­te und das Dog­ma der päpst­li­chen Unfehl­bar­keit vor­weg­nahm, das spä­ter vom Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zil defi­niert wurde.

Joseph de Maist­re ist ein gro­ßer Ver­tei­di­ger des Papst­tums, aber es wäre falsch, ihn zum Apo­lo­ge­ten eines des­po­ti­schen oder dik­ta­to­ri­schen Pap­stes zu machen. Heu­te gibt es eini­ge Tra­di­tio­na­li­sten, die den Miß­brauch der kirch­li­chen Macht auf die kom­pro­miß­lo­sen Katho­li­ken des 19. Jahr­hun­derts schie­ben. Die Ultra­mon­ta­nen und Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re hät­ten dem Papst zu viel Macht zuge­stan­den und sich für das Dog­ma der Unfehl­bar­keit begei­stert. Im Gegen­zug sei aus die­ser irri­gen Über­zeu­gung die Sym­pa­thie für jene gal­li­ka­ni­schen Katho­li­ken erwach­sen, die die Unfehl­bar­keit und den uni­ver­sa­len Pri­mat des Pap­stes leug­ne­ten, und für jene libe­ra­len oder semi­li­be­ra­len Katho­li­ken, die das Dog­ma der Unfehl­bar­keit zwar nicht grund­sätz­lich leug­ne­ten, aber sei­ne Defi­ni­ti­on für unan­ge­mes­sen hiel­ten. Zu ihnen gehör­te der Erz­bi­schof von Perugia, Mon­si­gno­re Gio­ac­chi­no Pecci, der spä­ter unter dem Namen Leo XIII. zum Papst gewählt wur­de. Er war der erste moder­ne Papst, der zen­tra­li­stisch regier­te und die poli­ti­sche und pasto­ra­le Ent­schei­dung für ein Ral­lie­ment mit der Drit­ten Fran­zö­si­schen Repu­blik als nahe­zu unfehl­bar durchsetzte.

Das von Pius IX. ver­kün­de­te Unfehl­bar­keits­dog­ma defi­niert genau die Gren­zen die­ses außer­ge­wöhn­li­chen Cha­ris­mas, das kei­ne Reli­gi­on außer­halb der katho­li­schen Kir­che besitzt. Der Papst kann in der Kir­che nicht tun, was er will, denn die Quel­le sei­ner Macht ist nicht sein Wil­le. Die Auf­ga­be des Pap­stes ist es, durch sein Lehr­amt die Tra­di­ti­on der Kir­che wei­ter­zu­ge­ben und zu ver­tei­di­gen. Neben dem außer­or­dent­li­chen Lehr­amt des Pap­stes, das sei­nen Ursprung in den Ex-Cathe­dra-Ent­schei­dun­gen hat, gibt es eine unfehl­ba­re Leh­re, die sich aus der Über­ein­stim­mung des ordent­li­chen Lehr­am­tes aller Päp­ste mit der Apo­sto­li­schen Über­lie­fe­rung ergibt. Nur durch den Glau­ben an die Kir­che und ihre unge­bro­che­ne Tra­di­ti­on kann der Papst sei­ne Brü­der im Glau­ben bestär­ken. Die Kir­che ist nicht unfehl­bar, weil sie Auto­ri­tät aus­übt, son­dern weil sie eine Leh­re weitergibt.

Die Wor­te, die dem seli­gen Pius IX. zuge­schrie­ben wer­den: „Die Tra­di­ti­on bin ich“, lösen manch­mal ein Ärger­nis aus. Die­se Wor­te müs­sen jedoch in ihrer rich­ti­gen Bedeu­tung ver­stan­den wer­den. Was der Papst meint, ist nicht, daß sei­ne Per­son die Quel­le der Tra­di­ti­on ist, son­dern daß es kei­ne Tra­di­ti­on außer­halb sei­ner Per­son gibt, so wie es auch kein Sola Scrip­tu­ra unab­hän­gig vom Lehr­amt der Kir­che gibt. Die Kir­che grün­det sich auf die Tra­di­ti­on, aber sie kommt nicht ohne den Papst aus, des­sen Auto­ri­tät weder auf ein öku­me­ni­sches Kon­zil noch auf einen natio­na­len Epi­sko­pat oder eine stän­di­ge Syn­ode über­tra­gen wer­den kann.

Es gibt einen Satz von Joseph de Maist­re in sei­nem Lett­re à une dame rus­se sur la natu­re et les effets du schis­me, der eben­so erstaun­lich sein mag wie der von Pius IX: „Wenn es erlaubt wäre, unter den Din­gen gött­li­cher Ein­set­zung Bedeu­tungs­gra­de fest­zu­le­gen, wür­de ich die Hier­ar­chie vor das Dog­ma stel­len, so uner­läß­lich ist sie für die Auf­recht­erhal­tung des Glau­bens“.1

Die­ser Satz bringt das Haupt­pro­blem der regu­la fidei in der Kir­che auf den Punkt. Pater John Per­ro­ne (1794–1876), der Begrün­der der theo­lo­gi­schen Römi­schen Schu­le, ent­wickelt die­ses The­ma in den drei Bän­den sei­nes Wer­kes Der Pro­te­stan­tis­mus und die Glau­bens­re­gel. Die bei­den Quel­len der Offen­ba­rung sind die Tra­di­ti­on und die Hei­li­ge Schrift. Die erste ist gött­lich assi­stiert, die zwei­te gött­lich inspi­riert. „Schrift und Tra­di­ti­on befruch­ten sich gegen­sei­tig, illu­strie­ren sich, ver­stär­ken sich gegen­sei­tig und ver­voll­stän­di­gen den immer glei­chen und iden­ti­schen Bestand der gött­li­chen Offen­ba­rung“.2

Damit aber die­ses Glau­bens­gut bis zum Ende der Zei­ten immer ein und das­sel­be bleibt, hat Chri­stus es einer Auto­ri­tät anver­traut, die immer leben­dig ist und spricht: der Auto­ri­tät der Kir­che, die aus der Gesamt­heit der Bischö­fe besteht, die mit dem sicht­ba­ren Haupt der Kir­che, dem Papst, ver­eint sind, dem Chri­stus die vol­le Macht über die Gesamt­kir­che über­tra­gen hat.

Die Hei­li­ge Schrift und die Über­lie­fe­rung bil­den die fer­nen, von Anfang gel­ten­den Nor­men unse­res Glau­bens, aber die nahe regu­la fidei wird durch die leh­ren­de und urtei­len­de Auto­ri­tät der Kir­che reprä­sen­tiert, die im Papst ihre Spit­ze hat. In die­sem Sinn steht die Hier­ar­chie vor dem Dog­ma. Aber selbst wenn wir dem Dog­ma den Vor­rang vor der Hier­ar­chie ein­räu­men woll­ten, soll­ten wir beden­ken, daß von allen Dog­men gera­de das Dog­ma der unfehl­ba­ren Auto­ri­tät der Kir­che das­je­ni­ge ist, das in gewis­sem Sin­ne alle ande­ren unter­mau­ert. Die Kir­che genießt das Cha­ris­ma der Unfehl­bar­keit, auch wenn sie es nur spo­ra­disch und auf außer­ge­wöhn­li­che Wei­se aus­übt. Aber die Kir­che ist immer unfehl­bar, und das nicht erst seit 1870, son­dern seit unser Herr sei­nem Stell­ver­tre­ter auf Erden, dem hei­li­gen Petrus, die Voll­macht über­tra­gen hat, sei­ne Brü­der im Glau­ben zu bestärken.

Die apo­sto­li­sche Suk­zes­si­on, auf die sich die Auto­ri­tät der Kir­che grün­det, ist ein grund­le­gen­des Ele­ment ihrer gött­li­chen Ver­fas­sung. Das Kon­zil von Tri­ent hat in sei­ner Defi­ni­ti­on der Wahr­heit und der Regeln des katho­li­schen Glau­bens fest­ge­stellt, daß die­se „in den geschrie­be­nen Büchern und unge­schrie­be­nen Über­lie­fe­run­gen ent­hal­ten sind, die von den Apo­steln aus dem Mun­de Chri­sti selbst oder von den Apo­steln selbst unter der Ein­ge­bung des Hei­li­gen Gei­stes gesam­melt und wie von Hand zu Hand wei­ter­ge­ge­ben wor­den sind“ (Denz‑H, Nr. 1501). „Wahr ist nur die Tra­di­ti­on, die sich auf die apo­sto­li­sche Tra­di­ti­on stützt“, bekräf­tigt die zeit­ge­nös­si­sche römi­sche Theo­lo­gie mit Msgr. Bru­ne­ro Gher­ar­di­ni (1925–2017).3 Das bedeu­tet, daß der Papst als Nach­fol­ger des Petrus, des Apo­stel­für­sten, der Garant schlecht­hin für die Über­lie­fe­rung der Kir­che ist. Es bedeu­tet aber auch, daß der Gegen­stand des Glau­bens unter kei­nen Umstän­den über das hin­aus­ge­hen darf, was uns durch das Zeug­nis der Apo­stel gege­ben ist.

Sola Scriptura und Sola Traditio

Die Pro­te­stan­ten haben die Auto­ri­tät der Kir­che im Namen der „Sola Scrip­tu­ra“ geleug­net. Die­ser Irr­tum führt von Luther zum Sozi­nia­nis­mus, der Reli­gi­on der moder­nen Rela­ti­vi­sten. Aber die Auto­ri­tät der Kir­che kann auch im Namen von „Sola Tra­di­tio“ geleug­net wer­den, wie es die Ortho­do­xen tun und wie eini­ge Tra­di­tio­na­li­sten Gefahr lau­fen, es zu tun. Die Tren­nung der Tra­di­ti­on von der Auto­ri­tät der Kir­che führt in die­sem Fall zur Autoke­pha­lie, dem Zustand derer, die ohne eine sicht­ba­re und unfehl­ba­re Auto­ri­tät sind, auf die sie sich beru­fen können.

Was die pro­te­stan­ti­schen Ver­fech­ter der Sola Scrip­tu­ra und die grie­chisch-ortho­do­xen Ver­fech­ter der Sola Tra­di­tio gemein­sam haben, ist die Ableh­nung der Unfehl­bar­keit des Pap­stes und sei­nes uni­ver­sa­len Pri­mats: die Ableh­nung des römi­schen Stuhls. Aus die­sem Grund gibt es laut Joseph de Maist­re kei­nen radi­ka­len Unter­schied zwi­schen dem öst­li­chen Schis­ma und dem west­li­chen Protestantismus.

„Es ist eine grund­le­gen­de Wahr­heit in allen reli­giö­sen Ange­le­gen­hei­ten, daß jede Kir­che, die nicht katho­lisch ist, pro­te­stan­tisch ist. Ver­geb­lich hat man ver­sucht, zwi­schen schis­ma­ti­schen und häre­ti­schen Kir­chen zu unter­schei­den. Ich weiß sehr wohl, was gemeint ist, aber letzt­lich besteht der Unter­schied nur in Wor­ten, und jeder Christ, der die Kom­mu­ni­on des Hei­li­gen Vaters ver­wei­gert, ist ein Pro­te­stant oder wird es bald sein. Was ist ein Pro­te­stant? Er ist ein Mann, der pro­te­stiert; und was macht es schon, ob er gegen ein oder meh­re­re Dog­men, gegen die­ses oder jenes pro­te­stiert? Er mag mehr oder weni­ger pro­te­stan­tisch sein, aber er pro­te­stiert.“ 4

„Sobald das Band der Ein­heit zer­ris­sen ist, gibt es kein gemein­sa­mes Gericht mehr und damit auch kei­ne unver­än­der­li­che Glau­bens­re­gel. Alles wird auf das par­ti­ku­la­re Urteil und die zivi­le Ober­ho­heit redu­ziert, die das Wesen des Pro­te­stan­tis­mus aus­ma­chen.“ 5

In der katho­li­schen Kir­che wird die Authen­ti­zi­tät der Tra­di­ti­on durch die Unfehl­bar­keit des Lehr­am­tes garan­tiert. Ohne Unfehl­bar­keit gäbe es kei­ne Garan­tie, daß das, was die Kir­che lehrt, wahr ist. Das Ver­ständ­nis des Wor­tes Got­tes wür­de der kri­ti­schen Unter­su­chung ein­zel­ner über­las­sen und dem Rela­ti­vis­mus wären Tür und Tor geöff­net, wie es bei Luther und sei­nen Anhän­gern der Fall war. Die pro­te­stan­ti­sche Revo­lu­ti­on, die die Auto­ri­tät des Pap­stes leug­ne­te, ver­ur­teil­te sich selbst zu stän­di­gen Schwan­kun­gen in einem Wir­bel­wind des lehr­mä­ßi­gen Wer­dens. Aber im Osten hat sich die ortho­do­xe Kir­che, die im Namen der Sola Tra­di­tio allein die ersten sie­ben Kon­zi­li­en der Kir­che aner­kannt hat, nach dem Schis­ma von 1054 zu einer ste­ri­len Unbe­weg­lich­keit verdammt.

Die­je­ni­gen, die von der Ortho­do­xie fas­zi­niert sind, soll­ten sich an die Wor­te von Joseph de Maist­re erinnern:

„Alle die­se Kir­chen, die zu Beginn des 12. Jahr­hun­derts vom Hei­li­gen Stuhl getrennt wur­den, kön­nen mit gefro­re­nen Lei­chen ver­gli­chen wer­den, deren For­men vor der Käl­te bewahrt wur­den.“ 6

Ein Theo­lo­ge der Assump­tio­ni­sten, Pater Mar­tin Jugie (1878–1954), ent­wickel­te die­ses The­ma in einem 1923 ver­öf­fent­lich­ten Buch über Joseph de Maist­re et l’Eglise gre­co-rus­se, des­sen Lek­tü­re ich empfehle.

„Für vie­le Jahr­hun­der­te war der Osten dar­an gewöhnt, die geof­fen­bar­te Leh­re als einen Schatz zu betrach­ten, den es zu bewah­ren, und nicht als einen Schatz, den es zu heben gilt; als eine Rei­he unver­än­der­li­cher For­meln, und nicht als eine leben­di­ge und unend­lich rei­che Wahr­heit, die der Geist des Gläu­bi­gen immer bes­ser zu ver­ste­hen und sich anzu­eig­nen sucht.“ 7

Die Kir­che wur­de von Chri­stus nicht als eine Insti­tu­ti­on gegrün­det, die bereits starr und unwi­der­ruf­lich kon­sti­tu­iert ist, son­dern als ein leben­di­ger Orga­nis­mus, der sich – wie der Leib, der das Bild der Kir­che ist – ent­wickeln soll­te. Die­se Ent­wick­lung der Kir­che, ihr Wachs­tum in der Geschich­te, voll­zog sich durch Wider­sprü­che und Kämp­fe, vor allem gegen die gro­ßen Irr­leh­ren, die sie von innen her­aus angriffen.

„Wenn wir die Prü­fun­gen beden­ken, die die römi­sche Kir­che durch die Angrif­fe der Häre­sie und die Ver­mi­schung bar­ba­ri­scher Völ­ker in ihrem Schoß durch­ge­macht hat“, fügt Maist­re hin­zu, „ver­har­ren wir in Ehr­furcht, denn wir sehen, daß inmit­ten die­ser schreck­li­chen Umwäl­zun­gen alle ihre Titel intakt sind und auf die Apo­stel zurück­ge­hen. Wenn die Kir­che eini­ge Din­ge in ihren äuße­ren For­men ver­än­dert hat, ist das ein Beweis dafür, daß sie lebt, denn alles, was im Uni­ver­sum lebt, ver­än­dert sich je nach den Umstän­den in allem, was nicht mit dem Wesent­li­chen zu tun hat. Gott, der die­ses für sich selbst vor­be­hal­ten hat, hat der Zeit die For­men gege­ben, um es nach bestimm­ten Regeln zu ord­nen. Die Ver­än­de­rung, von der ich spre­che, ist sogar das unab­ding­ba­re Zei­chen des Lebens, denn abso­lu­te Unbe­weg­lich­keit gehört nur zum Tod.“ 8

Das Erste Vati­ka­ni­sche Kon­zil erklärt, indem es Vin­zenz von Lerins zitiert, daß das Ver­ständ­nis der Glau­bens­wahr­hei­ten mit der Abfol­ge der Zeit­al­ter und Jahr­hun­der­te an Intel­li­genz, Wis­sen­schaft und Weis­heit wach­sen und fort­schrei­ten muß, wenn auch nur „in dem­sel­ben Dog­ma, dem­sel­ben Sinn und dem­sel­ben Satz“ (Com­mo­ni­to­ri­um, Kap. 23, 3). Ein Fort­schritt im Glau­ben bedeu­tet kei­ne Ver­än­de­rung des Glau­bens. Die Ver­ur­tei­lung der Ver­än­de­rung des Glau­bens bedeu­tet jedoch nicht die Ableh­nung jeder orga­ni­schen Ent­wick­lung des Dog­mas, die durch das Lehr­amt der Kir­che unter dem Ein­fluß des Hei­li­gen Gei­stes voll­zo­gen wird und durch das Cha­ris­ma der Unfehl­bar­keit garan­tiert ist. Aber wenn die Kir­che unfehl­bar ist, muß es ein Sub­jekt geben, das die­ses Cha­ris­ma aus­übt. Die­ses Sub­jekt ist der Papst, und es kann nie­mand ande­res sein als er. Im Glau­ben an die Unfehl­bar­keit des Pap­stes lie­gen die Wur­zeln des Glau­bens an die Unfehl­bar­keit der gesam­ten Kir­che.9

Die Kon­sti­tu­ti­on Pastor Aeter­nus des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils legt die Bedin­gun­gen der päpst­li­chen Unfehl­bar­keit klar fest. Die Unfehl­bar­keit des Pap­stes bedeu­tet kei­nes­wegs, daß er eine unbe­grenz­te und will­kür­li­che Macht in Fra­gen der Regie­rung und des Lehr­am­tes genießt: Das Dog­ma der Unfehl­bar­keit defi­niert zwar ein höch­stes Pri­vi­leg, setzt aber genaue Gren­zen und läßt die Mög­lich­keit von Untreue, Irr­tum und Ver­rat zu.

Für einen Ver­tre­ter der Papo­la­trie oder „Hyper­pa­pa­li­sten“ ist der Papst nicht der Stell­ver­tre­ter Chri­sti auf Erden, des­sen Auf­ga­be es ist, die Leh­re, die er emp­fan­gen hat, unver­fälscht und rein wei­ter­zu­ge­ben, son­dern ein Nach­fol­ger Chri­sti, der die Leh­re sei­ner Vor­gän­ger ver­voll­komm­net und an die ver­än­der­ten Zei­ten anpaßt. Die Leh­re des Evan­ge­li­ums befin­det sich in stän­di­ger Ent­wick­lung, weil sie mit dem Lehr­amt des amtie­ren­den Pap­stes deckungs­gleich ist. An die Stel­le des immer­wäh­ren­den Lehr­am­tes tritt das „leben­di­ge“ Lehr­amt, das sich in der pasto­ra­len Leh­re aus­drückt, die sich jeden Tag ver­än­dert und ihre regu­la fidei im Sub­jekt der Auto­ri­tät und nicht im Objekt der über­mit­tel­ten Wahr­heit hat.

Es bedarf kei­ner theo­lo­gi­schen Wis­sen­schaft, um zu ver­ste­hen, daß in dem unglück­li­chen Fall eines – ech­ten oder schein­ba­ren – Gegen­sat­zes zwi­schen dem „leben­di­gen Lehr­amt“ und der Tra­di­ti­on der Vor­rang der Tra­di­ti­on aus einem ein­fa­chen Grund gege­ben sein muß: Die Tra­di­ti­on, die das „leben­di­ge“ Lehr­amt in sei­ner Uni­ver­sa­li­tät und Kon­ti­nui­tät ist, ist an sich unfehl­bar, wäh­rend das so genann­te „leben­di­ge“ Lehr­amt, ver­stan­den als die gegen­wär­ti­ge Ver­kün­di­gung der kirch­li­chen Hier­ar­chie, dies nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ist.10

In der Kir­che ist näm­lich die letz­te „Glau­bens­re­gel“ in Zei­ten der Glau­bens­ab­wei­chung nicht das zeit­ge­nös­si­sche, leben­di­ge Lehr­amt, das in sei­nem Wesen nicht bestim­mend ist, son­dern die Tra­di­ti­on, die zusam­men mit der Hei­li­gen Schrift eine der bei­den Quel­len des Wor­tes Got­tes darstellt.

Was geschieht, wenn die­je­ni­gen, die die Kir­che lei­ten, auf­hö­ren, die Tra­di­ti­on zu bewah­ren und wei­ter­zu­ge­ben, und statt ihre Brü­der im Glau­ben zu bestär­ken, Ver­wir­rung in ihren Köp­fen stif­ten und Bit­ter­keit und Groll in ihren Her­zen hervorrufen?

Wenn dies geschieht, ist es an der Zeit, die Lie­be zur Kir­che und zum Papst zu ver­stär­ken. Aber die Ant­wort auf den Hyper-Papa­lis­mus ist weder der Neo-Gal­li­ka­nis­mus gewis­ser Tra­di­tio­na­li­sten noch die Sola Tra­di­tio der grie­chisch-rus­si­schen Schis­ma­ti­ker. Der Mensch der Tra­di­ti­on ist kein Anar­cho-Tra­di­tio­na­list, son­dern ein Katho­lik, der mit Joseph de Maist­re wiederholt:

„O hei­li­ge Kir­che von Rom, solan­ge mir das Wort erhal­ten bleibt, wer­de ich es benut­zen, um dich zu fei­ern. Ich grü­ße dich, unsterb­li­che Mut­ter der Wis­sen­schaft und der Hei­lig­keit! Ave, magna parens.“ 11

Und über Rom:

„Inmit­ten aller erdenk­li­chen Erschüt­te­run­gen hat Gott stets über dich gewacht, oh ewi­ge Stadt! Alles, was dich zer­stö­ren könn­te, hat sich gegen dich erho­ben, und du hast stand­ge­hal­ten; und so wie du einst das Zen­trum des Irr­tums warst, bist du nun seit acht­zehn Jahr­hun­der­ten das Zen­trum der Wahr­heit.“ 12

Die Lie­be zum Papst, zu sei­nen Vor­rech­ten und Rech­ten, hat den authen­ti­schen katho­li­schen Geist durch zwan­zig Jahr­hun­der­te Geschich­te hin­durch geprägt, denn, wie Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra sagt, „nach der Lie­be zu Gott ist dies die höch­ste Lie­be, die uns die Reli­gi­on lehrt“.13

Aller­dings darf man den römi­schen Pri­mat nicht mit der Per­son des amtie­ren­den Pap­stes ver­wech­seln, eben­so wenig wie man das soge­nann­te leben­di­ge Lehr­amt mit dem immer­wäh­ren­den Lehr­amt, die pri­va­te und nicht unfehl­ba­re Leh­re des Pap­stes mit der Tra­di­ti­on der Kir­che ver­wech­seln darf. Der Feh­ler liegt, wie der chi­le­ni­sche Gelehr­te José Anto­nio Ure­ta tref­fend dar­ge­legt hat, nicht im Ultra­mon­ta­nis­mus, son­dern im Neo-Gal­li­ka­nis­mus, den es heu­te in zwei Vari­an­ten gibt: die der deut­schen Syn­oda­len und die eini­ger Neo-Tra­di­tio­na­li­sten, vor allem aus dem angel­säch­si­schen Raum.

Die ein­zi­ge Hoff­nung für die Zukunft liegt nicht in der Ein­schrän­kung des Papst­tums, son­dern in der Aus­übung sei­ner höch­sten Auto­ri­tät, um die theo­lo­gi­schen, mora­li­schen, lit­ur­gi­schen und sozia­len Feh­ler unse­rer Zeit fei­er­lich und unfehl­bar zu ver­ur­tei­len. Es ist sinn­los, dar­über zu dis­ku­tie­ren, wer der näch­ste Papst sein wird. Es ist wich­tig, dar­über zu dis­ku­tie­ren, was der näch­ste Papst tun soll­te, und dafür zu beten, daß er es tut.

  • Der Text ist ein Teil der Vor­le­sung zum The­ma „Was ist Tra­di­ti­on?“, die Prof. Rober­to de Mattei am 15. Juli 2022 an der Uni­ver­si­té d’é­té de Renais­sance catho­li­que im Châ­teau des Ter­mel­les in Abil­ly in Frank­reich gehal­ten hat.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017 und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana


1 Joseph de Maist­re, Lett­re à une dame rus­se sur la natu­re et les effets du schis­me et sur l’u­ni­té catho­li­que, in: Lettres et opus­cu­les iné­dits, A. Vaton, Paris 1863, vol. II, S. 267f

2 Il pro­te­stan­te­si­mo e la rego­la di fede, Civil­tà Cat­to­li­ca, Rom 1953, Bd. I, S. 15.

3 Quod et tra­di­di vobis, La Tra­di­zio­ne vita e gio­ven­tù del­la chie­sa, Casa Maria­na, Fri­gen­to 2010, S. 405

4 Du Pape, H. Pélag­aud, Lyon-Paris 1878, S. 401

5 ebd., S. 405

6 ebd., S. 406

7 Mar­tin Jugie, Joseph de Maist­re et l’Eg­li­se gre­co-rus­se, Mai­son de la bon­ne pres­se, Paris 1923, S. 97f

8 Du Pape, S. 410

9 Micha­el Schmaus, Dog­ma­ti­ca cat­to­li­ca, Mari­et­ti, Casa­le Mon­fer­ra­to 1963, Bd. III/​1, S. 696

10 R. de Mattei, Apo­lo­gia del­la Tra­di­zio­ne, Lin­dau, Turin 2011, S. 146

11 Du Pape, S. 482

12 ebd., S. 483

13 zitiert nach R. de Mattei, Il cro­cia­to del seco­lo XX. Pli­nio Cor­rea de Oli­vei­ra, Piem­me, Casa­le Mon­fer­ra­to 1996, S. 309

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4 Kommentare

  1. Die Län­ge des Arti­kels von Rober­to de Mattei, der Teil einer noch län­ge­ren Vor­le­sung ist, deu­tet schon dar­auf hin, wie kom­plex die Defi­ni­ti­on des Begriffs „Tra­di­ti­on“ im katho­li­schen Sin­ne ist.

    Der Gro­ße Katho­li­sche Kate­chis­mus (mit Appro­ba­ti­on sämt­li­cher Erz­bi­schö­fe und Bischö­fe Bay­erns, Impri­matur, Mün­chen, 5. August 1948) fasst das viel­schich­te The­ma „Tra­di­ti­on“ in der schlich­ten, prag­ma­ti­schen Fra­ge zusam­men: „Was muß der katho­li­sche Christ glauben?“

    „der katho­li­sche Christ muß alles glau­ben, was Gott geof­fen­bart hat und durch die katho­li­sche Kir­che zu glau­ben vor­stellt. Der katho­li­sche Christ erwar­tet für sich selbst kei­ne eige­ne gött­li­che Ein­ge­bung um die Wahr­heit zu erken­nen, die er glau­ben muß; die Kir­che Chri­sti sagt ihm, wel­che Wahr­hei­ten Gott geof­fen­bart hat und in wel­chem Sin­ne sie zu ver­ste­hen sind. Das Lehr­amt der Kir­che ist also die Glau­bens­richt­schnur oder Glau­bens­re­gel für den katho­li­schen Chri­sten. Die bei­den Glau­bens­quel­len aber, aus denen die Kir­che die Glau­bens­wahr­hei­ten schöpft, sind die Hei­li­ge Schrift und die münd­li­che Über­lie­fe­rung.“ (Punkt 27, Sei­te 33)

    Unter Punkt 30 heißt es: „Die wich­tig­sten Glau­bens­wahr­hei­ten sind kurz zusam­men­ge­fasst in den zwölf Arti­keln des apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses.“ (Sei­te 34)

    Des­wei­te­ren wird aus­ge­führt, dass Jesus Chri­stus nur eine ein­zi­ge Kir­che gegrün­det hat, die an vier Kenn­zei­chen zu erken­nen ist: „Die vier Kenn­zei­chen wer­den im nicä­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis genannt: ‚Ich glau­be an die eine, hei­li­ge, katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che.‘ (Punkt 144, Sei­te 78)

    Zu denen, die außer­halb der katho­li­schen Kir­che ste­hen, sagt der Gro­ße Katho­li­sche Kate­chis­mus: „Jene, die ohne ihre Schuld außer­halb der katho­li­schen Kir­che ste­hen, aber auf­rich­tig die Wahr­heit suchen und nach ihrem Gewis­sen leben, gehö­ren zwar nicht äußer­lich, wohl aber inner­lich zur Kir­che und kön­nen daher selig wer­den.“ (Punkt 140, Sei­te 77, 2. Absatz)

    Dem­zu­fol­ge kön­nen auch die ortho­do­xen Chri­sten die Selig­keit im Him­mel erla­gen, zumal die Gül­tig­keit aller 7 Sakra­men­te bei ihnen von den römisch katho­li­schen Päp­sten aner­kannt sind.

    „Die Ortho­do­xe Kir­che stimmt mit der Kir­che des Abend­lan­des in der Aner­ken­nung des Myste­ri­en­cha­rak­ters der sie­ben, von der abend­län­di­schen Kir­che als Sakra­men­te aner­kann­ten, kirch­li­chen Gna­den­hand­lun­gen über­ein. Dar­über hin­aus wer­den in der ortho­do­xen Kir­che aber auch die Gro­ße Was­serwei­he, die Mönchs­wei­he und die Wei­he einer Kir­che zu den Myste­ri­en gezählt.“ (Zitiert aus: https://orthodoxerglaube.jimdofree.com/die-heiligen-sakramente-teil‑1/)

    • „Dem­zu­fol­ge kön­nen auch die ortho­do­xen Chri­sten die Selig­keit im Him­mel erla­gen, zumal die Gül­tig­keit aller 7 Sakra­men­te bei ihnen von den römisch katho­li­schen Päp­sten aner­kannt sind.“
      Mir ist nicht ganz klar, wie­so Sie hier expli­zit die Ortho­do­xen her­aus­stel­len. Es stimmt, dass auch ein ortho­do­xer Christ die Selig­keit erlan­gen kann, aber eben­so auch jeder ande­re, auf den die in ihrem Zitat ange­ge­be­nen Kri­te­ri­en zutreffen.
      Zunächst ein­mal steht jeder Nicht-Katho­lik außer­halb der wah­ren Kir­che und damit außer­halb des Weges zum Heil. Dass er viel­leicht die­ser oder jener Reli­gi­on oder christ­li­chen Kon­fes­si­on ange­hört, hilft ihm nichts, auch dann nicht, wenn die­se Kon­fes­si­on wie die ortho­do­xe die Sakra­men­te bewahrt hat, denn das ändert nichts dar­an, dass sie sich von der Kir­che und damit von der ein­zig wah­ren, ein­zig von Gott kom­men­den Reli­gi­on getrennt hat.
      Es kann aber mög­lich sein, dass der ein­zel­ne Gläu­bi­ge einer sol­chen Reli­gi­on nicht weiß, dass er nicht der wah­ren Reli­gi­on folgt und an die­ser Unwis­sen­heit unschul­dig ist. Wenn die­ser dann auch auf­rich­tig nach der Wahr­heit sucht und dem folgt, was ihm sein Gewis­sen zu tun vor­gibt, dann darf gehofft wer­den, dass er der himm­li­schen Selig­keit teil­haf­tig wer­den kann. Die­ser Weg zum Heil ergibt sich aber nicht dar­aus, dass er etwa Teil der ortho­do­xen Reli­gi­on wäre, son­dern dar­aus, dass er, wie auch in ihrem Zitat ange­führt, inner­lich zur Kir­che (=der von Chri­stus gestif­te­ten wah­ren, katho­li­schen Kir­che) gehört.

  2. @ Roma­nus
    Dan­ke, dass Sie so gut auf­ge­passt haben.
    Ich habe die Ortho­do­xen expli­zit her­aus­ge­stellt, weil ich mit den im obi­gen Arti­kel genann­ten Zita­ten von Joseph de Maist­re (aus dem Jahr 1923) nicht glück­lich bin. Ich hal­te sie für nicht hin­rei­chend aus­sa­ge­kräf­tig bzw. im Kon­text der ein­gangs gestell­ten Fra­ge „Was ist Tra­di­ti­on?“ für nicht hilfreich.

    Viel­leicht habe ich den Punkt 140 „Wer ist ein Mit­glied der Kir­che?“ aus dem Gro­ßen Katho­li­schen Kate­chis­mus von 1947 zu ver­kürzt wider­ge­ge­ben. Daher ziti­re­re ich ihn hier in aller Aus­führ­lich­keit, um Miss­ver­ständ­nis­se zu vermeiden.

    „Mit­glied der Kir­che ist jeder Getauf­te, der nicht aus der kirch­li­chen Gemein­schaft aus­ge­schlos­sen ist.

    Also gehö­ren nicht zur Gemein­schaft der Kirche:

    1. Die Irr­gläu­bi­gen, die hart­näckig ver­wer­fen, was die Kir­che lehrt;
    2.Die Schis­ma­ti­ker, die sich vom Ober­haup­te der Kir­che los­ge­trennt haben;
    3. die Exkom­mu­ni­zier­ten, d.h. jene katho­li­schen Chri­sten, die wegen schwe­rer Ver­ge­hen von den Rech­ten und Gna­den der Kir­che aus­ge­schlos­sen sind.
    Der Irr­glau­be aus eige­ner Schuld heißt for­mel­le, ohne eige­ne Schuld mate­ri­el­le Häresie.
    Fol­gen der Exkom­mu­ni­ka­ti­on sind: Ver­lust aller Gna­den, die auf der kirch­li­chen Gemein­schaft beru­hen (Aus­schluß von den hl. Sakram­ne­ten, vom Got­tes­dienst und vom kirch­li­chen Begräb­nis). Alle, die aus der kirch­li­chen Gemein­schaft aus­ge­schlos­sen sind, kön­nen, wenn sie ihren Sinn ändern und Buße tun, wie­der mit der Kir­che aus­ge­söhnt und in die Gemein­schaft auf­ge­nom­men werden.
    Jene, die ohne ihre Schuld außer­halb der katho­li­schen Kir­che ste­hen, aber auf­rich­tig die Wahr­heit suchen und nach ihrem Gewis­sen leben, gehö­ren zwar nicht äußer­lich, wohl aber inner­lich zur Kir­che und kön­nen daher selig werden.
    Das Wort von der ‚allein­se­lig­ma­chen­den Kir­che‘ und der Satz: ‚Außer der Kir­che kein Heil‘ bezieht sich also bloß auf jene, die weder äußer­lich noch inner­lich der Kir­che Chri­sti angehören.
    Doch ent­beh­ren auch die schuld­los Irren­den der Leh­re und der Gna­den­mit­tel der Kir­che Christi.

    141. Reicht es zur Selig­keit hin bloß äußer­lich der Kir­che anzugehören?
    Zur Selig­keit reicht es nicht hin, bloß äußer­lich der Kir­che anzu­ge­hö­ren; wir müs­sen auch das inne­re Leben des Glau­bens, der hei­lig­ma­chen­den Gna­de und der Tugen­den besit­zen.“ (S. 76 und 77)

    Anzu­mer­ken wäre noch, dass die vor­kon­zi­lia­re Leh­re über die­sen Gegen­stand noch klar zu unter­schei­den wuss­te zwi­schen den Men­schen IN einer fal­schen Reli­gi­on (oder Kir­che) und der fal­schen Reli­gi­on (oder Kir­che) mit ihren Irr­leh­ren als solche.
    In den Tex­ten des II. Vati­ka­ni­schen Kon­zils wur­den die­se bei­den Aspek­te lei­der mit­ein­an­der ver­wech­selt, so dass man den Ein­druck hat, die nicht­christ­li­chen Reli­gio­nen könn­ten in gewis­ser Wei­se auch als Wege zum Heil die­nen. Päp­ste, wie Johan­nes Paul II (Inter­re­li­giö­ses Tref­fen in Assi­si 1986, um nur ein Stich­wort zu nen­nen) haben die­ser Fehl­hal­tung enor­men Auf­trieb gegeben. 

    Bit­te mel­den Sie sich, falls Sie noch Fra­gen haben sollten.

  3. Vie­len Dank, lie­ber Herr Schel­le­wald, Sie schrei­ben alles, was es zu schrei­ben bzw. sagen gibt. Das ist Glau­be. Wer das glaubt ist Christ. Er erfüllt die not­wen­di­gen Glau­bens­er­for­der­r­nis­se. Der Unter­schied besteht in den zwei Wor­ten „filio­que“.

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